Gutbrod Superior 700 E: Fahrbericht K(l)ein Traumwagen

20.06.2015

Der Gutbrod Superior war kein Traumwagen. Aber er war für den Durchschnittsbürger erreichbar. Fahrbericht

Der Begegnung mit einem alten Fahrzeug wohnt oft ein Zauber inne – besonders, wenn dieses aus einer Zeit stammt, die man selbst nur aus Erzählungen und Büchern kennt.

An den Gutbrod Superior als Neuwagen beispielsweise können sich nur Menschen erinnern, die vor Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurden. Alle anderen müssen versuchen, sich vorzustellen, wie das so war in den Fünfzigern. Als wir Deutsche uns einerseits mitten in der sogenannten Prosperitätsphase befanden (vulgo: Wirtschaftswunder), andererseits aber trotzdem viele Dinge nicht leisten konnten.

Zu der Zeit war es noch nicht lange her, dass sich Damen von Hand mit Kohlestift Striche auf die Waden malten, damit es so aussah, als hätten sie Nylonstrümpfe an. Mobilität bedeutete für den Normalbürger Motorrad fahren. Wer ein eigenes Auto besaß, war schon ein Aufsteiger.

 

Technisch seiner Zeit voraus

Diese Einordnung tut Not, wenn man sich im Jahr 2014 ohne Häme dem Gutbrod Superior nähern will. Auf den ersten Blick könnte das Gefährt ansonsten als schlechter Scherz auf Rädern durchgehen. Ein fahrbarer Untersatz, der mit einfachen Mitteln die Illusion eines echten Autos erweckt.

Traumwagen jedenfalls sahen schon damals anders aus, zum Beispiel wie ein Cadillac Sixty Special: Fünfeinhalb Meter Länge, 5,7-Liter-V8 bei knapp zwei Tonnen Leergewicht – das war ein Auto! Der Gutbrod Superior dagegen wog etwa 750 Kilogramm, zaghaft in Bewegung gesetzt durch ein Zweizylinder-Zweitakt-Motörchen mit 663 Kubikzentimetern Hubraum und 30 PS.

Und doch: In der Konstruktion steckte eine Menge Gehirnschmalz, und die Besitzer des Superior waren ganz überwiegend außergewöhnlich begeistert von ihrem Wagen und empfanden „jede Kritik daran als persönliche Beleidigung“, wie ein Testbericht aus dem Jahre 1953 dokumentiert. Besonders die Gemischbildung des Superior-Antriebs ist eine Erwähnung wert.

Während bei unserem Fotomodell vorn im Motorabteil ein Vergaser Benzin mit Luft vermischt, hatten die Versionen 2Z60WE und 2Z70WE eine Benzindirekteinspritzung. Von diesen Modellen dürften allerdings nur noch zwei Exemplare existieren. Die Direkteinspritzung war Anfang der Fünfziger schon Stand der Technik – aber nur in Flugzeugmotoren. Bei der Entwicklung für den Betrieb in einem Automobil war der deutsche Ingenieur Hans Scherenberg federführend.

Was heute selbst bei der Daimler AG viele nicht mehr wissen: Scherenberg war zuvor in der Versuchsabteilung von Daimler-Benz beschäftigt und kehrte nach dem Untergang von Gutbrod in Plochingen am Neckar als Konstruktionschef auch dorthin zurück.

Als wir eine kleine Ausfahrt mit dem extrem weich gefederten Superior wagen, umweht uns sogleich eine dicke blaue Wolke aus Zweitakt-Abgasen. Schon die kleinsten Kurvenradien versetzen die dünnwandige Blechkarosserie in Wallung wie Rock’n’Roll einen Pettycoat.

Kein Wunder, vor 60 Jahren waren längst nicht alle Straßen asphaltiert, und auf Schotterpisten mit tiefen Schlaglöchern war man dankbar für den hohen Fahrkomfort der Pendelachse.

Als wir uns indes für ein kurzes Stück Weg zur nächsten Tankstelle mit Zweitaktgemisch auf die Autobahn wagen, müssen wir erfahren, dass kleine Autos heute keine Lobby mehr haben, vor allem, wenn sie langsam unterwegs sind.

Während wir mit Tempo 70 über die rechte Spur zuckeln, laufen von hinten haushohe 40-Tonner auf. Ein unschönes Gefühl.

 

DIE HÄNDLER BEKAMEN FÜR DIE KUNDEN EINEN HINHALTEBRIEF

Wie sehnsüchtig der Superior seinerzeit erwartet wurde, geht aus einem Buch hervor, dass den kleinindustriellen Fahrzeugbau in Württemberg beschreibt, Titel „Neben den Großen“.

Autor Otfried Jaus zufolge war das Publikumsinteresse schon vor dem Verkaufsstart so groß, dass die Gutbrod-Händler per Rundschreiben einen „Hinhaltebrief“ für ihre Kunden übermittelt bekamen. Bis dahin war die Marke bekannt für ihre Motorräder mit Namen wir Feuergeist, Hexe oder Langhub sowie für dreirädrige Lieferwagen.

Zunächst lief der Verkauf der Gutbrod-Modelle vielversprechend an. Doch dann brachen die Absatzzahlen ein, und Gutbrod musste die Preise senken.

Zuletzt wurde noch ein viersitziger Superior entwickelt und auch zugelassen, doch er kam zu spät: Schon im September 1953 musste der Hersteller Insolvenz anmelden. Für den großen Auftritt wählte der kleine Mann von nun an andere Marken.

Gutbrod Superior 700 E (Bj.: 1952-54): Technische Daten und Fakten
Antrieb
2-Zyl.-Zweitakter; Benzindirekteinspritzung; Hubraum: 663 cm3; Leistung: 22 kW/30 PS bei 4300/min; max.
Drehm.: 49 Nm bei 3500/min; Dreigang-Getr.; Vorderradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Stahlblechkarosserie mit zwei Türen und Zentralrohrrahmen; Radaufhängung: rundum Schwingachsen, Querlenker,
Schraubenfedern, Teleskopdämpfer; Bremsen: Perrot-Vierradbremse mit autom. Bremsausgleich; Reifen: 4.80-15
Eckdaten
L/B/H: 3560/1490/1365 mm; Radstand: 2000 mm; Leergewicht: ca. 750 kg; Bauzeit: 1952 bis 1954; Stückzahl: ca. 300 (Direkteinspritzer); Preis (1953): 5725 Mark
Fahrleistungen1
Beschleun. 0-90 km/h: ca. 26 Sek.; Höchstgeschwindigkeit: 115 km/h; Verbrauch: 5,8 l 2T/100 km
1Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2:  16.200 Euro
Zustand 3:  11.400 Euro
Zustand 4:     5000 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

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