Pagani Huayra im Fahrbericht

Pagani Huayra

Er ist schneller als ein Orkan und nach einem indianischen Gott des Sturms benannt. Vor allem ist der Pagani Huayra aber einer der exklusivsten und schnellsten Supersportwagen der Welt

Eckdaten
PS-kW730 PS (537 kW)
AntriebHinterrad, Sperrdifferential, 7-Gang-Schaltung, automatisiert
0-100 km/h3.30 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit360 km/h
Preis1.022.210,00 €

Linguisten mit dem Spezialgebiet indigenes Südamerika werden sich wohl mit Grausen abwenden. Huayra Tata heißt bei den Aymara-Indianern im Grenzgebiet von Peru, Bolivien und Chile der Gott des Windes. Der Argentinier Horacio Pagani hat seine jüngste Kreation nach jenem fürs Sturmgebraus zuständigen höheren Wesen benannt – den Pagani Huayra.

Da die korrekte Aussprache dieser Buchstabenkombi aus H, Y, R und drei Vokalen nicht nur teutonischen Zungen schwer fällt, wird er schlicht Wai-ra genannt, wobei das Ai lang gezogen, das kurze R eher nordamerikanisch bei eingerollter Zunge den Mund verlässt. Nochmal zum Üben: Wai-ra. Na bitte, geht doch! Deutlich unkomplizierter ist die Bestimmung des Huayra: sehr dynamisch und sehr schnell.

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In der Tat wirkt gegen den Sportler aus Norditalien ein Orkan wie eine laues Lüftchen. Die Fakten: 730 PS, 1000 Newtonmeter, 1.350 Kilogramm Leergewicht, 360 km/h Spitze, Preis gut eine Million Euro. Damit ist der neue Pagani Huayra einer der schnellsten und teuersten Supersportwagen, die es zur Zeit für Geld zu kaufen gibt – und einer der exklusivsten: Seit seiner Vorstellung vor einem Jahr entstanden in der kleinen Manufaktur von Pagani in San Cesario sul Panaro bei Modena zwölf Exemplare.

In diesem Jahr werden es wohl insgesamt 20, ab 2013 können nach Fertigstellung einer neuen Halle 40 bis 50 Autos gebaut werden. Um entsprechend potente Kundschaft muss sich der erfindungsreiche Designer Horacio Pagani keine Sorgen machen. Im Nahen und Fernen Osten, aber auch in Europa sind seine Autos unter Kennern und Sammlern zunehmend ein Begriff. Und anders als das Vorgängermodell Zonda erfüllt der Huayra auch die Zulassungsbestimmungen für die USA.

HORATIO PAGANI SETZT BEIM HUAYRA KONSEQUENT AUF LEICHTBAU

Die flache Silhouette, das nach vorn gesetzte Cockpit, die verheißungsvollen Schwünge – dem Huayra sieht man auf den ersten Blick sein Leistungsvermögen an. Die böse funkelnden LED-Scheinwerfer über dem weit geöffneten Aerodynamik-Schlund verraten, dass der Pagani nicht nur spielen will.

Die Flächen aus schwarz glänzendem Karbon sind hier kein optischer Gag, sondern Kern der Markenphilosophie. Horacio Pagani setzt auf konsequenten Leichtbau. Chassis und Cockpit sind als Kohlefaser Monocoque mit Titan-Hybridelementen ausgeführt, Flugzeug-Aluminium kommt verschwenderisch zum Einsatz, das Fahrwerk wird aber über Hilfsrahmen aus hochfesten Stählen abgefangen.

Der von der Mercedes-Tochter AMG gebaute V12-Motor ruht fast in der Mitte nahe am Boden, seine Kraft überträgt er über ein sequenzielles Siebengang-Getriebe des britischen Herstellers Xtrac, das lediglich 96 Kilogramm auf die Waage bringt. Die nur zehn Kilogramm schwere Titan-Auspuffanlage mit vier im Quadrat angeordneten Endrohren bildet einen würdigen Abschluss.

Pagani Huayra: Bequeme Sportsitze und feines Leder

Doch der Supersportler verbreitet keineswegs die Aura kalter Zweckmäßigkeit: Verspielte Details wie die Außenspiegel auf Karbonträgern, Lederriemchen als Verschlüsse oder die beiden seitlichen Laderäume für zwei maßgeschneiderte Lederkoffer beweisen, dass auch die Ästhetik beim Entwerfen unverzichtbar war.

Das wird noch deutlicher, wenn man sich unter der weit aufschwingenden Flügeltür ins Innere des Pagani Huayra wagt. Statt der erwarteten brettharten Kunststoffschalen findet man sich in relativ bequemen Sportsitzen wieder, die mit einem Leder feinster Qualität bezogen sind. Der kunstvolle Schalthebel aus Aluminium oder der aus einem Block gefräste Instrumententräger dokumentieren auch hier die Liebe zum Detail.

Anders als andere Kleinserien-Sportwagen, die ewig im improvisiert wirkenden Prototypenstatus verharren, strahlt der Pagani absolute Perfektion aus. Jede Naht sitzt, alles passt hundertprozentig, Navigation, Soundanlage und die Klimaautomatik funktionieren so präzise und selbstverständlich wie in der Luxuslimousine eines deutschen Premiumherstellers.

"Gott des Sturms": Der V12 blubbert leise vor sich hin

Durch einen Dreh am zentral positionierten Aluminium-Schlüssel in Form der Huayra-Karosserie erwacht der Zwölfzylinder zum Leben. Das Ganze geschieht ohne brüllendes Wichtigtuer-Gehabe: Der Anlasser surrt, die Benzinpumpe summt – und schon blubbert der V12 leise vor sich hin. Über eine Drucktaste am Lenkrad lässt sich das sequenzielle Getriebe einstellen: Sport, Komfort, Automatik.

Für die ersten Kilometer innerorts und zum Kennenlernen empfiehlt sich der Automatik-Modus. Damit lässt sich der Sportler regelrecht brav in Bewegung setzen. Übers Werksgelände und durchs Industriegebiet geht’s im Schongang. Zwar lässt ein leichter Druck aufs Pedal die nächste Kreuzung verblüffend schnell näher kommen, trotzdem hat man irgendwie das Gefühl, in diesem Auto jeden Morgen zum Brötchenholen fahren zu können.

Sogar die Schweller einer verkehrsberuhigten Zone nimmt der Pagani dank Liftfunktion an der Vorderachse. Dann ist endlich die Landstraße erreicht. Nach dem Wechsel in den Sport-Modus lässt sich das Getriebe über die Paddel am Lenkrad oder den Hebel auf der Mittelkonsole schalten. Auch Motor und Fahrwerk sind jetzt auf Krawall gebürstet. Ohne Zögern spricht der Zwölfzylinder auf Beschleunigungsbefehle an. Schon bei gut 2000 Touren steht das Drehmoment von sagenhaften 1000 Newtonmetern zur Verfügung.

Rennwagenkultur vermischt mit deutscher Antriebskunst

Das energische Vorwärtspreschen wird vom Pfeifen der beiden Turbolader begleitet, ab etwa 4000 /min tritt der Motor akustisch deutlicher in den Vordergrund – er brüllt und schreit, klingt aber nie unangenehm. Geht man vom Gas, sorgen die Wastegate-Ventile für die Begleitmusik. Das Einlenken erfolgt präzise, die Brembo-Bremsen packen beherzt zu, der erreichbaren Kurvengeschwindigkeit wird auf der wenig befahrenen Landstraße bei Modena eigentlich nur von der Polizei Grenzen gesetzt. Denn der Huayra kann viel mehr.

Die vier Flaps an Front und Heck des Pagani, die ab Tempo 80 elektronisch gesteuert für eine durchweg ausgewogene aerodynamische Balance sorgen sollen, kommen hier kaum zur Geltung. Bei ihrer Steuerung werden nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Gierrate, Querbeschleunigung, Gaspedalstellung und Lenkradeinstellung berücksichtigt.

Bremst der Fahrer, stellen sich zum Beispiel die hinteren Flaps steiler in den Wind, das Fahrwerk erhöht die Bodenfreiheit an der Front, um die Radlasten besser zu verteilen. Zusätzlich zu den Flaps sorgen Unterdruckbereiche am Fahrzeugboden für Anpressdruck auf der angetriebenen Hinterachse.

Seit 2003 hat Horacio Pagani mit seinen Mitarbeitern den Huayra entwickelt. Das Ergebnis ist nahezu perfekt, so der erste Eindruck. Dazu haben auch die Ingenieure von AMG mit ihrem fulminanten V12-Triebwerk beigetragen. Klar ist: Für dieses Auto wird der Gott des Windes seinen Namen bereitwillig zur Verfügung stellen. Und sehr gnädig über Fehler bei der Aussprache hinweghören.
Klaus Uckrow

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Pagani Huayra im Fahrbericht

Pagani Huayra

PS/KW 730/537

0-100 km/h in 3.30s

Hinterrad, Sperrdifferential, 7-Gang-Schaltung, automatisiert

Spitze 360 km/h

Preis 1.022.210,00 €