Ford Edsel Villager: Kaufberatung & Fahrbericht Space Cowboy

31.08.2014

Der Villager der US-Marke Edsel ist ein rarer Kombi der späten 50er mit gigantischem Raumangebot und abgefahrenem Design. Fahrbericht & Kaufberatung

Als Frank, Hawk, Tank und Jerry – die vier besten Piloten der US Air Force – 1958 im Film „Space Cowboys“ für einen Raumflug ausgewählt werden, kommt alles anders als geplant. Kurzerhand werden die Vier durch die Schimpansendame Mary-Ann ersetzt, und aus dem geplanten Flug ins All wird nichts.

Doch als 40 Jahre später ein russischer Satellit auf die Erde zu stürzen droht, erhalten die mittlerweile längst pensionierten Helden – gespielt von Clint Eastwood, Donald Sutherland, Tommy Lee Jones und James Garner – ihre zweite Chance. Sie sind die Einzigen, die sich noch mit der antiquierten Technik des Satelliten auskennen, welche die Russen in den 50ern bei den Amerikanern ausspioniert und geklaut hatten.

Ähnlich wie mit der Handlung der amerikanischen Tragikomödie verhält es sich mit dem Edsel Villager. Auch seine Geschichte beginnt in jener Zeit, und jemanden zu finden, der sich wirklich mit ihm auskennt, ist heute schwierig. Gerade mal eine Handvoll Edsel-Automobile sind Besitzer Daniel Erdbrink hierzulande bekannt.

Warum dem so ist, erklärt die Firmenhistorie. In den 50er-Jahren sah sich Ford mit der Notwendigkeitkonfrontiert, zwischen den preisgünstigen Ford-Fahrzeugen und den gehobenen Mercury-Modellen eine Mittelklasse-Reihe zu etablieren. Bis 300.000 Fahrzeuge der neuen Marke sollten jährlich verkauft werden, und so spendierte man dem neuen Wagen eine außergewöhnliche Formensprache.

 

KÜHLERGRILL IM FORM EINES PFERDEGESCHIRRS

Tatsächlich schuf Designer Roy Brown ein Auto, das sich sehr deutlich von der Masse abhob – aber aus Sicht von Presse und Kunden nicht unbedingt hübsch geworden war.

Bereits im Juli 1957 startete die Produktion mit mehreren Typen: Die zwei- bzw. viertürigen Hardtops beziehungsweise Sedans Citation, Pacer (beide auch als Cabrio), Ranger und Corsair sowie die Kombis Bermuda, Roundup und Villager.

Dass die Namen Corsair und Pacer von Flugzeugen stammten, passte in den Geist der damaligen Zeit, die einerseits von technologischer Aufbruchsstimmung, andererseits von beginnender wirtschaftlicher Rezession geprägt war. Entsprechend schwer taten sich die Edsel-Modelle von Beginn an.

Da half es wenig, dass kurz nach der offiziellen Markteinführung am 4. September 1957 eine große „Edsel-Show“ über den Fernsehsender CBS flimmerte, in der die Show-Größen Frank Sinatra, Bing Crosby und Louis Armstrong die Modelle der neuen Marke Edsel promoteten, deren Namensgebung auf den bereits 1943 verstorbenen Edsel Ford zurückging.

Neben der rückläufigen Dynamik des US-Automobilmarkts war aber vor allem das gewöhnungsbedürftige Design der Edsel-Fahrzeuge für den mangelnden Erfolg verantwortlich. So zierte die Frontpartie ein Kühlergrill, der nicht selten als Toilettensitz verspottet wurde.

Echte Cowboys erkannten darin hingegen sofort das so genannte Kummet als Teil eines Pferdegeschirrs wieder, und nicht zuletzt bediente sich der Edsel Citation des Namens eines weltberühmten US-Rennpferds der 50er-Jahre.

 

QUALITÄTSMÄNGEL WURDEN ZUM PROBLEM

Neben polarisierender Formensprache und rezessiver Wirtschaftsentwicklung machten obendrein Qualitätsmängel der Marke Edsel zu schaffen, denn die Autos wurden sozusagen nebenher auf den Ford-Produktionslinien montiert. So wurde der Name Edsel denn auch kräftig verballhornt und mit „Every Day Something Else Leaks“ („Jeden Tag ist etwas anderes undicht“) übersetzt.

Aus diesen Gründen wurden für das Modelljahr 1959 eigene Produktionslinien geschaffen und das Design etwas entschärft. Außerdem hatte man die Modellpalette auf die drei Modelle Ranger, Corsair und Villager zusammengestrichen. Doch der Erfolg blieb in den Folgejahren trotz weiterer Änderungen am Design und optimierter Produktqualität aus.

Nur 110.847 Fahrzeuge wurden insgesamt gefertigt, bevor Ende 1959 das Aus für die glücklose Marke kam. Dabei hatte der Edsel Villager technisch viel zu bieten, wie wir am Beispiel des Villager lernen.

So etwa eine aufleuchtende Tachometeranzeige, wenn ein voreingestelltes Geschwindigkeitslimit erreicht wird, eine Sperre der Kraftübertragung in Parkstellung, sobald die Zündung ausgeschaltet wird, oder etwa das Kühlsystem, das mit drei Thermostaten für Zylinderkopf, Zylinderblock und Kühler die Warmlaufzeit des 5916 Kubikzentimeter großen und 303 PS starken V8 im Sinne optimierten Kraftstoffverbrauchs und verbesserter Heizungsfunktion reduzierte.

Der wahre Clou des Villager ist jedoch sein Raumangebot. Mit optionaler zweiter Fondsitzbank finden bei Bedarf bis zu neun Personen Platz. Fährt man den Villager wie Daniel Erdbrink als Sechssitzer, bietet er nach Umlegen der hinteren Sitzbank eine Lade- oder auch Liegefläche, wie sie heute so manchem Kombi oder gar Motorhome gut zu Gesicht stünde.

FORD EDSEL VILLAGER (Bj.: 1958): Technische Daten und Fakten
Antrieb
V8-Zylinder; vorn längs eingebaut; 2-Ventiler; eine unten liegende Nockenwelle, Stirnradantrieb; Gemischbildung: Vierfach-Vergaser; Bohrung x Hub: 102,87 x 88,90 mm; Hubraum: 5916 cm3; Verdichtung: 10,5:1; Leistung: 223 kW/303 PS bei 4600/min; maximales Drehmoment: 542 Nm bei 2900/min; Dreigang-Automatik; Teletouch-Schaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit Leiterrahmen und vier Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Schraubenfedern; hinten: Starrachse, Blattfedern; v./h. Stoßdämpfer; Lenkung mit Servo; Bremsen: rundum Trommeln; Reifen: v./h.: 8.00-14; Stahlräder: v./h. 6 x 14
Eckdaten
L/B/H: 5219/1959/1495 mm; Radstand: 2947 mm; Spurweite v./h.: 1498/1433 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1769/2550 kg; Tankinhalt: 76 l; Bauzeit: 1958; Stückzahl: 3272 (6- und 9-Sitzer); Preis (1958): 2955 US-Dollar
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in ca. 11 s; Höchstgeschwindigkeit: ca. 190 km/h; Verbrauch: ca. 20 l/100 km
1Werksangaben


MARKTLAGE

Zustand 2:  23.000 Euro
Zustand 3:  15.900 Euro
Zustand 4:     7700 Euro
Wertentwicklung: steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Der 1958 nur 3272 Mal gebaute Edsel Villager zählt zu den wahrhaft seltenen Automobilen und begeistert mit außergewöhnlichem Design und geradezu gigantischem Raumangebot. Einen technischen Experten für ihn zu finden, fällt hierzulande aber mindestens ebenso so schwer wie seinerzeit für die Raumfahrtmission im Kinostreifen „Space Cowboys“. Da der Edsel aber weitgehend auf Ford-Technik basiert, können die notwendigen Wartungsarbeiten im Grunde in jeder guten, auf US-Cars spezialisierten Werkstatt erledigt werden. Lediglich die Ersatzteillage stellt den Edsel-Besitzer vor größere Aufgaben. Hier bleibt mitunter nur der Weg in die USA. Der Lohn aller Mühe: ein US-Car, das an Exklusivität kaum zu toppen ist.

Jürgen Gassebner

Tags:
Diagnosegerät
 
Preis: EUR 9,99 Prime-Versand
Alkoholtester
 
Preis: EUR 16,99 Prime-Versand
SONAX AntiFrost KlarSicht
UVP: EUR 18,48
Preis: EUR 13,50 Prime-Versand
Sie sparen: 4,98 EUR (27%)
Copyright 2017 autozeitung.de. All rights reserved.