Camaro 6.2 V8/Corvette Grand Sport/Mustang GT: Test Drei U.S.-Cabrios mit V8-Aggregat

von Elmar Siepen 08.12.2017
Inhalt
  1. Test: Camaro gegen Mustang und Corvette
  2. Corvette mit handfesten Sportwagen-Qualitäten
  3. Camaro alles andere als ein Boulevard-Cruiser

Die große Freiheit im Test: Chevrolet Camaro, Corvette und Ford Mustang sind mit ihren mächtigen Achtzylinder-Saugmotoren perfekt geeignet, um dem Alltagsärger zu entfliehen. Let the good times roll!

Sie haben das Gefühl, in einem Hamsterrad zu stecken, das sich immer schneller dreht? Fragen sich, ob das im Leben schon alles war? Möchten aus der Hose springen, wenn wieder einer kommt und wissen will, ob es nicht noch schneller und billiger, aber trotzdem besser geht? Halten Sie inne, schaffen Sie sich Freiräume und trauen Sie sich auszubrechen. Wir hätten in unserem Test drei ideale Fluchtwagen für Sie – allesamt mit großer, jeweils über 50-jähriger Historie. Angesichts des Gebotenen wird unser Cabrio-Trio hierzulande zu fairen Tarifen offeriert: 51.000 Euro sind für den Ford Mustang GT mit 5,0-Liter-Achtzylinder, 421 PS und optionaler Sechsstufen-Automatik fällig (Sechsgang-Schaltung: 48.500 Euro), während der 453 PS starke Chevrolet Camaro mit üppiger dimensioniertem 6,2-Liter-V8 50.900 Euro kostet (mit Achtstufen-Automatik 52.900 Euro). Die amerikanische Sportwagen-Ikone Chevrolet Corvette steht als "Grand Sport"-Cabrio ebenfalls mit optionaler Achtstufen-Automatik auf dem Redaktionsparkplatz. Der gleiche LT 1-Motor wie im Camaro leistet hier 466 PS. Die "Grand Sport"- hat der zivileren "Stingray"-Version eine breitere Spur, eine Brembo-Bremsanlage, ein optimiertes adaptives Fahrwerk sowie ein elektronisches Sperrdifferenzial voraus. Macht zusammen 102.700 Euro. Viel Geld? Denken Sie dran: Geld ist billig wie nie. Machen Sie das Zinstief zu ihrem Stimmungshoch und steigen Sie ein – auf dass sich der Sturm der Entrüstung über den Alltagsärger in eine Flut von Glückshormonen wandelt.

Der Ford Mustang im Video:

 
 

Test: Camaro gegen Mustang und Corvette

Schon 1964 begründete Ford mit dem Mustang die Pony Car-Ära, die eine Vielzahl an – für amerikanische Verhältnisse – kleinen Coupés und Cabrios mit üppiger Motorisierung hervorbrachte. Bestand die Erstauslieferung des Mustang aus weißen Cabrios mit roter Innenausstattung, so steht der Testwagen der aktuellen sechsten Generation in "California-Gelb" als farblich wohltuender Kontrast zum silbergrau-schwarzen Dienstwagen-Einerlei auf der Straße. Innen bietet er vergleichsweise viel Platz für die Passagiere. Ja, der Mustang ist zweifellos ein alltagstauglicher Viersitzer. Der Kofferraum geht mit 332 Liter Volumen (offen und geschlossen) als reisetauglich durch. Wer sich in die bequemen Vordersitze lümmelt, nimmt die Lässigkeit des Amis an. Lässt man den Blick entlang der langen Motorhaube in Richtung Horizont schweifen, ist bereits die erste Entspannungsstufe erreicht. Der Druck auf den Startknopf schüttelt den Vierventil-V8 ins Leben. Schnell mit den Hufen, pardon: Hinterrädern scharrend schiebt der Ford vorwärts. Der Druck von 530 Nm sorgt für einen genussvollen Cruising-Modus – oder zur Abwechslung auch für kurze Zwischensprints. 4,8 Sekunden von null auf 100 km/h sind im Test möglich, aber nicht nötig, ebenso wie die 250 km/h Höchstgeschwindigkeit. Der Motor drückt zwar respektabel, verlangt aber auch nach Drehzahlen. Und so findet der Mustang seine Bestimmung eher im gelassenen Dahingleiten als im Angasen und eignet sich perfekt, um seinen Passagieren bei heruntergelassenen Scheiben und einem in gut acht Sekunden geöffneten Dach eine kräftige Frischluftdusche zu gönnen. Auf nicht topfebener Fahrbahn läuft der Mustang allerdings gern den Unebenheiten nach, und bei entschlosseneren Gasbefehlen keilt er in Kurven recht früh mit der Hinterhand aus, noch bevor die elektronischen Regelsysteme eingreifen. Das kann aber auch – wenn man darauf gefasst ist – sehr vergnüglich sein. Befindet sich die Lenkung im Sportmodus, vermittelt sie übrigens deutlich mehr Gefühl – in unserem Test war es dann leichter, den Ami zu dirigieren. Zweifellos hat das Pony Car bei verschärfter Gangart seinen eigenen Willen und will mit starkem Zügel im Zaum gehalten werden.

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Corvette mit handfesten Sportwagen-Qualitäten

Die Corvette, nunmehr in der siebten Generation unterwegs, aber immer noch mit Kunststoff- Karosserie wie einst die Erstausgabe von 1953, bildet einen beeindruckenden Kontrapunkt zum Ford. "Grand Sport"? Hier ist der Name Programm und weckt Erinnerungen an die erstmals 1963 vorgestellte Rennversion der Sportwagen-Ikone, auch wenn unsere Corvette zum Vergleich als Cabriolet vorfährt. Innen umschließt der in "Arctic White" lackierte Zweisitzer die Insassen förmlich, gefällt mit guter Verarbeitung und einer Vielzahl von Anzeigen wie zum Beispiel für die G-Kräfte, das Sperrdifferenzial oder die Getriebeöltemperatur. Auf Wunsch gibt es einen "Performance Data Recorder" (1500 Euro) zur Aufzeichnung der Fahrdaten auf dem Rundkurs – womit die Corvette direkt zeigt, wohin die Reise geht. Gut, die Sitzposition könnte etwas tiefer sein, aber auch so liefert sie großes US-Kino. Der 6,2 Liter große Big-Block-V8 hat mit Zurückhaltung rein gar nichts am Hut, reißt im Test an wie ein Bullterrier und peitscht den Zweisitzer in nur 4,1 Sekunden über die 100 km/h-Linie. Erst bei 290 km/h ist Schluss. Währenddessen beherrscht die Automatik die Fahrstufenwechsel – je nach Fahrprogramm von sanft im Eco- und im Tour-Modus bis blitzschnell bei durchgetretenem Gaspedal im Sport- oder im Track-Modus. Stets spürt man, dass die Corvette jederzeit auf dem Sprung zu sein scheint. Das Cruisen geht dank fetter 630 Nm dennoch leicht von der Hand – es fühlt sich aber immer so an wie eine Aufwärmrunde. Schön, wenn hinter dem Ortsschild eine ausreichend lange, freie Bahn wartet. Dort belohnt der Front-Mittelmotor-Sportler die Selbstdisziplin mit Druck in jeder Lebenslage und einem im Vergleich zu früheren Versionen ungewohnten, weil messerscharfen Handling. Kein Wunder: Immerhin wiegt der Zweisitzer rund drei Zentner weniger als die Konkurrenz und verfügt zudem über einen tieferen Schwerpunkt, eine ausgewogenere Gewichtsverteilung (50 : 50) sowie eine präzise Lenkung. Das Fahrwerks-Set-up taugt sowohl für die Sonntagmorgen-Runde wie für den Rundkurs. Und so feiert die Corvette nie gekannte Querbeschleunigungs-Orgien, ihre fahrdynamischen Grenzen sind im öffentlichen Straßenverkehr kaum auszuloten. Ihr ganzer Charakter fordert den Fahrer. Es braucht nur wenige Test-Kilometer, bis die Auseinandersetzung mit diesem Muscle-Car den trüben Alltag von der biochemischen Festplatte im Kopf löscht.

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Camaro alles andere als ein Boulevard-Cruiser

Nur 13 PS schwächer als die Corvette, steht der in "Bright Yellow" lackierte und mit schwarzen Rallye-Streifen (550 Euro) geschmückte Viersitzer knackig da. Innen fällt das Platzangebot geringer aus als im Mustang, vor allem die Fondplätze taugen eher für Kinder. Auch der Kofferraum verlangt mit 72 (offen) bis 208 Litern (geschlossen) nach Kompromissen bei der Gepäckauswahl. Der Antriebsstrang profitiert gegenüber dem des Ford vom Hubraum- und Drehmomentplus. Zwar liegt der Camaro in puncto Spitzentempo und Sprint auf einem Niveau mit dem Mustang, doch auf der Autobahn oberhalb der Richtgeschwindigkeit hängt er den Ford auf unserer Testfahrt locker ab. Hier macht sich das Drehmoment- und Leistungsplus bemerkbar. Als Schalter verlangt der Camaro beim Gangwechsel eine kräftige Hand, und der sechste Gang ist etwas zu lang übersetzt. Zur Entschädigung kann der Fahrer per "Rev Match"-Paddle am Lenkrad die Zwischengasautomatik fürs Herunterschalten aktivieren. Das schont den Antriebsstrang bei verschärfter Gangart und dient der Fahrstabilität, weil es die Lastwechselreaktionen minimiert. Zur flotteren Gangart ist der Chevy zweifellos in der Lage, er lässt sich auf kurvigem Terrain deutlich dynamischer und präziser bewegen als der Mustang und erreicht dabei beachtliche Kurventempi. Grund hierfür sind die recht präzise Lenkung und eine Feder-Dämpfer-Abstimmung, die allzu viel Aufbaubewegungen verhindert. Hinzu kommt die bessere Traktion. Wie in der Corvette arbeitet der 6,2-Liter-V8 mit Zylinderabschaltung: Bei geringer Last wird der V8 zum Vierzylinder – so sind in unserem Test mit zurückhaltendem Gasfuß Verbräuche von unter zehn Litern möglich. Bemerkenswert ist auch, wie der Camaro aus der Leerlaufdrehzahl im sechsten Gang noch ruckfrei Gas annimmt und bei höheren Drehzahlen mit satt hämmerndem V8-Sound betört. Stets aus einem Meer an Newtonmetern schöpfend, kann man mit ihm vortrefflich in den Sonnenuntergang gleiten. So sorgt er für das ganz persönliche Roadmovie.

Technische DatenChevrolet Camaro 6.2 V8Chevrolet Corvette Grand Sport
MotorV8V8
Hubraum6162 ccm6162 ccm
Leistung453 PS466 PS
Maximales Drehmoment617 Nm630 Nm
Getriebe6-Gang, manuell, Sperrdifferenzial8-Stufen-Automatik, Sperrdifferenzial
AntriebHinterradHinterrad
0-100 km/h4,8 s4,1 s
Höchstgeschwindigkeit250 km/h290 km/h
Leergewicht1844 kg1696 kg
Kofferraum (geschlossen/offen)208/72 l243/171 l
L/B/H in mm4784/1897/k.A.4514/1965/k.A.
Testverbrauch12,5 l S/100 km12,3 l S/100 km
Preis50.900 Euro102.700 Euro
Technische DatenFord Mustang GT Convertible
MotorV8
Hubraum4951 ccm
Leistung421 PS
Maximales Drehmoment530 Nm
Getriebe6-Stufen-Automatik (Option), Sperrdifferenzial
AntriebHinterrad
0-100 km/h4,8 s
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Leergewicht1840 kg
Kofferraum (geschlossen/offen)332/332 l
L/B/H in mm4784/1916/1394
Testverbrauch12,0 l S/100 km
Preis51.000 Euro

von Elmar Siepen von Elmar Siepen
Unser Fazit

Der Test zeigt: Jedes der drei US-Cabrios bietet großes Autokino, allerdings auf unterschiedliche Weise. Der Ford Mustang setzt auf Alltagstauglichkeit – mit Platz für vier und einem ordentlichen Gepäckraum. Am ehesten werden mit ihm jene glücklich, die mit entspanntem Dahingleiten am besten Abstand vom Alltag nehmen können. Die extrem dynamische, aber auch fordernde Corvette schickt ihren Fahrer dagegen unterwegs ins Fitness-Studio, während der Camaro sowohl das Komfort- als auch das Kurventhema beherrscht. Faszinierend sind sie dennoch alle drei.

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