Faszination Auto: USA-Tour entlang "deutscher Städte" im VW Tiguan Auf deutschen Spuren

In sieben Tagen mit dem Auto quer durch die USA – auf einer Route, die unseren Redakteur Johannes Riegsinger durch Städte wie Stuttgart und Hamburg führt

Montag. Gelandet in New York City, 28 Grad und Sonne. Die Stadt ist eine Herausforderung für alle Sinne, aufgedreht, vibrierend, laut und multikulturell. Nein, Halt, eigentlich hat sich das schon alles zu einer sehr eigenen Mischung verwoben - NYC ist ein Universum, eine Kultur für sich. Amerika ist anders.

In den nächsten Tagen werde ich nachsehen WIE anders, und in einem Volkswagen Tiguan nach Los Angeles fahren. Sieben Tagesetappen die zwischen 400 und 1200 Kilometer lang sind und entlang der Städte mit deutschen Namen führen.
Stuttgart in Kansas? Hamburg in Pennsylvania? - Das muss man sich doch ansehen!
Und bald können Sie meinen Reisebericht in der AUTO ZEITUNG nachlesen.

Dienstag. Jetlag, der innere Wecker klingelt um vier Uhr morgens, um halb sechs bin ich auf meinem Weg aus Manhattan hinaus.
New Jersey ist entlang des Interstate bestimmt von Industrie, relativ schnell überquere ich die Grenze nach Pennsylvania. Sattgrüne Wälder bestimmen zu Beginn der Fahrt das Bild allerdings hat es begonnen wie aus Kübeln zu regnen. Dichte Wolken hängen in den Berggipfeln der Appalachen, ich bin froh auf meinem Weg nach Hamburg/PA irgendwann die brutal dahindonnernden Riesen-Trucks und ihre Gischt-Schleppen hinter mir lassen zu können.
Hamburg ist ein gemütliches, kleines Kaff, die Umgebung (von der es hier SEHR viel gibt...) wirkt wie eine Mischung aus der Eifel, dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb.
Am Nachmittag erreiche ich Pittsburgh, die Stadt präsentiert sich als heruntergekommener, düsterer Ort, über den uralten Backstein-Bauten der Downtown drohen bullige Hochhäuser. Die Stadt liegt in einem engen Tal, das von alten Gitterskelett-Brücken und durcheinanderwirbelnden Autobahn-Brücken überspannt wird.
Noch fieser sind die endlosen Außenbezirke, in denen sich im nun wieder strömenden Regen verlassene, mit Brettern verrammelte und völlig zerfallene Bretter-Häuser aneinander drängen. Meine Assoziation: Gestern hat hier ein Alien-Angriff stattgefunden, oder man hat mich unbemerkt in die Sowjetunion der frühen Achtziger Jahre versetzt.
Plötzlich kommt doch die Sonne heraus, ich fahre in Richtung Berlin/Ohio über sanft rollende, grüne Hügel und lande mitten im Land der Amish People. Ungemein freundliche Menschen, eine wunderschöne Landschaft und ein strahlender Sonnenuntergang lassen NYC und Pittsburgh wie "nur geträumt" erscheinen.

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Mittwoch, Berlin/Ohio - Des Moines/Iowa. Es war mir klar, dass die heutige Etappe, und die morgen auf mich wartende, nur wenig Spannung bieten werden: Jeweils deutlich über 1000 Kilometer durch die großen Prairie-Ebenen sind nicht gerade Garant für viel Sightseeing-Zeit - und abgesehen davon habe ich mich auch nicht auf viel "Sight to See" eingestellt.
Was soll ich sagen: Alle Erwartungen wurden in vollem Umfang bestätigt.
Der Tag begann kurz nach Sonnenaufgang im Amish-Country in Ohio mit zitterkalten Außentemperaturen aber herrlich blauem Himmel. Die ersten Meilen dann wieder Staunen über das liebliche Hügelland, das sich hinüber zum Bundesstaat Indiana dann aber schnell verflüchtigt.
Ich fahre lange über schnurgerade Highways, die kleine Dörfer und Städte verbinden, um schließlich auf den großen Interstates zu landen, die sich wie ein grobmaschiges Netz über die ganzen USA spannen. Ab jetzt werden einfach nur Meilen gefressen. Quer durch Indiana, Mais links, Sojabohnen rechts. Hinauf zu den großen Seen, die ich vom Interstate bei Gary, südlich von Chicago, aber nicht zu sehen bekomme. Ich durchquere den Bundesstaat Illinois - Soja links, Mais rechts - und lande erst am späten Nachmittag in Iowa.
Die ganze Zeit hat mich ein steter, ungemein kräftiger Seitenwind begleitet, die sich links und rechts ausbreitende Agrarwüste ist wenig einladend. Beim frühen Abendessen-Stop (meine innere Uhr spielt durch den Jetlag immer noch Lotto...) spricht mich ein Einheimischer an - wie mir Illinois denn gefallen würde. Ich antworte sehr diplomatisch etwas über das wunderbare Wetter und den erfrischenden Wind. Das freut ihn sehr und reisst ihn zu einem Geheimtipp hin: "Am besten nicht durch Kansas fahren. Kansas sucks!" - Warum? - "Es ist so langweilig dort. Nichts als Maisfelder..."
Ich erreiche Des Moines, in der Mitte des Bundesstaats Iowa erst um halb 10 Uhr abends - und muss entgeistert feststellen, dass man sich Übernachtungen in der Hotelkette "Motel 6" lieber erspart. Das geschlechtsundefinierbare Wesen an der Rezeption ist auf den zweiten Blick zwar recht nett, aber das "frisch renovierte" Zimmer eine Katastrophe... Wie sagt man so schön: Im Schlaf sind ja die Augen zu...
Morgen geht es dann durch Iowa und Nebraska hinüber nach Colorado. Kansas werde ich vermutlich auslassen. Soll dort schließlich sehr langweilig sein. Nichts als Mais.

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Des Moines/Iowa - Boulder/Colorado. Ich habe die Ratschläge aus Illinois natürlich ignoriert, und bin selbstverständlich durch Kansas gefahren. Und so schlimm war das gar nicht: Erstens besteht auch die nördlichere Route durch Nebraska nahezu vollständig aus einer einzigen Geraden durch Maisfelder, und zweitens wollte ich als Badener doch auch mal nach Stuttgart in Kansas um nachzusehen, wie es die Schwaben hier mit Stuttgart 21 halten...
Es war allerdings kein einziger Wutbürger zu sehen, was vermutlich auch daran liegt, dass Stuttgart/Kansas aus ca. 15 Holzhütten besteht, die sich entlang einer Bahnlinie aufreihen. Der Bahnhof existiert lediglich für Mais und Rinder...

Und damit hätte ich auch schon alles über Iowa, Nebraska und Kansas erzählt: Gigantische Agrar-Nahrungsmittelfabriken die entweder Corn oder Beef herstellen.
Die Fleisch-Variante in Kansas ist landschaftlich allerdings reizvoller, weil man sich angesichts der riesigen Steppengras-Flächen noch recht gut vorstellen kann, wie hier mal Bison-Herden bis zum Horizont zogen. Die Cornflakes-Variante ist einfach nur trist. Und wir reden hier nicht über ein paar Kilometer Mais, sondern stramme 600+ Meilen, also über 900 Kilometer Mais...

Boulder in Colorado habe ich im Dunkeln erreicht, die Rocky Mountains waren da kaum noch zu sehen. Nach der Fahrt übers Meer der großen Ebenen (The Great Plains) kamen mir beim Blick auf die Gebirgssilhouette aber fast die Tränen: Land in Sicht!

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Boulder/Colorado - Mexican Hat/Utah. Irgendwann gestern muss ich Bergfest gefeiert haben - mehr als die Hälfte der Strecke New York - Los Angeles liegt hinter mir. Das fällt mir heute morgen schlagartig ein, als ich mit neuem Elan die ersten Meilen in Richtung der Rockies unter die Räder nehme. Es geht irre hoch hinauf, bis ich den Hauptkamm der Rocky Mountains in einer Höhe von 3400 Metern (!) durch den Eisenhower-Tunnel durchquere.
Ab dann geht es wirklich Stunde um Stunde bergab, die Landschaft verändert sich zunehmend und irgendwann lande ich in den vor Farben leuchtenden San Juan Mountains, ein Gebiet das spektakulärer und schöner und abwechslungsreicher kaum sein könnte.
Die Zeit vergeht auf dieser Etappe wie im Flug, als ich dann aber in Schlagdistanz zum Monument Valley in Mexican Hat/Utah eintreffe, geht trotzdem gerade rotglühend die Sonne unter. Mexican Hat besteht aus maximal 5 Holzhütten - und einem Cowboy-Grill auf dem zentimeterdicke Steaks gegrillt werden... Muss ich mehr sagen?

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Mexican Hat/Utah - Sedona/Arizona. Heute habe ich die kürzeste Etappe der ganzen Reise vor mir. Geplant habe ich das, um möglichst viel Zeit im Monument Valley zum Fotografieren zu haben.
Das Tal ist einem natürlich als Kalendermotiv mehr als bekannt, in echt aber ungefähr doppelt so beeindruckend: Unglaubliche Dimensionen und die ganze Zeit habe ich das Gefühl in einem Geologie- und Erdgeschichte-Lehrbuch unterwegs zu sein.
Wer mal selbst hinfahren möchte - unbedingt vorher ein paar Grundkenntnisse in Sachen Geologie draufschaffen, dann wird die Fahrt gleich dreimal so spannend!
Flagstaff in Arizona ist Vulkanland, von hier geht es hinunter ins mysteriöse Sedona.
Nach der Menschenleere der letzten Tage ist der Touristen-Hype allerdings erschreckend! - Wer sich fragt, was aus den "deutschen" Städten wurde - in Sedona gibt es eine "Schnebly Road". Diese Schwaben oder Schweizer kommen einfach überall hin...

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Sedona/Arizona - Palm Springs/California. Sedona ist ganz ruhig am frühen Morgen, als der VW Tiguan und ich durch die Stadt hinunter in Richtung des Red Rock Parks rollen. So gefällt mir der kleine Ort, in dem Stars wie Clint Eastwood ganz zurückgezogen wohnen am besten. Ich nehme den Interstate-Highway in Richtung Phoenix, fahre im gelassenen Tran dahin, an den ich mich in den letzten Tagen so gewöhnt habe und stelle plötzlich fest, dass das Außenthermometer kräftig zu steigen beginnt: Nach dem verregneten Start in New Jersey und Pennsylvania hatte ich auf der ganzen Reise immer kräftigen Wind, Sonnenschein und milde Temperaturen zwischen 22 und maximal 28 Grad - jetzt auf einmal zeigt das Thermometer des Tiguan 43 Grad Celsius an!
Es ist die Mojave-Wüste, die sich hier meldet, die glühendheiße, trockene Hitze gehört zum Standardprogramm der Ebenen im Dreieck zwischen Arizona, Kalifornien und Mexiko. Eigentlich sollte mir allerdings eine andere Anzeige größere Sorgen machen: Die Tankanzeige sinkt stetig und vor mir ist nichts als ein hitzeflirrendes Asphalt-Band zu sehen. Keine Tankstelle weit und breit.
Ich suche im Navigations-System nach der nächstgelegenen Tankstelle und verlasse die I-10 südlich von Salome/Arizona. Restreichweite inzwischen Null Meilen und nach wenigen Metern in Richtung Salome, einem Dorf mitten in der Wüste, hat der Tiguan nur noch Schotter unter den Reifen...
Während der nächsten 20 Kilometer geht mir so ziemlich jedes Albtraum-Szenario durch den Kopf - angefangen bei wüstenbewohnenden Killer-Zombies bis hin zum Durst-Tod unter einem der 5 Meter hohen Kakteen - aber mit dem letzten Tropfen Sprit schaffe ich es nach Salome zur einzigen Tankstelle im Umkreis von 40 Kilometern.
Als ich Palm Springs erreiche, ist es dunkel. Das Thermometer zeigt 108 Grad Fahrenheit. 42,2 Grad Celsius.
Ein heißer Abschied, denn morgen werde ich in Carlsbad/California am Pazifik sein...

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Palm Springs - Carlsbad/California. Letzte Etappe, heute geht es an den Pazifik. So langsam macht sich Ermüdung breit, ich habe wirklich Heimweh. Wer sich die Vereinigten Staaten von Europa herbeiwünscht, sollte einmal die USA durchqueren: 3500 Meilen lang eine einzige Kultur ist unglaublich ermüdend. Besonders die kulinarische Monokultur ist für mich erschreckend, ich kann die hauptsächlich eine Variation des Themas "Burger" anbietenden DriveIn-Fressketten nicht mehr sehen, der Geruch von Frittiertem, der einen bei der Einfahrt in jede größere Ortschaft umweht, ist für mich mittlerweile beinahe ekelerregend.
Nach wie vor sensationell ist hier in den USA allerdings die landschaftliche Dimension und Vielfalt: Riesige Flächen mit ganz eigentümlichem Reiz und nach Überquerung einer Hügelkette ändert sich das Bild teilweise vollständig.
Und die Menschen sind hier in der Mehrheit unglaublich freundlich, wem die "aufgesetzte Freundlichkeit der Amis" unsympathisch ist, kann ich nur sagen - besser aufgesetzte Freundlichkeit, als ehrliche Unfreundlichkeit! - Wobei auch da wie immer Pauschalisierung nicht weiterhilft: Ich habe in Schwaben schon irre nette Kehrwoche-Fanatiker kennengelernt und man hat mich in den USA schon mit vorgehaltener Schrotflinte zum "sofortigen Verlassen des Privatgeländes" aufgefordert...

Palm Springs ist für mich ein Beispiel für die naive Maßlosigkeit des US-amerikanischen Traums: Die Stadt wuchert in einem knochentrockenen Wüsten-Landstrich, wird lediglich durch einen immensen Aufwand an Bewässerung und Elektrizität am Leben gehalten.
Ich fahre über die San Jacinto-Berge und lasse Palm Springs und damit die Wüste endgültig hinter mir. Die kühlen Berge sind nach den endlosen Wüsten- und Landwirtschafts-Etappen einfach herrlich. Abwechslungsreiche Landschaft und zauberhafte Vegetation prägen die nächsten Meilen. Und dann, endlich, sehe ich den Pazifik vor mir. Nebel steigt vom Wasser auf, die Windschutzscheibe des Tiguan ist plötzlich mit einem feinem Salz-Film bedeckt. In Carlsbad, 50 Meilen der mexikanischen Grenzstadt Tijuana, rollt der kleine VW-SUV aus. Obwohl ich vorher nicht unbedingt ein Fan des sehr pragmatischen Tiguan war, hat mich gerade diese Funktionalität nun überzeugt. 3500 klaglose Meilen, teilweise bei sengender Hitze und auf Schotter-Rüttelstrecken, bei strömendem Regen, auf endlosen Geraden und verwundenen Bergstrecken, in großen Höhen und knapp über Meereshöhe hat der kleine VW hinter sich, und er läuft und läuft und...
Und - ganz wichtig - selbst nach dieser fast pausenlosen Reise mit wirklich enormen Etappen sind mein Sitzfleisch und der Rücken in bemerkenswert guter Verfassung.
Morgen wird mich der Tiguan hoch nach Los Angeles zum Flughafen tragen - dann heißt es Abschied nehmen von diesem kleinen, deutschen Auswanderer. Tschüss, Tiguan. Bye, USA.

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