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Porsche 911 GT3 RS: Tracktest

Das Präzisions-Werkzeug

Vom Rennsport auf die Straße! Ja, ja, das sagen sie alle, könnte man meinen. Doch beim Porsche 911 GT3 RS ist das nicht bloß eine hohle Phrase, sondern es bringt die Sache auf den Punkt.

Das hier ist ein Rennauto mit Straßenzulassung. Nicht wegen der Leistung. Nicht wegen der Reifen. Und auch nicht wegen der Polycarbonat-Fenster oder der Karosserieteile aus Karbon und Magnesium. Eine Eigenschaft aber hebt den Porsche 911 GT3 RS von all den vierrädrigen Kollegen aus der Boxengasse ab: sein Abtrieb – also die Kraft, mit der das Fahrzeug bei zunehmender Geschwindigkeit auf die Straße gedrückt wird. Dank Frontsplitter, Kotflügel-Luftgittern und riesigem Heckspoiler sind das 121 Kilo an der Vorder- und 224 Kilo an der Hinterachse bei Tempo 310. Das schadet der Windschlüpfigkeit, könnte man meinen. Doch mit dem ausgeklügelten Luftleitwerk steigt der cW -Wert im Vergleich zum normalen 991 GT3 von 0,33 auf 0,34. Das klingt alles sehr theoretisch – also ab auf die Strecke. Mit geöffnetem Klappenauspuff startet das Vorprogramm für die schnellen Runden: Reifen aufwärmen, kurzer Stopp, Luftdruck auf den Kaltwert für den Rennstreckeneinsatz ablassen.

Porsche 911 GT3 RS: Rennwagen für die Straße mit 500 PS

Beim Anfahren rasselt das Getriebe, unter Getöse geht es mit Tempobegrenzer (Pit Speed) über die Zufahrt. Ein Tastendruck, und das 1480 kg schwere Coupé geht ansatzlos von der Warte- in die Angriffsstellung über. Der Sechszylinder im Heck „boxert“ sich förmlich die Seele aus dem Leib, bis die Drehzahlorgie bei 8800 Touren ihren ekstatischen Höhepunkt erreicht. Zum Kennenlernen spiele ich auf der Einrollrunde ein bisschen mit dem Coupé, lupfe in der Kurve mal das Gas, erhöhe plötzlich den Lenkradeinschlag, lenke sehr zackig ein, bremse spät und bis in die Schikane hinein oder trete ab  dem Kurvenscheitelpunkt extra etwas beherzter aufs rechte Pedal. Trotz enormer Bodenhaftung muss der GT3 RS mit ruhiger Hand geführt werden. Also bloß keine Fisimatenten mit Gaspedal oder Lenkung. Wenig mitteilsam oder gar unberechenbar ist der GT3 RS anno 2015 deswegen aber nicht. Im Gegenteil: Die Rückmeldung von Lenkung, Fahrwerk, Motor und Bremse ist glasklar. Das Coupé kündigt seinen Grenzbereich an – aber nur ganz kurz. Dann beginnt die mitlenkende Hinterachse spontan gen Kurvenausgang zu schmieren, und man muss sofort gezielt korrigieren. Trotzdem schafft auch dieser 991 schnell Vertrauen mit bestialischer, selbst unter höchster thermischer Belastung stets konstanter Bremsleistung und dem sehr sensibel arbeitenden ABS.

Porsche 911 GT3 RS:  Video zum Tracktest

Fahrer und Motor sind inzwischen auf Betriebstemperatur, die Michelin Pilot Sport Cup 2-Reifen sowieso. Mit etwas Schlupf starte ich auf die erste schnelle Runde. Für die anschließende Links-Rechts-Kobination gilt nicht, wie schnell fahre ich hinein, sondern wie schnell komme ich heraus, um möglichst viel Tempo auf das anschließende Vollgasstück zu nehmen. Knapp 213 km/h wird die Datenaufzeichnung später zeigen, dann eine Verzögerung von 12,19 m/s2 in Richtung der Spitzkehre. Erst kurz nach dem Scheitelpunkt gebe ich wieder Vollgas. Bei Tempo 233 bereite ich den Elfer auf die schnelle Rechtskurve vor, zirkel ihn dann mit 157 km/h durch die lange Links. Mit zunehmendem Tempo geht es raus an den Kerb, die nächste Kurve wird innen und spitz angebremst – anders als mit schwächeren Fahrzeugen. Überhaupt muss man mit dem GT3 RS komplett umdenken, seinen Fahrstil anpassen, spät bremsen, sich an die Aerodynamik gewöhnen. Nach zehn Runden gönne ich dem Porsche eine Pause, bestaune das tadellos aussehende Reifenprofil, wische mir den Schweiß aus dem Gesicht und werfe einen genaueren Blick auf den Innenraum mit dem 21,8 Kilogramm leichten Käfig im Fond. Okay, Radio und Klimaanlage müssten ebenfalls noch raus. Und elektrische Fensterheber sowie bezogene Türverkleidungen braucht auch keiner. Das hier ist schließlich ein Rennauto.

TECHNIK
 

Porsche 911 GT3 RS
Motor 6-Zyl.-Boxer, 4-Vent., Direkteinspr.
Hubraum 3996 cm3
Leistung 368 kW/500 PS bei 8250 /min
Max. Drehmoment 460 Nm bei 6250 /min
Antrieb Hinterrad
Getriebe 7-Gang, Doppelkupplung
L/B/H 4545/1880/1291 mm
Radstand 2457 mm
Reifen v.: 265/35 ZR 20, h.: 325/30 ZR 21,
Michelin Pilot Sport Cup 2
Leergewicht/Zuladung 1480/240 kg
Messwerte 0-100/200 km/h in 3,3/11,1 s
Höchstgeschwindigkeit1 310 km/h
Bremsweg 100 - 0 km/h kalt/warm 32,6/31,6 m
Verbrauch 15,8 l/SP 100 km
EU-Verbrauch1 12,7 l/SP 100 km
CO2-Ausstoß1 296 g/km
Grundpreis1 181.690 Euro

1 Werksangabe

Der GT3 RS-Tracktest in der Bildergalerie

Paul Englert
Fazit

Er ist die Essenz des Elfer-Baus, klar und pur, so weit wie möglich auf das Wesentliche beschränkt. Der neue Porsche 911 GT3 RS ist ein Rennstrecken-Präzisionswerkzeug par excellence, das seinem Fahrer Respekt abverlangt, sich dann aber mit ungeahnter Fahrdynamik revanchiert.