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Reportage: Auf den Spuren von Carl Borgward

Bremer Urgesteine

Der Teller befindet sich genau wie Snetivys P 100 im Topzustand. Längst fühlt sich Daimler in Bremen so zuhause wie in Stuttgart. Der Stern am Kühler prägt das Straßenbild der Hansestadt, und auch der weiße Kombi mit dem klassischen Mercedes-Kühler am Bug erntet anerkennende Blicke von Mercedes-Werkern ebenso wie von Bremer Bürgern.

Baureihe 123 - der Alltags-Youngtimer

Noch vor wenigen Jahren war die 123er-Baureihe als unverwüstlicher Alltags-Youngtimer ein gewohnter Anblick, doch seit sie die Altersgrenze von 30 Jahren überschritten und damit den Status eines historischen Kulturguts erreicht hat, macht sie sich rar. Dabei lässt sich speziell der 280 TE noch heute völlig problemlos im Straßenverkehr bewegen.

Die übersichtliche Karosserie und der enge Wendekreis sind eine Wohltat. Der schnurrende Sechszylinder erledigt ab 50 km/h jede Aufgabe souverän im vierten Gang. Das Beste ist der Abrollkomfort. Auf den von Trambahnschienen durchkreuzten und mit abgesackten Gullydeckeln gespickten Bremer Innenstadtstraßen schwebt der Mercedes S123 in einer Manier über den Dingen, die vielen modernen Limousinen mit ihren DTM-tauglichen Fahrwerken weitgehend abhanden gekommen ist.

Wir fahren noch einmal zurück in die Vergangenheit, in den nördlichen Teil der Stadt, zur Horner Heerstraße. Hier wohnte die Familie Borgward in einer 1750 als Landgut gebauten Villa, die pikanterweise 1921 dem Hansa-Lloyd Direktor Dr. Robert Allmers gehört hatte. Unter dessen Führung wurden in Bremen mächtige Lastwagen und sogar ein vergessener Pionier der Automobilhistorie hergestellt: der Hansa-Lloyd „Treff-Ass“.

Er wurde 1923 vorgestellt und sollte Deutschlands erster Personenwagen mit Achtzylinder-Motor werden. Doch zur Serienfertigung fehlte das Geld. Die klamme Fabrik kaufte 1929 ein Jungunternehmer, der mehr Gespür für den Kfz-Markt besaß: Carl Borgward. Der autobegeisterte Ingenieur versorgte das Land mit seinen kleinen „Blitzkarren“ und stieg zu einem der letzten großen Auto-Patriarchen auf.

Vielleicht liegen auch in der Horner Heerstraße noch dieselben buckligen Katzenköpfe wie 1952, als Borgward mit seiner Familie in die frühere Allmers-Villa einzog. Vor dem Eingang wartet eine Dame, der das Haus bestens vertraut ist, weil sie viele Jahre hier wohnte: Carl Borgwards Tochter Monica.

Sie hat ihren Vater nie am Schreibtisch besucht, denn „was hatte ein junges Mädchen dort verloren?“ Monica Borgward studierte und ging lieber ihren eigenen Weg. Heute freut sie sich über das anhaltende Interesse am Werk ihres Vaters, der starb, als sie 22 war. Und sie fährt keinen Mercedes, sondern ein anderes Fabrikat, das Carl Borgward sicher imponiert hätte: einen Citroën mit Hydropneumatik.

Karsten Rehmann