Audi Super 90 & Alfa Giulia: Wenn Stil auf Temperament trifft

Audi Super 90 und Alfa Romeo Giulia Super tragen beide das "Super" im Namen und waren beide enorm wichtig für ihre Marken. Aber sind diese Limousinen wirklich so außergewöhnlich? Was macht den Reiz aus? Wo liegen ihre jeweiligen Stärken? Der Classic Cars-Vergleich gibt die Antworten!

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Alfa Romeo Giulia Super 1.3 und Audi Super 90 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3/Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Alfa Romeo Giulia und Audi Super 90 sind annähernd gleich stark, besitzen aber sehr unterschiedliche Charaktere.

Audi Super 90 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Als Super 90 wird der Audi zur sportlichen Limousine.

Audi Super 90 fahrend von schräg hinten fotografiert.
Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Dem Namen entsprechend liefert der Vierzylinder im Audi 90 PS (66 kW).

Audi Super 90 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Als Fronttriebler macht sich der Audi als deutlicher Untersteuerer bemerkbar.

Das Cockpit des Audi Super 90.
Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Gediegenes Ambiente im Audi: Lenkradschaltung und das dünne Lenkrad ermöglichen ein gutes Raumgefühl.

Der Motor des Audi Super 90.
Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Die Konstruktion des Mitteldruckmotors stammt noch aus der Auto-Union-Mercedes-Ära.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 und Audi Super 90 statisch von schräg oben fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3/Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

Erst im direkten Vergleich fällt auf, dass die kantige Giulia recht zierlich daherkommt.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3 Foto: Wim Woeber

Flugzeug-Expertise verhelfen der Giulia zu beeindruckendem cW-Wert: 0,34.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 fahrend von schräg hinten fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3 Foto: Wim Woeber

Das charismatische Knochenheck der Giulia blieb bis zum letzten Facelift 1974.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3 Foto: Wim Woeber

Die Giulia neigt sich zwar stark in Kurven, fühlt sich dabei jedoch deutlich dynamischer als der Audi an.

Das Cockpit des Alfa Romeo Giulia Super 1.3.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3 Foto: Wim Woeber

Im Innenraum des Alfa geht es etwas enger zu, Rundinstrumente und Holzlenkrad lassen ihn sportlich wirken.

Der Motor des Alfa Romeo Giulia Super 1.3.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3 Foto: Wim Woeber

Die beiden obenliegenden Nockenwellen machen den Busso-Motor drehfreudig und ließen ihn zur Legende werden.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 und Audi Super 90 fahrend von hinten fotografiert.
Alfa Romeo Giulia Super 1.3/Audi Super 90 Foto: Wim Woeber

In der Beschleunigung von 0 auf 100 schlägt der Audi den Alfa, bei der Höchstgeschwindigkeit liegen sie gleichauf.

Die Zeiten waren turbulent bei der Auto Union: Mercedes hatte das Unternehmen 1958 übernommen, stieß es aber kurz darauf wieder ab. Unter dem Dach der Volkswagen AG sollte der Neustart gelingen: Mit dem Technischen Direktor Ludwig Kraus blieb der von ihm konstruierte Mitteldruckmotor als längst überfälliger Nachfolger des Zweitakters in den Händen der neu aufgestellten Auto Union. Der Vierzylinder feierte seine Premiere im F103, mit dem man die Marke Audi im Sommer 1965 wiederauferstehen ließ.

Zunächst kam das Auto ohne weitere Typbezeichnung aus, mit dem Ausbau des Programms entstanden – je nach Leistung – Audi 72, Audi 80, Audi 60 und Audi 75. Topmodell war der 1966 vorgestellte Audi Super 90: Er war in Europa lediglich als zwei oder viertürige Limousine zu haben, während alle anderen Modelle auch als Avant bestellt werden konnten. Dass man es nicht bei der simplen Nomenklatur beließ, sondern ein "Super" hinzufügte, machte den Anspruch des Modells deutlich: Der Audi Super 90 markierte das obere Ende der "kleinen" Baureihe – am größeren Audi 100 wurde zu jener Zeit hinter verschlossenen Türen schon gefeilt.
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Der Alfa Romeo Junior (2024) im Fahrbericht (Video): 

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Video: AUTOZEITUNG

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 & Audi Super 90: Alles Super?

Ein üppigeres Chromdekor und der Schriftzug im Kühlergrill differenzierten den Audi Super 90 von den übrigen F103-Modellen. 90 PS (66 kW) aus 1,8 l Hubraum garantierten der 1020 kg leichten Limousine durchaus sportliche Fahrleistung. Im direkten Vergleich mit der Alfa Romeo Giulia Super wirkt der Audi dennoch zunächst deutlich antiquierter – nicht zuletzt aufgrund der Lenkradschaltung, die sich nun einmal umständlicher bedienen lässt als der knackige Schaltknauf in der Mittelkonsole der Alfa Romeo Giulia.

Von einem Neuanfang konnte in Turin zu jener Zeit keine Rede (mehr) sein: Die einstige Premium-Marke Alfa Romeo war längst etabliert, bot seit den 50er-Jahren erfolgreich auch günstigere Großserien-Fahrzeuge an. Interessantes Detail der Geschichte: Um auch in Deutschland Fuß zu fassen, nutzten die Italiener ab 1958 das NSU-Händlernetz, bis eine eigene Vertriebsgesellschaft gegründet wurde. NSU wiederum wurde 1969 in die Auto Union GmbH integriert, die "Audi NSU Auto Union AG" mit Sitz in Neckarsulm entstand. Beide Marken, Alfa Romeo und Audi, boten natürlich trotz der vorübergehenden Nähe eigenständige Modelle an.

Alfa Romeo Giulia Super 1.3 fahrend von schräg vorne fotografiert.
Foto: Wim Woeber

Giulia mit guter Aerodynamik

Die Alfa Romeo Giulia war der 1962 eingeführte Nachfolger der erfolgreichen Giulietta, wieder präsentierte man moderne, sportliche Technik zu einem relativ günstigen Preis. In der Baureihe 105 standen neben der viertürigen Limousine ein Coupé sowie ein Spider zur Wahl. Was man der Giulia kaum ansah, war ihr hervorragender cW-Wert von 0,34. Der Konstrukteur Orazio Satta Puliga wusste aufgrund seiner Erfahrungen aus dem Flugzeugbau, worauf es ankam: auf glatte Flächen mit exakt berechneten Kanten und Sicken. Wichtig waren in diesem Zusammenhang die hintere Dachkante sowie der markante Kofferraumdeckel. Die Bezeichnung "Kammheck" erinnert an die Lehre des Aerodynamikers Wunibert Kamm, gängiger ist der Spitzname "Knochenheck" für die Modelle bis 1974.

Rund 90 PS (66 kW) stellt jeder unser beiden Protagonisten zur Verfügung – bei annähernd gleichem Gewicht. Dabei schöpft der Audi Super 90 seine Kraft aus 1,8 l, während der Alfa mit rund 1,3 l Hubraum auskommen muss. Entsprechend unterschiedlich sind die Charaktere der beiden Motoren: Das höher verdichtete Triebwerk des Audi Super 90 erreicht sein Leistungs-Maximum früher, beim Drehmoment fällt die Abweichung etwas geringer aus. Das muss kein Nachteil für die Alfa Romeo Giulia Super sein – im Gegenteil: Die Italiener:innen setzten den von Giuseppe Busso entwickelten Motor mit zwei Nockenwellen ein. Dessen Klang und Drehfreude sind bis heute legendär. Entschiede allein das Gehör, stünde ein möglicher Sieger an dieser Stelle also fest.

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Der Alfa glänzt mit mehr Sportlichkeit

Wir machen trotzdem weiter: Erst im direkten Vergleich fallen die unterschiedlichen Größenverhältnisse von Audi Super 90 und Alfa Romeo Giulia Super auf. Die kantige Form lässt die Giulia größer wirken, als sie eigentlich ist. Der etwas rundlichere Audi ist allerdings länger breiter und höher, der Radstand wiederum nahezu identisch. Das macht sich vor allem im Innenraum bemerkbar. Im Audi haben Fahrer:in und Mitreisende spürbar mehr Platz. Die dezent ausgeformten Sitze sind bequem, aber kein Motorsport-Gestühl. Holz(dekor) schmückt beide Autos, das sorgt für ein angenehmes Ambiente.

Drei übersichtliche Rundinstrumente geben hier wie dort alle wichtigen Informationen, in der Alfa Romeo Giulia Super sind sie aber deutlich größer. Das wirkt in Verbindung mit dem Dreispeichen-Lenkrad ganz klar sportlicher. Die Mittelkonsole mit dem in Griffweite liegenden Schaltknauf trägt ihren Teil dazu bei: Das Cockpit wirkt wie um den:die Pilot:in herumgebaut, Fahrer:in und Auto verschmelzen zu einer Einheit. Der Audi Super 90 wiederum punktet mit einem großartigen Raumgefühl – nicht zuletzt dank der Lenkradschaltung und der daher fehlenden Mittelkonsole.

Das Cockpit des Audi Super 90.
Foto: Wim Woeber

Bessere Beschleunigung im Audi

Es geht auf die Strecke: Die Übersichtlichkeit lässt bei Audi Super 90 und Alfa Romeo Giulia Super kaum zu wünschen übrig, dafür sorgen schon die schmalen Fensterstege. Sobald die Straße frei ist, überrascht der Audi: Er erreicht die 100-km/h-Marke tatsächlich kurz vor dem Alfa. In der Endgeschwindigkeit gibt es ein Remis. Doch der Wettbewerber wartet auf die erste Kurve. Jetzt kann die Giulia ihre Qualitäten richtig ausspielen. Das knackige Fahrwerk giert nach schnellen Richtungswechseln, auch wenn die Alfa Romeo Giulia Super sich mitunter heftig in die Kurve legt. Hat man sich erst einmal an die Sitzposition gewöhnt und die richtigen Zeitpunkte für die Gangwechsel gefunden, scheucht man die kantige Limousine wieselflink um jedes Eck.

Audi-Fahrende schauen sich das ganz gelassen an, wohl wissend um die Qualitäten ihres Autos. Der Super 90 ist kein Sportwagen, Gangwechsel wollen wohlbedacht und entsprechend sorgsam durchgeführt werden. Der Motor leistet sich keine Schwäche, ist allerdings auch nicht so quirlig wie der südländische Antreiber. Vier Gänge reichen, um den Audi Super 90 druckvoll, aber nicht hektisch zu bewegen. Der vor der Vorderachse angebrachte Motor und die Torsionsstabfederung waren damals zwar modern, lassen ihn allerdings etwas kopflastig und behäbig erscheinen.

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Der Wertzuwachs spricht dem Alfa zu

Und so hatte zumindest in den 70er-Jahren jedes Auto sein Revier: die Alfa Romeo Giulia Super die Landstraße und der Audi Super 90 die Autobahn. Heute genießt man jeden Kilometer in den beiden Klassikern, wobei der Audi noch nostalgischer wirkt als der Alfa. Einen Platz in der Geschichte ihrer jeweiligen Marken haben sie ohnehin sicher: Die Alfa Romeo Giulia trug maßgeblich zum sportlichen Image von Alfa Romeo bei. Auch über 40 Jahre nach Ablösung der Baureihe schwärmen (nicht nur) Oldtimer-Freunde von den Qualitäten der bis heute alltagstauglichen Giulia. Der Audi mag zwar etwas am Rand des Klassiker-Fokus stehen, doch als Initialzündung der Audi 80/90-Baureihe ist auch sein Erfolg nachhaltig zu spüren: 1972 brachte Audi den B1 auf den Markt. Der Neuanfang war gemacht, das Modellprogramm wurde fortan stetig ausgebaut. Preislich lagen die Autos zu ihrer Zeit näher beieinander als heute: Der Alfa wird mittlerweile deutlich höher gehandelt, während ein guter Audi Super 90 zwar günstiger, aber auch wesentlich schwieriger zu finden ist.

Technische Daten von Audi Super 90 und Alfa Romeo Giulia Super

Classic Cars 04/2020Alfa Romeo Giulia Super 1.3Audi Super 90
Zylinder/Ventile pro Zylin.R4/2R4/2
Hubraum1290 cm³1760 cm³
Leistung65 kW/88 PS 6000/min66 kW/90 PS 5200/min
Max. Gesamtdrehmoment bei140 Nm 3200/min147 Nm 3000/min
Getriebe/Antrieb5-Gang-Getriebe/Hinterrad4-Gang-Getriebe/Vorderrad
L/B/H4160/1560/1430 mm4380/1626/1451 mm
Leergewicht1030 kg1020 kg
Bauzeit1970–19781966–1972
Stückzahl153.27449.793
Beschleunigung
null auf 100 km/h
13,0 s12,2 s
Höchstgeschwindigkeit165 km/h163 km/h
Verbrauch auf 100 km10,5 l S12,0 l S
Grundpreis (Jahr)10.815 Mark (1972)8.390 Mark (1967)