Auto-Geschichte: Plymouth Begrenzte Möglichkeiten

30.07.2012

Einst größer als Ford, unsterblich seit Stephen Kings "Christine“, dazu ein Name, der Patrioten in den USA mit Stolz erfüllt: Das ist Plymouth

Als 2001 die letzten Plymouth-Modelle vom Band rollten, da war nichts mehr übrig von jenem Giganten, der in den 1940er-Jahren mehrfach Ford in der Zulassungsstatistik überflügelt hatte. Mit dem Sportwagen Prowler und dem Kompaktwagen Neon, der außerhalb des US-Marktes nur noch als Chrysler oder Dodge angeboten wurde, endete die Geschichte der damals 73 Jahre alten Marke sang- und klanglos im Wirtschaftsabschwung – und im Geschiebe zwischen Daimler und Chrysler, die zusammengegangen waren und doch nicht miteinander konnten. Man sah keine Chance mehr für Plymouth. So begrenzt sein kann ein Weg im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Am Anfang dieses Weges, 1928, als Chrysler-Boss Walter P. Chrysler seine neue Marke ins Rennen um die Käufergunst schickte, sah alles ganz anders aus. Plymouth sollte im unteren Preissegment gegen Ford und Chevrolet die Segel setzen. Für einen starken Auftritt hatten sich die Chrysler-Gewaltigen beim Namen der Marke in der glorreichen Geschichte der USA bedient. Genauer: Bei den ersten Pilgervätern, die 1620 mit der „Mayflower“ dort landeten, wo heute der US-Staat Massachusetts liegt. Die erste Siedlung, die das Pilgervolk in seiner neuen Heimat errichtete, wurde nach jener englischen Stadt benannt, in der die Reise begonnen hatte: Plymouth.

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Das Schiff der Auswanderer im Logo sollte fortan Millionen von Amerikanern zu glücklichen Automobilisten machen. Die Werbebotschaft war klar: Mit einem Plymouth bekommt man was fürs Geld. Schon bald bot die Firma ein Autoradio an – früher als alle Mitbewerber. Mit fortschrittlicher Motoraufhängungstechnik trimmte man Vibrationen auf ein Minimum. Sechs Zylinder wurden schnell zum Standard und zu einem Markenzeichen von Plymouth. Nur vier Jahre nach dem Start, 1932, war Plymouth schon die Nummer drei auf dem Markt vor den GM-Rivalen Buick und Pontiac. 1934 lief der einmillionste Wagen vom Band, 1939 waren es schon stolze drei Millionen. Im Krieg ruhte die zivile Produktion zugunsten von Waffen und Panzern. Danach ging es zunächst mit Vorkriegsmodellen weiter. 1949 erschien dann mit dem Suburban-Kombi ein neues Fahrzeug – erstmals bei Plymouth mit einer komplett aus Stahl gefertigten Karosserie.

Ab 1953 lockte man die Neugierigen mit der ersten serienmäßigen Klimaanlage in die Autohäuser. Viele von ihnen stiegen gern ein und wurden Plymouth-Kunden. Gleich mehrfach konnte die Marke Ford bei den Produktionszahlen und Zulassungen überflügeln. Plymouth etablierte sich unter den „großen Drei“ in den Staaten – neben Chevrolet und Ford.

1964 feierte der Barracuda Premiere, der heute als erstes „kleines“ Muscle Car gilt; die Fans sagen dazu „Pony Car“. Ein schönes Auto, aber bei weitem nicht so erfolgreich wie etwa der nur Wochen später erschienene Ford Mustang, der dieser Auto-Gattung den Namen verlieh. Den Erfolg der Marke sicherte bis weit in die 70er-Jahre hinein der Plymouth Fury (Modelle I bis III und Sport). Apropos Fury: Dieses Auto wird Stephen-King-Fans wohl immer in Erinnerung bleiben, denn der Autor machte die Orgie in Chrom und Lack zum Star seines Bestsellers „Christine“. Das 57/58er-Modell des Fury war ein zweitüriges Coupé und immer in Hellelfenbein lackiert. Die charakteristische Zweifarb-Lackierung und vier Türen (wie im Buch beschrieben) hatte eigentlich der Plymouth Belvedere, doch die Furie (Fury) passte besser in die Story vom bösen, mordenden Straßenkreuzer.

Mitte der 70er-Jahre beschlossen die Chrysler- und Plymouth-Bosse eine Kooperation der amerikanischen Marke mit dem japanischen Mitsubishi-Konzern. Es entstanden zum Beispiel der Laser (Mitsubishi Eclipse) oder der Sapporo (Galant). Die Markenkernwerte wanderten nach und nach über Bord.

 

Früher der bezahlbare "American Dream", ging die Marke mit dem Schiff unter

Und weiteres Ungemach drohte: Die Ölkrise traf die US-Autoindustrie mit ihren Spritschluckern bis ins Mark. Die Umsätze brachen ein, Chrysler bekam vom Staat einen Kredit über eine Milliarde US-Dollar. Der ehemalige Ford-Manager Lee Iacocca übernahm das Ruder bei Chrysler und führte das Baukasten-Prinzip ein. Fortan regierte das „Badge Engineering“: Die Autos aus dem Konzern ähnelten sich immer mehr; sie bekamen einfach ein anderes Emblem aufgeklebt. Auch neue, wirklich eigenständige Modelle wie der Voyager als erster Van oder Retro-Mobile wie der PT Cruiser und der Prowler blieben nicht Plymouth vorbehalten.

So stellte sich irgendwann die Frage nach dem Sinn der Marke. 2001 gingen bei Plymouth die Lichter aus. 2007 aber tauchte unverhofft noch mal ein Klassiker in den Gazetten auf: In Tulsa/ Oklahoma wurde eine „Zeitkapsel“ geöffnet. 1957 hatte man vor dem Gerichtsgebäude einen 57er Plymouth Belvedere in eine – wie man dachte – wasserdichte Grube mit weiteren zeitgenössischen Beigaben versenkt. 50 Jahre später sollte der Wagen gehoben werden. Doch die Kapsel war voll Wasser gelaufen, der Plymouth unrettbar verloren – so wie die Marke selbst, die im stürmischen Meer der Automobilbranche verloren ging.
Thorsten Elbrigmann

AUTO ZEITUNG

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