Ford Capri RS 2600 Galopper des Jahres

1970 war es, als ein Sportwagen aus Köln in die bürgerlichen Wohnviertel einbrach. Mit 150 PS hatte der Capri RS 2600 genug Schmalz, um Porsche und BMW zu jagen. Dazu war er viel billiger und sah so verboten schnell aus wie die bösen Vorbilder aus Amerika. Ein Wiedersehen

Eckdaten
PS-kW150 PS (110 kW)
AntriebHinterrad, 4 Gang manuell
0-100 km/h7.7 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit202 km/h
Preis8.104,00€

Das Leben hatte noch eine Struktur, eine offensichtliche Ordnung in den bürgerlichen Wohnvierteln der 70er Jahre. Da, wo keine Villen standen, dafür umso mehr Mehrfamilien- oder gar Hochhäuser, gehörte Papi dank gewerkschaftlicher Überzeugungsarbeit samstags endlich der Familie. Und den Nachmittag nutzte er wie der Nachbar zur Wagenwäsche am Straßenrand. Im Feinripp-Unterhemd ging es dem Schmutz der Woche an den Kragen, während das Kofferradio über den aktuellen Spieltag der Fußball-Bundesliga informierte. Danach in die Wanne, um rechtzeitig vor dem seit 1967 vereinzelt schon bunten Fernseher zu sitzen, wo der streng gescheitelte Ernst Huberty über Sieg und Niederlage berichtete oder das Publikum ermunterte, per Postkarte den Galopper des Jahres zu wählen.

In diese Idylle der braven Mittelklasselimousinen brach der RS 2600 im Herbst 1970 ein wie eine Provokation. War der Capri 1969 noch als 1300er mit müden 50 PS gestartet, die nach langem Anlauf 133 km/h Spitze ermöglichten, verdreifachte der RS diese Leistung und tat auch optisch alles dafür, dass seine brutale Potenz niemandem verborgen blieb. Die Versicherer murrten lautstark, weil die knapp 4,20 Meter lange Karosserie weder vorn noch hinten Stoßstangen hatte. Der Spießer von nebenan runzelte die Stirn, weil die schwarz lackierte Haube, die auch heute noch aus der Fahrerperspektive unendlich lang und mächtig wirkt, so wild war, so roh, so herausfordernd. Und die Motorsportaffinen Mitt-Dreißiger jauchzten auf, hatten sie doch endlich ihren ganz persönlichen Galopper des Jahres entdeckt. Fehlte nur das nötige Kleingeld. 15850 Mark kostete der wildeste Ford aller Zeiten – mehr als doppelt so viel wie der als Sekretärinnen-Porsche verhöhnte Capri 1300, aber nur gut halb so viel wie ein Porsche 911.

Die Wildheit des RS wirkt heute noch unvermittelter als vor fast 40 Jahren. Rasselnd, vibrierend und dumpf aus den zwei Auspuffrohren bollernd, nehmen die sechs Zylinder des Simpel-V6 ihre Arbeit auf. Dass sie bei entschlossenem Gebrauch des Gaspedals an die 20 Liter Benzin vernichten, spricht nicht gegen die Effizienz der Konstruktion und die der mechanischen Kugelfischer-Einspritzung. Denn viele Autos schluckten noch gieriger, und Benzin war ja billig seinerzeit. Das viel interessantere Thema war eben, dass für Menschen aus dem Volk ein Auto in finanzieller Reichweite lag, das sich mit den Platzhirschen messen konnte und dazu noch aussah wie die Blech gewordene Sünde: lang die Schnauze, kurz das gerundete Heck, dazu ein dunkel ausgeschlagener Passagierraum mit Kartenleselampe und Platz für, naja, vier Erwachsene.

Der Fahrersitz, ein mit Breitcord bezogenes Juwel aus dem Hause Scheel, liegt tief und weit hinten. Klarer Fall von Zeitzeuge, denn der Sportfahrer jener Zeit saß gern mit so weit gestreckten Armen hinter dem dünnen, tief geschüsselten Lenkrad, dass der dritte der vier Vorwärtsgänge nur mit einer kleinen Verbeugung erreichbar war. Doch die Mühe der knorrigen Gangwechsel lohnte sich ja, denn selbst für heutige Verhältnisse geht der RS richtig gut. Auf dem Weg zum roten Warnbereich des Drehzahlmessers zeigt der extrem kurzhubig ausgelegte V6 zwar nicht den feurigen Elan eines italienischen Doppelnocken-wellen-Motors; er offenbart vielmehr das eher gutmütige Naturell eines grobmotorischen Bullen. Verlässlich am Gas hängend, schultert er den kaum mehr als eine Tonne schweren Capri mit Leichtigkeit und drückt ihn in weniger als acht Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Entschlossene Vollgas-Artisten sahen auf freier Strecke mehr als den doppelten Wert auf dem kleinen Tacho und zählten damit zur Tempo-Elite ihrer Zeit. Erkauft wurde dieses Temperament zum Glück nicht mit spartanischer Härte. Weder die einzeln geführten Vorderräder noch die starre Hinterachse treten ruppig zu – Folge wohl auch der schmalen 185/70-Reifen auf 13 Zoll hohen Felgen, die mehr als nur das Minimum zum Federungskomfort beisteuern.

Capri-Fahren ist natürlich auch Arbeit. Die Kupplung verlangt Kraft, die Bremse selbstverständlich auch. Und beim Rangieren will das Lenkrad so beherzt gegriffen werden, dass sich die gelochten Speichen sichtbar durchbiegen. Doch mit halbwegs trainierten Muskeln ließ und lässt sich der RS 2600 sehr flott bewegen. Natürlich bringen Bodenwellen in Kurven die Starrachse in Bewegung und fordern erhöhte Alarmbereitschaft für eventuell nötige Lenkkorrekturen. Doch damals wie heute ist die Freude am Fahren schon im leichten Trab beträchtlich. Der 2,6-Liter nimmt willig Gas an, zieht rabaukend und lauthals grölend souverän aus dem Keller und erlaubt so gelassen-zügiges Cruisen unter großer öffentlicher Anteilnahme.

Ältere Passanten blicken verzückt und erinnern sich vielleicht noch an die frühen 70er Jahre, als der Bruder, Schwager, Onkel, Vater oder gar sie selbst mit dem RS 2600 König der Landstraße und Kaiser des Wohnviertels waren. Als Heroen wie Niki Lauda, Dieter Glemser und Rolf Stommelen das Image der blauen Ford-Pflaume polierten, indem sie im RS mit 450 Cosworth-PS die Neunelfer und BMW nicht nur über die Rundkurse Europas jagten, sondern oft auch einfach ablederten. Diese aus heutiger Sicht unschuldige Zeit wird lebendig hinterm Lenkrad des RS 2600, der tief brüllt, seufzt und röchelt wie ein lebendiges Wesen. Und der auf vergessen geglaubte Weise nach Abenteuer riecht. Nach billigem Benzin. Nach warmem Öl und nach heißgefahrenen Bremsen. Etwa 5000 wurden gebaut, nur rund 100 haben überlebt.
Michael Harnischfeger

Fazit


Technische Daten
Motor 
ZylinderV6 / 2
Hubraum2637
Leistung
kW/PS
1/Min

110/150
5800 U/min
Max. Drehmom. (Nm)
bei 1/Min
224
3500 U/min
Kraftübertragung 
Getriebe4 Gang manuell
AntriebHinterrad
Fahrwerk 
Bremsenv: Scheiben
h: Trommel
Bereifungv: 185/3570 R 13
h: 185/3570 R 13
Messwerte
Gewichte (kg) 
Leergewicht (Werk)1050
Beschleunigung/Zwischenspurt 
0-100 km/h (s)7.7
Höchstgeschwindigkeit (km/h)202
Verbrauch 
Testverbrauchk.A.
EU-Verbrauch17l/100km (Super)
Reichweitek.A.
Abgas-Emissionen 
Kohlendioxid CO2 (g/km)k.A.

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