VW Golf: Wie ein Pferd zum Namensgeber einer Legende wurde Warum eigentlich Golf?

19.12.2014

Jeder kennt ihn, den VW Golf. Die tierische Geschichte der Namensfindung verrät uns exklusiv der ehemalige VW-Manager Hans-Joachim Zimmermann

Der Golf. Er ist Begründer einer eigenen Fahrzeugklasse, mit über 30 Millionen gebauten Exemplaren einer der VW-Bestseller und spätestens als GTI zur Ikone unter den Kompakten geworden. Dieses Jahr feiert der Golf seinen 40. Geburtstag und ist inzwischen in der siebten Generation mit modernster Plug-in-Hybrid-Technologie in der automobilen Zukunft angekommen. Aber warum der erfolgreiche Käfer-Nachfolger Golf heißt, wissen bisher nur die wenigsten.

 

VW Golf: Wie ein Pferd zum Namensgeber einer Legende wurde

Die Wolfsburger haben im Sommer 1974 eine mehrdeutige Antwort für die fragenden Journalisten parat. Bei der offiziellen Vorstellung bleibt es offen, ob der Golf seinen Namen dem warmen Meeresstrom aus dem Golf von Mexiko oder doch dem Ballsport auf kurzgeschnittenem Rasen zu verdanken hat. Bis heute sind beide Varianten halb-offiziell in Umlauf.

Aus den Vorstandsprotokollen vom Oktober 1973 geht hervor, dass sich die Mehrheit der Lenker des damals angeschlagenen Konzerns eindeutig für eine Assoziation mit dem Golfstrom aussprach. Zuvor waren viele Gedankenspiele rund um den Namen des intern „EA 337“ (EA für Entwicklungsauftrag) genannten Wagen aus der Feder von Giugiaro entwickelt worden.

Der ursprünglich vorgesehene Name „Blizzard“ musste früh verworfen werden: Ein Skihersteller hatte sich den Markennamen bereits gesichert. Um die vom Marketing vorgeschlagene Nomenklatur aus Naturphänomenen für die neue Modellgeneration mit vorn quer eingebautem, wassergekühltem, Vierzylinder-Motor und Vorderradantrieb, bestehend aus Passat und Scirocco, fortzuführen, fehlte für die Limousine weiter ein passender Name. Der Vorschlag „Caribe“ wurde schnell ad acta gelegt.

Um die Kontinuität aus „warmen Winden“ fortzuführen, wurde anschließend überlegt, die unter dem Blech gleichen Modelle EA 398 und EA 337 als „Shirocco SP“ bzw. „Scirocco Coupé“ und die Limousine als „Shirocco“ zu verkaufen. Der letztendliche Name „Golf“ führte die Reihe der Naturphänomene scheinbar logisch fort. Golf klang zudem internationaler, moderner und weniger technisch als etwa VW 1600, 1303 oder K70.

Was heute die wenigsten wissen: Die Namensfindung für den Golf ist eine im wahrsten Sinne tierische Geschichte gewesen. Denn Hans-Joachim Zimmermann, pensionierter VW-Manager, erinnert sich, dass der Volkssportler Golf einen direkten Bezug zum Pferdesport hat. Als Zimmermann 1955 als Handballspieler nach Wolfsburg kommt, blüht der Sport in der noch jungen Stadt auf.

Zu den Sportarten, die Volkswagen unter seinem Generaldirektor Heinrich Nordhoff von Anfang an unterstützt, zählt auch der Reitsport. Ende der 50er-Jahre schließt sich der örtliche Reitverein zum Reit- und Fahrverein Wolfsburg zusammen. Zimmermann, der neben seinen sportlichen Ambitionen an seiner VW-Karriere arbeitet, bekommt 1963 einen neuen Chef. Als sich Horst Münzner bei ihm vorstellt, ist Zimmermann als junger Einkäufer für das im Bau befindliche Werk Emden verantwortlich.

Wenige Wochen nach seinem Dienstantritt wird Einkaufschef Münzner von Werksleiter Otto Höhne gebeten, auf die am nächsten Tag stattfindende außerordentliche Mitgliederversammlung des Reit- und Fahrvereins zu gehen. „Und wenn die Versammlung zu Ende ist, Herr Münzner, sind Sie Erster Vorsitzender“, erinnert sich Zimmermann an das Gespräch. Münzner wusste nicht Recht, wie ihm geschah, worauf ihm Höhne entgegnete: „Sie wollen doch in diesem Unternehmen Karriere machen, oder?“ So wurde Münzner eher unfreiwillig Vorsitzender des Wolfsburger Reitvereins. Ebenso überraschend war es für Hans-Joachim Zimmermann, als sein Vorgesetzter 1964 verlangte, er solle dort stellvertretender Schatzmeister werden.

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„Herr Münzner hatte von Pferden und der Reiterei ja keine Ahnung. Ich hingegen schon, dass wusste er wohl. Ich stamme aus Ostpreußen, mein Vater war Pferdezüchter, und schon mit 9,5 Jahren bin ich Gespann gefahren. So bin ich dann neben meiner Einkaufstätigkeit wieder zur Reiterei gekommen“, blickt der heute 79-jährige zurück.

Als erste Amtshandlung bekam Zimmermann einen vielfach abgezeichneten Bierdeckel von Münzner auf den Tisch gelegt. „Zehn Jahre hat der Deckel bei Geburtstagen und weiteren Anlässen im Verein die Runde gemacht. Auch Professor Nordhoff, der eine Reithalle für die Frauen und Kinder der Werkangehörigen gefordert hatte, stand ordentlich bei uns in der Kreide“, lacht Zimmermann. Seiner tatkräftigen und zupackenden Art ist es zu verdanken, dass Zimmermann sich umgehend die angefallenen 40.000 Mark für den Bau der Reithalle bei Nordhoff besorgte. Im Dezember 1965 konnte die noch heute in Alt-Wolfsburg existierende Halle eingeweiht werden.

über viele Jahre arbeiten Münzner und Zimmermann sowohl im Werk als auch im Wolfsburger Reit- und Fahrverein eng zusammen. In der Reithalle des Vereins begegneten sich die beiden auch an einem Samstagvormittag im Herbst 1973. „Ich hatte mir zuvor in Verden an der Aller ein neues Pferd gekauft. Eigentlich wollte ich immer einen ostpreußischen Trakehner. Aber aus Proporz musste es dann ein Hannoveraner sein“, erinnert sich Zimmermann: „Ich ritt auf meinem braunen Wallach und Münzner sagte: ‚Schönes Pferd haben Sie da Zimmermann. Wie heißt es denn?‘

Ich antwortete Golf und schwärmte wohl sehr von seinen Eigenschaften. Ich dachte mir nichts weiter dabei, als Münzner erstaunt und gedankenversunken Golf wiederholte“, sagt der 79-jährige. Was Hans-Joachim Zimmermann nicht wusste: Sein Chef rief am Montag darauf seine Marketingstrategen von Schenck zu Schweinsberg, Vacano und Weiher zusammen und erkundigte sich, ob es Neuigkeiten bezüglich der Namensfindung zum Käfer-Nachfolger gäbe. Die Herren zuckten daraufhin nur ratlos mit den Schultern.

„Was halten die Herren von Golf“, entgegnete Münzner ihnen. „Passat haben wir ja schon und Golf, Golf-Linie, Golf-Strom. Würde passen“, bekam er zur Antwort. Zimmermann: „Ich hatte von den Vorgängen zu dieser Zeit keine Ahnung. Ich war damals damit beauftragt, sämtliche Kaufteile für den Käfer-Nachfolger zu beschaffen. Wenige Wochen nach unserem Treffen in der Reithalle bat mich die Sekretärin von Herrn Münzner, mit ihm gemeinsam in die Halle 37, dort wo die ersten 500 Nullserienfahrzeuge gefertigt wurden, zu fahren.

Ich wusste nicht, was ich da sollte, da ich ohnehin zweimal am Tag dort war. Wir fuhren gemeinsam in die Halle, die ich bestens kannte – bis auf den Raum, der immer verschlossen war. Münzner ließ ihn aufschließen. Darin stand ein abgedecktes Auto. Münzner fragte mich, ob das eines der Autos sei wie draußen in der Halle und bat mich, um das Auto herumzugehen. ‚Ist ihnen etwas aufgefallen?‘ Als ich das verneinte, wurde er böse: ‚Gehen Sie nochmal drum herum und gucken genau hin.‘ Ich blieb am Heck stehen und sah den Namenszug Golf. So heißt doch mein Pferd, sagte ich und strahlte wie ein Honigkuchen. Das wollte er mir zeigen“, blickt Zimmermann auf den denkwürdigen Moment zurück.

Bis zu Münzners Tod 2009 standen die beiden immer wieder in Kontakt. Mitte der 90er-Jahre bestätigte Münzner gegenüber Zimmermann: „Der Name des wassergekühlten Käfer-Nachfolgers stammt von ihrem Pferd. Genauso war es, dazu stehe ich.“ 1993 verstarb der tierische Namensgeber des VW Golf im Alter von 27. Das entspricht 95 Menschenjahren. Ein gutes Omen, findet Zimmermann, der dem Reitsport bis heute verbunden geblieben ist und in seiner Dienstlaufbahn exakt 134 Dienstwagen gefahren hat: „Ein Golf war übrigens nie dabei.“

Ingo Eiberg

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