Dauertest: Nissan Juke 1.6 DIG-T 4x2 2013 Weiße Weste

13.04.2013
Inhalt
  1. DIE HÖCHSTE AUSSTATTUNGSLINE LÄSST KEINE WÜNSCHE OFFEN
  2. VOLLER LEISTUNGSEINSATZ OFFENBART TRAKTIONSSCHWÄCHEN
  3. ÜBERSCHAUBARE WARTUNGSKOSTEN UND KEINE REPARATUREN
  4. FAZIT

Extravagante Schale und trotzdem ein solider Kern? Der progressive Nissan Juke glänzte in unserem Dauertest-Marathon ganz konservativ mit seiner sprichwörtlichen japanischen Zuverlässigkeit

Bei vielen Zeitgenossen gelten Nippons Autohersteller als Konfektionäre solider Massenware – im Alltag problemlos, aber eben meist auch etwas emotionslos. Was auf Messen an außergewöhnlichen Studien gezeigt wird, bleibt in der Regel Ausdruck der Gedankenspiele von Designern und Ingenieuren. Da muss Nissans Auftritt auf dem Genfer Salon 2011 wie ein Paukenschlag gewirkt haben: Dort zeigten die Japaner erstmals die Serienversion des Faszination Auto: Mit dem Juke durch Tokio. Ein extravagant gestyltes, hochbeiniges Crossover-Mobil, das Züge eines Kompaktwagens, eines SUV und eines Coupés in sich vereint und zu bezahlbaren Preisen gekauft werden kann.

Die Front dominieren kreisrunde Hauptscheinwerfer unten, und auf den Kotflügeln wölben sich schlitzförmige Gehäuse für Blinker sowie Positionsleuchten. Aus den Flanken mit der hohen Gürtellinie und den kleinen Fenstern wachsen die Radläufe förmlich heraus. Die Griffe der hinteren Tür sind in die Fensterrahmen integriert und sorgen zusammen mit der nach hinten abfallenden Dachlinie für eine coupéhafte Anmutung. Auch wenn Schönheit zweifellos im Auge des Betrachters liegt und manch einer sich beim Betrachten des Juke an zeitgenössische Manga-Ästhetik erinnert fühlt – der Bruch mit gewohnten Design-Konventionen im Hause Nissan verdient Respekt und offenkundig die Anerkennung der Käufer. Immerhin fand der Juke seit seiner Markteinführung im Herbst 2010 über 25.000 Mal einen Besitzer. Da sage noch einer, deutsche Autokäufer seien eher konservativ.

 

DIE HÖCHSTE AUSSTATTUNGSLINE LÄSST KEINE WÜNSCHE OFFEN

So rollte am 17. Mai 2011 ein frontgetriebener Nissan Juke in der Ausstattungslinie Tekna mit Lederausstattung und lackiert im Metallic-Farbton „Force Red“ auf den Redaktionsparkplatz. Unter der Haube? Kräftiges in Gestalt eines 1,6 Liter Hubraum großen Benzin-Direkteinspritzer-Turbos mit 190 PS. Zusammen mit den genannten Extras summierte sich der Preis für den Testwagen damals auf 23.920 Euro. Die Tekna-Ausstattung kann sich durchaus sehen lassen, denn sie umfasst vieles von dem, was den Aufenthalt an Bord angenehm macht: Navi- und Audiosystem, Rückfahrkamera, Klimaautomatik, Licht- und Regensensor, Bluetooth-Schnittstelle, Leichtmetallräder – was will man mehr? Beste Voraussetzungen also für einen Langstreckentest.

Langstrecke ist überhaupt das Stichwort. Der Direkteinspritzer-Turbo verheißt hier mit 190 PS zügiges und sprintstarkes Vorankommen. Die 100-km/h-Marke fällt nach gerade mal 7,6 Sekunden. Entsprechend lernte der Nissan Juke rasch das deutsche Autobahnnetz kennen. Unterwegs gefällt das Aggregat mit spontanem Ansprechverhalten, doch schaltfaules Fahren ist ebenso möglich. Dafür sorgt ein Drehmomentverlauf, dessen Form an den Tafelberg erinnert. So liegt das maximales Drehmoment von 240 Nm im alltagsrelevanten Drehzahlbereich zwischen 2000 und 5600 /min an. In puncto Vibrationen hält sich der munter drehende Motor bis in den bei 6500 /min beginnenden roten Bereich angenehm zurück. „Kultivierter Vierzylinder“, urteilte Michael Godde, stellvertretender Ressortleiter Test und Technik, kurz und knapp. Die Gänge des Sechsgang-Getriebes rasten unterdessen recht knackig ein. Die Ernüchterung folgt an der Tankstelle, denn insbesondere bei hohen Tempi machen sich der konzeptionsbedingt hohe Aufbau und der schlechte cW-Wert von 0,35 bemerkbar. Einerseits ist bereits bei 215 km/h Höchstgeschwindigkeit Schluss, andererseits steigt der Verbrauch auf schnellen Etappen überproportional an. So notierte der stellvertretende Chefredakteur und Autobahn-Vielfahrer Wolfgang Eschment ins Fahrtenbuch: „Sehr durstiger Motor, kaum unter elf Litern zu fahren.“ Der hohe Autobahnanteil dürfte deshalb mit dafür verantwortlich dafür sein, dass sich der Dauertest-Durchschnittsverbrauch schließlich bei 10,3 l S/100 km einpendelte. Hinzu kommt, dass wegen des nur 46 Liter fassenden Tanks die Reichweite gering ausfällt. Die AUTO ZEITUNG-Normrunde, die neben Autobahn- auch Landstraßen- und Stadtverkehr enthält, absolvierte der Juke mit deutlich verträglicheren 8,1 Litern.

In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass Nissan für den Juke als Antriebsalternative auch einen kultivierten Selbstzünder anbietet. Das 110-PS-Aggregat gilt als durchzugskräftig und kam in einem früheren Test mit nur 6,3 Liter Diesel pro 100 Kilometer aus.

 

VOLLER LEISTUNGSEINSATZ OFFENBART TRAKTIONSSCHWÄCHEN

Beim Ölverbrauch hielt sich der Nissan Juke dagegen zurück. Über die gesamte Testdistanz musste lediglich zweimal ein Liter Öl nachgefüllt werden. Nachahmenswert: Nach Einschalten der Zündung gibt eine Anzeige im Cockpit Auskunft über den Ölstand und erspart dem Fahrer schmutzige Finger.

Auf Langstrecken gefielen auch die Sitze mit ihrer angenehm straffen Polsterung. Art Director Andreas Schulz befand die Sitze „auch für 500-Kilometer-Etappen bequem“. Schade, dass Nissan beim Juke auf eine axiale Lenkradeinstellung verzichtet. So lässt sich nicht für jede Statur eine optimale Sitzposition finden.

Beim knackigen Kurvenräubern dürfte das Gestühl zudem eine Spur mehr Seitenhalt bieten. In Kurven wirkt der recht straff abgestimmte Nissan Juke sehr agil. Nimmt der Fahrer abrupt das Gas weg, zeigt der Juke leichte Lastwechselreaktionen, die aber vom ESP sanft abgefangen werden. Für das Spaßprogramm hält Nissan die D-Mode-Taste bereit (Serie). Damit lassen sich die Fahrprogramme Normal, Eco oder Sport anwählen, welche der jeweiligen Ausrichtung entsprechend die Kennlinien vom Ansprechverhalten des Motors und der Lenkkraftunterstützung beeinflussen. In engen Kehren zeigt der agil einlenkende Juke aber auch, dass seine Traktion bei vollem Leistungseinsatz rasch an ihre Grenzen kommt – ein Effekt, der sich bei Nässe noch verstärkt. Wer hier auf Nummer sicher gehen möchte, wählt am besten die Allradversion in Verbindung mit dem CVT-Getriebe für 3000 Euro Aufpreis.

Auf Langstrecken brachte der unkonventionelle Japaner seine Insassen stets ohne Umwege ans Ziel. „Die Navibedienung funktioniert überraschend gut und einfach“, lobte etwa Ratgeber-Redakteur Markus Bach den elektronischen Wegweiser. Ansonsten zeigt der Juke aber im Alltag, dass wegen seiner Konzeption gelegentlich die Funktion der Form folgen muss: So fällt das Raumangebot für einen 4,32 Meter langen Pkw vor allem im Fond recht knapp aus. Hat man die Rückbank erst einmal über die engen Türausschnitte geentert, stellt man fest, dass wegen des hinten abfallenden und zur Seite eingezogenen Dachs beim Seitenblick der Dachhimmel im Bild ist. Apropos Blick: „Die Sicht nach hinten ist aufgrund der hohen Gürtellinie und der vergleichsweise kleinen Fenster auch für den Fahrer eher mäßig. Da erweist sich die Rückfahrkamera als überaus nützliche Einparkhilfe“, bemerkte Autor Michael Harnischfeger. Die Bedienung entspricht ansonsten dem gewohnt gutem japanischen Standard. Einige Verkleidungen im Innenraum wirken indes nicht besonders hochwertig.

Das Ladevolumen ist angesichts der Fahrzeuggröße mit 251 bis 830 Litern etwas spärlich. Diese Werte kennen wir eher aus dem Kleinwagensegment. Hinzu kommt, dass das Gepäck über eine hohe Ladekante gewuchtet werden muss. Sperrigem Gepäck ist die Hutablage im Weg, die nach Entfernen nur wieder „extrem fummelig zu montieren“ ist, wie Testchef Martin Urbanke monierte. Immerhin: Im doppelten Ladeboden lässt sich Wertvolles zum Schutz vor Langfingern blickdicht verstauen.

Wer bei Dunkelheit unterwegs ist, stellt fest, dass das Fahrlicht die Fahrbahn nicht gleichmäßig ausleuchtet. Die schlitzförmigen Positionsleuchten sorgen bei Schneefall oder Regen für Streulicht nach oben und gelegentlicher Eigenblendung des Fahrers. Zu Beschwerden ist es laut Nissan hierüber aber noch nicht gekommen. Sehr gut: Heizung und Klimaautomatik überzeugen mit schnellem Ansprechverhalten und sorgen rasch für beschlagfreie Scheiben und ein angenehmes Innenraumklima.

 

ÜBERSCHAUBARE WARTUNGSKOSTEN UND KEINE REPARATUREN

Am Ende des 60.000-Kilometer-Marathons ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Dabei stellt sich heraus, dass abgesehen von der extravaganten Formensprache das einzig Auffällige am Nissan Juke dessen Unauffälligkeit war. Das Werkstattpersonal sah ihn nur zu Wartungsdiensten, die bei Kilometerstand 35.815 das erste Mal und noch einmal nach 55.115 Kilometern durchgeführt wurden. Dabei rückten die Mechaniker neben den normalen Wartungsarbeiten lediglich einem quietschenden Türfangband mit etwas Fett zu Leibe. Ansonsten glänzte der Fehlerteufel durch Abwesenheit.

Die Inspektionenskosten, jeweils mit Öl- und Filterwechsel, hielten sich mit 292,57 und 401 Euro ebenfalls im Rahmen. Deutlich teurer kam dagegen der Reifenverschleiß: Beim Wechsel auf Winterreifen bei Kilometerstand 21.926 zeigten die Sommerreifen nur noch 3,5 Millimeter Profil. Anlass genug, im darauffolgenden Frühjahr neue Pneus zu ordern, die samt Montage mit 555,46 Euro zu Buche schlugen. Heftig fällt auch der Wertverlust aus: Nach knapp zwei Jahren berechnet die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) den Händlereinkaufswert auf nur noch 11.250 Euro. Gemessen am ehemaligen Neupreis von 23.920 Euro bedeutet das einen Wertverlust von knapp 53 Prozent – was aber vor allem an dem gebraucht wenig gefragten Benzinmotor liegen dürfte.

 

FAZIT

Während seines Aufenthalts in der Redaktion bereitete der Juke mit seinem 190-PS-Turbo viel Fahrspaß. Quirlig in der Stadt, dazu schnell auf Landstraßen und Autobahnen, war der Nissan ein beliebter Dauertestwagen. Auch bei der Zuverlässigkeit überzeugte das japanische SUV: 60.000 Kilometer ohne jeglichen Defekt sind heute immer noch keine Selbstverständlichkeit. Wer den quirligen Charakter und die Sprintstärke des Motors häufig ausnutzt, muss mit hohen Kraftstoffkosten rechnen. Dem lässt sich durch die Wahl eines sparsamen Diesels begegnen. Als Wermutstropfen bleibt der hohe Wertverlust.

TECHNIK
 

NISSAN JUKE 1.6 DIG-T 4X2
Motor 4-Zyl., 4-Vent. Turbo, Direkteinspritzung
Nockenwellenantrieb Kette
Hubraum 1618 cm³
Leistung 140 kW / 190 PS bei 5600 /min
Max. Drehmoment 240 Nm bei 2000 – 5600 /min
Getriebe 6-Gang, manuell
Antrieb Vorderrad
Fahrwerk vorn: McPherson-Federbeine, Querlenker, Stabilisator;
hinten: Verbundlenkerachse, Federn, Dämpfer,  Stabilisator; ESP
Bremsen vorn: innenbel. Scheiben;
hinten: Scheiben; ABS, Bremsassistent
Bereifung rundum:
215/55 R 17 V
Felgen rundum:
7 x 17
L / B / H 4315 / 1765 / 1565 mm
Radstand 2530 mm
Leergewicht / Zuladung² 1290 / 445 kg
Kofferraumvol. 251 – 830 Liter
Abgasnorm Euro 5
Typklassen HP 15/ VK 22/ TK 20
FAHRLEISTUNG /
VERBRAUCH
 
0-100 km/h² 7,6 s
Höchstgeschwindigkeit¹ 215 km/h
EU-Verbrauch¹ 6,9 l S / 100 km
AZ-Normrunde² 8,1 l S / 100 km
Dauertest-Verbrauch² 10,3 l S / 100 km
KOSTEN  
Grundpreis 22.240 Euro
¹ Werksangaben; ² Messwert

PREISE / UNTERHALT
 

NEUPREIS / RESTWERT
Neupreis Testwagen ¹ 23.920 Euro
Schätzpreis nach 60.000 km ² 11.250 Euro
Neuwagenpreis heute 24.070 Euro
  FIXKOSTEN PRO JAHR
Steuer 132 Euro
Haftpflichtversicherung TK 17 346 Euro
Haftpflichtversicherung TK 17 695 Euro
Haftpflichtversicherung TK 18 143 Euro
  TESTBETRIEBSKOSTEN
Kraftstoff: 6166 Liter Super
Preis: 1,62 Euro / Liter
10.028 Euro
Ölverbrauch 2 Liter
Preis: 46 Euro
46 Euro
Wartung, Ölservice,
Verschleißteile
693,57 Euro
Reparaturen 0 Euro
Wertverlust 11.226 Euro
Kosten pro km ohne Wertverlust 0,18 Euro
Kosten pro km mit Wertverlust 0,37 Euro
¹ inkl. Tekna-Ausstattung, Lederausstattung u. Metallic-Lackierung; ² Händler-EK nach DAT-Schätzung

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