Möchten Sie auf die mobile Seite wechseln?

JA NEIN

Audi Le Mans

Der Blade Runner

Gäbe es ein Remake des Science-Fiction-Klassikers, dann lenkte Blade Runner Harrison Ford ein Geschoss wie dieses. Die Studie Le Mans quattro führt die Marke Audi in ihr Raketenzeitalter

Eckdaten
PS-kW610 PS (449 kW)
AntriebAllradantrieb, permanent, 6 Gang sequentiell
0-100 km/h3.70 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit345 km/h
Preisk.A.

Der Allerwerteste der Welt hat einen lieblichen Namen: Willow Springs (zu deutsch "Weidenquellen") heißt das Kaff. Es liegt totenstill gut hundert Kilometer nördlich von Los Angeles in einer dürren Ebene am Rande der Mojave Wüste. Von ein paar kargen Hügeln im Westen fällt ein kalter Wind herunter. In der Nähe fertigt die US-Rüstungsindustrie Teile für ihren Stealth-Tarnkappenbomber. Der richtige Platz für Außerirdische, um unbemerkt zu landen, der richtige Platz für eine erste Ausfahrt mit dem Audi Le Mans quattro. Der ist nämlich auch nicht von dieser Welt. Audi gab dem Sportwagenprototypen einen zivilen Anstrich in "Jetblau" und gaukelt so ein wenig Normalität vor. In Mattschwarz sähe der Le Mans quattro aus wie ein Tarnkappenbomber auf Rädern. Das käme der Sache sehr viel näher. Mit den Autos, die Audi in Großserie baut, hat der Le Mans quattro nur das Monitordisplay des Bediensystems MMI gemeinsam. Der Rest ist Zukunftsmusik, von den LED-Scheinwer- fern bis zum Heckdiffusor am Unterboden. Dazwischen sitzt Rennwagentechnik. Der Biturbomotor mit Direkteinspritzung leitet sein Arbeitsprinzip direkt vom dreifachen Le Mans-Siegerwagen ab und rechtfertigt so den Namen der Studie. Im Leerlauf gibt er ein dunkles, hartes Wummern von sich. Etwas Gas genügt, und die Turbolader setzen ihn unter Druck. Wie bei einem Prototypen nicht anders zu erwarten, haben sich Motor und Kupplung noch nicht aneinander gewöhnt. Anfahren ohne Ruckelei ist unmöglich und macht klar, warum Formel-1-Wagen manchmal am Start stehen bleiben. Ab 2000/min nimmt der Zehnzylinder aber sauber Gas an und schiebt den Le Mans quattro vorwärts, als gelte es, am Ende der Start-Zielgeraden abzuheben. Ab 120 km/h fährt automatisch ein Spoiler aus, um das Heck zu stabilisieren. Audi hat eine theoretische Höchstgeschwindigkeit von 345 km/h errechnet, die wir aber nicht anpeilen dürfen, denn bei diesem Tempo würde die mit Plastillin geglättete "Tarnkappe" reißen. Mehr als ein kurzer Sprint bis in den dritten Gang ist auf der engen Teststrecke sowieso nicht drin. Die drei anderen Gänge bleiben dauerarbeitslos. Die negative Beschleunigung lässt sich dafür in vollen Zügen genießen. Mit 20-Zoll-Rädern und gigantischen Keramikbremsscheiben – 380 Millimeter Durchmesser vorn, 356 hinten – verbeißt sich der Le Mans quattro in den Asphalt wie ein Jet bei Schubumkehr. Viel Zeit zur Orientierung im Cockpit bleibt dem Piloten nicht. Er braucht sie auch nicht, denn Audis Interieurdesigner exerzierten hier die maximale Vereinfachung komplexer Funktionen. Mit einem Blick lässt sich alles erfassen. Es gibt kein Tastenschachbrett, keine Schalterleiste, eigentlich nicht einmal eine Mittelkonsole – nur eine schmale Säule, die das Hebelchen für den Rückwärtsgang sowie die Tasten für die elektronische Parkbremse und das ESP aufnimmt. Die Vorwärtsgänge und der Leerlauf werden über fest an der Lenksäule sitzende Wippen eingelegt. Unterhalb des Airbag-Pralltopfes sitzen vier farbig markierte Tasten, die sich die Designer offensichtlich bei Schumi abgeguckt haben. Mit ihnen lässt sich die Dämpferhärte verstellen, der Heckspoiler ausfahren, das Tempo automatisch auf 30, 50, 80 oder 110 km/h begrenzen und das gespeicherte Layout einer Trainingsstrecke einblenden. Ein umschaltbares Kombiinstrument neben dem Drehzahlmesser zeigt die aktuell relevanten Informationen an. Bedient wird es über eine kleine Steuereinheit rechts außen auf dem Getriebetunnel. Darüber findet sich, optisch fast freischwebend, das Reglertrio für die Einstellung von Klimaanlage und Gebläse. Das Ganze hüllt sich, nein, nicht in Leder und Karbon, eher in Kautschuk und Neopren. Die Oberflächen im Interieur könnte auch die NASA entwickelt haben. Der Lenkradkranz ist von einer Art Astronauten-Netzstrumpf überzogen – sehr griffig, sieht aber nach Cybersex aus. Das undefinierbare Bezugsmaterial der Sitzflächen schreit nach feuerfesten Rennoveralls, nicht nach handelsüblicher Freizeitkleidung. Von einigen Aluminiumteilen abgesehen, tragen alle großen Flächen eine mehrlagige, halb durchsichtige Sandwichhaut aus diversen Kunststoffen. Sicher ist das alles ultraleicht und passt gut zur Wasser und UV-Strahlung abweisenden Frontscheibe in Nanotechnologie. Eine tolle Sache – für Leute, die gerne Latexhandschuhe tragen. Bei einer Designstudie sind solche Experimente natürlich zulässig. Aber wenn Audi aus dem Le Mans quattro tatsächlich einen Seriensportwagen entwickelt, wäre etwas mehr Gemütlichkeit willkommen. So abwegig, wie es aussieht, ist der Gedanke an eine Fließbandfertigung ganz und gar nicht: In der Tat steht die Entscheidung unmittelbar bevor. Hebt der Vorstand den Daumen, könnte aus dem "Blade Runner" bis Anfang 2007 ein käufliches Lustobjekt werden. Dann wird nicht mehr von einer 610 PS starken Sci-Fi-Rakete die Rede sein, sondern von einem Straßensportwagen so alltagstauglich wie ein Porsche 911 Carrera, aber etwas stärker und deutlich schneller. Bis dahin müssen die Entwickler nur noch das typische Problem lösen, mit dem alle Mittelmotorautos kämpfen: Es gibt keinen Kofferraum. Die Gepäckmulde unter der Fronthaube reicht kaum für ein Beautycase. Nur für das Wesentliche traf Audi bereits Vorsorge: Der Platz hinter den umklappbaren Schalensitzen wird für zwei Golfbags reichen.

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Audi Le Mans

PS/KW 610/449

0-100 km/h in 3.70s

Allradantrieb, permanent, 6 Gang sequentiell

Spitze 345 km/h

Preis k.A.