Mercedes 540K Coupé/300 SL: Reportage Vom 540K-Prototyp zum 300 SL

1938 entwickelte Mercedes erstmals ein Straßenauto im Windkanal. Das einmalige 540K-Stromlinien-Coupé ebnete den Weg zum 300 SL und übertraf ihn sogar in der Aerodynamik.

Sehr alte Luxus-Automobile benehmen sich in Fahrt oft nicht wie normale Autos, sondern wie skurrile Fantasiemobile. Manche fühlen sich an wie vom Rest des Zuges abgekoppelte Salonwagen, andere wie Gartenlokale auf Rädern. Doch noch nie erweckte ein Auto den Eindruck, eine als U-Boot verkleidete Dampflok zu manövrieren. Welches Bild sonst sollte dem Fahrer beim Blick durch die schmalen, in schrägem V-Winkel geneigten Frontscheiben des 540K-Coupés in den Sinn kommen? Der "Ka-Leu" lässt grüßen! Bevor der seltsamste aller Kompressor-Mercedes den Anker lichtet und die Einfahrbahn des Daimler-Werks Untertürkheim ansteuert, ein paar Sätze zur Historie dieses makellosen Automobils.

 

Aufwendige Rekonstruktion: 540K wird neugeboren

Es handelt sich um den originalgetreuen, perfekten Wiederaufbau des Mercedes Stromlinien-Coupés auf Basis des Typs 540K. Das Einzelstück wurde von der Abteilung Sonderwagenbau für die Wettfahrt Berlin-Rom 1938 entworfen und karossiert, dann jedoch an Continental verkauft und für die Erprobung autobahntauglicher Hochgeschwindigkeitsreifen eingesetzt. Daimler-Benz kündigte an, drei reguläre 540K zur Wettfahrt anzumelden, und begründete die Kurskorrektur mit der Aussage, der Stromlinienwagen besitze nicht in allen Details den erforderlichen Reifegrad. Rückblickend drängt sich der Verdacht auf, dass dahinter bereits einebittere Erkenntnis steckte: Selbst das Stromlinien-Coupé hätte das Rennen wohl nicht gewinnen können. An Chefgestalter und Konstrukteur Hermann Ahrens und seiner "rechten Hand" Friedrich  Geiger lag das allerdings nicht. Sie leisteten perfekte Arbeit und schafften beinahe die Quadratur des Kreises.

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Nur für mutige: Mit dem 540K im Testoval

Und wie fährt sich so eine Stilikone? Bei freier Sicht bis zum Horizont und einem beherzten Tritt aufs Gaspedal setzt ein per Fliehkraftkupplung zugeschalteter Roots-Kompressor regelrechte Naturgewalten frei: Der Sturm heult auf und wirbelt den 540K mit Macht nach vorn. Der Gangwechsel mit dem meterlangen, flach in den Innenraum ragenden Schalthebel klappt geschmeidiger als erwartet. Der Schnellgang lässt sich sogar vorab einlegen: Wenn das Reisetempo erreicht ist, genügt ein Tritt aufs Kupplungspedal, und der vierte Gang rastet ein. Was die Senkung des Luftwiderstands in km/h umgerechnet wert ist, prüften mutige Testfahrer im Frühling 2014 auf dem Mercedes-Testoval in Papenburg: 186,5 km/h registrierte die Uhr. 76 Jahre, nachdem er entstand, bewies der 540K damit sein Können. Die Wettfahrt Berlin-Rom hingegen fand nie statt.

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Unser Fazit

Dem Mercedes-Museum gebührt Anerkennung für die Entscheidung, unter größtem Aufwand eine in Vergessenheit geratene Facette der Markenhistorie wieder ans Tageslicht zu holen. Das einmalige Stromlinien-Coupé wirft exemplarisch ein Schlaglicht auf die bahnbrechende Arbeit der Windkanal-Pioniere in Deutschland. Nicht minder beeindruckend sind die historische Genauigkeit und die handwerkliche Präzision dieser Restaurierung. Durch eine akribische Spurensuche wurden für alle Bauteile die Original-Spezifikationen identifiziert und diese dann weitestgehend von Hand nachgefertigt. Das rekonstruierte Stromlinien-Coupé steht dadurch nicht besser da als neu, sondern so, wie es 1938 aussah. Ob gewollt oder nicht: Diese Restaurierung setzt Maßstäbe für die Zukunft.

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