Volvo 780 Bertone Coupé im Fahrbericht Volvo 780 Bertone Coupé

16.06.2011

Exklusive Coupés haben bei Volvo eine große Tradition. Der 780 von Bertone ist ein besonders seltenes Exemplar

Die Marke Volvo stand in Deutschland lange Zeit in erster Linie für Kombis: meist sehr geräumige, kantige Kisten, die viel Nutzwert und Sicherheit boten. Ihren Käufern wurde nachgesagt, dass sie nicht unbedingt jedem Trend des Zeitgeists folgen wollten. Dabei können die Schweden auch anders: Seit 50 Jahren legen sie immer wieder sehr elegante Coupés auf Kiel. Was 1961 mit dem P 1800 angefing, findet heute seine Fortsetzung im Blechdach-Cabrio C70, schlägt sich aber auch in den coupéhaften Linien des Volvo S60 nieder.

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In den Jahrzehnten dazwischen interpretierte Volvo das Thema sportlicher Zweitürer manchmal recht eigenwillig, etwa beim legendären Schneewittchensarg P 1800 ES oder beim 262 C, der an eine gechoppte Diesellokomotive erinnerte. Ebenfalls zu den raren Preziosen aus der Schatzkammer der Schweden gehört der Volvo 780, der von 1985 bis 1990 gefertigt wurde. Wie schon der Vorgänger 262 C, so wurde auch dieses Coupé bei Bertone in Italien entworfen und gebaut. Doch während das Topmodell der Serie 262/264 nur eine modifizierte Karosserie erhalten hatte, bekamen die Turiner beim Nachfolger mehr Freiheiten. Der 780 hatte mit der Limousine 760 kein einziges Blechteil mehr gemein.

 

Volvo 780: Schwedisches Topmodell 

Auch beim Interieur durften sich die italienischen Designer austoben – schließlich sollte das Coupé Volvos Top-Modell in der Oberklasse darstellen: Elektrisch einstellbare, zweifarbige Ledersitze, Wurzelholzeinlagen in den Türen sowie auf dem Armaturenbrett, Klimaanlage und eine Musikanlage mit 120-Watt-Verstärker waren Serie. Das macht Sammlern wie Matthias Röwer aus Oering in Schleswig-Holstein noch heute das Leben schwer: Für den 780 können sie bis auf Motor und Fahrwerk kaum Ersatzteile aus der stärker verbreiteten Limousine verwenden.

Weiteres Problem bei der Ersatzteilversorgung: Der 780 wurde offiziell nie in Deutschland angeboten. Da er mit bis zu 100.000 Mark rund doppelt so teuer war wie ein Volvo 760 GLE, rechneten sich die Schweden hierzulande keine Marktchancen aus. So wurde das Coupé nur in Italien, Schweden, der Schweiz und Spanien verkauft, die meisten der 8518 gebauten Exemplare gingen aber in die USA.

Von dort stammt auch der von uns gefahrene Volvo 780, Baujahr 1989, der mit der Topmotorisierung, einem 2,9 Liter großen V6-Benziner samt Vierstufen-Automatik und geregeltem Katalysator ausgestattet ist. 1991 kam das Auto als Gebrauchtwagen nach Europa und ist heute eines von wenigen in Deutschland erhalten gebliebenen Exemplaren.

 

Europa-V6 und Vierstufen-Automatik im raren Coupé

Der Motor, eine Variante des von Peugeot, Renault und Volvo gemeinsam entwickelten Euro-V6, leistet im 780 normalerweise 147 PS. Für die USA mit wechselnden Kraftstoffqualitäten wurde jedoch die Verdichtung reduziert, was die Leistung auf 143 PS verringerte. Nach dem Start merkt man schnell, dass das Triebwerk – ursprünglich mal als V8-Motor konzipiert – recht rau klingt. Im Zusammenspiel mit der Automatik erscheint der Motor aus heutiger Sicht träge: In den vergangenen 20 Jahren hat sich gerade bei den Automatikgetrieben viel getan.

Sitzposition, Lenkung und Bremsen (serienmäßig mit ABS) scheinen aber nicht von gestern zu sein. Hier ist der Volvo erstaunlich modern und lässt sich angenehm durch den Großstadtverkehr steuern. Geräumig ist er sowieso: Auf Knopfdruck fahren die bequemen Vordersitze elektrisch ganz nach vorn, um Mitfahrern den Einstieg in den Fond zu erleichtern, und wandern anschließend langsam in die Ausgangsposition zurück. Eilig darf man es dabei aber nicht haben. Auf der Hinterbank fühlen sich dann aber selbst Großgewachsene nicht eingeengt.

Zu seiner Zeit war der Volvo 780 mit einer Länge von 4,79 Metern ein stolzes Schiff. Heute wirkt er im Vergleich zu modernen Autos fast zierlich. Sein Grau-Metallic geht im Hamburger Schmuddelwetter fast unter, das Coupé fällt nur echten Kennern auf. Und das Design von Bertone ist zeitlos – wie ein gefragter Youngtimer sieht der Schwede aus Italien wirklich nicht aus.
Klaus Uckrow

ANTRIEB V6-Zylinder, 2-Ventiler, 2849 cm3, 108 kW/ 147 PS bei 5100/min, max. Drehmoment 235 Nm bei 3750/min, 4-Stufen-Automatik, Hinterradantrieb
 
AUFBAU+FAHRWERK Zweitüriges Coupé, Frontmotor, längs eingebaut, selbsttragende Stahl-Karosserie; vorn: McPherson-Federbeine, Querlenker, Stabilisator; hinten: Mehrfachlenkerachse, Federn, Dämpfer, Stabilisator; Bremsen vorn: innenbelüftete Scheiben; hinten: Scheiben, Bremskraftverstärker, ABS; Bereifung rundum: 195/60 HR 15
 
ECKDATEN L/B/H: 4790/1750/1400 mm, Radstand: 2770 mm, Leergewicht: 1420 kg; 0 – 100 km/h in 11,2 s; Höchstgeschwindigkeit: 181 km/h

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