Mercedes 190 E - W201: 30 Jahre Jubiläum - drei Sonderlinge Die nie gebauten Baby-Benz'

24.04.2014
Inhalt
  1. DIE OFFENBARUNG BLIEB AUS: DAS 190 E CABRIOLET
  2. UNTER STROM: ELEKTRO-190ER MIT POWER
  3. AKKURATESSE IN DEN DETAILS DER PROTOTYPEN

Vom Mercedes W201 gab es interessante Spielarten, die leider nicht in Serie gingen. Ein wehmütiger Blick auf das bildschöne Cabriolet, den innovativen Stromer und einen smarten Mini-Mercedes

Zum Baby-Benz ist alles gesagt – das Jubiläum des sympathischen Stuttgarters hat in den vergangenen Monaten bereits viele Seiten landauf und landab in allen Oldtimer-Gazetten gefüllt.

Und doch gibt es da Geschichten, die noch nie erzählt wurden – von Typen, die vor langer Zeit mal höchst ernst genommen, dann als „Zeitungsenten“ gebrandmarkt und vergessen wurden. Hier also sind sie: Die Hintergründe zu drei nie in Serie gebauten Versuchsträgern, die zeigen, wie wandlungsfähig das Konzept des W201 war und wie erstaunlich modern diese Studien teilweise heute noch wirken.

 

DIE OFFENBARUNG BLIEB AUS: DAS 190 E CABRIOLET

2450  Kilometer zeigt der Zähler an. Irgendwelche glücklichen Menschen durften dieses Cabrio 2450 Kilometer weit bewegen. Im Handschuhfach liegt noch das Fahrtenbuch. Akribisch sind hier alle Touren mit dem Mercedes 190 E 2.6 Cabriolet vermerkt. Gefahren wurden sie 1990/91 mit Neu-Ulmer Kennzeichen. Viele besondere Vorkommnisse wurden nicht notiert. Es scheint, als sei dieser Prototyp erfolgreich  gelaufen.

Wenn man sich am und im Wagen umschaut, dann meint man in einem Serienfahrzeug zu sitzen. Jedenfalls kennt man Cabrios von Karosseriebauern, die wesentlich improvisierter wirken. Natürlich ist auch am Prototyp-Cabrio des 190ers hier und da eine Dichtung mal ziemlich abgesäbelt worden oder sind die Außenspiegel zum Rahmen hin mit einer Vergussmasse modelliert worden, die im Laufe der Jahre eingefallen und etwas rissig geworden ist.

Doch ansonsten? Die sehr knappe Rückbank in Leder hätte man sich genau so vorstellen können. Und das Stoffverdeck faltet sich problemlos auseinander und wieder zusammen. Lediglich mit dem Deckel fürs Verdeck muss man sich vorsehen: Er läuft Gefahr, bei jedem Öffnen den Kofferraumdeckel anzuschrammen. Die verlängerten Türen machen auf sich aufmerksam. Der Umbau ist gut gelungen, nur die Sacco-Bretter zeigen mit einer verräterischen Welle, dass sie mal kürzer waren und angestückelt wurden.

In der warmen Sonne streift das Licht milde über die Fahrzeugflanken. Die Linie wirkt besonders bei geöffnetem Verdeck wie aus einem Guss. Das Heck des 190er wirkt vielleicht etwa pummelig, doch da gibt es heute Klappcabrios, die höchstens der olle Rubens so prall und ausladend gezeichnet hätte. Der 190er als Cabrio? Ein Traum! Leider einer, der nie in Erfüllung ging.

Warum nur nicht? Trotz des Facelifts 1988 war klar, dass der Lebenszyklus des W201 nicht mehr allzulang dauern würde. Insofern kam das Cabriolet 1990 viel zu spät. Mercedes lernte aber am 190er, wie man’s macht, und übernahm viele Details beim Umbau des W124 zum Cabriolet. Das erschien 1992 und sollte noch lange im Programm bleiben. Der 190 E aber blieb zeitlebens eine Limousine mit vier Türen und durfte kein Cabrio, kein Coupé und kein T-Modell werden.

Schade. Wer im Cabrio Platz nimmt und nach dem Gurt greift, der will auch sofort am Zündschlüssel drehen. Im Motor ist noch das Einfahröl – zumindest laut dem Aufkleber auf dem Luftfilterdeckel. Der Reihen-Sechszylinder würde bestimmt sanft schnurren und jeden Fahrer bis ans Ende der Welt und wieder zurück bringen. Doch er darf nicht. Das 190 E 2.6 Cabriolet wird wieder im Magazin von Mercedes-Benz Classic verschwinden. Aber wer weiß: Vielleicht kehrt es demnächst ja doch noch mal auf die Straße zurück.

 

UNTER STROM: ELEKTRO-190ER MIT POWER

Dies gilt leider nicht für den 190er Elektro-Versuchswagen. Er kann nur noch hin- und hergeschoben werden, denn seine Natrium-Nickel-Chlorid-Batterien sind schon lange kaputt und entsorgt worden. Doch der rote Versuchswagen von damals ist noch da und erzählt seine Geschichte. Ganz untypisch für heutige Batterieautos hat dieser Elektro-Opa von 1990 noch ein Schaltgetriebe. Der Motor ist winzig und sitzt, über einen handgefertigten Aluminiumadapter mit dem Getriebe verbunden, ganz hinten im Motorraum.

Davor hockt die mächtige Regel-Elektronik. Der weiße Schuko-Stecker mit den Schmauchspuren zeugt von lichten Momenten an der Haushaltssteckdose. Über die Ladezeiten ist nicht so viel bekannt, wohl aber über einige Fahrwerte: 115 km/h und eine Reichweite von 80 Kilometern sind auch heute noch gute Werte. Allerdings war die Technik damals heikel. Die Hochtemperaturbatterien kamen im Betrieb auf bis zu 300 Grad Celsius. Außerdem konnte man 1990 die Crash-Sicherheit in Elektrofahrzeugen noch nicht so sehr berücksichtigen wie heute.

Im Innenraum wirkt dieser Baby-Benz erstaunlich perfekt. Ein paar Digitalanzeigen mehr, eine große schwarze Kiste statt des zweiten Rücksitzes. Dort drin wurde aber nicht die böse Schwiegermutter eingesperrt, sondern darin lagerte ein Teil der Batterien.

Bei 1575 Kilogramm Leergewicht (zum Vergleich: ein handelsüblicher 190er wog etwa 1200 Kilogramm leer) und allerhöchstens 42 PS Kurzzeit-Maximalleistung dürfte die Performance eher bescheiden gewesen sein. Dennoch: Der Batterieerprobungswagen auf Basis des 190ers ist ein ungewöhnlicher Baby-Benz, weitab von der Serie – und wohl auch für immer weitab von der Straße.

Die Straße ebenfalls wenig gesehen hat ein weiterer nie gebauter Baby-Benz. Er ist mehr „Baby“ als der uns bekannte 190er und dabei sogar noch etwas älter. Alles begann in den 70er-Jahren, als die Planungen zu einem kompakteren Mercedes-Modell für jüngere Kunden bereits weit gediehen waren. Die Mercedes-Techniker hatten lange getüftelt und die Raumlenker-Hinterachse geboren. Dieses fahraktive Spaßmacher-Teil könnte doch auch im Rallye-Sport für Furore sorgen, so damals die Überlegungen.

Aber der kommende W201 – das war bereits klar – wäre ein zu schweres Auto für diesen Zweck gewesen. Die radikale Idee der Ingenieure: Wir schneiden das Heck ab! So entstand ein Versuchsträger, der im Sommer 1981 zu ungewollter Berühmtheit  gelangte. Hans G. Lehmann, ein „Erlkönig-Fotograf“, schoss ihn mit seiner Kamera an der Daimler-Benz-Teststrecke in Stuttgart-Untertürkheim ab. Die AUTO ZEITUNG veröffentlichte die Bilder exklusiv auf dem Titel der Ausgabe vom 20. Juli 1981.

Der Redakteur hatte für die Recherche zu dieser „Story“ zum Hörer gegriffen und von Mercedes nur wachsweiche Antworten und Ausflüchte bekommen. So blieb Raum für Spekulationen. Mercedes blieb nichts anderes übrig, als in einer anderen Automobilzeitschrift die Dinge zurecht zu rücken – mit einem Monat Verspätung und allen Details.

Heute kann man über die damaligen Gefechte mit Tinte und Druckerschwärze durchaus lächeln. So weit weg waren die Spekulationen über einen noch kompakteren Benz als den erwarteten W201 nun wirklich nicht. Mit dem NAFA, dem Nahverkehrsfahrzeug, stellte Mercedes noch 1981 eine Studie für die innerstädtische Mobilität vor.

Doch mit dem Kurzheck-190er wurden eben andere Ziele verfolgt, Ziele, die schon bald nicht mehr so wichtig waren. Erst mit dem Smart und der A-Klasse drang Mercedes ins Segment der Kleinstwagen und Kompaktautos vor – Jahre später und unter ganz anderen Vorzeichen. Ein Kompaktfahrzeug mit Frontmotor und Heckantrieb hätte ohnehin unter raumökonomischen Gesichtspunkten kaum eine Chance gehabt gegen einen Golf, einen Kadett oder einen Alfasud.

 

AKKURATESSE IN DEN DETAILS DER PROTOTYPEN

Der Blick in den Versuchswagen von 1981 offenbart wieder einmal die Akkuratesse, mit der Mercedes Prototypen baute (und übrigens noch baut).  Das Armaturenbrett kommt dem der Serienexemplare des W201 nahe. Tür- und Haubenmaße sind exakt, die Sitze auf Serienstand. Der Kofferraum mit seiner niedrigen Ladekante hat eine ebene Ladefläche, die mit der Heckklappe abschließt. Hier ist jede Menge Platz für Einkäufe. Allerdings kann man auch nur zu zweit im Auto sitzen, dafür aber mit viel Platz und allen Annehmlichkeiten, die ein Mercedes so bietet. Die Feststellbremse ist eine Handbremse – wenig normal für einen Mercedes, aber eben wieder ein Detail des W201.

Ein Gag am Rande ist, wie Mercedes den Erlkönig damals „tarnte“: Bis heute besitzt er die Türgriffe des Golf I ab 1978. Und auf den Fotos von damals zieren Ford-Radkappen die Felgen und trägt der Prototyp Kölner Kennzeichen – so als sei hier ein Ford unterwegs gewesen und nicht ein Mercedes. Doch der Fan sieht schnell schon beim flüchtigen Blick aufs Heck: Das müsste doch eigentlich ein Mercedes T-Modell sein. Und genau das ist es auch – nur etwas kürzer geraten als erwartet.

Es steckte so viel Potenzial im 190er Benz. Doch er durfte zeitlebens nur eine Limousine sein.

Mercedes 190 E (W201) 2.6 CABRIOLET: Technische Daten und Fakten
Antrieb
R6-Zyl.; Hubraum: 2597 cm3; Leistung: 122 kW/166 PS bei 5800/min; max. Drehm.: 220 Nm bei 4600/min; geregelter Dreiwege-Kat; Vierstufen-Automatik; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Ganzstahlkarosserie, Cabrio mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Dämpferbeine, Dreieckslenker; hinten: Raumlenker-Hinterachse; v./h. Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: 205/55 ZR 15
Eckdaten
L/B/H: 4420/1678/– mm; Radstand: 2665 mm; Leergewicht: k.A.; Bauzeit: 1990; Stückzahl: 1 (Prototyp)
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h k.A.; Höchstgeschwindigkeit: k.A.; Verbrauch: k.A.
Alle Angaben: Mercedes-Benz Classic

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Mercedes 190 E (W201) Elektro-Fahrzeug: Technische Daten und Fakten
Antrieb
Permanentmagnetisch erregter Gleichstrom-Elektromotor; Leistung: 19 kW/26 PS Dauerleistung; 31 kW/42 PS Kurzzeitleistung; Natrium-Nickel-Chlorid-Batterie; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantr.
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Ganzstahlkkarosserie mit vier Türen; Radaufh. vorn: Dämpferbeine, Dreieckslenker; hinten: Raumlenker-HA; v./h. Schraubenf., Teleskopstoßd.; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: 185/65 HR 15
Eckdaten
L/B/H: 4420/1678/1387 mm; Radstand: 2665 mm; Leergew.: 1575 kg; Bauz.: 1990; Stückz.: wenige Prototypen
Fahrleistungen
Beschl.:0 auf 100 km/h k.A.; Höchstgeschwindigkeit: 115 km/h; Reichweite: ca. 80 km, bei 50 km/h: 175 km
Alle Ang.: MB Classic u. Broschüre „Elektroantriebe“ 1990

Mercedes 190 E (W201) Compact Car: Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zyl.; Hubraum: 1977 cm3; Leistung: 90 kW/122 PS bei 5100/min; max. Drehmoment:178 Nm bei 3500/min; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Ganzstahlkarosserie m. zwei Türen, Heckklappe; Radaufh. vorn: Dämpferbeine, Dreieckslenker; hinten: Raumlenker-HA; v./h. Schraubenfedern, Teleskopstoßdämpfer; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: 175/70 SR 14
Eckdaten
L/B/H: 3515/1675/1350 mm; Radstand: ca. 2250 mm; Gesamtgewicht: 1060 kg; Bauzeit: 1981; Stückz.: 1 (Prototyp)
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h k.A.; Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h; Verbrauch: k.A.
Alle Ang.: Mercedes-Benz Classic, Radstand: AZ 16/81

Thorsten Elbrigmann

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