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VW Karmann-Ghia Typ 34 & Opel GT 1900: Vergleich, Bilder und Daten

Vergiss den Alltag

Opel und VW bauten nicht nur reine Vernunftautos. Anfang der 60er-Jahre bedienten sie auch die aufkommende Freizeitkultur – auf je ganz eigene Weise. Vergleich

Als das Hazy Osterwald-Sextett 1961 „Geh’n Sie mit der Konjunktur“ trällerte, waren die Schlagersänger reichlich spät dran. Der Geruch der allgegenwärtigen Steckrübensuppe war längst verflogen, und der Pfennig musste nicht mehr dreimal umgedreht werden. Der deutsche Bundesbürger hatte sich schon für einen Käfer, Kadett oder vielleicht sogar ein Cabrio entschieden – je nachdem, wie viel Geld das Wirtschaftswunder bereits in die einst leeren Taschen gespült hatte.

Wer zudem noch Pinke-Pinke für den Freizeitspaß besaß, der fand das passende Spielzeug auf dem VW-Stand der IAA 1961. Mit dem Typ 3 präsentierten die Wolfsburger nicht nur ihre erste Mittelklasse-Limousine, sondern zeigten vis-a-vis eine Coupé-Version. Der bei Karmann in Osnabrück gefertigte Typ 34 sorgte mit dem gewagten Design der „Carozzeria Ghia“ für Aufsehen. Seine markanten Gürtellinien-Kanten erinnerten an den Chevrolet Corvair. Sie laufen bis in die Fahrzeugfront über die vier Scheinwerfer und lassen das Coupé elegant-streng wirken. Eine mutige Design-Entscheidung, wobei das Trapezdach über großen Fensterflächen wiederum absolut modisch war.

KRAFT IM GT, ELEGANZ IM TYP 34

Seinerzeit  beliebte Stilmerkmale zeigen sich auch im Innenraum. Schwarzes Kunstleder umgibt das Holzfurnier des Armaturenbretts mit den großen Rundinstrumenten. Weiche Sessel und ein großes Zweispeichen-Lenkrad mit Hupenhalbring lassen  den  großen  Karmann  als kommoden Gleiter erscheinen. Bei so viel stilvoller Eleganz mussten sich die Opelaner etwas anderes einfallen lassen. Die Antwort ließ zwar auf sich warten, fiel dafür umso lauter aus. 1968 kam der Opel GT auf den Markt. Der Werbeslogan versprach: „Nur Fliegen ist schöner.“ Kerniger formulierten es die Tester der AUTO ZEITUNG: „Ein konsequent gebauter Sportwagen, ein harter Spaß für harte Männer.“ Auch die Kundschaft war überzeugt: 103.000 Mal verkaufte sich der Opel GT insgesamt bis zu seinem Produktionsende im Jahr 1973.

Das GT-Design war dem Coke-Bottle-Stil des amerikanischen Sportwagens Corvette C3 nachempfunden. Dennoch war der GT keine schnöde Kopie, sondern versprühte einen eigenen Charme. Deutlich schlanker und zugleich mit geschmeidigerer Linie wirkt der Opel sportlich-elegant. Auch die zentral angeordneten Endrohre sind eher dezent als Protzerei. Der GT erinnert an eine wohlgeformte und dennoch zierliche Dame, die auch im Detail viel Wert auf ihr Äußeres legt. Was nicht zuletzt an den großen Kulleraugen liegt, die der GT mit einem Ruck am Hebel hinter dem Schaltknüppel aufschlägt. Doch wussten schon die AZ-Tester: „Wer schön fahren will muss leiden.“ Sie attestierten dem GT eine sehr tiefe Sitzposition und einen schon fast gefährlich großen toten Winkel. Da hilft nur ein Blick nach vorne: Das kleine Holzlenkrad mit gebürsteten Metallstreben steht demonstrativ vor der Brust. Dahinter ver-sprechen zwei große Rundinstrumente schöne Zeiten: Links reicht der Drehzahlmesser bis 7000 Umdrehungen, rechts steht am Ende der Tachoskala eine 240. Öldruck-, Temperatur- und Tankanzeige liegen ebenfalls im Blickfeld.

Unter der Fronthaube mit ihrem auffälligen Powerdome werkelt der bekannte 1,9-Liter-Motor aus dem Rekord C, der im GT 90 PS an die Hinterachse liefert. Und diese machen bei einem Leergewicht von unter einer Tonne richtig Spaß. In scharf gefahrenen Kurven ist am kleinen Lenkrad zwar reichlich Kraft vonnöten, doch lässt sich der rote Blitz mit geringem Lenkeinschlag präzise durch Kurven manövrieren. Auf einer geraden Landstraße zieht er mühelos an Sonntagsfahrern vorbei, und man fragt sich dabei, wie viel Spaß solche Überholmanöver zu Zeiten der 34 bis 50 PS starken Käfer gemacht haben müssen. Bei diesem Gedanken wird einem erst bewusst, dass 1969 auch der Typ 34 Opfer eines rasant vorbeiziehenden GT gewesen sein könnte.

Denn wie bei VW bis dahin üblich, steckt auch im Karmann ein luftgekühlter Vierzylinder-Boxermotor. Flankiert von zwei Fallstromvergasern leistet das 1,6-Liter-Triebwerk solide 54 PS. Damit ist der Typ 34 keineswegs untermotorisiert, obwohl er im Vergleich zum GT gut doppelt so lange für den Standardsprint von null auf 100 km/h benötigt. Das könnte der Grund dafür gewesen sein, weshalb ihn Spötter „Hausfrauen-Porsche“ oder „Sekretärinnen-Ferrari“ nannten. Sollen sie doch gesagt haben, was sie wollen! Der Fahrkomfort ist jedenfalls prima. Sanft federt der Typ 34 über den Asphalt und bügelt Unebenheiten in Verbindung mit den großen 15-Zoll-Rädern geschmeidig weg. Dank seiner modernen Schräglenker-Hinterachse gibt es auch am unproblematischen Fahrverhalten nichts zu meckern. Der VW Typ 34 stand für entspanntes Dahingleiten. Wer am Wochenende auf bergigen Pässen Fahrspaß haben wollte, griff lieber zum Opel GT. Auch heute noch kann man dem Hazy Osterwald-Sextett nur beipflichten: „Geh’n Sie mit auf diese Tour.“

VW Karmann-Ghia Typ 34 und Opel GT 1900 im Video:


>> Technische Daten und Marktlage

Michael Gorissen