Chevrolet Bel Air: Die Oldtimer-Ikone unter den US-Cars Sound Machine

26.09.2014

Mitte der 50er herrschte Umbruchstimmung in den USA. Der Wettlauf ins All tobte, Rock’n’Roll schuf ein neues Lebensgefühl, und Autos wie ein Chevrolet Bel Air standen hoch im Kurs

Mit dem Song „See the USA in a Chevrolet” landete US-Sängerin Dinah Shore 1952 nicht nur einen Ohrwurm, den Hunderttausende in Amerika mitträllerten, sondern übermittelte gleichzeitig auch eine deutliche Werbebotschaft für die Marke von General Motors:

 

Chevrolet Bel Air: Die Oldtimer-Ikone unter den US-Cars

Mit einem Chevy siehst Du jeden Winkel der USA , kommst überall hin, im schönsten aller Länder, hieß es sinngemäß. Dieses propagandistische Selbstbewusstsein resultierte aus der Tatsache, dass GM es binnen weniger Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft hatte, zum US-Marktführer zu avancieren.

Man hatte konsequent darauf gesetzt, dass gerade die breite Mittelschicht sich jetzt auch Autos leisten konnte und sich in Folge dessen der Gesamtabsatz auf dem US-Markt von weniger als 100.000 verkauften Autos bei Kriegsende auf mehr als 5,5 Millionen zu Beginn der 50er-Jahre gesteigert hatte.

Das Geschäft brummte auch in den Folgejahren, und die Wagen von General Motors waren gefragt. Für die obere Mittelklasse entstand 1953 der Bel Air der Serie 2400 C und mit ihm gleichzeitig das Topmodell von Chevrolet überhaupt. Ganz sachlich bewarb Chevrolet den Bel Air mit essentiellen Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Langlebigkeit, während die emotionale Ansprache der Kunden jedoch ganz vom Fahrzeug selbst ausging.

Werfen wir einen Blick ins Cockpit von Harald Hublers Bel Air, Jahrgang 1954, sind wie automatisch Big Joe Turner und „Shake, Rattle and Roll“ ebenso präsent wie „That’s All Right“, die Urmutter aller Rockabilly-Songs, mit dem der damalige Lkw-Fahrer Elvis Aaron Presley seine Weltkarriere zündete.

Allein die Farbgebung in Pueblo Tan, kombiniert mit dezentem Cremeweiß, ist eine Augenweide, auf der die satt verchromten Riffelblenden in bester Rock ’n’ Roll-Manier eher die Sprache einer Wurlitzer-Jukebox als die eines Armaturenbretts sprechen.

 

DER SECHSZYLINDER SERVIERT ROCK’N’ROLL FÜR PETROLHEADS

Musik liegt beim Chevy Bel Air aber nicht nur bei der Betrachtung des Innenraums in der Luft, sondern wird für den eingefleischten Petrolhead immer dann real, wenn er den Blue-Flame-Reihensechszylinder startet.

3859 Kubikzentimeter Hubvolumen werden von einem Rochester-Vergaser mit Frischgas versorgt, und heraus kommen neben einem sonoren, kernigaggressiven Sechszylinder-Sound 115 muntere Pferdestärken, die bei 3700 Umdrehungen pro Minute vollzählig zum Galopp antreten.

Die vergleichsweise niedrige Nenndrehzahl ist dabei zum einen der geringen Literleistung von gerademal 29,8 PS pro Liter Hubraum geschuldet, resultiert andererseits aber auch aus der betont langhubigen Auslegung des Aggregats, das bei 91,4 Millimetern Bohrung über stattliche 101 Millimeter Kolbenhub verfügt.

Mit reichlich Drehmoment von ganz unten gesegnet, schiebt der im Verhältnis 7,5:1 verdichtete Reihensechser den 1587 Kilogramm schweren Chevy Bel Air mit sanftem Nachdruck an.

Dabei passt die ganz auf Durchzug ausgelegte Charakteristik des wohlklingenden Blue-Flame-Triebwerks perfekt zum Anspruch des Bel Air und seiner Besatzung: Souveränes Cruisen, bei Bedarf mal einen soundgeschwängerter Zwischenspurt und ansonsten das Fahrgefühl nach dem Motto „Rocking and Rolling“.

Oldtimer-Enthusiast Hubler – der nebenbei noch eine ganze Horde alter Motorräder hegt, pflegt und natürlich fährt – kam eher zufällig auf den 1954er-Chevy: „Die alten Blechmodelle der Firma Marusan machten mich zunächst auf den Wagen aufmerksam. Von Anfang an gefielen mir die luxuriöse Chromausstattung des Wagens und der gewaltige Frontgrill“, erzählt er. Fündig wurde er schließlich bei Roger Fiedler in Dallas im US-Bundesstaat Oregon.

Dieser fuhr den Wagen zehn Jahre lang, nachdem er ihn von einem jungen Mann erworben hatte. Zuvor befand sich der Chevy lange Zeit im Besitz eines Ehepaars aus Bellingham im US-Bundesstaat Washington. „Aus dieser Zeit stammt auch die Neulackierung des Wagens“, erzählt Hubler weiter. Er erkundigte sich nach dem Zustand des Wagens und fand heraus:

„Roger hatte die Blue-Flame-Maschine grundlegend überholt. Auch das Interieur und die Bremsen wurden von ihm überarbeitet beziehungsweise erneuert. Dabei achtete er bei allen Arbeiten darauf, möglichst die Originalteile zu erhalten oder aber Defektes durch originale Parts zu ersetzen. Er hat den Wagen mit dem
überholten Motor in den vergangenen zehn Jahren dann rund 15.000 Meilen gefahren.“

Doch Papier und fernmündlich übermittelte Informationen sind bekanntlich geduldig, und so beauftrage Hubler das Unternehmen Berlin Motors mit der Vor-Verkauf-Inspektion vor Ort, der Kaufabwicklung und dem Transport nach Deutschland.

Von Dallas in Oregon ging es für den 54er-Chevy mit Kilometerstand 89.263 Meilen dann zunächst mit dem Autotransporter nach Los Angeles, wo er noch einmal seinen namensgebenden Stadtteil Bel Air im Vorbeifahren beschnuppern durfte.


LOS ANGELES’ STADTTEIL BEL AIR FUNGIERTE ALS NAMENSGEBER


Jener Stadtteil Bel Air am Rande der Santa Monica Mountains wurde bereits 1923 gegründet und etablierte sich als Nobelwohngegend. Große Grundstücke, luxuriöse Villen und omnipräsente Wachdienste bestimmen heute das Bild von Bel Air. Dort leben nicht einmal 10.000 Einwohner, und das Pro-Kopf-Einkommen liegt jenseits der 200.000-Dollar-Schwelle.

Kurzum: Bel Air symbolisiert heute wie bereits damals den wohlhabenden Bevölkerungsanteil Amerikas. Und dorthin passte der Chevy Bel Air durchaus. Mehr noch:

Mit dem Namen Bel Air stand der schmucke Chevy für Wohlstand wie Luxus gleichermaßen und zielte so ganz bewusst auf die heftig aufstrebende amerikanische Mittelschicht ab, die denn auch ohne zu zögern begeistert zugriff. Wer einen Bel Air fuhr, gehörte irgendwie dazu, dachten sich die Marketingstrategen wohl.

Nach diesem kleinen nomenklatorischen und gesellschaftlichen Exkurs zurück zum Namensnehmer: Hublers Bel Air wurde schließlich im Zollhafen von LA in einen Container verladen und per Zug nach Houston in Texas weitertransportiert. Von dort erfolgte die Fahrt an die Küste und die Verschiffung per „Sea Land Champion“ nach Bremerhaven.

In Deutschland angekommen, reiste der Chevy dann zur Oldschool Custom Works GmbH in Weinstadt im Remstal bei Stuttgart. Hier wurde schließlich die Umrüstung des Fahrzeugs für den deutschen Straßenverkehr vorgenommen, inklusive Vollgutachten und Oldtimer- Gutachten. Das war im April 2013, und seitdem
bewegt Hubler seine amerikanische Ikone vorzugsweise bei schönem Wetter und besucht gerne US-Car-Treffen.

Ein Hingucker ist der Bel Air dort allemal, nicht nur wegen seiner stilvollen, zweifarbigen Lackierung oder dem geradezu verschwenderisch hohen Einsatz von Chrom bei Frontpartie, Scheibenrahmen, Zierleisten oder Radlaufblenden. Vielmehr erinnert er auf typische Weise an jene Zeit, in der sich Amerika im Aufbruch befand – nicht nur musikalisch betrachtet.

Chevrolet Bel Air: Daten und Fakten
Antrieb
R6-Zylinder; längs eingebaut; 2-Ventiler; eine untenliegende Nockenwelle, Kettenantrieb; Gemischbildung: ein Rochester-Vergaser; Bohrung x Hub: 91,4 x 101 mm; Hubraum: 3859 cm3; Verdichtung: 7,5; Leistung: 85 kW/115 PS bei 3700/min; max. Drehm.: 262 Nm bei 2000/min; Dreigang-Getr.; Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit Rahmen und zwei Türen; Radaufhängung vorn: doppelte Dreiecklenker, Schraubenfedern; hinten: Starrachse mit Blattfedern; v./h. doppelt wirkende Stoßdämpfer; Schneckenlenkung; Bremsen: v./h. Trommeln; Reifen: v./h. 215/70 R 15; Stahlräder: v./h. 5,5 x 15
Eckdaten
L/B/H: 4990/1905/1650 mm; Radstand: 2921 mm; Spurweite v./h.: 1454/1506 mm; Leer-/Gesamtgewicht:1587/1606 kg; Tankinhalt: 60 l; Bauzeit: 1953 bis 1954; Stückzahl: 143.573; Preis (1954): 1835 US-Dollar
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 18 s; Höchstgeschwindigkeit: 145 km/h; Verbrauch: 18 l/100 km
1Werksangaben; Besitzer: Harald Hubler (www.hubler.de)


MARKTLAGE

Zustand 2:  28.400 Euro
Zustand 3:  16.500 Euro
Zustand 4:     7700 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Jürgen Gassebner

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