Vignale Samantha: Seltene Autos Sündhaft schön

04.03.2015

Die Technik lieferte der Fiat 125, aber die Karosseriebaukunst Alfredo Vignales adelte die Massenware aus Turin zu einem Meisterwerk im Stile großer Sportwagen

Vignale – die Strahlkraft dieses Namens ist nicht so stark wie Bertone oder Giugiaro. Vielleicht liegt es daran, dass Alfredo Vignale nicht so lang an seinem Mythos feilen konnte, denn ein Verkehrsunfall riss ihn viel zu früh aus dem Leben. Doch die Autos, die seine Werkshallen verließen, waren nicht minder Design auf höchstem Niveau wie das Feinblech der vielen anderen namhaften Karosseriebauschmieden Italiens.

Immer verbunden in Freundschaft und als Kollegen waren Alfredo Vignale (Jahrgang 1913) und der einige Jahre jüngere Giovanni Michelotti (1921 geboren), die beide schon für Pinin Farina gearbeitet hatten. Vignale – eher der Feinblechner, ein „Kunstschmied“ mit dem Auge fürs gewisse Etwas, ein Praktiker. Michelotti – das Wunderkind mit dem Bleistift in der Hand, das schon mit 16 Jahren tonangebend in der Designabteilung Farinas war und Vignale später kongenial ergänzte.

Ein Design-Duo, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bereits wieder atemraubende Entwürfe auf die Räder stellte – sei es auf Basis von Cisitalia, Ferrari, Lancia oder eben Fiat.

 

VIGNALES NAME IST IMMER MIT DEM MICHELOTTIS VERBUNDEN

Am 26. Oktober 1946 gründete Vignale seine Firma „Carrozzeria Alfredo Vignale & C.“ in Turin. Zu dieser Zeit war Giovanni Michelotti noch bei Stabilimenti Farina. Er wechselte 1947 als Design-Direktor zu Carozzeria Allemano, um 1949 sein eigenes Design-Studio zu eröffnen und in den folgenden Jahren gemeinsam mit seinem Freund Alfredo Vignale hinreißend schöne Autos zu entwerfen, die in der anfänglich nur 1000 Quadratmeter großen Produktionshalle von Vignale Gestalt annahmen.

Ferrari, Cadillac, AMC, Opel, Jensen, Lancia, Fiat – immer wieder schufen die beiden rassige Entwürfe, von denen einige tatsächlich realisiert wurden. Andere blieben Einzelstücke.

Den Schritt vom Blech-Individualisten hin zum Serienhersteller vollzog Vignale 1961. Auf einem neuen Gelände in Grugliasco vor den Toren Turins entstanden Automobile von Rang und Namen wie etwa Lancia Flavia, Masera ti GTV und sogar der Jensen Interceptor, der zwar von Touring in Mailand entworfen, aber dann zunächst von Vignale gefertigt wurde.

Zwar holte Jensen die Produktion schon bald nach West Bromwich in England, aber dennoch führt uns dieser Wagen direkt zum Vignale Samantha, denn der Interceptor und die schöne Samantha besitzen dieselben Türen. Egal, ob diese Türen nach dem Verlust des Jensen-Auftrages Mitte 1967 noch in einer Ecke gestanden haben mögen (es ist gut vorstellbar, dass es genau so war):

Sie passen ganz hervorragend zum Vignale Samantha, und ihre Verwendung dürfte einige Entwicklungskosten gespart haben. Die Basis des Samantha ist technisch gesehen der Fiat 125 S. Sein wunderschöner Motor mit den zwei obenliegenden Nockenwellen verleiht dem Wagen sportliches Temperament – auch wenn der im Vergleich zum 125 S schwerere Vignale ein wenig geruhsamer beschleunigt.

Zeitgenössische Tests – besonders aus Großbritannien – attestieren der Vignale-Schöpfung gute Fahrleistungen und -manieren mit nur wenigen Schwächen. Auf den ersten Blick ist es seltsam, dass gerade die Engländer sich mit dem Vignale Samantha beschäftigten, doch das lässt sich leicht erklären – mit einem kleinen Umweg über Zypern.

Dorther stammte nämlich Frixos Demetriou, ein etwas halbseidener Lebemann. Er besaß Casinos und war an allem interessiert, mit dem sich potenziell Geld verdienen ließ. Er inszenierte sich gern selbst mit seinem immer ernsten Gesicht, der dunklen Sonnenbrille und einem bewusst übertriebenen Akzent in der Stimme. Demetriou hatte auf einer Reise einen Vignale Gamine erblickt und den kleinen Flitzer auf Fiat 500-Basis als idealen Wagen für die britische Hausfrau mit Stil und dem nötigen Kleingeld erkannt.

So vereinbarte er mit Carozzeria Vignale den Import von Gamine, Eveline (das Schwestermodell des Samantha auf Fiat 124-Basis) und eben des Samantha.

 

SOGAR EINE VIGNALE-PRODUKTION IN ENGLAND WAR GEPLANT

Großer Erfolg war der Aktion im Nachhinein nicht beschieden. Immerhin waren aber die Pläne hochtrabend: Bis hin zu einer eigenen Fertigung in Großbritannien reichten sie. Aber es kam nie dazu, und so wurde der Vignale Samantha mit etwa 100 gebauten Exemplaren eines der seltensten Automobile der Welt.

Wer sich heute auf dem Fahrersitz dieses sportlichen GT niederlässt, der ist erstaunt über die große Beinfreiheit, den üppigen Kopfraum und die doch recht griffgünstige Anordnung aller Bedienelemente. Viele Details sind ganz klar Fiat. Dass Vignale aber Wert auf den Komfort und die schicken Detaillösungen legte, beweisen allein schon die elektrischen Fensterheber und die elektrisch ausfahrbaren Scheinwerfer. Hinten geht es reichlich eng zu.

Auch wenn in einem englischen Test von einiger Beinfreiheit im Fond die Rede ist: Sobald der Fahrer an die 1,80 Meter reicht, wird es hinten knapp.Doch wer wollte das dieser herrlichen kleinen Italienerin ernsthaft vorwerfen? Damals wie heute ist dieser Vignale ein echter Hingucker und so selten, dass man mit Leichtigkeit auch echte Experten verwirren kann. Die Rückleuchten vom Fiat 125 geben allenfalls Hinweise, die sich mit Blick aufs Vignale-Logo schnell verdichten.

Doch das schicke Blechkleid verhüllt die Großserienherkunft der Technik geschickt. Noch ein Wort zu Alfredo Vignale: Der große Karosseriebaumeister starb bereits am 16. November 1969 bei einem Autounfall nach einer Betriebsfeier – drei Tage, nachdem er seine Firma an De Tomaso verkauft hatte.

FIAT VIGNALE SAMANTHA (Bj.: 1967-70): Technische Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zylinder; Hubraum: 1608 cm3; zwei obenl. Nockenwellen; Leistung: 74 kW/100 PS bei 6400/min; max. Drehm.: 130 Nm bei 4000/min; Fünfgang-Getriebe; Hinterradantr.
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit zwei Türen; Radaufhängung vorn: Querlenker, Schraubenfedern, Stabilisator; hinten: Starrachse, Längslenker, Halbelliptikfedern; v./h. Teleskopstoßdämpfer; Bremsen: v./h. Scheiben, Servo; Reifen: 165/70 R 13
Eckdaten
L/B/H: 4380/1650/1290 mm; Radstand: 2505 mm; Leergewicht: 1065 kg; Bauzeit: 1967 bis 1970; Stückzahl: ca. 100; Preis (1969): ca. 15.000 Mark
Fahrleistungen
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in ca. 12 s; Höchstgeschwindigkeit: 165 km/h; Verbrauch: ca. 11-12 l/100 km

Thorsten Elbrigmann

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