Gutbrod/Cisitalia/Rometsch/Beutler: Classic Cars Vier vergessene Klassiker auf Tour

25.12.2016

Eine Ausfahrt mit vier Altstars aus den Fünfzigern, die man nur noch sehr selten sieht. Kein Wunder: Gutbrod, Cisitalia, Rometsch und Beutler existieren schon lange nicht mehr.

Oldtimerfahren ist wie ein Zeitreise – die Oldtimer sind die Zeitmaschinen. Du setzt dich hinter das Lenkrad, schließt die Tür und siehst die Welt plötzlich mit anderen Augen. Bei einem Youngtimer aus den Neunzigern ist dieser Effekt noch vergleichsweise schwach. Aber in einem mehr als 60 Jahre alten Auto ist plötzlich nichts mehr selbstverständlich von alldem, was wir heute mit Autofahren verbinden, abgesehen davon, dass die Reifen rund sind und das Gaspedal unten rechts liegt. Die Bremsen, die Schaltung, die Sitzposition, alles wirkt antiquiert oder zumindest total ungewohnt – es sei denn, man hat noch eigene Erinnerungen an die Zeit, als Adenauer Bundeskanzler war und Hildegard Knef die Sünderin im Kino. Viele Marken aus dieser Zeit sind verschwunden. Gloria Filterzigaretten zum Beispiel, oder Saba Stereoanlagen und Röhrenfernseher von Nordmende. Auch im Automobilbau einst klangvolle Namen gingen unter. Umso größer ist deshalb das Staunen, wenn dann und wann doch noch einmal ein Rometsch, ein Beutler, ein Gutbrod oder ein Cisitalia den Weg kreuzt. Dass aber vier Fahrzeuge dieser schon in den Fünfzigerjahren seltenen Marken zusammen auf eine Ausfahrt gehen, grenzt schon an eine Sensation. Möglich gemacht hat diese Zeitreise die Autostadt, der Erlebnispark rund um das Thema Mobilität in Wolfsburg. Zum Konzept gehört die Präsentation von Meilensteinen der Automobilgeschichte – weshalb die Betreiber im so genannten Zeithaus und in einem nicht öffentlichen Depot hunderte seltener und spannender Fabrikate sammeln und pfl egen. Für unsere Ausfahrt stellte die Autostadt ein Rometsch Beeskow Cabriolet zur Verfügung, einen Beutler Volkswagen Pick-up, einen Gutbrod Superior 700E und einen Cisitalia 202 GS. Alle vier Oldtimer wurden zwischen 1950 und 1953 gebaut. Und alle vier Marken existieren nicht mehr.

Beeindruckende Oldtimer-Sammlung:

 

 

Unterwegs mit einem historischen Quartett

Das Quartett repräsentiert einen Querschnitt des damaligen Angebots. Die meisten Autos waren praktisch-preiswert (Beutler, Gutbrod), einige wenige elegant (Rometsch) oder sportlich (Cisitalia). Im Fall des 52er Rometsch Beeskow aus der Autostadt fallen die beiden letztgenannten Eigenschaften sogar zusammen. Das ist erwähnenswert, weil die in Berlin in Kleinserie gefertigten Autos ursprünglich als ausgesprochen lahm galten. Denn unter dem schicken Alu-Blechkleid mit dem aus rein optischen Gründen verlängerten Heck trugen sie die Motorisierung des 30-PS-Käfers. Nicht so unser Fotomodell: Es verfügt über einen 1500er Boxer aus dem Porsche 356 mit exakt doppelt so viel Leistung. Derart gerüstet, macht das Flanieren im Beeskow Cabrio natürlich auch doppelt so viel Spaß. Vorausgesetzt, man freundet sich mit dem unsynchronisierten Getriebe an und fährt so vorausschauend, wie es die Bremse erfordert. Jeder Schaltvorgang erfordert Geduld und Gefühl, Runterschalten in den Zweiten ist kaum ohne ein zünftiges Krachen zu bewerkstelligen. Umsteigen in den Cisitalia 202 GS. Vom Design her, das von Batista Pinin Farina stammt, könnte man ihn für einen Mini-Ferrari halten. Der heisere Sound beim Anlassen, nachdem man den Taktstock links hinter dem Lenkrad nach vorn gedrückt hat, ist nicht minder betörend. Große Namen und legendäre Erfolge spuken durch den Kopf. Tazio Nuvolari zum Beispiel, der gemeinsam mit drei weiteren Werksfahrern die Marke Cisitalia bei der Mille Miglia 1947 berühmt machte. Die Fahrer trotzten damals dramatischen Unwettern und kämpften sich auf der mörderischen Route Brescia-Rom-Brescia bis zur Erschöpfung auf die vordersten Plätze vor. Von da an wusste in Italien jedes Kind, wofür der Name stand, nämlich für Compagnia Industriale Sportiva Italiana. Hinter den Kulissen zogen übrigens Carlo Abarth als Sportchef und als Techniker der von Porsche kommende Rudolf Hruska die Fäden. Den ersten Versuchen, dem ultraleichten Sportler – je nach Ausführung wiegt der 202 zwischen 650 und 800 Kilo – die Sporen zu geben, folgt schnell die Ernüchterung.

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Der Superior hat eine Direkteinspritzung

Dann taucht weiter vorne ein seltsames Gefährt auf. Von hinten sieht es aus wie ein Käfer, auf den eine Europalette gefallen ist. Ein Eindruck, der sich bei genauerem Hinsehen als gar nicht so falsch herausstellt: Der Beutler Volkswagen Pick-up ist nichts anderes als ein Standardkäfer, dem man die hintere Dachhälfte weggeschnitten hat zugunsten einer hölzernen Ladepritsche. Zwei Eisenrohre stützen die Konstruktion auf Stoßstangenhöhe ab. Diese verwegene Idee setzten die Gebrüder Beutler im schweizerischen Thun 1950 um in dem Bestreben, erschwingliche Lastentransporter anzubieten. Wie viele Exemplare in der Folgezeit entstanden, ist nicht exakt überliefert. Viel mehr als zehn dürften es aber kaum gewesen sein. Angeblich kann der kuriose Käfer 380 Kilogramm schultern. Allerdings dürfte es dann eher schlecht um die ohnehin nicht gerade spektakuläre Längsdynamik bestellt sein. Immerhin darf sich der Fahrer im Cockpit an allerlei hübschen Chrom-Details aus dem Export-Käfer erfreuen. Obendrein fährt der Beutler-VW erstaunlich gut, will heißen: Er bremst ordentlich, lässt sich einfach schalten und gibt selbst einem Greenhorn am Zweispeichen-Lenkrad keine Rätsel in der Bedienung auf. Schließlich laufen wir auf den knatternden Gutbrod auf. Von einer dicken blauen Wolke aus Zweitaktabgasen umweht, rollt er am Straßenrand aus. Anscheinend hat der an sich so innovative Motor der Version – er gilt als der erste Direkteinspritzer in einem Pkw – Probleme, Gas anzunehmen. Wir versuchen trotzdem unser Glück und tauschen den putzigen Zweisitzer gegen unseren Pick-up ein. Extrem weich ist der Gutbrod gefedert. Schon die kleinsten Kurvenradien versetzen seine dünnwandige Blechkarosserie in Wallung wie Rock’n’Roll einen Pettycoat. Kein Wunder, vor 60 Jahren waren längst nicht alle Straßen asphaltiert, und auf Schotterpisten mit tiefen Schlaglöchern war man dankbar für den hohen Fahrkomfort der Pendelachse. Die Benzindirekteinspritzung war Anfang der Fünfziger schon Stand der Technik – allerdings nur in Flugzeugmotoren. Bei der Entwicklung für den Betrieb in einem Automobil war der Ingenieur Hans Scherenberg federführend, der zuvor in der Versuchsabteilung von Daimler-Benz beschäftigt war. Doch jetzt will der kleine Gutbrod partout nicht mehr. Irgendwas im Motor ist vielleicht verstopft, wer weiß. Autofahren war vor 60 Jahren eben noch ein echtes Abenteuer.

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