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Audi V8/BMW 735i/Lexus LS/Mercedes 420 SE: Vergleich

Oberklasse vor 25 Jahren

Audi und Lexus wagten vor rund 25 Jahren mit Achtzylindern den 
Angriff aufs Establishment in Form von BMW 7er und Mercedes S-Klasse – ein Kräftemessen, das auch heute noch für Überraschungen sorgt.

Seit der Präsentation des W186 auf der IAA in Frankfurt 1951 ist das Oberklasse-Segment fest mit der Marke Mercedes verbunden. Schon Konrad Adenauer erkennt die Vorzüge der noblen Repräsentationslimousine aus Stuttgart. Der Ur-Ahn aller deutschen Nachkriegs-Luxuslimousinen setzt sich auch gegen den im Jahr darauf von BMW vorgestellten "Barockengel" durch. Wann immer Bundespräsident Theodor Heuss und Kanzler Adenauer unterwegs sind, werden sie in Limousinen mit Stern chauffiert. Auch der darauffolgenden "Großen Flosse" (W112) und den ab 1965 gebauten W108/109, deren Spitzenmodelle schon die Bezeichnung "S" im Namen tragen, bleiben die Bundesregierung und die solvente Kundschaft treu. Seit 1972 tragen die Luxuslimousinen von Mercedes mit der Premiere des W116 den Namen S-Klasse. BMW wagt fünf Jahre später mit dem E3 den Neuanfang in der Oberklasse. Zwölf Jahre lang hatten die Münchner am betagten "Barockengel" festgehalten. Seit 1977 gehören die Oberklasse-Limousinen von BMW der 7er-Reihe an. Mit dem E23 schließt BMW die Neuordnung der noch heute gültigen Nomenklatur ab.

Bildergalerie: Audi V8, BMW 735i, Lexus LS & Mercedes 420 SE

Oberklasse-Limousinen der 80er: Nur der BMW hat keinen V8

1979 läutet Mercedes ein neues Kapitel in seiner Oberklasse-Historie ein. Die zweite S-Klasse, intern W126 genannt, ist weniger chrombeladen als der Vorgänger. Dafür glänzt die von Bruno Sacco eingekleidete S-Klasse mit viel technischer Raffinesse und hohen Sicherheitsstandards. Als Kind der Energiekrise ist sie nicht nur in vielen Bereichen effizienter als der Vorgänger, sondern als erstes deutsche Auto mit Airbag auch innovativer als die Wettbewerber. Das versucht BMW von 1986 an mit der zweiten Siebener-Generation, der Baureihe E32, in Frage zu stellen. Mit dem weniger wuchtig wirkenden Modell, das auch Fernseh-Kommissar Stephan Derrick als Dienstwagen nutzte, will BMW endlich an der S-Klasse vorbeiziehen, nachdem der E23 lediglich Achtungserfolge verbuchen konnte. BMW gibt dem E32 viele technische Neuerungen, darunter eine elektronische Motorsteuerung mit integriertem Notlaufprogramm und Fehlerabspeicherung sowie eine automatische Stabilitätskontrolle ASC, mit auf den Weg. Erstmals kommen auch Ellipsoid-Reflektoren für eine bessere Lichtausbeute und eine Türschlossheizung zum Einsatz. In der Liga der Staatskarossen und Direktorenlimousinen voll akzeptiert wird der Siebener endgültig ab März 1987 mit dem 300 PS starken 750i, dem ersten deutschen Nachkriegs-Zwölfzylinder. Bei Mercedes ist im W126 bei acht Zylindern Schluss. Auch Audi setzt bei seinem Einstieg in die Welt der Oberklasse 1988 auf Achtzylinder. Der Audi V8 tritt auf Basis des Audi 100 mit einer Fülle an Extras und dem buchstäblichen "Vorsprung durch Technik" als erste Oberklasse-Limousine weltweit mit serienmäßig permanentem Allradantrieb und Viergang-Automatik gegen S-Klasse und Siebener an. Gegenüber den Basismodellen der etablierten Konkurrenz ist der V8 rund 30 Prozent teurer. Dafür bringt Audis Luxuslimousine hochwertige Ausstattungsmerkmale ab Werk mit. Dazu zählen neben dem Allradantrieb auch ABS, das Sicherheitssystem procon-ten, Ledersitze mit Sitzheizung vorn, Alu-Räder im Format 7,5 x 15, ein Soundsystem und eine effiziente Klimaautomatik.

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Den Weg auf den europäischen Oberklasse-Olymp beschreitet Lexus ab 1988 mit dem LS 400 auf ähnlichem Weg. Über 1,5 Milliarden Mark Entwicklungskosten war Toyota das Prestigeprojekt und die Gründung einer eigenen Marke wert. Der von einem V8 angetriebene Newcomer aus Fernost bietet bei seinem Europa-Debüt 1990 nur vier Aufpreis-Optionen: Ledersitze mit Sitzheizung und Memory-Tasten für Fahrer und Beifahrer, Schiebedach, CD-Player. Alles Weitere hat der für den US Markt zugeschnittene und von europäischen Design-Einflüssen geprägte LS 400 schon serienmäßig an Bord. In diesem Test treten Lexus, Audi, Mercedes und BMW mit einer Spanne zwischen 211 PS (BMW) und 250 PS (Audi) an. Die von 1992 an erhältlichen V8-BMW 740i (286 PS) und 730i (218 PS) hätten das Testergebnis verfälscht beziehungsweise im Fall des 730i kaum beeinflusst. Mit knapp fünf Meter Länge sind alle Kandidaten standesgemäß unterwegs. Audi und BMW liegen knapp darunter, Lexus und Mercedes knapp darüber. Sind von außen noch keine großen Unterschiede erkennbar, ändert sich das bei der Größe des Innenraums deutlich.   Der Audi bietet vorn wie hinten viel Platz für vier Passagiere mit Gepäck. Er offeriert zudem das größte Kofferraumvolumen. Auf ähnlichem Niveau rangiert der BMW – allerdings mit etwas geringerer Kopffreiheit hinten. Der Lexus verpasst aufgrund des kleinsten Kofferraums und der Tatsache, das er als einzige Limousine im Vergleich als Fünfsitzer unzumutbar ist, eine höhere Punktzahl. Die erste große Überraschung liefert der Benz. Von außen der Größte und Stattlichste, ist er innen am kleinsten geschnitten. Das betrifft sowohl die Höhe über dem Scheitel als auch die knapp bemessene Kniefreiheit der Fondpassagiere. In allen Disziplinen bieten Audi, BMW und Lexus mehr Raum.
Punktewertung

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Boden gut macht die Mercedes S-Klasse in puncto Bedienung. Die aus heutiger Sicht sehr reduzierte und logische Anordnung der Bedienelemente liegt mit jener im BMW auf gleich hohem Level. Etwas schlechter schneidet der Audi ab. Vier Hebel am Lenkrad sind mindestens einer zu viel, und auch die amerikanisch inspirierte Klima-Bedienung ist nicht jedermanns Sache. Den Vogel in Sachen Komplexität schießt der Lexus ab. Zwar trägt er als modernstes Auto im Feld seine Informationen als einziger mittels dreidimensionaler Tachoanzeige zur Schau, die Flut an Knöpfen und Funktionen im Cockpit bedarf aber einer sehr langen Eingewöhnungszeit. Anders als in der Bedienung punktet der Edel-Japaner mit voller Punktzahl bei den Fahrleistungen. Als einziger  knackt er die magische 250-km/h-Marke. Am nächsten dran ist der Audi mit 240 km/h, gefolgt vom BMW. Der Mercedes läuft 220 km/h Spitze und landet damit auf der letzten Position. Dafür sprintet er am schnellsten: Nach 8,7 Sekunden erreicht die 
S-Klasse Landstraßentempo. Dafür büßt der schwerfällige und unhandliche Mercedes beim Fahrverhalten wieder Punkte ein. Vor allem in Kurven trüben die starke Seitenneigung und die erforderlichen großen Lenkausschläge den Eindruck vom ansonsten unproblematischen Benz. Die rote Laterne in diesem Bereich geht an den Lexus. Seine Lenkung ist zu indirekt und lässt den Kontakt zur Fahrbahn vermissen. Deutlich ist zu spüren, dass der Lexus für den US-Markt konzipiert wurde. In Kurven drängt er frühzeitig über die Vorderräder, und bei voller Belastung leidet die Fahrsicherheit aufgrund der zu weichen Federung spürbar. Insgesamt sind im Lexus deutliche Abstimmungsschwächen auszumachen.

Audi V8 und BMW 735i (E32): Limousinen versprühen Luxus

Wie es besser geht, zeigen die beiden Luxuslimousinen aus Bayern. Zwar interpretieren Audi und BMW das Kapitel unterschiedlich, dennoch werden beide mit der vollen Punktzahl belohnt. Der leichtfüßige und präzise V8 punktet bei jedem Wetter mit souveränem Allradantrieb, in schnellen Kurven mit leichtem Untersteuern. Der BMW begeistert mit seiner exakten und frei von Antriebseinflüssen arbeitenden Lenkung und einer vorbildlichen Neutralität in Kurven. Den Kapitelsieg holt sich der Siebener dank seines noch 
besseren Geradeauslaufs im Vergleich zum Audi V8. Auch in Sachen Fahrkomfort ist der BMW in diesem Quartett das Maß der Dinge. Er begeistert mit einer ausgewogenen Federung und guten Sitzen. Querfugen und Unebenheiten meistert der 735i souverän. An dieses Level reicht der steifbeinige damalige Klassenprimus Mercedes auch wegen fehlenden Sitzseitenhalts nicht heran. Der Audi ist für die Oberklasse zu straff gefedert und auf der Autobahn und unebenen Landstraßen zu unruhig. Der Lexus erreicht in diesem Kapitel den zweiten Platz. Bei normaler Beladung bietet das weich gefederte, aber zuweilen polternde Fahrwerk in Kombination mit der zugfreien Klimaanlage einen hohen Grad an Komfort. Im Kapitel Verbrauch überzeugt die konstruktiv jüngste Limousine im Vergleich ebenfalls. Der niedrige cW-Wert von nur 0,29 (BMW: 0,32, Audi: 0,34, Mercedes: 0,36) trägt zum geringen Spritkonsum des Lexus von nur 13,1 Litern auf 100 Kilometern bei. Trotz zweier Zylinder weniger braucht der BMW 1,5 Liter mehr, kommt dafür aber mit Normalbenzin aus. Der Achtzylinder des Mercedes benötigt knapp 16 Liter. Die über 18 Liter des Audi sind der Tribut an den gewichtigen Antriebsstrang.

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Wenn es um die Wartung geht, dann ist der BMW erneut Punktsieger. Der Wechsel von 5,75 Liter Öl wird nach flexibler Intervallanzeige bzw. alle 15.000 Kilometer zu einem fairen Kurs fällig. Der Audi braucht spätestens alle 15.000 Kilometer acht Liter neues Öl. Teuer wird es, wenn die hoch belasteten Bremsen erneuert werden müssen. Lexus und Mercedes müssen jeweils 5000 Kilometer früher gewartet werden. Beim Lexus wird es unter Umständen schwierig, eine geeignete Werkstatt zu finden, um einen Eintrag im Serviceheft zu kommen. Bei Mercedes ist die Wartung in einer Vertragswerkstatt teuer. Der 420 SE benötigt acht Liter Öl. Im Kapitel Technisches Niveau zeigt sich bei der S-Klasse, dass sie das älteste Auto im Vergleich ist. Galt sie bei ihrer Indienststellung als innovativste Oberklasse-Limousine, fällt sie mit mechanischer Einspritzung und vergleichsweise einfacher Achskonstruktion gegenüber Audi und Lexus ab. Auf gleichem Niveau wie die S-Klasse liegt der ebenfalls grundsolide BMW-Zweiventiler. Der Audi spielt mit seinem komplexen Allradsystem und dem von vier obenliegenden Nockenwellen gesteuerten Achtzylinder und dem Sicherheitssystem procon-ten in einer anderen Liga. Die höchste Innovationsleistung im Vergleichsfeld bietet der Lexus. Sein ebenfalls von vier obenliegenden Nockenwellen gesteuerter V8 erfreut mit höchster Laufruhe auch nach mehreren hunderttausend Kilometern. Technisch offeriert der Lexus zahlreiche Highlights, auch wenn sie äußerlich bieder und innen im Stil eines Spielsalons wenig ansprechend präsentiert werden. Im Kapitel Wertentwicklung wird deutlich, wie günstig die Limousinen zu haben sind. Ausnahmslos alle sind nur noch einen Bruchteil ihres Neupreises wert – gute Nachrichten für Old- und Youngtimer-Fans, denn für wenig Geld bekommt man viel Auto. Doch die deutschen Kandidaten ziehen bei den Preisen langsam an. Am deutlichsten legt der W126 zu. Hier macht sich bemerkbar, dass die ersten Kandidaten bereits fürs H-Kennzeichnen taugen. E32 und V8 steht dieser Sprung noch bevor. Ob das von 2020 an auch für den Lexus gelten wird?

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Der Spaßfaktor ist bei allen vier Kandidaten unterschiedlich zu bewerten. Der Lexus bringt denjenigen etwas, die Wert auf Understatement, Zuverlässigkeit und einen Motor mit hoher Laufkultur legen. Fahrspaß im eigentlichen Sinne vermittelt er jedoch nicht. Der Mercedes eignet sich für Freunde des souveränen Dahingleitens. Die S-Klasse dient der gediegenen Art der Fortbewegung und ist ein Schmuckstück auf jeder Garageneinfahrt. Der Audi bietet einen hochwertige und komplette Ausstattung und einen tollen Motor. Leider verpufft viel Leistung in der Automatik. Der quattro-Antrieb überzeugt mit sicherer, fahrdynamischer Fortbewegung. Dank Vollverzinkung bleibt der Spaß am Audi V8 lange erhalten. Den meisten Fahrspaß im wörtlichen Sinne bereitet der BMW. Er bietet Power, Platz und Prestige. Nicht nur aufgrund der sehr guten Fahreigenschaften mit sportlicher Note und des hervorragenden Komforts fährt der Siebener im diesem Vergleichstest den Sieg gegen starke Rivalen ein.

Ingo Eiberg