Mercedes 600 (W100): Fahrbericht Der große Wagen

08.09.2013

Ein wahrhaft herausragendes deutsches Automobil feiert 2013 seinen 50. Geburtstag: Der unübertreffliche Mercedes-Benz 600 stellt seine Nachfahren noch heute in den Schatten. Fahrbericht

Große Persönlichkeiten beherrschen jede Situation allein durch ihre Anwesenheit. Sie erscheinen auf der Bildfläche und ziehen unmittelbar alle Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Statur, Mimik und Haltung dulden weder Ignoranz noch Widerspruch.

In diesem Sinne ist der Mercedes- Benz 600 Deutschlands größte Automobil-Persönlichkeit. Er ist die ewig regierende Staatskarosse dieser Republik, die alle Präsidenten, Kanzler und Kirchenoberhäupter, die sich in ihr chauffieren ließen, mit ihrer niemals verblassten Strahlkraft überdauert hat.


GEBIETERISCH WIE EIN BISMARCK-DENKMAL


Den Platz vor dem Schiller Nationalmuseum in Marbach am Neckar erobert und besetzt der Sechshunderter in der Manier eines Bismarck-Denkmals. Seine ehrfurchtgebietende Demonstration von Stolz und Anspruch zieht selbst die Verehrer des Schillerschen Freigeistes in ihren Bann. Sie nehmen unwillkürlich Haltung an, manche sind kurz davor, sich zu verneigen, und fragen nach der korrekten Typbezeichnung, bevor sie vorsichtig nähertreten.

Es wäre Majestätsbeleidigung, den längsten und schwersten Daimler-Benz-Personenwagen seit Kriegsende nur mit seinem Mädchennamen "Mercedes" anzusprechen. Fürs Protokoll: Dies ist ein Mercedes-Benz 600, intern W100 genannt. Er übernahm die Regentschaft mit seinem ersten öffentlichen Auftritt auf der IAA 1963 und behielt sie volle 18 Jahre lang, bis zu seinem Abtritt anno 1981. Kein deutsches Konkurrenzfabrikat hat jemals versucht, den Nimbus des größten Daimlers anzutasten. Das Bildnis des großen Wagens verlangte einen Fixstern hoch über der Motorhaube. Nur Daimler-Benz selbst wagte sich noch einmal in diese höheren Sphären vor.

Ein Jahrzehnt ließ man verstreichen, bis die Modellbezeichnung "600" wieder aufgegriffen wurde – doch das Format des Originals blieb selbst mit formidablen Zwölfzylindern bis heute unerreicht. Junge 600er verhalten sich zu ihrem Vorbild wie Helmut Kohl und Angela Merkel zu Konrad Adenauer. Sie können ihn zwar zitieren, aber niemals aus seinem Schatten treten. Den Versuch, ihn posthum mit einem neuen Maybach noch zu übertrumpfen, dürfen wir als grandios gescheitert betrachten.


DER 600ER ZWINGT ZU AKKURATER HALTUNG


"Der Alte" versetzt seine Betrachter in die Rolle respektvoller Untertanen und erhebt seine Passagiere in die Position staatlicher Würdenträger. Die gewaltige Limousine zwingt zu akkurater Haltung und korrekter Kleidung. Bei der Probefahrt mit offenem Hemdkragen kommt man sich vor wie ein Kulturbanause. Gleichzeitig ermahnt der 600er zu Demut und Bescheidenheit. Die schlichten Stoffsessel nach Art des Foyer-Gestühls im ehemaligen Bundesgästehaus auf dem Bonner Petersberg unterbinden jeden Hang zur Verschwendung.

Wie eine gotische Kathedrale ist der Mercedes W100 in all seiner architektonischen Pracht keinesfalls ein Ort der Dekadenz. Der demokratische Geist seiner Erbauer drückt sich in der Aufteilung des Innenraums aus: Während britische Luxuslimousinen ihre Chauffeure zugunsten maximaler Beinfreiheit für die Fondpassagiere kategorisch in die Büßerpose hinter dem Lenkrad zwingen, bleibt dem Wagenlenker im Daimler diese Form der Unterordnung gottlob erspart – jedenfalls in der 5,54 Meter "kurzen" Standardausführung ohne Trennwand.


ABSOLUT GERÄUSCHLOS ÖFFNEN DIE FENSTER


So kommt er wie seine Fahrgäste in den Genuss höchsten Fahrkomforts im Stil der 60er-Jahre: Lautloses Schweben über allen irdischen Schlaglöchern. Mehr als ein Grundrauschen dringt während der Fahrt nicht ans Ohr. Sogar die Sitze, das Schiebedach und die Seitenscheiben gleiten auf Tastendruck mit vollkommener Geräuschlosigkeit in die gewünschte Position. Im Streben nach akustischer Perfektion ersannen die Daimler-Ingenieure ein hydraulisches Antriebssystem selbst für Bedienfunktionen im Innenraum.

Im Mercedes 600 surrt kein Elektromotor, alles geschieht wie von Geisterhand. Die über einen ergreifend schlichten Drehregler gesteuerte Heizungs- und Klimaanlage gibt ebenfalls keinen Mucks von sich, und der gewaltige V8-Zylinder verkneift sich jedes Zeichen von Anstrengung. Allein das schwergängige Gaspedal erinnert den Chauffeur auf diskrete Art daran, dass auch in der geschmeidigsten Luxuslimousine bei zu forschem Gaspedaleinsatz unerwünscht heftige Längsbeschleunigungskräfte auf die Insassen einwirken können.


6,9 LITER GROSSER V8 IM VERSUCHSWAGEN


Gut sechs Liter Hubraum waren vor 50 Jahren noch durch nichts zu ersetzen. Von kreischenden Kompressoren hatte sich Daimler-Benz vermeintlich für immer verabschiedet, die Abgas-Turboaufladung war bekannt, wurde jedoch für Straßenfahrzeuge als weder stil- noch sinnvoll eingestuft. Doch die Verschärfung der Emissionsvorschriften in den Vereinigten Staaten gewann schon damals mehr und mehr Einfluss auf die Motorenentwicklung.

Vor diesem Hintergrund ist es zu sehen, dass die Versuchsabteilung der Daimler-Benz AG Mitte der Siebziger Jahre auf die Idee kam, probehalber den neuen 6,9-Liter-Motor aus dem vergleichsweise "Kompakten" 450 SEL in den Sechshunderter zu verfrachten. Unser am 15. März 1969 erstmals zugelassenes Fotomodell gehört zu dieser Handvoll Versuchsfahrzeugen. Der Sechs-Neuner passt problemlos unter die monumentale Haube, bietet allerdings nicht den gleichen ästhetischen Anblick wie die Originalmaschine mit 6,3 Liter Volumen.


EIN SOUVERÄN MIT 2,5 TONNEN LEERGEWICHT


Der Dickhäuter startet bei der ersten Umdrehung seines Anlassers und fällt sofort in einen stabilen Leerlauf. Bis die zwölf Liter Motoröl warmgefahren sind, vergeht einige Zeit. Doch schon in der Warmlaufphase beeindruckt der riesige Motor des Mercedes 600 mit dem Pulsschlag eines austrainierten Schwerathleten und setzt die 2,5 Tonnen schwere Karosse mühelos in Bewegung, ohne dass der Zeiger des Drehzahlmessers die 11-Uhr-Stellung (2500/min) passiert. Das Automatikgetriebe befleißigt sich der Umgangsformen eines perfekten Butlers und unterbricht den Kraftfluss nur, wenn es unbedingt nötig ist oder wenn sie vom Fahrer per Kickdown energisch in den Salon bestellt wird.

In dieser Betriebssituation quillt ein fülliges Rauschen aus dem Maschinenraum, wie es an Deck der "Queen Mary" zu hören ist, wenn diese den Hafen von Southampton verlässt und über den Ärmelkanal auf den offenen Atlantik zusteuert. Das gewaltige Steuerrad fließt dabei förmlich durch die Hände des Chauffeurs. Gelassenheit und Übersicht sind Trumpf, denn trotz eines engen Wendekreises braucht der Dampfer in Kleinstädten oft die volle Straßenbreite. Für Superlative gibt es gewöhnlich keine Steigerungsform. Doch der Sechshunderter ist auch in diesem Punkt eine Ausnahmeerscheinung: Bei Daimler-Benz entstanden auch noch 428 Pullman-Limousinen und 59 Landaulets mit um 70 Zentimeter längerem Radstand.

Mit 6,24 Meter Außenlänge und 2,8 Tonnen Leergewicht übertrifft der 600 Pullman selbst den Rolls-Royce Phantom V, den Cadillac Series 75 und den Lincoln Continental, was ihn nicht nur für Monarchen und Potentaten mit Geltungsdrang zum geeigneten Fortbewegungsmittel qualifizierte, sondern auch für Popstars wie Elvis Presley, der sich darin gefiel, im Fond im Ausschnitt des großen Schiebedachs stehend den Jubel seiner Gefolgschaft entgegenzunehmen. John Lennon und Curd Jürgens zeigten ihre Größe, indem sie sich mit dem "Normalmaß" begnügten. Lennon ließ seinen Rolls-Royce psychedelisch bemalen, doch sein 600 blieb schneeweiß. Wahre Größe ist unantastbar.

MERCEDES-BENZ 600: Technische Daten1
Antrieb
V8-Zylinder, längs eingebaut; 2-Ventiler; eine obenliegende Nockenwelle pro Zylinderbank; Bosch Einspritzung;
Bohrung x Hub: 103,0 x 95,0 mm; Hubraum: 6332 cm3; Verdichtung: 9,0:1; Leistung: 184 kW/250 PS bei 4000/min; max. Drehmoment: 500 Nm bei 2800/min; Vierstufen-Automatik; Lenkradschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau + Fahrwerk
Selbsttragende Stahlkarosserie mit Rahmenboden verschweißt; Radaufhängung: vorn an Trapezquerlenkern; hinten Pendelachse, Schubstreben; v./h. Luftfederung mit Niveauregulierung, Zusatzfedern, hydraul. Dämpfer, Stabi.; Kugelumlauf-Lenkung mit Servo; Bremsen: v./h. Scheiben mit Servo; Reifen: P235/75 R 15; Räder: 6,5 x 15
Messwerte
0 auf 100/120 km/h in 11,4/16,3 s; Höchstgeschwindigkeit: 207 km/h; Verbrauch: 24 l S/100 km
Eckdaten
L/B/H: 5540/1950/1500 mm; Radstand: 3200 mm; Spur v./h.: 1587/1581 mm; Leergewicht: 2475 kg; Tankinhalt: 112 l; Bauzeit: 1964 bis 1981; Stückzahl: 2100 (plus 428 Pullman und 59 Landaulet); Preis (1969): 58.100 Mark
1 Daten und Messwerte für Mercedes 600 aus AUTO ZEITUNG 26/1969

Karsten Rehmann

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