Allrad Pick-ups: VW Amarok und Lamborghini LM 002 Aus einem Stall

11.07.2011

VW Amarok und Lamborghini LM 002 sind beide Pick-ups und stammen aus demselben Konzern. Und doch sie sind extrem unterschiedlich

Als der Lamborghini LM 002 sein Debüt auf dem Genfer Salon 1986 feierte, ahnte noch niemand, dass Sant’Agata Bolognese, der verschlafene Ort in der Emilia Romagna, einst von Wolfsburg „eingemeindet“ werden würde. Seit 1998 gehört die italienische Edelschmiede nun aber schon zum Weltkonzern VW, der vergangenes Jahr erneut mit einem Allrad-Pick-up für Aufsehen gesorgt hat.

Neben dem Karosserie-Konzept haben die zwei Wagen offenkundig wenig Gemeinsamkeiten – außer, dass man sie mit dem Begriff „lasterhaft“ durchaus passend beschreiben kann. Der VW Amarok, ein Spross der Nutzfahrzeug-Sparte, ist ein kreuzbraves, robustes Arbeitstier und per Definition ein echter Lastkraftwagen. Der schon seinerzeit sündhaft teure und ungeheuerlich stark motorisierte LM 002 hingegen frönt dem exaltierten Spiel- und Jagdtrieb einiger, meist arabischer, Millionäre, womit sich der Kreis – im übertragenen Wortsinne – wieder schließt.

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Wer einen heißblütigen Sprinter erwartet, weil der Lambo von einem standesgemäßen V12 befeuert wird, sieht sich möglicherweise enttäuscht: Die Optik und der Klang des aus dem Countach entliehenen 5,2-Liter-Triebwerks begeistern, aber Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit können heute kaum noch beeindrucken. In den 80ern sah das freilich noch anders aus. Da galt ein Range Rover mit 3,5-Liter-V8 und 163 PS als üppig motorisiert, dessen Spitze von 170 km/h hatte Referenz-Status. Daneben sah der monströse Lambo mit 450 PS, der in weniger als zehn Sekunden auf 100 sprintet und 201 km/h erreicht, aus wie ein Auto aus einer anderen Welt. Heute jedoch pulverisiert etwa ein aktueller Porsche Cayenne Turbo solche Werte.

Doch an Bord des LM 002 fühlt sich das Ganze mindestens doppelt so rasant an, wie es ist: Kein ESP bändigt den Koloss im Grenzbereich. Der Geradeauslauf ist schlichtweg kriminell. Bremst man auf ausgefahrenen Landstraßen ab, schlingert der 4x4-Gigant locker einen halben Meter weit um die gedachte Ideallinie. Bremst man nicht, tut er es trotzdem. Außerdem leiden Lenkpräzision und Agilität unter den schwammigen 345er-Sandreifen und dem trotz Kunststoff-Karosserie enormen Gewicht von 2,7 Tonnen. Ganz nebenbei sei noch erwähnt, dass Fahrer und Beifahrer eng an die Tür gequetscht sitzen. Das flach stehende und sehr dicht an den Armaturen montierte Lenkrad sowie die winzigen Außenspiegel erschweren den Umgang zusätzlich.

Das Getriebe schaltet entweder ohne Kraftaufwand – oder gar nicht. Und: Nein, die Tankuhr ist nicht defekt, der Verbrauch ist wirklich so abartig hoch. Doch all diese Unzulänglichkeiten, die es heute kaum mehr gibt, machen die Fahrt zum unvergleichlichen Erlebnis und erinnern uns auf jedem Meter daran, dass der Lamborghini LM 002 eigentlich konstruiert wurde, um in der Wüste maximale Performance zu bringen. Außerdem ist er heute mehr denn je eine automobile Rarität: Lediglich 301 Autos wurden bis 1992 produziert.

PICK-UP: PRINZIPBEDINGTE COOLNESS
Der VW Amarok zählt im Straßenbild ebenfalls noch zu den seltenen Anblicken, doch soll er weltweit ein gewichtiges Wörtchen mitreden im lukrativen Leicht-Lkw-Business. Er dokumentiert zudem anschaulich, wie modern das rustikale Pick-up-Konzept heute ausgelegt werden kann. Einerseits hat er jene Coolness, die allen Pick-ups gemein ist. Doch zugleich tritt er nicht nur als raubeiniger und ungehobelter Arbeiter an, sondern schmeichelt seinen Insassen mit guten Manieren, ordentlichem Sitzkomfort, einem ansehnlichen Platzangebot und guter Ausstattung – ganz so, wie man es von einem Volkswagen erwartet. Er bringt die praktischen Tugenden eines robusten Kleinlasters mit dem Qualitäts- und Komfortniveau der Marke perfekt in Einklang. Und darüber hinaus erfreut der scheinbar so freudlos-nützlich konstruierte Niedersachse mit einem präzisen Handling und munteren Fahrleistungen.

Letztere verdankt der VW Amarok dem gleich von zwei Turboladern unter Druck gesetzten 2.0 TDI, der stramme 163 PS mobilisiert. Damit fühlt er sich im direkten Vergleich keinen Deut schlechter motorisiert an als der scheinbar übermächtige Lamborghini, zumal sich die volle Leistung des VW jederzeit problem- und gefahrlos abrufen und einsetzen lässt. Dank permanenten Allradantriebs und elektronischer Helferlein macht der Pritschenwagen stets genau das, was er soll. Wer noch mehr Offroad-Power will, greift zum Modell mit zuschaltbarem Allrad und Mittensperre. Der Charme des VW Amarok ist zwar etwas spröde, doch muss man auch ihn fairerweise an seinesgleichen messen. Und verglichen mit den meisten anderen Pick-ups ist der Amarok schlichtweg konkurrenzlos.

Auch im VW fühlt sich die Straße immer eine Spur mehr nach Abenteuer und Individualität an als an Bord der meisten SUV oder Crossover, die einem derben Rodeo-Ritt über Stock und Stein oft gar nicht gewachsen wären. Der Amarok schon: Er strahlt glaubhaft den Nimbus des harten Kerls aus, der seinen Fahrer treu wie ein Hund durch dick und dünn begleitet. Schade, dass Lamborghini keine Offroader mehr baut: Solide VW-Technik, gemixt mit extremer Lambo-Power – das wäre die perfekte Basis für eine neue 4x4-Ikone.
Martin Urbanke

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TECHNIK
   

Lamborghini LM 002
VW Amarok
Motor/Getriebe V12-Zylinder, 4-Ventiler 4-Zylinder, 4-Ventiler, Bi-Turbo
Hubraum 5167 cm³ 1968 cm³
Leistung
bei
331kW / 450 PS
6800 / min
120 kW / 163 PS
4000 / min
Max. Drehmoment 500 Nm bei 4500/min 400 Nm bei
1500 - 2000 / min
Getriebe Fünfgang-Getriebe, manuell; Reduktion;
Allrad, zuschaltbar, drei Sperrdifferenziale
Sechsgang-Getriebe, manuell;
Allrad, permanent mit Torsen-Differenzial, Sperrdifferenzial hinten (optional)
 
Aufbau und Fahrwerk Gitterrohrrahmen, Karosserie aus Alu und
Kunststoff (GfK);
Fahrwerk v./h.: Einzelradaufhängung, Dreiecksquerlenker,
federn, Dämpfer, Stabi.
Leiterrahmen, Stahlblechkarosserie;
Fahrwerk
v.: Doppelquerl., Federn, Dämpfer, Stabi.;
h.: Starrachse, Blattfedern,
Dämpfer, ESP
 
Reifen v./h.: 345 / 60 VR 17 v./h.: 245 / 70 R 16 T
Bremsen v.: Scheiben
h.: Trommeln
v.: Scheiben
h.: Trommeln
L/B/H 4900 / 2000 / 1850 mm 5254 / 1944 / 1834 mm
Radstand 3000 mm 3095 mm
Leergewicht 2700 kg 1958 kg
Zuladung 800 kg 862 kg
Anhängelast (gebr.) 3500 kg 2800 kg
0 - 100 km/h 7,8 s 11,1 s
Höchstgeschwindigkeit 201 km/h 181 km/h
Verbrauch 30 l S / 100 km 7,9 l D / 100 km
Tankvolumen 2 x 95 l 80 l
Grundpreis 220.000 Mark (1988) 30.845 Euro
 

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