Ford GT40 MkII Die Le Mans-Legende

05.07.2011

1966 siegte Ford beim wichtigsten Sportwagen-Rennen der Welt. Wir fuhren einen jener Ford GT40 MkII, die Ferraris Vorherrschaft brachen

Bei den meisten aufregenden Autos, die mir gelegentlich anvertraut werden, warte ich ungeduldig darauf, dass ich endlich losfahren kann. Mit dem Ford GT40 MkII aber verhält es sich heute anders – zu groß ist allein die Vorfreude. Die Chassisnummer XGT-2 weist diesen Wagen als exakt jenen Le Mans-Prototypen aus, mit dem der zweifache Formel-1-Weltmeister Graham Hill 1966 den französischen Langstreckenklassiker anführte. Am Ende siegten damals Bruce McLaren und Chris Amon in einem weiteren GT40 – und sicherten Ford den ersten Le Mans-Triumph. Heute fahre ich selbst einen der acht MkII, die an jenem Tag im Juni 1966 an den Start gingen – und das ist für mich ein großer Moment.

Ich schlüpfe in die Rolle des Le Mans-Piloten, nicht nur für den Fotografen. Ich will mit diesem brillant restaurierten Rennwagen jeden Moment auskosten und jene Zeit so authentisch wie möglich nachleben. Selbst meine Fahrerausrüstung – Overall, Handschuhe, Mundschutz, Brille und offener Helm – sind zeitgenössisch. Und heute Morgen habe ich sogar noch weiße Streifen an meinen alten Bell-Helm geklebt, damit er nun jenem ähnelt, den Hill damals trug. Mark Allin und sein Team von Precision Auto in Massachusetts haben dieses Auto in den Originalzustand versetzt. Und ich darf es nun gleich bewegen.

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Zeit zum Einsteigen: Im Vergleich zu den damaligen Rivalen von Ferrari und Porsche fühlt sich der Fahrer im Ford MkII sofort wohl. Für einen Rennwagen überzeugt er mit herausragender Ergonomie: Der Schalthebel rechts ist ebenso perfekt positioniert wie das Dreispeichen-Lederlenkrad. Der Blick auf die Anzeigen ist frei. Alles wirkt durchdacht. Und tatsächlich überließ Ford beim dritten Anlauf zum erhofften Le Mans-Sieg 1966 nichts dem Zufall. Die Vorbereitung erreichte in Bezug auf Forschung, Entwicklung und Tests fast NASA-Niveau.

Ich kenne den Verlauf der 24-Stunden von Le Mans 1966 sehr genau. Und während ich im Cockpit sitzend von der hochstehenden Sonne langsam geröstet werde, macht die Aura dieses Autos die Erinnerungen plötzlich sehr lebendig. Ich schließe vorsichtig die Fahrertür, dann übe ich das Anschnallen. Ford-Teamchef Leo Beeb hatte seine Fahrer angewiesen, die Gurte nach der damals noch obligatorischen Sprinteinlage zum Auto sofort zu schließen. Wenn niemand zusähe, würde ich jetzt den klassischen Le Mans-Start versuchen: kurzer Anlauf, ins Auto springen, Tür zuziehen, ein Druck auf den Starterknopf – und dann unter Zurücklassung von zwei langen, schwarzen Gummispuren davonfahren. Genau wie es Graham Hill damals von der sechsten Startposition aus getan hatte.

Der Formel-1-Star griff sofort an, als Firmenchef Henry Ford als Ehrenstarter um 16 Uhr die französische Flagge senkte und damit das Rennen frei gab. Am Ende der ersten Runde führte Hill klar im Auto mit der Startnummer sieben. Und das mächtige Drehmoment des 7,0-Liter-V8-Motors beschleunigte den Ford Taurus SHOunwiderstehlich über die berühmte Mulsanne-Gerade. Bei den Le Mans-Vortests hatte Ken Miles in einem MkII hier 326 km/h erreicht. Hill machte zu Beginn des Rennens die Pace – und gemeinsam mit seinem Teampartner Brian Muir blieb er an der Spitze, bis kleinere Schwierigkeiten – inklusive eines Reifenschadens – unplanmäßige Boxenstopps erforderten. Als am frühen Abend Regen einsetzte, kostete Chaos an der Ford-Box weitere Zeit. Und schließlich, kurz vor Mitternacht, musste Graham Hill seinen Wagen mit gebrochener Radaufhängung abstellen – Ausfall.

Nach diesem frustrierenden Ende des Le Mans-Einsatzes ging Chassis Nummer XGT-2 als Ausstellungsfahrzeug zu Shelby in die USA und wurde danach für zwei Jahre eingemottet. Ein zweites Leben begann 1968, als der GT40 nach dem Gruppe 4-Reglement für Malcolm Guthrie neu aufgebaut und mit einem kleineren Gurney- Weslake Boss 302 V8-Triebwerk ausgestattet wurde. Der mächtige 7,0-Liter-Motor durfte nicht weiter verwendet werden, weil die Regularien nun einen maximalen Hubraum von 5.000 cm3 vorsahen. Schließlich erhielt der Wagen sogar eine andere Chassisnummer: Aus XGT-2 wurde P/10009 – diese Nummer gehörte ursprünglich zu einem älteren GT40, der bei einem Unfall zerstört worden war.

 

Ford GT40 MkII: Le-Mans-Comeback

1969 war der Wagen also unter neuer Identität wieder in Le Mans am Start. Doch erneut hatte der GT40 kein Glück: Frank Gardner wurde in jenen Feuerunfall verwickelt, der Porsche-Pilot John Woolfe das Leben kostete. Während Gardner durch die Flammen fuhr, beschädigten umherfliegende Teile den Kühler. Momente wie dieser sind Teil der Historie des XGT-2 – und die dramatischen Bilder tauchen in meinen Gedanken auf, während ich still in der wachsende Hitze des Cockpits sitze. Nach einer weiteren harten Rennsaison landete der Ford GT40 1970 bei einem Sammler, der ihn 2007 wieder verkaufte. Und erst jetzt wurde er aufwändig bei Precision Auto restauriert. Am Ende der zweijährigen Arbeit präsentiert sich der Wagen technisch und optisch wieder so wie beim ersten Le Mans-Start 1966.

Nun ist es endlich Zeit, den 485 PS starken 7,0-Liter-Bigblock-Motor zu zünden. Das Triebwerk röhrt – und während sich das Motoröl erwärmt, steigt auch die Hitze im Cockpit weiter. Ich lasse es vorsichtig angehen auf den ersten Runden, während mein Blick ständig die Anzeigen vor mir kontrolliert. Speziell Öl- und Wassertemperatur behalte ich an diesem feucht-heißen Tag im Auge. Ich beginne unter dem Helm zu schwitzen, mein Mund hinter der Gesichtsmaske ist staubtrocken. Ich lasse die Muskeln des Ford GT40 etwas mehr spielen – und bin beeindruckt von der Leichtigkeit der Gangwechsel. Das Karkraft T44-Getriebe ist ein seltenes und sehr teures Bauteil. Doch eigentlich braucht man dank des unfassbaren Drehmoments dieses V8-Triebwerks kaum zu schalten.

Der Motor liefert genügend Durchzug, um problemlos aus gemächlichem Landstraßentempo auf 320 km/h zu beschleunigen. Als ich aus einer schnellen Linkskurve auf die folgende Gerade einbiege, marschiert dieser Ford mit unglaublichem Schub voran. Die Wahrnehmung der Geschwindigkeit ist trügerisch, denn der Motor liefert seine Leistung völlig unangestrengt. Und obwohl es keinen Tachometer gibt, weiß man, dass der Speed fast erschreckend hoch ist. Trotzdem vermittelt der Ford GT40 ein Gefühl der Sicherheit. „Man konnte den MkII so abstimmen, dass er kontrolliert übersteuerte“, erinnert sich Chris Amon, der Le Mans-Sieger von 1966. „Wenn man aber im Regen von der Linie abkam, war es so, als ob man die Kontrolle über einen Truck verlor – der Wagen hörte gar nicht wieder damit auf, sich zu drehen.“

Meine letzte Runde in diesem Ford beginnt – und ein weiteres Detail an diesem Wagen fasziniert mich: der Scheibenwischer. Er ist fast identisch mit jenem, den Boing bei der 707 verwendete. Rund 100 Mal in der Minute wischt er im Ernstfall über die Scheibe. Doch heute ist es trocken. Nur ich bin verschwitzt, als ich den GT40 wieder abstelle. Ford hatte mit diesem Auto endgültig die Vorherrschaft von Ferrari in Le Mans gebrochen. Und dies mit einem Wagen, der gänzlich anders war als die Konstruktionen aus Maranello. Chris Amon, der 1967 zur Scuderia wechselte, verglich damals den Ferrari P4 mit dem GT40: „Es fühlt sich an, als ob man ein echtes Vollblut reitet – nachdem man vorher mit einem Kaltblüter unterwegs war.“ Henry Ford dürfte dieser Vergleich nicht sonderlich gefreut haben. Für Ford-Fans aber gibt es ohnehin keinen Zweifel: Der GT40 MkII ist der ultimative Sport-Prototyp der 60er-Jahre.
Mick Walsh

TECHNIK
 

Ford GT40 MkII
Motor/Getriebe V8-Zylinder, 2-Ventiler
Hubraum 6997cm3
Leistung bei 357kW / 485PS
6200 /min
Max. Drehmoment 644 Nm bei 4000/min
Aufbau und Fahrwerk Stahlmonocoque mit
Hilfsrahmen; rundum: Doppelquerlenker,
Federn, Dämpfer, Stabi.
Bremsen rundum: innenbel. Scheiben
L/B/H 4140/1778/1029 mm
Radstand 2413 mm
Höchstgeschwindigkeit ca. 330 km/h
Baujahr 1966
 

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