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Rolls-Royce Silver Shadow/Cadillac Fleetwood: Classic Cars

Silver Shadow trifft Cadillac Fleetwood

Zufriedenes Lächeln auf dem Rücksitz und staunende Blicke von draußen: Dafür wurden die beiden Luxusdampfer Rolls-Royce Silver Shadow I und Cadillac Series 75 Fleetwood vor rund 45 Jahren gebaut.

Im nach oben offenen Luxussegment steht der Wunsch der Kunden nach einem überlegenen Auftritt an erster Stelle. Man möchte zeigen, was man hat, und zugleich klarstellen, dass dieses Level nicht mehr übertrumpft werden kann. Im Automobilbau treibt dieser Anspruch bisweilen seltsame Blüten. Wenn Ingenieure und Designer aus dem Vollen schöpfen dürfen und der Preis eine untergeordnete Rolle spielt, dann verschwimmt die Grenze zwischen beeindruckender Eleganz und obszönem Protz. Beispiel USA: Im Land der ungebremsten Lust an Hubraum und Heckflosse konnten die Motoren eigentlich nie groß genug und die Karosserien nie lang genug sein. Stellvertretend für diese Denke steht die Luxusmarke Cadillac. Unter deren Namen baute General Motors Autos der Series 75: Mehr als sechs Meter lange Repräsentationsfahrzeuge, angetrieben von durstigen V8-Motoren mit zwischenzeitlich mehr als acht Litern Hubraum. In England dagegen, wo die Straßen seit jeher enger sind und Understatement als vornehme Tugend gilt, entstanden Luxus-Limousinen wie der Rolls-Royce Silver Shadow. Feine und ebenfalls souverän motorisierte Fahrzeuge, die aber im Vergleich auf den ersten Blick zurückhaltender wirkten (die Bezeichnung bescheidener wäre unangemessen angesichts des 6,75-Liter-V8 unter der Haube). Abgesehen von Staatsbesuchen und gesellschaftlichen Anlässen wie Oscar-Verleihung oder Super Bowl-Gala trafen Cadillac und Rolls-Royce freilich selten aufeinander. In Deutschland war schon die Begegnung mit einem Silver Shadow allein eine Sensation. Und wäre ihm dann noch ein Series 75 gefolgt, wäre das ungefähr so wahrscheinlich gewesen wie die Einführung des Whopper bei McDonald’s.

Bildergalerie: Rolls-Royce Silver Ghost vs Cadillac Fleetwood

Die Zukunft von Rolls Royce im Video:

 

Cadillac Fleetwood: Sechs Meter lang, acht Liter Hubraum

Einer der ganz wenigen, der hierzulande überhaupt einen solchen Cadillac besaß, war der Musikproduzent Hans Georg Brunner-Schwer. Als Familienmitglied der Elektronik-Dynastie hinter der Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt – besser bekannt unter dem Firmennamen SABA – verfügte er über die notwendigen Mittel zur Anschaffung. Die Geschichte dazu geht folgendermaßen: Brunner-Schwer widmete sich leidenschaftlich der Jazz-Musik. Sein Augenmerk richtete er dabei auf den permanenten Ausbau und die Verbesserung seines modernen Tonstudios, in das er namhafte Musiker einlud. Einer der prominentesten war der amerikanische Starpianist Oscar Peterson. Zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner entwickelte sich eine Freundschaft, die fünf gemeinsam produzierte Alben von Peterson zum Ergebnis hatte, unter anderem mit dem Untertitel "Exclusively for my Friends". Um Peterson bei seinen Besuchen in Europa angemessen chauffieren zu können, schaffte sich Brunner-Schwer 1969 einen Cadillac Fleetwood Series 75 in Patina Silver an. Der Grundpreis lag damals bei 8845 US-Dollar. Hinzu kamen weitere 1390 Dollar für Extras und Nebenkosten, etwa für den Überseetransport samt "Marine and War Insurance". Besonders lang fiel die Liste der Sonderausstattungen nicht aus, sie umfasste beispielsweise eine Zentralverriegelung, ein Radio sowie einen Tempomaten. Kein Wunder, denn das allermeiste, was Cadillac damals zu bieten hatte, war beim Fleetwood serienmäßig an Bord: Niveauregulierung, Klimaautomatik, der Fernlichtassistent Magic Eye und dank des längsten jemals von Cadillac gebauten Radstandes Platz für Neun (von den Sondermodellen mit so genanntem Commercial Chassis abgesehen). 149,8 Zoll (3805 Millimeter) Blech und Stahl spannen sich zwischen Vorder- und Hinterachse.

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Von dem 7,7-Liter-Bigblock ist kaum etwas zu hören

Wer etwas auf sich hält, entert diesen Cadillac durch eine der tief ins Dach ragenden hinteren Türen. Vorne will man eigentlich nicht sitzen. Ungeachtet der unglaublichen Fahrzeuglänge muss sich der Fahrer regelrecht hinters Lenkrad quetschen. Die Armaturen strahlen den Charme eines Straßenbahn-Cockpits aus. Die Mitfahrer hinten hingegen können sich lang machen: Mehr Platz geht nicht. Und wenn die Stimmung Privatsphäre erfordert, genügt ein Knopfdruck, schon fährt elektrisch eine Glasscheibe hinter dem Chauffeur empor. Der fragt sich derweil, wo bloß die 315 PS bleiben, wenn er aufs Gas tritt. Zu hören ist von dem Bigblock unter der mächtigen Haube praktisch nichts. Zu spüren allerdings auch eher wenig. Dabei soll der Ami den Standardsprint in weniger als zehn Sekunden schaffen. Die arrivierte Gesellschaft im Rolls-Royce sitzt natürlich ebenfalls absolut standesgemäß. Edelstes Leder und feinstes Holz schmücken den Innenraum. Der hat deutlich mehr Stil als jener des Cadillac, bietet aber zumindest hinten auch deutlich weniger Beinfreiheit. Dafür darf sich hier auch der Chauffeur privilegiert fühlen. Nimmt man hinter der mit großen und kleinen Rundinstrumenten reichlich bestückten holzverzierten Armaturentafel Platz, möchte man sich heimlich zuflüstern: "Alles richtig gemacht."

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Der Silver Shadow fährt wie ein fliegender Teppich

Setzt sich der Silver Shadow dann erst mal in Bewegung, fällt es schwer, die einsetzende Euphorie mit der gebotenen Contenance zu unterdrücken. Tatsächlich sind die Fahrleistungen deutlich mehr als ausreichend, wie es der Hersteller stets ausdrückte. Wenn der edle Brite sich in zwölf Sekunden zu Tempo hundert aufschwingt und erst bei 185 km/h aufhört zu beschleunigen, fühlt man sich wie auf einem fliegenden Teppich. Das Fahrwerk sorgt mit Hilfe einer Hydropneumatik an der Hinterachse für sänftengleichen Komfort und bügelt alles weg, was die Passagiere in ihrem vornehmen Reisegenuss beeinträchtigen könnte. Sehr beeindruckend: Trotz eines Leergewichts von 2113 Kilogramm lässt sich das elegante Dickschiff praktisch mit dem kleinen Finger lenken. Selbst enge Kurven sind so lässig zu bewältigen. Im Cadillac ist die Lenkung zwar ähnlich leichtgängig. Aber dessen Gewicht von 2463 Kilogramm in Verbindung mit dem riesigen Radstand erfordern vom Fahrer stets aufmerksames Vorausschauen, um in Kurven mit der Flanke keinen Flurschaden anzurichten. Müsste man sich zwischen Rolls-Royce Silver Shadow I und Cadillac Fleetwood Series 75 entscheiden, hinge die Wahl wohl davon ab, in welchem Kulturkreis man sich damit zeigen möchte. Zufriedenes Lächeln an Bord und staunende Blicke von draußen provozieren beide Luxuslimousinen.

Technische Daten Rolls-Royce Silver Shadow I Cadillac Series 75 Fleetwood
Motor V8 V8
Hubraum 6750 ccm 7736 ccm
Leistung 200 PS 315 PS
Max. Drehmoment 550 Nm 525 Nm
Getriebe Dreistufen-Automatik Dreistufen-Automatik
Antrieb Hinterrad Hinterrad
0-100 km/h 12,0 s 9,6 s
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h 190 km/h
L/B/H in mm 5170/1820/1520 6227/2029/1384
Leergewicht 2113 kg 2463 kg
Verbrauch 19,6 l/100 km 24,0 l/100 km
Stückzahl 29.030 1156
Bauzeit 1965-1980 1969
Preis 129.000 Mark (1976) 10.235 US-Dollar (1969)

Gerrit Reichel