Chevy Chevelle vs. Mercedes 300 SEL 3.5: Vergleich Cowboy gegen S-Klasse

04.01.2014

Seltene Begegnung zweier ungleicher Achtzylinder-Limousinen: Kann eine Chevrolet Chevelle dem Mercedes 300 SEL 3.5 das Wasser reichen?

Höher, schneller, weiter: So könnte man das Jahr 1969 zusammenfassen. Boeing  lässt zum ersten Mal seine 747 aufsteigen. Die Franzosen starten ihre Concorde. Und dann hüpft auch noch Neil Armstrong auf den Mond. Wow. Da passt es rückblickend irgendwie sogar ganz gut, dass damals in einem Kaff bei Köln auch noch ein gewisser Michael Schumacher geboren wird.

Wer sich in Deutschland ein dickes Auto leisten kann, ist bei Mercedes an der richtigen Adresse. 1969 bauen die Schwaben zum erstmals ihren 3,5-Liter-V8 in die  S-Klasse ein. Der ist nicht ganz so abgehoben teuer wie der 6,3er, bietet aber respekteinflößende 200 PS für mehr als 200 km/h Spitze. Besonders Prestige-bewusste und Manager, die gerne hinten sitzen, ordern den um zehn Zentimeter verlängerten SEL. „3,5 Liter? Wie mickrig!“ Hätte ein Autofahrer aus den USA seinerzeit miterlebt, mit welchem Oberschicht-Dünkel manch deutscher S-Klasse-Fahrer seinen Stern aus der Garage fuhr – er hätte sich lässig ein Chewinggum zwischen die Zähne geschoben und wäre müde lächelnd in seinem Chevy von dannen gewummert.

Denn bei den Herstellern auf der anderen Seite des Atlantiks waren längst ganz andere Hubraumdimensionen erreicht. In den beliebten Super-Sport-Ausführungen des Mittelklasse-Modells Chevelle zum Beispiel tanzten die Kolben der V8-Motoren in fünf, sechs oder sogar mehr als sieben Liter großen Verbrennungssälen Rock’n‘ Roll. Allerdings kam dabei nicht automatisch mehr Leistung heraus. Zumindest von der Power her waren eine Chevelle mit 307 Cubicinch (rund fünf Liter) großem Basis-V8 und die 3,5-Liter-S-Klasse gleichauf. Nur trafen sie hierzulande praktisch nie aufeinander, weil Chevrolet die Deutschen damals nicht im Fokus hatte.

Die Chevelle auf diesen Seiten, zumal mit vier Türen, dürfte ein seltenes Exemplar diesseits des großen Teiches sein. So ist es ein recht kurioses Vergnügen, nach mehr als 40 Jahren von dem einem aufs andere Dickschiff umsteigen zu dürfen. Die Unterschiede könnten kaum größer sein: Hier das arrivierte Repräsentationsgefährt mit faszinierendem Finish und modernster Technik; dort die ausladende, aber im Vergleich deutlich einfacher gestrickte Smallblock-Limousine für den Cowboy von nebenan. Deutsches Schwermetall mit Luftfederung gegen amerikanische Stangenware mit Starrachse. Unsere Chevelle ist die  Luxusversion Malibu mit blauer Innenausstattung. Man sitzt auf einem vinylbezogenen Polstersofa mit dem Sitzkomfort einer Hängematte.

Außer der etwas lieblos aufgeklebten Holzdesign-Fotofolie  in der Mitte des Zweispeichen-Lenkrades ist an Schmuckelementen kaum etwas zu finden. Offenbar hat sich der Käufer mit der Liste für Sonderausstattungen nicht lange aufgehalten. Wie sich kurze Zeit später herausstellt, gilt das auch für die Bremsanlage. Anstelle optionaler Scheibenbremsen versuchen Trommelbremsen rundum, die Fuhre zum Stehen zu bringen. Erstaunlicherweise geht das sogar ganz gut. Man muss nur aufs Pedal treten wie ein Ochse. Lenken dagegen ist kinderleicht. Und Gasgeben macht richtig Laune, solange die Straße geradeaus führt. Denn in Kurven erlaubt sich die Chevelle gerne den Spaß, den Fahrer mit abenteuerlichen Wankbewegungen zu verschaukeln.

 

DER MERCEDES GLEITET LUFTGEFEDERT DAHIN

Das kann ein W109-Benz natürlich besser. Vorausgesetzt, sein komplexes Federsystem aus Druckluftbehälter, Kompressor, Ventilen und Federbälgen ist nach all der Zeit noch dicht. Unser SEL-Fotomodell  gleitet mit seinem vibrationsarmen V8 sanft durch die Lande – und zieht zumindest in langen Kurven  auch zielstrebig seine Bahn, wenn man sich mit dem typischen Lenkungsspiel einmal angefreundet hat. Die Scheibenbremsen packen kraftvoll zu.

Die Viergang-Automatik dagegen hätten wir lieber gegen ein Schaltgetriebe eingetauscht. Denn obwohl Mercedes damals bewusst auf einen Wandler verzichtete und man folglich stets deutlich spürt, in welchem Gang man fährt, wirkt der Motor etwas in seiner Drehfreudigkeit gehemmt. Trotzdem hätte sich ein deutscher  Benz-Fahrer natürlich nie von einem Cowboy im Chevy abhängen lassen. Wenn er ihm denn jemals an einer Ampel begegnet wäre.

Chevrolet Chevelle: Daten und Fakten
Antrieb
V8-Zylinder, vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; zentrale Nockenwelle, Kettenantrieb; Gemischbildung: Fallstromvergaser; Bohrung x Hub: 98,4 x 82,6 mm; Hubraum: 5025 cm3; Verdichtung: 9,0:1; Leistung: 147 kW/200 PS bei 4600/min; maximales Drehmoment: 300 Nm bei 2400/min; Dreigang-Automatik; Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Stabilisator, Schraubenfedern; hinten: Starrachse, Schraubenfedern; v./h. Stoßdämpfer; Kugelumlauf-Servolenkung; Bremsen: rundum Trommeln;
Reifen: 215/75 R 14, Räder: 7,35 x 14
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in k.A.; Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h; Verbrauch: ca. 21,0 l / 100 km
Eckdaten
L/B/H: 5050/1950/1420 mm; Radstand: 2947 mm; Spurweite v./h.: 1499/1499 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1510/1950 kg; Tankinhalt: 76 l; Bauzeit: 1968 bis 1972; Stückzahl: 2.085.0002 ; Preis (1969): 2657 US-Dollar (ca. 25.000 Mark)
¹ Werksangaben; 2 Gesamtzahl 2. Generation; Stückzahl Chevelle Malibu 307 Cui im Jahr 1968: 233.200


MARKTLAGE

Zustand 2: 22.000 Euro
Zustand 3: 15.400 Euro
Zustand 4:    6600 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend

Mercedes 300 SEL 3.5: Daten und Fakten
Antrieb
V8-Zylinder, vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; je eine obenliegende Nockenwelle pro Zyl.-Bank, Kettenantrieb; Gemischbildung: elektronische Benzineinspritzung Bosch D-Jetronic; Bohrung x Hub: 92,0 x 65,8 mm; Hubraum: 3499
cm3; Verdichtung: 9,5:1; Leistung: 147 kW/200 PS bei 5800/min; max. Drehmoment: 287 Nm bei 4000/min; Viergang-Automatik; Mittelschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr.Ganzstahlkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung vorn: Doppel-querlenker, Stabilisator; hinten: Pendelachse, Stabi.; rundum Luftfederung; Kugelumlauf-Servolenkung; Bremsen: rundum Scheiben; Reifen: 185 VR 14, Räder: 6 x 14
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 8,9 s; Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h; Verbrauch: 16,9 l / 100 km
Eckdaten
L/B/H: 5000/1810/1410 mm; Radstand: 2850 mm; Spurweite v./h.: 1482/1485 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1760/2170 kg; Tankinhalt: 82 l; Bauzeit: 1969 bis 1972; Stückzahl: 9583; Preis (1970): 29.637 Mark
¹ Messwerte aus AZ 5/1971 zum 280 SE 3.5 Schaltgetr.


MARKTLAGE

Zustand 2: 26.400 Euro
Zustand 3: 14.100 Euro
Zustand 4:    6500 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Nur mal angenommen, man stünde vor diesen beiden Autos und könnte sich nicht recht für eines entscheiden. Dann hilft vielleicht ein Blick in den heimischen Kleiderschrank. Hängen dort Jeans, Westerngürtel und Cowboyjacke? Dann bitte die Chevelle nehmen. Und dann am besten einen Blick in die Kleinanzeigen werfen, ob jemand einen passenden Bigblock zu verkaufen hat. Denn nur mit dem zaubert der Chevy die stilechten schwarzen Streifen auf den Asphalt. Der Basis-V8 ist eher was zum gemütlichen Cruisen. Zu Nadelstreifen und Krawatte muss es dagegen der Mercedes-Benz sein. Seine Verarbeitungsqualität, seine Perfektion waren einmal Weltspitzenklasse. Das spürt man beim Hinsehen und erst recht beim Fahren. Aber wehe, die komplexe Luftfederung ist nicht mehr in Ordnung. Dann wird es schnell teuer. Sie können sich immer noch nicht entscheiden? Dann machen Sie es doch einfach wie Classic Cars-Leser Erwin Keller aus Fürstenfeldbruck: Er hat sich schon vor Jahren beide Autos zugelegt

Gerrit Reichel

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