Faszination Ford Taunus 17 M P3 Ford-Schritt der Form

03.06.2010

Adieu Gelsenkirchener Barock. Vor 50 Jahren erschien der Ford Taunus 17 M P3. Mit der „Badewanne“ schwenkte Ford auf die Linie der Vernunft

Jede Zeit hat ihr Design, und jedes Design hat seine Zeit. Was könnte stilbildender für die 50er-Jahre sein als Nierentische, Cocktailsessel und Autos mit Heckflossen? Letztere schmückten, wenn auch nicht ganz so opulent wie bei den amerikanischen Vorbildern, deutsche Mobile, man denke an den Ford Taunus P2.

Als Ende der 50er die Nierentische in den deutschen Reihenhaussiedlungen allmählich ausgemustert wurden, endete auch die Heckflossenära – zumindest bei Ford. Etwas Neues musste her, man wollte weg vom automobilen „Gelsenkirchener Barock“, wie der Volksmund den P2 – P2 steht für zweite Pkw-Konstruktion nach dem zweiten Weltkrieg – wegen seiner schwungvollen Üppigkeit wenig schmeichelhaft nannte.

Mit dem am 11. Oktober 1960 vorgestellten Ford Taunus 17 M P3 hielten die Kölner zumindest am Namen fest. Taunus hießen bis September 1967 alle nach dem Krieg gebauten Ford- Pkw, das M stand für „Meisterstück“, die zweistellige Zahl für den Hubraum. Da der Vorgänger P2 als 17 M verkauft wurde, wollte man beim Nachfolger, der mit einem 1,5 Liter großen Basismotor antrat, aus  Marketinggründen auf die gewohnte Bezeichnung offenkundig nicht verzichten.

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Die Form des Neuen war trotz des alten Namens revolutionär, denn Designer Uwe Bahnsen wagte den radikalen Bruch und setzte mit der neuen Limousine auf die „Linie der Vernunft“, die den Mittelklässler fortan bewerben sollte. Klare Linien, glatte Seitenflächen, auf denen nicht einmal mehr Zierleisten Platz fanden, waren prägend und mutig.

Selbst der Tankeinfüllstutzen der Limousine wurde vom Heck-Nummernschild verdeckt. Eine weitere Neuerung waren die ovalen Frontscheinwerfer, die laut zeitgenössischem Pressetext „kein modisches Attribut, sondern ein weiterer Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und des Fahrkomforts sind“.

SICHERHEIT DER 60er
Wir machen es uns auf den weichen Kunstleder-Stoffsitzen unseres 1964er P3 bequem. Der Innenraum gilt auch nach heutigen Mäßstäben als geräumig, die Rundumsicht als beispielhaft. Im Armaturenbrett bestehen die Chromblenden noch aus Blech, nicht aus eingefärbtem Plastik. Das Sicherheitsniveau der 60er dokumentiert der Stockhebel für die Handbremse, der auf die Kniescheibe zielt, während das dünne Dreispeichenlenkrad im Crashfall eine ungesunde Härte an den Tag legen dürfte.

Sicherheitsgurte gab es damals noch nicht. Immerhin: Das gepolsterte Armaturenbrett und die gepolsterten Sonnenblenden waren Serie. Wir starten zur Probefahrt. Der kurzhubige 1,5-Liter-Reihenvierzylinder erwacht zum Leben, dank Startautomatik entfällt lästiges Choke-Gefummel. Das Basistriebwerk entwickelt 55 PS und stellt 111 Nm Maximaldrehmoment bei 2400 Umdrehungen zur Verfügung.

Zwar wiegt der Taunus nur 940 Kilogramm, doch mahnt die Leistung zu vorausschauender Fahrweise. Die vier Gänge werden per Lenkstockschaltung sortiert – eine intelligente Einrichtung, ermöglichte sie doch auch eine P3-Version mit durchgehender Sitzbank, die nicht nur im Autokino praktische Vorteile hatte. Die langen Schaltwege wollen mit Bedacht zurückgelegt werden, entschädigen aber mit fühlbarer Mechanik: Jede einzelne Rastung lässt sich in den Fingerspitzen spüren. Die Beschleunigung ist merklich – bis hinauf zur Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h.

Ein Wert, der für den Ford aber keine Richtgeschwindigkeit sein soll, denn bei diesem Tempo müht sich der Pensionär aus dem Fundus von Ford Classic doch zu sehr. Landstraßenttempo 100 ist theoretisch nach 22 Sekunden erreicht. Doch mahnt der Umgang mit dem Ford im Verkehrsalltag eher zur Entschleunigung – und zur Wahrnehmung dessen, was unterwegs und am Wegesrand passiert.

Fernfahrer recken wohlwollend den Daumen, und auch beim Foto-Shooting erregt die rot-schwarze „Badewanne“ mit ihren stilechten Weißwandreifen Aufmerksamkeit. „Hatten wir auch mal, aber mit anderem Motor“ oder „als Kombi“, lässt sich im Gespräch mit vorwiegend älteren Semestern vernehmen.

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Immerhin: An Modellvielfalt mangelte es dem P3 nie : Der 1,5 Liter mit 55 PS wurde während der gesamten Bauzeit produziert, ein 1,7-Liter-Aggregat kam anfangs mit 60 und später mit 65 PS zum Einsatz. Das Topmodell TS mit 1758 cm3 leistete erst 70 PS und im letzten Baujahr für damalige Verhältnisse üppige 75 PS.
AUSSTATTUNGSVIELFALT
Stolz listete der Pressetext seinerzeit die Wahl zwischen 27 Farbkombinationen, zwölf Grundfarben und einem Sonderzubehörsatz auf, der unter anderem Stoßstangenhörner, Rückscheinwerfer, Radzierringe und Weißwandreifen beinhaltete. Wie auch immer konfiguriert, im Fahrverhalten dürften sich keine großen Unterschiede aufgetan haben.

Die schmalen Diagonalreifen im Format 5.90-13 suchen sich auf Längsrillen vergnügt ihren eigenen Weg, während das Heck ein wenig um die Längsachse rührt. Die für heutige Verhältnisse großen Lenkwinkel vermitteln eindrucksvoll den Zusammenhang von Kraft und Weg, denn eine Servolenkung gab es ebenso wenig wie einen Bremskraftverstärker. Und die vorderen Scheibenbremsen gab es erst ab Mai 1962.

Die schnörkellose Optik, vor allem aber die glatten Seitenflächen riefen alsbald wieder den Volksmund auf den Plan: „Badewanne“ hieß der fortschrittliche Kölner in Automobilisten-Kreisen schnell etwas spöttisch, was die Ford-Verantwortlichen wohl zusammenzucken ließ. Völlig unbegründet, wie sich später herausstellte, denn schon bald gehörte der ab 6645 Mark erhältliche P3 zum Straßenbild der 60er wie der Kaugummiautomat an der Ecke.

Von 1960 bis 1964 wurden fast 669 731 Exemplare verkauft, davon allein 86 010 als Kombi. Sogar rund 150 Cabrios und Coupés, gefertigt vom Kölner Karossier Deutsch, rollten auf die Straße. Mut zahlt sich eben aus. Elmar Siepen

TECHNISCHE DATEN
Antrieb: Vierzylinder, Zweiventiler - Bohrung /Hub: 82,0 x 70,9 mm - Hubraum: 1498 cm3 - 55 PS (40 kW) bei 4250 /min. - 111 Newtonmeter bei 2400 /min - Vierganggetriebe, Lenkradschaltung - Hinterradantrieb

Aufbau und Fahrwerk: selbsttragende Stahlblechkarosserie, viertürig (Option) - vorn: McPherson-Federbeine, Querlenker, Stabilisator; - hinten: Starrachse, Längs-Blattfedern; - Bremsen: vorn: Scheiben (Option); hinten: Trommeln

Eckdaten: L/B/H: 4452/1670/1450 - Radstand: 2630 mm - Leergewicht: 940 kg - 0 – 100 km/h: 22,0 s - Höchstgeschw.: 130 km/h - Preis:  6645 Mark (3398 Euro)

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