Porsche-Chef Oliver Blume: Interview "Der 911 fährt auch künftig mit Benzinmotoren"

von Volker Koerdt 30.10.2020

Porsche-Chef Oliver Blume spricht im Interview mit der AUTO ZEITUNG über die wirtschaftliche Situation und die Elektro-Strategie des Unternehmens.

Herr Blume, die EU-Kommission möchte bis 2030 den CO2-Ausstoß bei den Automobilen um weitere 35 Prozent senken. Ist das das Aus für 911?
Nein. Der 911 ist bei unseren Kunden sehr beliebt und technologisch eine Ikone. Wir setzen auf eine Strategie mit drei Antriebstechnologien: emotionale Verbrenner, effiziente Hybride und vollelektrische Sportwagen. Diese Strategie ist zugleich nachhaltig aufgestellt. Wir stehen zum Pariser Klimaabkommen und leisten unseren Beitrag. Nachhaltigkeit ist eine wesentliche Säule unserer Porsche Strategie. Beim CO2 folgen wir der Maxime: vermeiden, reduzieren, kompensieren ...

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Porsche-Chef Oliver Blume im AUTO ZEITUNG-Interview

Dennoch, beim 911 wird der Kunde Elektrifizierungen schwer akzeptieren …
… den 911 bieten wir deshalb auch künftig mit effizienten Benzinmotoren an. Mit jeder Generation verbessert. Er ist wichtig für den Kern unserer Marke. Rein elektrisch sehen wir den 911 nicht. Auch halten wir nichts von Multitraktionsplattformen. Sie sind immer ein Kompromiss. Und Kompromisse passen nicht zu Porsche. Für den 911 denken wir perspektivisch an synthetische Kraftstoffe. Das Thema geht übrigens weit über Porsche hinaus. Weltweit gibt es Milliarden an Bestandsfahrzeugen mit Verbrennungsmotoren. Deshalb müssen wir technologieoffen rangehen. E-Mobilität: ja und gut. Synthetische Kraftstoffe: richtig.

Wann können wir synthetische Kraftstoffe tanken?
In zehn Jahren könnten diese Kraftstoffe auch preislich für eine breite Öffentlichkeit attraktiv werden. Vorausgesetzt, sie werden in größeren Mengen in Raffinerien produziert. Der Vorteil von synthetischen Kraftstoffen: Man kann sie in den klassischen Verbrennern einsetzen und das vorhandene Infrastrukturnetz nutzen. Außerdem ist die Transportkette deutlich günstiger, weil man eFuels weder kühlen noch verdichten muss wie zum Beispiel Wasserstoff. Für Porsche kommen Brennstoffzellen nicht in Frage, weil sie viel Platz einnehmen und die für Porsche typische Performance vermissen lassen. Das ist für unsere Sportwagen nicht interessant.

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Sie sind kein Freund der Brennstoffzelle?
Bei Autos sehe ich die Brennstoffzelle skeptisch. Grundsätzlich geht es um die richtige Technologie für den jeweiligen Anwendungsfall. Für schwerere Fahrzeuge wie Lkw könnte die Brennstoffzelle eine mögliche Technologie sein. Außerhalb des Fernverkehrs haben hier auch Batterien Potenzial.

Kommen wir zu Porsches Elektrostrategie. 2021 soll der Taycan Cross Turismo auf den Markt kommen. Der Fahrplan steht noch?
Ja, der Zeithorizont steht – trotz Corona. Der Taycan Cross Turismo baut auf der erfolgreichen Basis des Taycan auf. Sportlich, mit hoher Funktionalität. Ein Fahrzeug voller Innovationen, die unsere Kunden begeistern werden – auch deshalb ist der Taycan vor Kurzem von internationalen Experten zum innovativsten Fahrzeug der Welt gewählt worden.

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Die nächste Macan-Generation wird vollelektrisch?
Ja, das haben wir bereits angekündigt. Der vollelektrische Macan wird ein sehr emotionales Fahrzeug, produziert in unserem Porsche Werk Leipzig. Gleichzeitig werten wir den heutigen Macan noch einmal deutlich auf, um ihn eine Zeit lang parallel zum Elektro-Modell anzubieten. Unsere Kunden haben also im positiven Sinn die Wahl: Sie können den Macan als Verbrenner oder vollelektrisch fahren.

Wäre ein Tesla Model 3-Fighter ein Thema?
Für uns nicht. Porsche ist eine exklusive Marke und wird es bleiben. Wir gehen nicht ins Volumensegment. Zudem halte ich nichts von Fightern. Starke Marken positionieren sich über sich selbst.

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Was passiert mit dem Panamera, wird er als Verbrenner weiterhin gebaut?
Klares Ja. In diesem Segment bieten wir ihn als Hybrid und als Verbrenner an. Aktuell haben wir die neue Generation noch deutlich leistungsstärker positioniert. Für die Plug-in-Hybride haben wir die elektrischen Reichweiten um bis zu 30 Prozent erhöht. Vollelektrisch haben wir im Segment der Limousinen den Taycan und dadurch eine hohe Flexibilität in unserem Angebot.

Es wird immer wieder von der Feststoffbatterie gesprochen, die das Problem der Reichweite lösen könnte. Wann ist eine solche Batterie serienreif?
Wir gehen davon aus, dass Feststoffbatterien in der Kleinserie in fünf bis sieben Jahren eingesetzt werden können. Auch die weiterentwickelte Lithium-Ionen-Batterie auf flüssiger Basis eröffnet noch Optionen, um Batterien mit extrem hoher Energie und Leistungsdichte zu realisieren. Wir sind diesbezüglich technologieoffen aufgestellt. Die Batterie ist der Brennraum der Zukunft.

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Bleiben die Achtzylinder im Programm?
Wir halten am Achtzylinder fest. Porsche ist hier Entwicklungs- und Produktionslieferant für den gesamten Volkswagen-Konzern. Wir fertigen die Achtzylinder-Motoren auch für Bentley, Lamborghini und Audi. Es gibt diese Motoren zusätzlich als hybridisierte Variante. Unser Ziel ist es, mit jeder neuen Motorengeneration rund zehn Prozent effzienter zu werden. Wir werden also perspektivisch Achtzylindermotoren entwickeln, die die Euro-7-Abgasnorm erfüllen.

Sprechen wir über die aktuelle Marktsituation. Unter der Corona-Krise haben alle gelitten, doch bei Porsche ist der deutsche Markt stärker rückläufig als die Auslandsmärkte …
Wir steuern Porsche robust durch diese herausfordernde Zeit und arbeiten an der Kostenseite, um die Profitabilität zu steigern. Gleichzeitig investieren wir in zukünftige Technologien. Und wir verfügen über eine sehr attraktive Auswahl an Produkten, die uns Rückenwind geben. Wirtschaftlich stellen wir fest, dass wir durch dieses Programm innerhalb der Automobilindustrie gut im Rennen liegen. Richtig ist, dass der chinesische Markt aktuell stärker anzieht als die meisten anderen. Unser Vorteil ist eine ausgeglichene globale Aufstellung über alle Regionen. Das gibt uns Zuversicht.

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Zuversicht heißt, dass Sie 2020 noch über 260.000 Fahrzeuge ausliefern?
Es ist noch zu früh, um eine konkrete Prognose abzugeben. Wir fahren auf Sicht. Im ersten Halbjahr war Porsche weltweit finanziell die zweiterfolgreichste Marke hinter Toyota, im zweiten Quartal sogar das erfolgreichste Unternehmen.

Porsche hat im ersten Halbjahr 1,23 Milliarden Reingewinn und eine Umsatzrendite von 9,9 Prozent erzielt.
Damit war Porsche einer der wenigen Premiumhersteller überhaupt mit einem positiven Zwischenergebnis. Wir haben pragmatisch und schnell reagiert. Es waren anspruchsvolle Monate, und es war ein toller Mannschaftserfolg. Unser Anspruch ist es, am Jahresende eine zweistellige Umsatzrendite zu erzielen. Das wäre natürlich der Hammer in diesem Jahr. Man muss bedenken: Wir konnten wegen Corona insgesamt sechs Wochen keine Autos produzieren. Und die Händler arbeiten in diesen Zeiten unter verschärften Vorzeichen. Die ersten Quartale zeigen aber: Porsche ist wirtschaftlich sehr robust unterwegs, und die eingeschlagene Strategie stimmt.

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Hat sich der Ärger in Deutschland inzwischen gelegt, dass Porsche keine Diesel mehr anbietet?
Das war eine sehr konsequente, aber im Nachhinein richtige Entscheidung. Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenzen: Benziner, Hybrid und E-Antriebe. Wir konnten einen Großteil des Dieselvolumens kompensieren. Unser Antriebsportfolio ist vielseitig aufgestellt, die Treue unserer Kunden bestätigt unser Vorgehen.

Wie sehen Sie die Diskussion, noch eine Kaufprämie für schadstoffarme Verbrenner auszuloben?
Ich kann das ganz neutral beurteilen, weil Porsche von Kaufprämien nicht betroffen ist. Industrie- und gesellschaftsübergreifend bin ich der Meinung, dass insgesamt sehr ausgewogen unterstützt werden muss – in Feldern, die eine Zukunft haben. Das betrifft alle Branchen, nicht allein die Autoindustrie. Die Bundesregierung hat in Bezug auf den Einsatz der Fördergelder sehr bedachte Entscheidungen getroffen. Für die Autoindustrie befürworte ich eher, Zukunftstechnologien zu unterstützen, zum Beispiel Batterietechnologien. Zusätzlich ist es wichtig, den Ausbau der Ladeinfrastruktur weiter zu fördern – und dies geschieht ja auch. Letztlich geht es darum, alle Interessen sehr genau abzuwägen. Das hat die Bundesregierung bisher mit viel Fingerspitzengefühl gemacht.

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Seit 2010 hat Porsche seine Mitarbeiterzahl fast verdreifacht. Kommt die Entwicklung durch Corona jetzt zum Stoppen?
Unsere Personalstrategie folgt unserer Produktstrategie. Die letzten Jahre haben wir stark aufgebaut. Jetzt geht es im Zuge der Transformation insbesondere um die Qualifizierung für neue Tätigkeitsfelder. Personaleinstellungen machen wir sehr gezielt. Der Taycan ist ein gutes Beispiel. Wir haben rund 2000 neue Arbeitsplätze in Deutschland geschaffen. Auch das verstehen wir übrigens unter Nachhaltigkeit: dass Porsche ein verlässlicher Arbeitgeber ist – und zugleich einer der beliebtesten in Deutschland.

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