Chipmangel: Lieferzeiten von Neuwagen Autobranche mit Lieferproblemen durch Halbleitermangel

von Markus Schönfeld 21.12.2021
Inhalt
  1. Halbleiter – was heißt das eigentlich?
  2. Warum trifft der Chipmangel die Autobranche so hart?
  3. Wieso wirkt sich der Halbleiter-Mangel auf die Bestellung von Neuwagen aus?
  4. Warum lässt der Chipmangel Gebrauchtwagen teuer werden?
  5. Ist Tesla wirklich immun gegen den Chipmangel?
  6. Weshalb verschlimmert der Siliziummangel die Chipkrise weiter?

Während die Neuzulassungen im Herbst 2021 wegen der Lieferprobleme von Neuwagen durch den Chipmangel um rund ein Drittel einbrachen, füllen sich die Bestellbücher der Autobauer immer weiter. Die Produktion hängt hinterher. Damit stellt der Halbleitermangel die Branche auf eine Zerreißprobe. Die Kundschaft kann indes nur eines tun: Bitte warten …

Eigentlich möchte die AUTO ZEITUNG an dieser Stelle ein Handbuch rund um den Chipmangel und die Lieferzeiten von Neuwagen servieren. Wir wollten Ihnen nützliche Tipps geben, auf welche Ausstattungen verzichtet oder welches Modell gewählt werden muss, damit sich die Wartezeit verkürzt. Doch so einfach ist das leider nicht. Denn die Corona-Krise hat einiges durcheinandergewirbelt. Zunächst brach im Frühjahr 2020 die Kundschaft kurzfristig weg. Und als der Bedarf wieder stieg, kamen die Lieferketten und Produktionsanlagen – die ebenfalls mit Corona-Folgen zu kämpfen hatten – an ihre Grenzen. Allen voran die Halbleiter-Branche. Denn Rechenchips sind durch Homeoffice, virtuelle Arbeitswelten und immer mehr vernetzte Produkte noch stärker gefragt als je zuvor. Der Halbleitermangel hat die Industrie fest im Griff. Mehr zum Thema: Unsere Produkttipps auf Amazon

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Halbleiter – was heißt das eigentlich?

Computerchips sind einige Millimeter große Plättchen, auf denen heutzutage Milliarden integrierter Schaltkreise  versteckt sind. Sie bestehen hauptsächlich aus einem Halbleitermaterial – meistens Silizium –, das sowohl Strom leiten  als auch isolieren kann. Solche Halbleiter-Chips können hochkomplexe Rechenprozesse in Sekundenbruchteilen ausführen und sind mittlerweile in allen elektronischen Geräten zu finden. Gefertigt werden sie in extrem aufwendig gebauten Fabriken und in klinisch reinen sowie staubfreien Reinräumen von nur wenigen Firmen wie Intel, Samsung,  TSMC oder Nvidia. Mehr als die Hälfte aller weltweit benutzten Chips kommen aus Taiwan, dem demokratischen Inselstaat 180 Kilometer vom chinesischen Festland entfernt. 

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Warum trifft der Chipmangel die Autobranche so hart?

Die Autoindustrie wird vom Chipmangel schwer getroffen, denn sie ist mit etwa sieben Prozent ein relativ kleiner, aber sehr anspruchsvoller Stammkunde bei den wenigen internationalen Chip-Herstellern. Die größten davon heißen Intel, Samsung, TSMC oder Nvidia. Und die haben die Preise während der Chipkrise natürlich längst angehoben. Allein 2021 werden sie Halbleiter für 500 Milliarden Euro produzieren – vor allem in Taiwan und in Südkorea. Doch der Chip-Bedarf für die Herstellung moderner Fahrzeuge steigt weiter enorm. Schließlich verlangen Motorsteuerung, vernetzte Assistenzsysteme und schnelles Infotainment samt Navigation allein schon jeweils einen komplex aufgebauten Hochleistungsrechner. Hinzu kommen unzählige weitere Steuergeräte für Abgasüberwachung, Fahrwerkseinstellungen, Bremse, Klimatisierung, Sitzeinstellungen, schlüssellosen Zugang oder Scheinwerfer. Gut ausgestattete Neuwagen können bis zu 100 solcher kleinen Steuereinheiten besitzen – allesamt mit Computerchips aus Halbleitern bestückt. Fehlen diese Bauteile, kann das Auto nicht komplett fertig gebaut werden.

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Wieso wirkt sich der Halbleiter-Mangel auf die Bestellung von Neuwagen aus?

"Gut", könnten clevere Autokaufende dann sagen, um vermeintlich den Chipmangel zu umgehen. "Dann verzichte ich eben auf einige dieser Luxus-Funktionen und bestelle einen nackten Neuwagen." Tatsächlich hat das anfangs im Einzelfall noch funktioniert. Doch die sensibel austarierten Produktionsketten sind nicht auf selektiven Chip-Verzicht ausgelegt. Mittlerweile müssen vor allem die "lebenswichtigen" Funktionen der Fahrzeuge versorgt werden. Der Wandel hin zur Elektromobilität macht die Sache nicht leichter. Denn diese benötigt beispielsweise für Lade- und Batteriemanagement nochmals zusätzliche Rechenpower. Und natürlich brauchen auch Wallboxen und öffentliche Ladesäulen Halbleiterelektronik. Wir haben uns – und da können Sie sich sicher sein – bei der Recherche richtig ins Zeug gelegt, mit den großen Autoherstellern gesprochen, mit dem Autohandel, Händlerverbänden, Zulieferern und Produktionsstätten. Doch je mehr Statements, Meinungen und Erfahrungen wir hörten, desto klarer wurden zwei Dinge, was den Halbleitermangel betrifft. Erstens: Eine solche Situation wie jetzt gab es in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte noch nicht. Und sie setzt die Autobranche gewaltig unter Druck. Zweitens: Pauschale Kriterien wie Ausstattungen, bestimmte Modelle oder gar ganze Segmente mit kürzerer Wartezeit gibt es nicht mehr. Bei keinem Hersteller. Ein VW-Konzernsprecher brachte es bei einem Gespräch auf den Punkt: "Wenn Sie jetzt zügig ein neues Auto haben wollen, gehen Sie zum Autohaus in Ihrer Nähe und gucken, ob dort noch eines auf dem Hof steht."

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Warum lässt der Chipmangel Gebrauchtwagen teuer werden?

Eines steht schon jetzt fest: Aufgrund des Chipmangels werden alle Hersteller sehr viel weniger Autos verkaufen, als sie eigentlich könnten. Allein im Oktober 2021 sind die Neuzulassungen in Deutschland um 35 Prozent eingebrochen. Wohlgemerkt bei extrem hoher Nachfrage. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers geht davon aus, dass 2021 weltweit mehr als zehn Millionen Autos nicht gebaut und verkauft werden können – hauptsächlich wegen der Chipkrise. Damit fehlen der Autoindustrie geschätzte Einnahmen von rund 200 Milliarden Euro. Temporär kann durch diesen Umstand die Rendite aber steigen, weil Chips eher in teureren Modellen eingebaut werden und Rabatte wegfallen. BMW hob beispielsweise gerade erst die Umsatzrendite-Prognose von acht auf zehn Prozent vor Steuern. Dennoch musste die Marke wie alle anderen Hersteller auch seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder ihre Bänder kurzzeitig anhalten. Im Opel-Werk Eisenach stehen seit September 2021 die Bänder still – noch mindestens bis Ende des gleichen Jahres. Die 1300 Mitarbeiter:innen sind seither in Kurzarbeit. Für die Kundschaft egal welcher Marke ist das freilich keine gute Nachricht. Große Nachlässe kann man derzeit wegen des hoch aufgestauten Neuwagenbedarfs und des reduzierten Angebots nicht verhandeln. Und die Lieferzeit für Neuwagen beginnen bei einem halben Jahr und überschreiten bei bestimmten Modellen sogar zwei Jahre. Als Folge ziehen die Preise auf dem Gebrauchtwagenmarkt spürbar an. Laut Deutschlands größtem Online-Automarkt mobile.de sind Gebrauchte in den letzten Monaten rund 21 Prozent teurer geworden. Sogar Leasing-Rückläufer können die Hersteller jetzt teuer und schnell verkaufen. Sollten Sie also noch ein Auto loswerden wollen – jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dafür. Die Auslöser für den Halbleitermangel sind übrigens vielfältig. Doch sie haben alle eine Ursache: die globale Vernetzung und damit die Abhängigkeit von langen Lieferketten, dem internationalen Rohstoffmarkt und sehr vielen Zulieferern. Bei den großen, etablierten Autoherstellern ist das System Produktion über die Jahrzehnte stark gewachsen und dementsprechend komplex verflochten.

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Ist Tesla wirklich immun gegen den Chipmangel?

Tesla scheint deutlich weniger unter der Chipmangel-Krise zu leiden als beispielsweise Autohersteller aus Europa. Gegen diese komplizierte Wirtschaft scheint Tesla wie eine Art Antithese zu agieren. Das noch relativ junge Unternehmen hat zum einen eine für Automobilhersteller sehr große Fertigungstiefe. Das heißt, dass viele Teile bisher aus eigener Produktion kommen oder zumindest vom Autobauer selbst zusammengebaut wurden. Hinzu kommt ein relativ geringer Grad der Individualisierung. Vier Modelle werden in fünf Außenfarben, zwei Innenvarianten und mit zwei Radsätzen angeboten. Und noch produziert Tesla Neuwagen nur in zwei großen Werken. Eines steht in Fremont (Kalifornien), das andere in Shanghai. Zum Vergleich: Daimler bietet derzeit knapp 40 verschiedene Mercedes-Modelle an – nur in der Pkw-Sparte, darunter Diesel, Benziner, Plug-in- oder Mild-Hybride, batterieelektrische Fahrzeuge mit nicht selten rund 100-seitigen Ausstattungslisten. Und der schwäbische Autobauer betreibt Werke in Deutschland, Frankreich, Ungarn, Rumänien, China, Südafrika und den USA. Bei anderen internationalen Automobilriesen sieht die Sache nicht anders aus. Man denke nur an Toyota, Stellantis mit Fiat, Chrysler, Peugeot, Citroën und Opel oder den Volkswagen-Konzern mit seinen zehn Marken. Die Komplexität einer solch gigantischen Produktionswirtschaft wird vor allem in Krisenzeiten auf eine Zerreißprobe gestellt. Sind Lieferketten aufgrund von Corona-Ausbrüchen in Häfen gestört, liegen Produktionsstätten für Zwischenprodukte kurzzeitig lahm oder werden Rohstoffe zwischenzeitlich knapp, kann die Versorgung des gesamten Organismus – hier durch den Mangel an Halbleitern – ins Stocken kommen. Und gerade beim Thema Rohstoff scheint sich die Krise sogar noch zu verschärfen. Ob Stahl, Aluminium oder Kobalt – bei vielen Grundmaterialien zeichnet sich schon jetzt eine Knappheit ab, die die Preise auf dem Weltmarkt und für Endprodukte anschwellen lässt.

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Weshalb verschlimmert der Siliziummangel die Chipkrise weiter?

Am deutlichsten macht das derzeit das Halbmetall Silizium. Es kommt in der Erdkruste zwar flächendeckend vor - beispielsweise in Sand oder Quarzkies. Es lässt sich in reiner Form allerdings erst bei 2000 Grad Celsius im Hochofen herauslösen. Auf die technisch relativ einfache, aber energieintensive Gewinnung haben sich vor allem chinesische Firmen spezialisiert. Mittlerweile stammen rund 70 Prozent des weltweiten Siliziums aus China. Weil dort aber Kohlemangel herrscht und die zwei Provinzen mit dem höchsten Silizium-Förderanteil nach Regierungsaussagen ihre Produktionsstätten drosseln oder abschalten mussten, ist der Rohstoff Silizium extrem knapp und teuer geworden. Zwischen Sommer und Winter 2021 ist sein Preis um 400 Prozent gestiegen. Und weil Silizium als Halbleiter das wichtigste Material für die Herstellung von Computerchips und Speichermedien ist, wird seine Knappheit die Chipmangel-Krise verlängern. Noch geben sich die großen Autohersteller optimistisch, dass sich die Lage für Neuwagen 2022 wieder entspannen wird. Doch einige Expert:innen rechnen schon jetzt damit, dass uns der Halbleitermangel noch bis ins Jahr 2023 begleiten wird. Ganz Unrecht werden sie damit nicht haben, schließlich wird Silizium auch für die Herstellung von Solarzellen gebraucht. Und die sind bei der bevorstehenden Energiewende und dem Ausbau von Photovoltaik-Anlagen unerlässlich. Doch das ist eine andere Geschichte.

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