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Lamborghini Diablo/Dodge Viper RT/10: Classic Cars

Krawallmaschinen Diablo und Viper

Es ist das teuflischste Duell in der Youngtimer-Szene: Dodge Viper gegen Lamborghini Diablo – Amerikas Höllenhammer gegen den rasenden Stier aus Italien.

Der alte Kontinent Europa und die neue Welt Amerika verschmelzen zu einer glühend heißen Masse, wenn amerikanische Köche mit italienischen Vorfahren den Herd anheizen. Allgemein bekannt sind die cineastischen Meisterwerke von Scorsese und Coppola, doch auch im Automobilbereich gibt es höllisch gute Beispiele für italo-amerikanische Koproduktionen. Dabei spielte wiederholt die Chrysler Corporation eine Hauptrolle. Zeitlich genau in der Mitte zwischen den fulminanten Chrysler-Ghia-Showcars der Fünfzigerjahre und dem aktuellen Fiat-Chrysler Automobilkonglomerat lag die Übernahme von Lamborghini durch Chrysler im Jahr 1987. Die Drahtzieher dieser Aktion waren zwei Chrysler-Topmanager mit europäischen Familienwurzeln: Lido Anthony Iacocca und Robert Anthony Lutz. "Lee" Iacocca wurde als Sohn italienischer Einwanderer in Pennsylvania geboren und kam bei Ford als Initiator des Mustang zu Ruhm und Ehren, "Bob" Lutz verließ als Jugendlicher seine Heimatstadt Zürich und legte nach dem Krieg zuerst bei den US Marines, dann in der Motor City Detroit eine amerikanische Bilderbuch-Karriere hin. Außer dem Erfolg als Automanager und dem zweiten Vornamen teilten "Lee" und "Bob" ein großes Faible für schnelle Sportwagen. Gemeinsam brachten sie den ur-amerikanischen Traum-Roadster Dodge Viper ins Rollen und sorgten dafür, dass bei Lamborghini nach sehr langer Durststrecke endlich ein Nachfolger für den Countach Gestalt annahm: der Diablo. Außerdem gab die italienische Sportwagenschmiede dem Viper-Projekt Starthilfe: Bologneser Motorenbauer trimmten den bis dato nur für Trucks gedachten Zehnzylinder für den Einsatz im Sportwagen und gewöhnten ihn an Drehzahlen über 4000/min.

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25 Jahre Dodge Viper im Video:

 

Vergleich zweier kompromissloser Klassiker

Beide Autos gehörten zu den schnellsten und stärksten Seriensportwagen ihrer Zeit, und doch kamen sie mit Verspätung auf den Markt. Vier Jahre vergingen, bis Chrysler aus dem Messestar von 1989 die Serienversion des Dodge Viper gezimmert hatte. Lamborghini war schneller, allerdings lag Marcello Gandinis Diablo-Entwurf auch schon seit Jahren in der Schublade. Verantwortlich für die technische Entwicklung war Luigi Marmiroli, der bis dahin Formel-1-Rennwagen für Alfa Romeo konstruiert hatte. Doch auch der 1990 vorgestellte Diablo verpasste den von Porsche 959 und Ferrari F40 ausgelösten Hype für Supersportler. Viper und Diablo landeten in einer Welt der geplatzten Spekulationsgewinne und stornierten Kaufverträge. Echte Sportwagenfans nahmen das teuflische Duo trotzdem enthusiastisch in Empfang und freuten sich über zwei bärenstarke Zweisitzer, völlig kompromisslos und extrem konträr in ihrer optischen Erscheinung wie in ihrer technischen Auslegung, typisch italienisch der Lamborghini, typisch amerikanisch der Dodge Viper. Hier ein Paradebeispiel des alles mitreißenden, heißblütig hochdrehenden, ohrenbetäubenden Mittelmotor-V12, dort der Urtyp des simpel gestrickten Brachial-Roadsters, ausgestattet mit der Anatomie eines riesigen Vorschlaghammers und der alles zerfetzenden Urgewalt von acht Litern Hubraum. Ist es möglich, dass einem die Entscheidung zwischen diesen Kandidaten schwer fällt? Der Lamborghini sieht schon im Stand irrsinnig schnell aus – als hätte die fliegende Speerspitze eines antiken Bogenschützen bei seiner Formgebung Parte gestanden. Er reckt die Frontscheibe nach vorn, als wolle er seine eigene Vorderachse überholen.

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Die Viper als animalischer Youngtimer

Der Dodge Viper hat dagegen etwas Animalisches an sich. Er sieht aus wie Reptil, das dicht über dem Asphalt dahinschlängelt, Kleinwagen aufspürt, diese mit einem einzigen Zucken des riesigen Mauls sofort verschlingt und allenfalls den Tankdeckel wieder ausspuckt. Der Fahrer klemmt fest wie im Schraubstock zwischen der kleinen Tür und dem großen Mitteltunnel, vor sich sieht er die wie in eine Gummiwand eingelassenen Borduhren und dahinter den Rücken eines Glattwales, der volle Kraft voraus auf den Horizont zueilt. Das hier gezeigte Exemplar ist ein RT/10 der zweiten Generation, die ab 1997 mit den technischen Modifikationen des ein Jahr früher präsentierten GTS Coupé gebaut wurde. Der Viper bekam damals serienmäßig ein paar Selbstverständlichkeiten wie Servolenkung, Fensterheber und ABS, die der Urversion aus Angst vor verweichlichenden Nebenwirkungen noch vorenthalten worden waren. Seit der Überführung in seine neue Heimat Österreich nahm diese Viper dann auch das volle Programm an Modifikationen, Verbesserungen und Erlebnistouren mit: "Ich glaube, es gibt im Umkreis von 300 Kilometern keinen höheren Alpenpass, den ich noch nicht gefahren bin", gibt der Besitzer zu Protokoll und macht damit seiner Rolle als Webmaster des Deutschen Viper-Clubs alle Ehre.

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Beschleunigung der Viper wie ein Tritt ins Kreuz

Zum Wohle des Sounds und um in luftiger Höhe frei durchatmen zu können, bekam der Roadster vom K+N-Luftfilter über den Fächerkrümmer und die Renn-Katalysatoren bis hin zu den zwei gewaltigen Auspuffendrohren allerlei Goodies. Resultat sind gut 500 PS, die von einem KW-Gewindefahrwerk und Acht-Kolben-Bremszangen an der Vorderachse im Zaum gehalten werden. So ausgerüstet hat die Viper inzwischen über 100.000 Kilometer abgespult und entfesselt immer noch bei der kleinsten Gaspedalbewegung orkanartige Sturmböen im offenen Cockpit. Die Paradedisziplin des Dodge ist der ansatzlose Tritt ins Kreuz, egal, welcher der sechs Vorwärtsgänge gerade den Dienst verrichtet. Fast 700 Newtonmeter Drehmoment fühlen sich an, als hätte sich ein von einem parallel vorbeidonnernden ICE herabschwingendes Abschleppseil zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe eingehakt. Dazu grollt und tobt der Auspuff seine Edelstahl-Version des Hardrock-Krachers "Hot Rails To Hell" – die apokalyptischen Reiter hätten ihre helle Freude an diesem Roadster-Monster. Solange es schnurgeradeaus geht, fürchtet der Viper-Reiter weder Tod noch Teufel, und in lang gezogenen Kurven umkreist der Dodge den Scheitelpunkt auf einer stabilen Umlaufbahn. Auch das rechtwinklige Abbiegen geschieht mit etwas Übung mühelos durch schlichtes Gasgeben und anschließend im Handumdrehen, wenn die Viper durch herzhaftes Gegenlenken auf Kurs gebracht werden muss. Nur wenn es darum geht, Schlangenlinien zu fahren, stößt die Viper früh an ihre Grenzen. Da kann der Zehnzylinder so tief und so weit mittig im Chassis hängen, wie er will: Die schiere Masse der langen Schnauze muss regelrecht herumgewuchtet werden. Das erfordert eine Kombination aus Präzision und Krafteinsatz, die nur nach Trainingseinheiten auf der Rennstrecke wirklich gut gelingen wird. Der Umstand, dass das Lenkrad gegenüber den Pedalen weit zur Fahrzeugmitte hin versetzt ist, macht die Übung nicht leichter. Im Lamborghini Diablo sieht sich der Fahrer in anderen Situationen auf eine harte Probe gestellt. Das Rückwärts-Einparken zum Beispiel stellt den Novizen vor unlösbare Probleme, bis ihm jemand den Trick zeigt, bei geöffneter Scherentür auf dem Seitenschweller sitzend an der Fahrzeugflanke entlang das Heck im Auge zu behalten.

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Der Lamborghini Diablo schaut niemals zurück

Mehr als jedes andere Auto ist ein Lamborghini-V12 dazu gebaut, die Flucht nach vorn anzutreten: "Never look back!" Nach dem Geräusch des wütenden V12-Zylinders zu urteilen, treibt unter dem schießschartenschmalen Heckfenster ohnehin der Leibhaftige sein Unwesen. Wenn der dienstbeflissen surrende Anlasser das Tier einmal aufgeweckt hat, knurrt und schreit die Furie mit einer voluminösen, metallisch-harten Stimme, die mit wachsender Drehzahl so infernalisch klingt, als fordere der große Bruder von Lemmy Kilmister die Engel zur Entlassung des seligen Motörhead-Barden aus seinem Gesangsdienst in den himmlischen Chören auf. Passend dazu legt der Zwölfzylinder bei Gaswegnahme in Kurven einen Hang zur spontanen Gewichtsverlagerung an den Tag, der in letzter Konsequenz zu einem Dreher führt, der mit dem Wort Todesspirale treffend umschrieben ist. Der hier vorgestellte Diablo entspricht bis auf den Heckflügel der Original-Spezifikation, in der Lamborghini den "Sohn des Countach" von 1990 an in Serie produzierte. Im Laufe des Jahrzehnts folgten unterschiedlich gut gelungene Varianten, vom traktionsstarken, aber im Einlenkverhalten schwer berechenbaren Allradler Diablo VT über den "Roadster" mit hochgeschlossenem Fensterkragen bis zu den teuflisch guten Sechsliter-Versionen, mit denen sich jedem gleich alten Ferrari und seinem Piloten der Angstschweiß auf die Stirn treiben ließ. Zu dem Zeitpunkt hatte Chrysler seine italienische Gespielin längst wieder verkauft. Wer weiß, vielleicht wäre sie sonst dereinst doch noch zur Welt gekommen – die Viper mit Lambo-V12!

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Technische Daten Lamborghini Diablo (Serie I) Dodge Viper RT/10 (MK.II)
Motor V12, 4-Ventiler V10, 2-Ventiler
Hubraum 5707 ccm 7990 ccm
Leistung 492 PS 450 PS
Maximales Drehmoment 580 Nm 664 Nm
0-100 km/h 4,1 s 4,5 s
Höchstgeschwindigkeit 323 km/h 290 km/h
Getriebe Fünfgang Sechsgang
Antrieb Hinterrad Hinterrad
L/B/H in mm 4460/2020/1100 4481/1923/1118
Leergewicht 1589 kg 1505 kg
Verbrauch 16,4 l/100 km 16,3 l/100 km
Bauzeit 1990-1994 1996-2002
Stückzahl 873 2786 (Roadster)
Preis 393.000 Mark (1993) ca. 175.000 Mark (1999)

Karsten Rehmann
Fazit

Die Design-Kunstwerke Pinin Farinas, die feinmechanischen Meisterstücke des Motorenbaus bei Lamborghini und die unnachahmliche Handwerksqualität der Holz- und Lederspezialisten bei Rolls-Royce sind Zeugnisse der europäischen Hochkultur des Automobilbaus. Doch nobel geht die Welt zugrunde: Fast alles, was das Autofahren zu einem schnellen, unkomplizierten und erschwinglichen Vergnügen machte, haben sich die Amerikaner ausgedacht. Cadillac und Studebaker waren faszinierende automobile Fashion-Stores, und der Dodge Viper brachte den American Way of Life auf den Punkt: In manchen Situationen geht eben nichts über einen soliden Hammer!