Fahrbericht: Opel Diplomat V8 Coupe Diplomatischer Opel

17.10.2013

Beinahe fünf Meter Opel am Stück, zwei Türen, ein 5,4-Liter-V8: der Diplomat ist ein Ami aus Germany. Wir luden uns ein zu einer traumhaften Rheingau-Tour. Fahrbericht

Weißt Du eigentlich, wie Du gerade aussiehst?“ Die Stimme von Fotograf Jochen Faber tönt scheppernd aus dem Walkie-Talkie. „Nein, das weiß ich nicht.“ „Du strahlst, als hätte Dir Adam soeben seine Opel AG vermacht!“ Ich lasse ihn wissen, dass ich künftig „General Mietors“ für ihn sei, er mich aber GM nennen dürfe. Ganz im Vertrauen: Jochen hat ja Recht. Ich sitze am Steuer dieses 1965er-Diplomat V8 Coupés und bin im Begriff, zum Generaldirektor aufzusteigen – mental jedenfalls. Instinktiv fingere ich nach der Zigarre, die ich eigentlich anstecken müsste, aber nicht kann, weil ich keine habe. Dann eben Luft-Zigarre. An Bord dieser Rüsselsheimer Prachtkarosse wird mir mit jeder Minute klarer, welches Gefühl die großen Opel-Wagen jener Zeit bei ihren Fahrern geweckt haben müssen: den blanken Besitzerstolz. Der macht die Brust so breit, dass man nur mit Mühe aussteigen kann.


DIE K-A-D-BAUREIHE WAR KOMPLETT


Es war im Jahr 1964, als die Hessen die legendäre K-A-D-Baureihe auf Kiel legten, aber mit ihren maritimen Rangabzeichen ins Schleudern kamen. Kapitän, Admiral und dann? „Oberbefehlshaber der Seestreitkräfte“ wirkte etwas sperrig. So nannten sie ihn ganz diplomatisch Diplomat, und die K-A-D-Buchstabenfolge war komplett. Ein standesgemäßer, 190 PS kräftiger 4,6-Liter-V8 von General Motors steckte im mächtigen Bug des Ober-Opel, der seinerzeit auf Augenhöhe mit den allerfeinsten Mercedes-Modellen verkehrte. Im Sommer 1965 erschien das Coupé. Es stellte beinahe alles in den Schatten, was sonst aus deutschen Fabrikhallen rollte. Der bei Karmann in Osnabrück insgesamt nur 347 Mal gebaute Zweitürer bekam einen noch größeren Ami-V8 implantiert. Die Leistung des 5,4-Liter-Chevrolet-Kraftwerks (230 PS) entsprach ungefähr der von sechs zeitgenössischen VW Käfer 1300. Auf heutige Verhältnisse übertragen, müsste ein Diplomat des Jahrgangs 2013 mit weit mehr als 500 PS unterwegs sein.

Wir fahren in den Rheingau, und ich kurbele heftig am Volant. Es hat um die Mittellage so viel Spiel, dass allein die korrigierenden Lenkbewegungen ausreichen würden, um mit einer modernen Limousine rechtwinklig abzubiegen und in der nächsten Böschung einzuschlagen. Das Lenkrad selbst ist dabei ein echtes Schmuckstück und glänzt zweifarbig. Oben wie unten ist es baby- und dazwischen himmelblau. Die breite Prallplatte auf der Nabe und Teile des Cockpits hat man mit hübschem Echtholz vertäfelt, dessen Farbe mich irgendwie an mein Jugendzimmer erinnert – schönen Gruß an Flötotto. Von Haus aus war der Diplomat natürlich besser ausgestattet als die alten Kameraden Admiral oder Kapitän. Vier elektrische Fensterheber, die Lenkhilfe, der besonders feine Teppich und Fußraumleuchten hinten etwa waren serienmäßig an Bord. Im urgemütlichen Fond finden sich gleich zwei Zigarettenanzünder – längst erloschene Relikte einer Zeit, in der noch geraucht wurde. Der dicke Achtzylinder brabbelt satt vor sich hin. Ich rücke den filigranen Automatikwählhebel auf Position „D“ – dem Kraftfluss steht nichts mehr im Weg, mein Gasfuß erledigt den Rest. Das Gebrabbel wird zu einem grundsatten Grollen, das ungefähr bei Tempo 40 schon wieder sein Ende findet, denn ein höchst seltenes Ereignis tritt ein: Die Getriebeautomatik wechselt den Gang. Derer hat der Diplomat sage und schreibe drei – mit einem davon fährt man übrigens rückwärts. Das gewaltige Drehmoment von maximal 435 Newtonmetern würzt das schmale Zwei-Vorwärts-Gänge-Menü allerdings kräftig an.

Mit dem deutschen Straßenkreuzer kann man erstaunlich flott unterwegs sein und bewegt sich dabei gefühlsmäßig an der Schnittstelle zwischen „Firma Hesselbach“ und den „Straßen von San Francisco“. Die US-Fernsehserien der 1970er-Jahre haben uns das Fahrverhalten der Dickschiffe deutlich vor Augen geführt. Das geht so: Der Hauptdarsteller schaukelt im Ami-Schlitten durchs Bild. Die Ami-Schlitten-Reifen quietschen dabei sogar auf staubigen Feldwegen! Der Hauptdarsteller hält – reifen-quietschend – an, stürzt aus dem Auto und verfolgt einen Spitzbuben, den er schnappen muss. Zurück bleibt ein einsamer Ami-Schlitten, der zwar nicht mehr quietscht, aber auf dem Parkplatz noch nachwankt und -schwankt, als der Spitzbube längst zur Strecke gebracht ist. Karl Malden hätte auch Diplomat fahren können.

 

NOCH OHNE DeDION-HINTERACHSE

Die formidable DeDion-Hinterachse, bei der das schwere Hinterachsgetriebe separat an der Karosserie aufgehängt war und die Achsaufhängung nicht durch Antriebsmomente belastet wurde, kam übrigens erst 1969 in der B-Serie der K-A-D-Modelle zum Einsatz. Sie verbesserte das Fahrverhalten und den Federungskomfort ganz erheblich. Das Schwere-Wagen-Gefühl unseres noblen Coupés  aber beeindruckt auch so. Wir erreichen die Fürst von Metternich-Winnenburg’sche Domäne auf Schloss Johannisberg in Geisenheim. Einige Passanten verfallen in eine Art Erinnerungs-Wettbewerb, als sie den dicken Opel erkennen.

Wer hat wann wo seinen letzten Diplomat gesichtet? Eine ältere Dame setzt sich an die Spitze. Ihr erster Mann fuhr einen. Damals. Ganz bestimmt.  Eine Zeitzeugin, wie wunderbar. Dankbar notiere ich jedes kleinste Detail ihrer Ausführungen. Sie ergeben in der Summe ein recht klares Bild vom – ersten Ford Escort. Nix Diplomat. Hundeknochen! Aber: Spielt das eigentlich eine Rolle? Jugendzimmer, erste Ehemänner, die Hesselbachs oder die Straßen von San Francisco. Im Grunde ist es völlig egal, an welches Auto wir unsere Erinnerungen knüpfen. Hauptsache, wir haben welche. Ich stecke mir eine dicke Luft-Zigarre an, grinse zufrieden und rolle mit Jochen durch die sattgrün belaubten Weinberge des Rheingaus. Er räuspert sich: „Sag mal, GM, weißt Du eigentlich, wie Du gerade aussiehst?“ „Ja Jochen, ich weiß es.“ Und es ist gut so.

OPEL Diplomat V8 Coupe: Technische Daten
Antrieb
V8-Zyl.; 2-Ventiler; ein Vierfach-Fallstromvergaser; Hubraum: 5354 cm 3 ; Leistung: 230 PS (169 kW) bei 4700/min.; max. Drehm.: 435 Nm bei 3000/min; 2-Stufen-Autom.; Hinterradantr.
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Stahlblechkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Doppel-Querlenker, Schraubenfedern, Stabi.; hinten: Starrachse, Blattfedern; Bremsen v./h.: Scheiben/Simplex-Trommeln
Eckdaten
Länge/Breite/H.: 4948/1902/1432 mm; Radstand: 2845 mm; Leergew.: 1610 kg; Bauzeit: 1965 bis ’67; Stückzahl: 347; Preis (1965): 25.500 Mark
Fahrleistungen1
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 9,5 s; Höchstgeschwindigkeit: 206 km/h; Verbrauch: ca. 15 bis 20 l/100 km
1 Werksangaben

Stefan Miete

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