Mercedes 300 SEL 6.8 AMG gegen S63 AMG Mercedes 300 SEL 6.8 AMG und S63 AMG "Thirty Five"

11.11.2010

Sie sind extra lang und extra stark: 1971 überraschte der Mercedes 300 SEL AMG die Konkurrenz auf der Rennstrecke. Ein originalgetreuer Nachbau trifft die neue AMG-S-Klasse auf dem französischen Rennkurs Paul Ricard

Allein die Idee ist haarsträubend. Und das gilt für beide Schlachtschiffe, den Mercedes 300 SEL 6.8 von 1971, intern „rote Sau“ genannt, und die Neuauflage von 2010, ein S63 AMG mit langem Radstand. Während der „Alte“ ein originalgetreuer Nachbau ist, der bei Oldtimer-Veranstaltungen eingesetzt wird, soll der 2010er die Leistungsfähigkeit des neuen 5,5-Liter-V8-Biturbos zeigen. Dass auf Basis einer Vier Zylinder für die S-Klasse ein siegfähiger Renntourenwagen entstehen könnte, hatte 1971 niemand erwartet.

Das Privatprojekt von Hans-Werner Aufrecht, damals Chef der aufstrebenden Tuning-Firma AMG (Aufrecht, Melcher, Großaspach) stand zunächst ohne Sponsor da. Erst für den Einsatz beim 24h-Rennen in Spa-Francorchamps im Juli war die Finanzierung gesichert. Am Steuer: Der Mönchengladbacher Hans Heyer, damals einer der erfolgreichsten Kartrennfahrer, und Clemens Schickentanz. Das Ergebnis: Platz fünf im Training, Rang zwei mit nur drei Runden Rückstand auf den Werks-Ford Capri nach 24 Stunden auf dem Ardennenkurs.

Die Publikumswertung hatte der dunkel grollende V8-Bolide bereits weit vorher für sich entschieden. „Mercedes wird auch in Zukunft keine Rennen bestreiten“, lässt der stellvertretende Mercedes-Presseleiter William Reinert nach dem Spa-Einsatz verlauten, gratuliert AMG aber höflich. Aber: Der sorgsam von Erhard Melcher getunte AMG-V8 mit 428 statt 250 Serien-PS war vor dem Rennen auf dem Leistungsprüfstand im Mercedes-Werk. Und: Mercedes-Versuchsingenieur Erich Waxenberger war zumindest beim Training in Belgien zugegen – bis er zurückbeordert wurde. Noch besser: Zwei vom Werk aufgebaute 300 SEL 6.8 standen bereits 1969 auf der Nennungsliste in Spa, unter anderem mit Jacky Ickx und Dieter Glemser am Steuer. Sie bestritten das Training, wurden dann aber zurückgezogen...

Der S63 AMG „Thirty Five“ kommt ohne Heimlichkeiten aus. Die Basis: Eine lange S-Klasse aus dem Dauerlauf-Versuch. Ausgeräumt, mit Stahlrohrkäfig, zwei Rennsitzen und Sechspunktgurten. Rund 300 Kilo leichter als die Serie (2.300 Kilo), mindestens 571 PS stark und in „AMG Le Mans rot metallic“ getaucht, beherrscht der Bolide die Szenerie auf dem südfranzösischen Rennkurs Paul Ricard. Technisch weitgehend unverändert, aber mit einer unüberhörbar „optimierten“ Auspuffanlage ausgestattet, zeigt er das fahrdynamische Potenzial einer S-Klasse auf.

Innen fällt auf: keine Klimaanlage, ESP-Knopf mit zwei Einstellungen: Sport oder aus. Angesichts der 900 Newtonmeter Drehmoment, die bereits ab 2.500 Umdrehungen die Kurbelwelle des Hecktrieblers bestürmen, drängt sich freilich die „Aus“-Stellung nicht wirklich auf. Drei Runden über den geschichtsträchtigen Kurs treiben einem nicht nur aufgrund der fehlenden Klimaanlage die Schweißperlen auf die Stirn.

Die erreichbaren Einlenkund Kurvengeschwindigkeiten liegen weit über den Erwartungen, die gefühlte Agilität hinter dem Steuer des Zwei-Tonnen-Brummers passt eher zu einer austrainierten C-Klasse. Ganz zu schweigen vom erlebten Sturmlauf über die verkürzte Mistral-Gerade. An deren Ende, gleichzeitig der Einlenkpunkt in eine weit geschwungene Rechtskurve, zeigt der Tacho locker 240 km/h an.

Dabei steht die finale Fahrwerksabstimmung noch aus. Dazu soll der Mercedes-Koloss auf der welligen Nürburgring-Nordschleife aufregende Runden drehen. Ein Stichwort, bei dem Hans Heyer aufhorcht: „Das wär’s doch, eine Neuauflage der Story von 1971, mit dem Geschoss zum 24-Stunden-Rennen in die Grüne Hölle.“

Ein Schmunzeln macht sich in der Runde der AMG-Ingenieure breit, auch Clemens Schickentanz lächelt. Schnell schießen die Spekulationen ins Kraut: Abspecken bis auf 1.700 Kilo ist wohl möglich. Das wäre immer noch zuviel, stellt Heyer klar. Es gehe ja nicht um einen Marketing-Gag, sondern wie schon ’71 um ein siegfähiges Auto. Wozu gibt es schließlich ultraleichten, mit Karbonfaser verstärkten Kunststoff?

NACHBAU MIT 350 PS
Leichtbau war schon 1971 bei der Entwicklung des originalen 300 SEL als Renntourenwagen entscheidend. 1780 Kilo wog das Serienauto, Aluminium-Türen, Kotflügelverbreiterungen aus Kunststoff und Magnesium-Räder (vorn 10 x 15 Zoll, hinten 12 x 15 Zoll) senkten das Gewicht. Ein manuelles Fünfganggetriebe mit kapriziöser Rennkupplung verarbeitete die enorme Kraft von 608 Nm.

„Leider ist der schöne Nachbau nicht so leicht und stark wie unser Rennauto von damals“, sagt Heyer. Und auch die Schaltgeschwindigkeit der montierten Viergang-Automatik dürften ihm kaum gefallen. „Aber die Rennkupplung hätte hier keine zehn Minuten überlebt“, bestätigt der heute 67jährige. Tatsächlich geht es die rote Replika trotz ihrer 350 PS gemütlich an. Der mit schwarzem Cord bezogene Schalensitz hält den Fahrer fest im Griff, wenn sich die Karosserie nicht gegen die Fliehkräfte wehrt und stark zur Seite neigt.

Frühes Gasgeben vor dem Kurvenausgang verleitet die Automatik dann doch zum Kickdown. Erstmals ist die Kraft des herrlich klingenden V8 unter der Haube zu spüren. Dort, wo der S63 AMG Tempo 240 erreicht, liegen im 300 SEL immerhin gut 180 km/h an. Im langen Rechtsbogen am Ende der Mistral-Geraden schmiert die große Limousine über alle vier Räder nach außen. In der Bremszone ist viel Gefühl gefragt, ein ABS gibt es nicht. An den breiten Racing-Reifen von Dunlop steigt bei einem allzu beherzten Tritt aufs Gaspedal schnell Rauch auf. Das vergleichsweise weiche Fahrwerk verzeiht viel – auch den Ritt über die hohen, geriffelten Betoncurbs in den Kurven.

265 km/h AUF DER GERADEN
„Schon 1971 war klar: Das Ding ist richtig schnell auf der Geraden. Da kriegt uns keiner. Nur mit den strapazierten Bremsen mussten wir haushalten“, erinnert sich Heyer. Paul Ricard war im September 1971 nach dem glorreichen Auftritt in Spa die nächste Station der „Roten Sau“. Während über den Erfolg in Belgien selbst die „Tagesschau“ berichtete, schied der AMG beim 2x6-Stunden-Rennen in Frankreich mit einem Technikdefekt aus.

1972 folgten weitere Einsätze: Im März bestritt der jetzt gelb lackierte Wagen die Vortests zu den 24h von Le Mans, nicht aber das Rennen. Beim ebenso langen Klassiker auf dem Nürburgring im Juni kam ebenfalls das technische Aus – nach etlichen Führungsrunden. Schließlich grenzte eine Reglementänderung der Motorsportbehörde FIA den schnellen AMG-Benz ganz aus. Erlaubt waren fortan nur noch Renntourenwagen mit einem maximalen Hubraum von fünf Litern.

Als Erprobungswagen für Hochgeschwindigkeitstests wurde der AMG an den französischen Matra-Konzern verkauft. Sein weiteres Schicksal ist nicht bekannt. Zum 40jährigen AMG-Jubiläum baute Mercedes den roten Boliden nach. Konzernlenker Dieter Zetsche rollte damit beim Genfer Autosalon 2006 auf die Bühne. Das weitere Schicksal des neuen S63 AMG „Thirty Five“ ist noch nicht klar. Heyer, der 1988/89 Rennleiter bei AMG-Mercedes war, juckt es aber schon in den Fingern. Er würde den S63 gerne auf dem Nürburgring sehen, vielleicht sogar mit seinem Sohn Kenneth am Steuer, der erfolgreich GT-Rennen bestreitet. Eine haarsträubende Idee, oder?
Holger Eckhardt

Technische Daten
Motor 
ZylinderV8-Zylinder, Biturbo, 4-Ventiler
Hubraum5461
Leistung
kW/PS
1/Min

420/571
5500 U/min
Max. Drehmom. (Nm)
bei 1/Min
900
2500 - 3750 U/min
Kraftübertragung 
Getriebe7-Stufen-Automatik
Fahrwerk 
Messwerte
Gewichte (kg) 
Leergewicht (Werk)2000
Beschleunigung/Zwischenspurt 
0-100 km/h (s)4.3
Höchstgeschwindigkeit (km/h)300
Verbrauch 
Testverbrauchk.A.
EU-Verbrauchk.A.
Reichweitek.A.
Abgas-Emissionen 
Kohlendioxid CO2 (g/km)k.A.

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