Reportage: Auf den Spuren von Carl Borgward Bremer Urgesteine

Inhalt
  1. SICHTBARE BORGWARD-HISTORIE 
  2. Seit 1978 laufen Mercedes-Pkw in Bremen vom Band
  3. Baureihe 123 - der Alltags-Youngtimer

Carl Borgward machte Bremen zu Deutschlands nördlichster „Autostadt“. Heute führt Daimler Regie an der Weser, doch die Erinnerung an den Pionier und seinen Konzern bleibt lebendig. Die Reportage einer Spurensuche

Könnten wir das Kopfsteinpflaster in der Bremer Föhrenstraße zum Reden bringen, würde es uns großartige Storys erzählen. Geschichten aus dem Wirtschaftswunderland, von den Ölfahnen tausender Lieferwägelchen mit Zweitaktmotor und Dreirad-Chassis, die um die Ecke im Goliath-Werk vom Band purzelten und schnurstracks in die benachbarten Fabriken tuckerten, um das Wirtschaftswunder anzukurbeln – zum Beispiel ins „Ogo-Haus“, wo Kaffee verpackt und in alle Teile der Republik verschickt wurde.

Das Ogo-Haus steht heute noch an der Ecke zum Hastedter Osterdeich, genau wie das ehemalige Borgward-Verkaufsbüro, wo Tag für Tag nagelneue Isabella abgeholt wurden und die ersten Meter öffentliche Straße unter ihre Weißwandreifen nahmen. Längst zog ein Ford-Händler in die alten Backsteinhallen ein, doch die Fassade aus der Borgward-Zeit ist fünf Jahrzehnte später immer noch leicht wiederzuerkennen.

 

SICHTBARE BORGWARD-HISTORIE 

Die Föhrenstraße ist nicht der einzige Ort in Bremen, an dem die Borgward-Historie noch sichtbar ist. An zahlreichen Plätzen erzählen Original-Fassaden aus den 50er-Jahren von der Zeit des Wiederaufbaus, als Borgward innerhalb von zehn Jahren die Belegschaft verdreifachte und unter seiner Regie Autos der Marken Lloyd, Goliath und Borgward-Hansa gebaut wurden.

Das große Ersatzteillager der Goliath-Werke in Hastedt ist erhalten geblieben, ebenso die Verwaltung der Lloyd-Werke in der Bremer Neustadt, und auch die Montagehalle steht noch. Lloyd lag Anfang der 50er nach VW und Opel stückzahlmäßig auf Platz drei in Deutschland.

Die wegen ihrer Sperrholzkarosserie mit Kunstlederüberzug „Leukoplastbomber“ genannten Kleinwagen erfreuten sich großer Beliebtheit. Zwei Gehaltsgruppen höher war Borgwards Isabella der Traumwagen gut verdienender Familienväter.

Mit 60 PS aus 1,5 Liter Hubraum und todschicker Pontonkarosserie stahl sie dem neuen Mercedes 180 und seinem seitengesteuerten 52-PS-Motor glatt die Schau.
Borgward war damals Bremens Stolz und einer der größten Arbeitgeber in der Hansestadt.

Viele Bremer haben Borgward nie vergessen, sie halten die Erinnerung wach. In der Tiefgarage unseres Hotels warten eine P 100 Limousine und ein fein gepflegtes Isabella Cabrio auf den Frühling, und draußen am Europahafen versuchen Oldtimer-Enthusiasten im „Schuppen Eins“, ein Borgward-Museum zu installieren.

Die Bremer geben sich gern seriös und Fremden gegenüber freundlichreserviert, doch wenn sie einen Borgward sehen, geraten viele ins Schwärmen. Unser liebevoll restaurierter P 100 ist ein besonderes Stück Firmengeschichte: Chassis-Nr. 2543, das letzte im Konkursjahr 1961 gebaute Exemplar dieses Topmodells.

Es sollte der ganz große Wurf werden, Borgwards besserer Mercedes. Der Clou war die Vierrad-Luftfederung mit automatischer Niveauregulierung, inspiriert vom Citroën DS, allerdings mit Kompressor statt Hydropneumatik. Doch es gab Qualitätsprobleme, und die geringe Stückzahl spielte die Entwicklungskosten nicht ein.

Borgwards Konzern war ohnehin ins Schlingern geraten, der P 100 trug seinen Teil zum Kollaps bei. Ob der Konkurs wirklich unabwendbar war, darüber streiten sich bis heute die Enthusiasten. Der Besitzer des P 100, Andreas Snetivy aus Tarmstedt, versteht wie viele Borgward-Kenner nicht, warum eine Firma, die solch feine Autos baute, untergehen musste.

Noch heute fährt Carl Borgwards Ehrgeiz in diesem Auto auf jedem Meter mit, und der Sechszylinder begrüßt unser zweites Bremer Original, den 79er Mercedes 280 TE, mit herausforderndem Knurren. Markiert der Borgward P 100 das Ende der Ära Borgward, so steht das T-Modell der Baureihe 123 für den Anfang einer neuen Tradition: Es lief ab 1978 als erster Mercedes-Pkw im ehemaligen Borgward-Werk vom Band.

 

Seit 1978 laufen Mercedes-Pkw in Bremen vom Band

Nach dem Konkurs kaufte Hanomag-Henschel das Fabrikgelände in Sebaldsbrück, doch bald schon stieg Borgwards alter Rivale Daimler-Benz bei Hanomag ins Boot und übernahm ab 1969 die Lkw-Fertigung. Mit dem „Bremer Transporter“ fing es an, doch seit 1978 laufen auch Mercedes-Pkw in Bremen vom Band. Auf das T-Modell, intern „S 123“ genannt, folgte 1983 der kleine Mercedes 190.

Heute sorgen 12.700 Mitarbeiter dafür, dass pro Jahr über 300.000 Mercedes in acht Modellreihen gefertigt werden. Alle 70 Sekunden wird eine neue C-Klasse fertig. Und trotzdem finden sich auch mitten im Mercedes-Werk noch Überbleibsel der Borgward-Vergangenheit. Eingekesselt von modernen, großen Montage- und Lackierhallen liegt ein altes Backsteingebäude, dessen Fassade noch genauso aussieht wie zu Borgwards Zeiten.

Auch die ehemalige Halle 1 der Borgward-Produktion existiert noch, allerdings wurde die riesige Glasfensterfront zum größten Teil neutral verkleidet. Unweit davon ragt der sogenannte „Späneturm“ aus den Fabrikwürfeln empor. Borgward hatte für die Holzverarbeitung ein eigenes Areal in Sebaldsbrück angelegt. Der Turm war ein Wahrzeichen des Werks. Heute ist nur noch die Spitze zu sehen, Mercedes hat seinen dreizackigen Stern darangeheftet.

2013 erinnerte Mercedes in einer Feierstunde an die Gründung des Werks durch Carl Friedrich Wilhelm Borgward 75 Jahre zuvor. Andreas Snetivy hat ein historisches Dokument mitgebracht, das bei dem Festakt fehlte: den Silberteller, der Borgward anlässlich der off ziellen Einweihung seiner neuen Fabrik am 23. September 1938 überreicht wurde.

Der Teller befindet sich genau wie Snetivys P 100 im Topzustand. Längst fühlt sich Daimler in Bremen so zuhause wie in Stuttgart. Der Stern am Kühler prägt das Straßenbild der Hansestadt, und auch der weiße Kombi mit dem klassischen Mercedes-Kühler am Bug erntet anerkennende Blicke von Mercedes-Werkern ebenso wie von Bremer Bürgern.

 

Baureihe 123 - der Alltags-Youngtimer

Noch vor wenigen Jahren war die 123er-Baureihe als unverwüstlicher Alltags-Youngtimer ein gewohnter Anblick, doch seit sie die Altersgrenze von 30 Jahren überschritten und damit den Status eines historischen Kulturguts erreicht hat, macht sie sich rar. Dabei lässt sich speziell der 280 TE noch heute völlig problemlos im Straßenverkehr bewegen.

Die übersichtliche Karosserie und der enge Wendekreis sind eine Wohltat. Der schnurrende Sechszylinder erledigt ab 50 km/h jede Aufgabe souverän im vierten Gang. Das Beste ist der Abrollkomfort. Auf den von Trambahnschienen durchkreuzten und mit abgesackten Gullydeckeln gespickten Bremer Innenstadtstraßen schwebt der Mercedes S123 in einer Manier über den Dingen, die vielen modernen Limousinen mit ihren DTM-tauglichen Fahrwerken weitgehend abhanden gekommen ist.

Wir fahren noch einmal zurück in die Vergangenheit, in den nördlichen Teil der Stadt, zur Horner Heerstraße. Hier wohnte die Familie Borgward in einer 1750 als Landgut gebauten Villa, die pikanterweise 1921 dem Hansa-Lloyd Direktor Dr. Robert Allmers gehört hatte. Unter dessen Führung wurden in Bremen mächtige Lastwagen und sogar ein vergessener Pionier der Automobilhistorie hergestellt: der Hansa-Lloyd „Treff-Ass“.

Er wurde 1923 vorgestellt und sollte Deutschlands erster Personenwagen mit Achtzylinder-Motor werden. Doch zur Serienfertigung fehlte das Geld. Die klamme Fabrik kaufte 1929 ein Jungunternehmer, der mehr Gespür für den Kfz-Markt besaß: Carl Borgward. Der autobegeisterte Ingenieur versorgte das Land mit seinen kleinen „Blitzkarren“ und stieg zu einem der letzten großen Auto-Patriarchen auf.

Vielleicht liegen auch in der Horner Heerstraße noch dieselben buckligen Katzenköpfe wie 1952, als Borgward mit seiner Familie in die frühere Allmers-Villa einzog. Vor dem Eingang wartet eine Dame, der das Haus bestens vertraut ist, weil sie viele Jahre hier wohnte: Carl Borgwards Tochter Monica.

Sie hat ihren Vater nie am Schreibtisch besucht, denn „was hatte ein junges Mädchen dort verloren?“ Monica Borgward studierte und ging lieber ihren eigenen Weg. Heute freut sie sich über das anhaltende Interesse am Werk ihres Vaters, der starb, als sie 22 war. Und sie fährt keinen Mercedes, sondern ein anderes Fabrikat, das Carl Borgward sicher imponiert hätte: einen Citroën mit Hydropneumatik.

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