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Singer-Porsche 911 (964): Faszination

Singer träumt den Porsche 911 neu

"Reimagined" schreibt Rob Dickinson auf seine perfekten Porsche 964-Umbauten – und das trifft den Nagel auf den Kopf: Singer Vehicle Design träumt den Porsche 911 neu.

Eines ist Rob Dickinson ganz wichtig: Seine Firma Singer Vehicle Design hat nichts mit Porsche zu tun. Im US-Juristen-Englisch heißt das "no subsidiary of" und "not affiliated with" – vermutlich muss Dickinson das betonen, um die strengen Markenhüter der Firma Porsche abzukühlen, die niemanden als Trittbrettfahrer Kasse machen lassen wollen. Dabei geht die Singer-Geschichte ganz anders. Ein Singer-Neunelf nimmt die besten Teile des kollektiven Porsche-Bewusstseins auf und verstoffwechselt sie zu einem spektakulären Aggregatzustand: Höchste Exklusivität trifft hier auf die aufgeschlossene Zugänglichkeit eines Klassikers, der irgendwie immer noch im Geist des VW Käfer groovt. Eisernen Mechanik-Traditionen wird hier ebenso gehuldigt wie man einen liberalistischen, innovativen Westcoast-Swing pflegt. Aggressive, animalische Performance hat nie besser in ein Alltagsauto gepasst, klares Design mit besessener Detailverliebtheit trifft auf reine Funktion. Mehr Porsche 911 geht also eigentlich nicht, und das ausgerechnet bei einem Auto, das genau genommen nicht einmal so heißen darf.

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Entwicklung des Porsche 911 in den letzten 50 Jahren (Video):

 

Jeder Singer-Porsche ist 911-Verehrung reinsten Wassers

Dabei dürfte man selbst bei Porsche ahnen, dass Rob Dickinson in einer Grauzone des Marken-Vandalismus bunte, schillernde Blüten pflanzt, die dem Porsche-Universum am Ende eigentlich nur guttun. Rob Dickinson selbst drückt seine Motivation folgendermaßen aus: "Was wir machen, ist erfüllt von großer Verehrung für den Porsche 911 – genau deshalb pflegen wir ihn auch so andächtig. Unsere Autos sind eine Verbeugung vor Porsche." Alles fängt damit an, dass Rob Dickinson, Cousin des Iron Maiden-Sängers Bruce Dickinson, aus England in die USA auswandert. Mit seiner Hardrock-Band "Catherine Wheel" läuft es nicht mehr wirklich gut, zehn Jahre lang schrammt die Combo knapp am Durchbruch vorbei, 2000 löst sich das Quartett auf – und Dickinson hat plötzlich viel Zeit, aber keine Idee, was damit anzustellen sein könnte. Das Geld aus Plattenverkäufen und Live-Auftritten reicht immerhin zum Kauf eines gebrauchten Porsche. Und für den absoluten Neuenelf-Fan muss es natürlich der Heilige Gral sein: das letzte luftgekühlte Modell 964. Dickinsons Zuwendungen gehen aber über normale Instandsetzung und Pflege hinaus, das Auto wird breiter, schneller, puristischer gemacht.

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In der US-Szene sind die 964-Umbauten von Singer legendär

Die nonkonformistische US-Szene, in der ein klassisches Auto nicht zwingend fundamentalistischen Originalitäts-Zwängen unterworfen sein muss, um respektiert zu werden, steckt Rob Dickinson an: Customizing, eine vitale Rennszene, Individualismus – das sind die Rhythmusgeber für seinen Umbau. Und dann hängt der erste "Bitte verkauf mir das Auto"-Zettel am Scheibenwischer. Gefolgt von nervös nägelkauenden "Kannst du mir auch so einen bauen"-Bitten irgendwelcher Bekannter. Und deren Freunde. Sowie deren Freunde. Die Legende sagt, dass selbst der eine oder andere Hollywood-Star schon bei Dickinson angeklopft habe. Die Individualisierungswünsche werden wilder, weiter, wagemutiger. 2009 hängt Rob Dickinson auch noch den Rest seiner Musikerkarriere an den Nagel und gründet im Norden von Los Angeles Singer Vehicle Design. Ein schöner Name für schöne Autos: Basis ist immer ein gebrauchter 964, den die Kunden zuerst selbst anliefern, der inzwischen aber auch von Singer besorgt wird.

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Singer kombiniert 400 PS und 1100 Kilogramm im 964

Auf dieser Basis wird dann das persönliche Porsche-Ideal des jeweiligen Kunden neu geträumt: "reimagined". Der Preis für einen dieser maximal individuellen Traum-911 kann schockierend hoch sein: Um es richtig hinzubekommen, sollte man mindestens 400.000 US-Dollar als Spielgeld übrig haben – oder mehr. Das Ausgangsfahrzeug wird dann vollständig aufgelöst, regelrecht auf die zulassunsgrelevante Fahrgestellnummer eingedampft und dann mit liebender Hand nach nahezu freier Kundenkonfiguration neu aufgebaut: Die Karosserie besteht am Ende aus Kohlefaser und ist im Stil eines breiten 911 der 1970er mit Customizing-Akzenten ausgelegt. Selbst das Interieur wird aus Leder, Kohlefaser, Schweiß und Rock ’n’ Roll gestrickt, das Fahrwerk entspricht dem eines 964 Racing mit einstellbaren Stoßdämpfern, die Felgen sind eine Singer-Eigenkomposition im Stil alter Fuchs-Räder, und der Motor lernt bei einem Tuner um die Ecke das Singen und Rennen. Mittlerweile gehen 4,0 Liter Hubraum und knapp 400 PS in einem kaum 1100 Kilo schweren Gerät. Dass die Probefahrt auf den gewundenen Bergstraßen hinter Los Angeles da zum Höhepunkt wird, ist klar. Fahren. Nicht nur anschauen. Eben typisch Porsche.

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Johannes Riegsinger