Faszination Käfer - 60 Jahre VW Cabrios Frischluft fürs Volk

28.04.2010

Seit 60 Jahren gibt es Cabrios von VW. Was liegt näher, als dort auf Jubiläums-Tour zu gehen, wo der Wind gewöhnlich am stärksten bläst. Herbst-Impressionen von der Insel Sylt

Strahlender Sonnenschein, wolkenloser Himmel, moderate 14 Grad und eine leichte Brise aus West-Nordwest empfangen uns am Flughafen Westerland – selbst im Herbst kann sich Deutschlands nördlichstes Eiland von seiner meteorologischen Schokoladenseite zeigen. Gute Bedingungen also für unsere bevorstehende Cabrio-Tour, denn am Start stehen ebenso wertvolle wie seltene Pretiosen der Wolfsburger Cabrio-Tradition, die über Jahrzehnte größtenteils an den Werkbänken und Fließbändern von Karmann gepflegt wurde.

Schließlich war es der Osnabrücker Karossier, der die meisten offenen Volkswagen im Auftrag der Wolfsburger fertigte. Doch egal ob Golf Cabrio, Karmann Ghia Cabrio oder Eos – mit einem offenen VW assoziieren die meisten das Käfer Cabrio, dessen Serienproduktion im September 1949 begann und nach 331 847 Exemplaren am 10. Januar 1980 endete. Keine Frage, eines davon muss mit.

UNTERWEGS INS GESTERN
Luftgekühlt, heckgetrieben und in originalem „inca metallic“ lackiert, stammt unser Exemplar dem Baujahr 1958. Ein dünnes Zweispeichenlenkrad, ein spinnenbeindürrer Schalthebel, das blecherne Armaturenbrett mit durchgängiger Chromleiste, die definitiv aus Metall und nicht aus Plastik besteht, stimmen auf ein außerordentlich puristisches Fahrerlebnis ein, in dem es weder für Sicherheitsgurte und Kopfstützen noch Airbags oder ESP Platz gibt.

Im Heck warten 30 luftgekühlte PS auf den Kampf gegen die Fahrwiderstände und auf eine Reise in die Vergangenheit. Obwohl das 2003 vorgestellte New Beetle Cabrio als Retroversion des offenen Käfers gilt, könnte die in der milden Nachmittagssonne glänzende Neuinterpretation des Cabrio-Themas kaum gegensätzlicher sein: Aus dem in Mexiko gefertigten, freundlich dreinblickenden Rundling zauberte die Wolfsburger Ideen-Schmiede „VW Individual“ zu Studienzwecken eine besonders potente Version, das RSI Cabrio.

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Weil der New Beetle auf dem Golf IV basiert, lag der Griff in dessen gut sortiertes Teileregal nahe. Mit dem Ergebnis, dass sich der 3,2-Liter-VR6-Zylinder des Golf R32 mit 241 PS unter der Haube unseres Frischluft-Beetles wiederfi ndet und im Verbund mit dem Fahrwerk des geschlossenen RSI je nach Bedarf fürs Reisen oder Sprinten taugt – auch wenn der Beetle auf den Allradantrieb des Golf verzichten muss.

Das fahrfähige Unikat zieren wuchtige Front- und Heckschürzen außen. Belederte Schalensitze, Komfort-Accessoires wie Windschott oder Klimaanlage, die Airbag-Armada, ESP oder der Überschlagschutz zeigen, dass Autofahren heute von der Mobilität der 50er inzwischen so weit entfernt ist wie ein Ackerschlepper von Nordschleifen-Tauglichkeit. Dass das New Beetle RSI Cabrio überhaupt für eine Ausfahrt zur Verfügung steht, ist aufmerksamen VW-Mitarbeitern zu verdanken, die es vor der drohenden Verschrottung gerettet haben.

AUS WIND WIRD STURM

Cabriotechnisch rollt der New Beetle voll auf der Höhe der Zeit: Die weit nach hinten gezogene Frontscheibe hält den Fahrtwind bei moderaten Tempi – etwa auf dem schnurgeraden Landstraßenstück zwischen Rantum und Hörnum – weitgehend von der Frisur fern, die Sitzheizung lässt die Insassen auch auffrischenden herbstlichen Böen trotzen. Die 241 PS braucht man zum Offenfahren ebensowenig wie Champagner zum Durstlöschen, sie fühlen sich aber genauso prickelnd an. Wird die volle Leistung abgerufen, wandelt sich der Fahrtwind zum Orkan, und der Fahrer kommt in den Genuss eines herrlich komponierten bassigen Auspuffsounds.

Dann fliegt die Landschaft im Zeitraffer vorbei, schärft die Sinne das fahrdynamische Erlebnis. Das Fahrwerk, die Bremsen und die Sohlen vom Typ Michelin Pilot Sport im Format 235/40 ZR 18 bieten für alle Fälle ein Querbeschleunigungs- und Verzögerungspotenzial, mit dem man sich auch gern dem Rausch der Rundstrecke hingeben mag. Hier auf Sylt aber können wir dies nicht ansatzweise ausschöpfen. Zum Autowandern reicht es allemal, wenngleich die zweitklassige Landstraße nördlich von Süderheidetal daran erinnert, dass die sportliche Feder-Dämpfer-Abstimmung des Beetle naturgemäß nur begrenzten Komfort bietet.

Ganz im Gegensatz dazu verhält sich das Käfer Cabrio, das hier mit einer besonders schluckfreudigen Federung auffällt. Auf dem Weg nach List nehmen Wind und Bewölkung deutlich zu, während die Temperatur stetig sinkt. Anhalten zum Verdeckschließen. Das geht Gott sei Dank elektrisch, nur der Verriegelungshebel muss manuell betätigt werden. Da verlangt das Käfer Cabrio deutlich mehr Aufmerksamkeit: Persenning abknöpfen, Verdeckgestänge entriegeln, Dach vorklappen, die beiden Fanghaken im oberen Windschutzscheibenrahmen einhaken und verriegeln. Dann pfeift der Wind während der Fahrt vernehmlich um den winzigen Außenspiegel und die von massiven Chromrahmen eingefassten vorderen Dreiecksfenster, wogegen die Insassen des New Beetle RSI Cabrio relative Ruhe genießen.

MENSCH ALS MASCHINIST
Am nächsten Tag locken uns die milde Herbstsonne und der blaue Himmel. Während die Einspritzanlage den VR6 im New Beetle auf Touren bringt, benötigt das 58er Käfer Cabrio einen Choke. Dann nimmt der Boxer nach wenigen Anlasserumdrehungen, begleitet vom Heulen des Lüfterrads, seine Arbeit auf. Schalten, blinken oder das käfertypisch zurückfedernde Bremspedal werden akustisch begleitet von „Klacks“, „Klicks“ und „Klongs“ und machen Mechanikfühl- und hörbar.

Hier ist der Mensch noch Maschinist, dem ein eigenes Fahrgefühl geboten wird, der aber auch Gefühl fürs Fahren mitbringen muss. Die Seitenwindempfindlichkeit zum Beispiel will mit behutsamem Gegenlenken pariert werden, und die 30 PS muss der Pilot mit Verstand einsetzen. 112 km/h Spitze sind drin, doch 80 km/h reichen als angenehmes Reisetempo. Die Beschleunigung liegt auf Linienbus-Niveau.

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So findet man im Umgang mit diesem Cabrio auch Gefallen an der Entschleunigung, zumal der Wind bei geöffnetem Verdeck deutlich kräftiger am Haupthaar zerrt als im New Beetle Cabrio. Apropos: Auch die Verzögerung verlangt vorausschauendes Verkehrsteilnehmen, denn die Bremswirkung, die die vier Trommeln im Verbund mit den Diagonalreifen erzielen, fühlt sich eher an wie Zurückschalten. So hat man Zeit, sich auf die Natur einzulassen. Umso besser, weil die Saison unverkennbar zu Ende ist: lichte Parkplatzreihen vor dem In-Treff Sansibar – einfach wunderbar.

Die Zahl der Flaniertouristen im Nobelort Kampen? Überschaubar. Strandkörbe? Aufgereiht zum Abtransport ins Winterquartier. Ansonsten nur Möwengeschrei, der Duft salziger Meeresluft, das Rauschen des Windes, gemischt mit dem sonoren Klang des Käfer-Boxers und dem satten Brabbeln des VR6 im New Beetle Cabrio RSI. Einheimische erzählen, wie die Nordsee bei jeder Sturmflut ein Stück der Insel erobert. Das Eiland scheint vergänglich – doch die Cabrio-Eindrücke unserer Jubiläumstour bleiben. Elmar Siepen

Käfer Cabrio New Beetle RSI Cabrio
ANTRIEB
Vierzylinder-Boxer, 2-Ventiler
Hubraum: 1192 cm3
30 PS (22 kW) bei
3400 /min
77 Newtonmeter bei
2000 /min
Hinterradantrieb

ANTRIEB
VR6-Zylinder
Hubraum: 3189 cm3
241 PS (177 kW) bei
6250 /min.
320 Newtonmeter bei
2800 /min
Vorderradantrieb

AUFBAU + FAHRWERK
zweitürige Cabrio-Karosserie
auf Plattformrahmen, mechanisch
betätigtes Stoffverdeck
vorn: Kurbellenkerachse,
Drehstabfedern, Stoßdämpfer
hinten: Pendelachse, Drehstabfedern,
Stoßdämpfer
Bremsen: rundum Trommeln
Felgen: 4 x 15
Bereifung: 5.60-15 PR
  

AUFBAU + FAHRWERK
zweitürige Cabrio-Karosserie,
selbsttragend, elektrisch
betätigtes Stoffverdeck
vorn: McPherson-Federbeine,
Querlenker, Stabilisator
hinten: Koppellenkerachse,
Federn, Dämpfer; ESP
Bremsen: rundum innenbel.
Scheiben; ABS, Bremsassistent
Felgen: 9 x 18
Bereifung: 235/40 ZR 18

ECKDATEN
L/B/H: 4070 / 1540 / 1500
Radstand: 2400 mm
Leergewicht: 810 kg
0 - 100 km/h: 38 s
Höchstgeschw.: 112 km/h
Leergewicht: 810 kg
Preis: 5990 Mark (3063 Euro)

ECKDATEN
L/B/H: 4100/1810/1502
Radstand: 2513 mm
Leergewicht: k. A.
0 - 100 km/h: ca. 7,0 s
Höchstgeschw.: ca. 220 km/h
Preis: k. A.        
 

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