Reportage: Unterwegs mit dem Nissan e-NV200 Evalia in Südnorwegen Der Weg ist das Ziel

16.11.2014

Auf der Reise mit dem Nissan e-NV200 Evalia durch Südnorwegen haben wir uns an Strom als neue Energiequelle gewöhnt. In Skandinavien ist die Mobilität der Zukunft bereits in der Gegenwart angekommen

Rote und gelbe Holzhäuser am idyllischen Hafen von TØnsberg. Am Steg dümpelt der Nachbau eines Wikingerschiffs im Wasser. Völlig lautlos rollt ein Nissan-Van an der Mole entlang – der e-NV200 wird nur von einem Elektromotor angetrieben.

Die Touristen auf der Hafenstraße und vor den Geschäften weichen dem E-Mobil routiniert aus, beachten es aber kaum – diese Autos gehören in Norwegen auch außerhalb von Oslo längst zum normalen Straßenbild. Norwegen zählt zu den Vorreitern in puncto erneuerbare Energien und legt besonderen Wert auf Elektromobilität.

 

E-Autos gehören zum normalen Straßenbild

Nicht ohne Grund: Die Skandinavier erzeugen so viel sauberen Strom aus Wasserkraft, dass das Königreich den eigenen Bedarf problemlos befriedigen kann. Und so fördert das Land Elektrofahrzeuge wie kaum ein anderes. In Oslo dürfen E-Mobile wie der neue Nissan e-NV200 Evalia Bus- und Taxispuren mitbenutzen.

Kostenlose Parkplätze, an denen aus Ladestationen umsonst Strom gezapft werden kann, gibt es an jeder Ecke. Die innerstädtischen Mautstraßen sind kostenfrei. Zudem erhebt der Staat weder Mehrwertsteuer noch Emissionsabgabe auf E-Autos. Ein Eldorado für Hersteller, die auf Strom als Antriebsquelle setzen. Wie Nissan.

Der Pionier in Sachen Elektrifizierung hatte 2013 mit dem Leaf das bestverkaufte Auto Norwegens im Programm. Auch im ersten Halbjahr 2014 steht der Japaner wieder auf Rang zwei. Aber wie gestaltet sich eigentlich der tägliche Umgang mit einem E-Auto?

In Oslo ist das kein Problem. Die nordische Metropole wirkt mit ihrer Infrastruktur und dem dichten Ladestationen- Netz im Gegensatz zu deutschen Städten wie Utopia. Erst außerhalb der Stadtgrenzen wird die Versorgung dünner. Dennoch wollen wir mit Nissans zweitem Stromer, dem neu eingeführten Van e-NV200 Evalia, eine Reise entlang der Südküste Norwegens wagen – von Oslo nach Lindesnes, dem südlichsten Punkt des Landes.

Selbst bei Nissan Norwegen ist man skeptisch, ob die Reise problemlos klappt. Auch hier oben werden E-Autos vornehmlich auf Kurzstrecken eingesetzt. Zwar gibt es auf dem Land überall Lademöglichkeiten, aber nur wenige davon sind Schnellladestationen. Der Akku des Vans ist geladen.

Nissan gibt eine Reichweite von maximal 170 Kilometern an. Allerdings nur unter idealen Voraussetzungen. Die lauen Temperaturen bedingen aber den Einsatz der Heizung – und die benötigt Energie, was zu Lasten der Reichweite geht. 156 km meldet das Display. Genug, um zur ersten Schnellladestation zu stromern.

Leise surrt der e-NV200 aus Oslo in Richtung Süden. Der dichte Verkehr stört nicht. E-Autos haben freie Fahrt, Bus- und Taxispuren dürfen mitbenutzt werden. Und die gibt es auch auf der Autobahn. Das erste Etappenziel auf dem Weg ins 400 Kilometer entfernte Lindesnes heißt TØnsberg. Das alte Wikinger-Boot im restaurierten und zur Ausgehmeile umgestalteten Hafen zeugt von der langen Geschichte der Stadt. 871 gegründet, zählt TØnsberg zu den ältesten Städten Norwegens.

Zwar liegt sie gerade einmal 100 Kilometer von Oslo entfernt, doch sie verfügt über eine Schnellladestation. Da die nächste Strom-Zapfsäule mit der für Nissan-Modelle notwendigen CHAdeMO-Schnittstelle im nochmal 70 km entfernten Skien steht, heißt es Strom speichern.

Im Gegensatz zu den kostenlosen öffentlichen Ladestationen fallen beim Hurtigladen, wie man in Norwegen sagt, Gebühren an. Bei „GrØnn Kontakt“ kostet einmal Nachladen umgerechnet elf Euro, gezahlt wird direkt per Kreditkarte oder SMS. Einfach eine App herunterladen, Kreditkarteninfos hinterlegen, Standortnummer eingeben – und der Strom fließt durchs Kabel.

Das CHAdeMO-Batteriemanagementsystem erlaubt es, den Akku mit einer elektrischen Leistung von bis zu 62,5 kW pro Stunde zu laden. Gut 30 Minuten dauert es, bis der Akku mit einer Leistung von 50 kW wieder zu 80 Prozent geladen ist. Ein weißer Leaf parkt neben uns. Die Fahrerin informiert sich, wie lange sie hier Pause machen muss – es gibt nur ein Kabel.

Die nette Dame erzählt, dass sie auf dem Weg in ihr Wochenendhaus in den Bergen ist. Früher, mit ihrem alten Auto, habe sie gut sieben Stunden benötigt, mit dem Leaf dauert die Reise bis zu 16 Stunden. Stören tut sie das aber nicht. Solange der Ladevorgang dauert, unterhalten wir uns.

Wirtschaftlich ist der Leaf für sie nicht zu toppen: günstig in der Anschaffung und so gut wie keine Unterhaltskosten. Sie fragt nach unserer Route, gibt uns Tipps, was wir unbedingt sehen sollten und wo neue Schnellladestationen stehen. Hektik verliert während des Ladens ihre Notwendigkeit – man ist zu Pausen gezwungen.


Nur mit dicken Socken zu schaffen


Der Akku ist voll, wir ändern den Plan: KragerØ heißt das nächste Ziel. Die weiße Stadt an der Küste verlangt, dass wir nicht den schnellsten Weg nehmen, sondern den kürzesten. Der führt über leere Landstraßen, auf denen nur Tempo 80 erlaubt ist. Ideal für die optimale Reichweite des Evalia mit seinem 109-PSE-Motor.

Doch zuerst kaufen wir uns dicke Norweger-Socken, um keine kalten Füße zu bekommen: Wir schalten nämlich die Heizung aus – so steigt die Reichweite um gut zehn Kilometer. Wir beginnen, die Energie zu schätzen und nicht zu verschwenden. Locker rollt der Nissan dahin. Steigungen kosten viel Kraft, Bergabpassagen gewinnen einen Teil der Energie dank effektiver Rekuperation wieder zurück.

Als wir in KragerØ ankommen, sind es 130 Kilometer geworden. Der kurze Abstecher ins Walfängerdorf Sandefjord und ans Meer hat aus der kürzeren Strecke eine deutlich längere, aber vor allem schönere gemacht. Noch haben wir für 25 Kilometer Saft in den Akkus im Unterboden – effizientes Fahren zahlt sich eben aus.

Wir rollen fast geräuschlos durch die beliebte Urlaubsstadt mit ihren engen Gassen, in der Edvard Munch das Bild „Die Sonne“ malte. Die weißen Häuser am Hafen strahlen im Abendlicht, und am Hotel Victoria liegt für unseren e-NV200 bereits ein Kabel mit Steckdose für die Nacht bereit – kostenlos.


Die Reichweite wird zur Nebensache


Der Akku hat über Nacht seine volle Kraft wiedererlangt, die Socken wärmen die Füße, der e-NV200 rollt wieder unverdrossen Richtung Lindesnes. Diesmal mit Tempo 110 über die Autobahn. Auf den restlichen 217 km gibt es ausreichend Schnellladestationen, die Reichweite wird daher zur Nebensache.

Nachladen in Arendal, weiter geht die Reise ins 108 km entfernte Mandal. Die Schnellladestation liegt direkt am kleinen Hafen mit seinen netten Cafés. Bei einer kleinen Mahlzeit und einem Kaffee, dem beliebtesten Getränk der Norweger, schauen wir aufs Handy. Die Nissan Carwings-App informiert uns über den Ladevorgang. Zwei Tassen später kann es entlang der zerklüfteten Küste weitergehen bis zum Leuchtturm bei Lindesnes – kurvige 40 Kilometer vorbei an kleinen Fischerdörfern.

Der Elektro-Van profitiert hier von seinem tiefen Schwerpunkt und gibt sich überraschend wendig. Schlechte Straßen bügelt er ausreichend sensibel glatt. Reichlich Platz zum Wohlfühlen gibt es obendrein. Der Antrieb, der seine 254 Nm immer ausgesprochen direkt an die Vorderräder abgibt, lässt ihn auf den geschwungenen Straßen lässig dahinstromern.

Das Ziel ist erreicht, der älteste Leuchtturm Norwegens (1656) in Lindesnes am südlichsten Punkt des Landes liegt vor uns. Der Kilometerzähler dokumentiert fast 700 gefahrene Kilometer. Die zahllosen Abstecher haben sich addiert. Probleme bis jetzt? Bis auf die Wartezeit beim Laden keine.

Erst die Rückfahrt inklusive Übernachtung in Kristiansand und Fährfahrt von Horten nach Moss in Oslos Süden bringt Ernüchterung: Der Akku ist leer, die angesteuerte Schnellladestation außer Betrieb. Selbst ein Anruf in der Zentrale des Anbieters bringt das System nicht wieder in Gang. Nach über 1000 Kilometern, 20 km vor dem Ziel, stranden wir und werden gezwungen, an einer Drei-kW-Steckdose mehrere Stunden Pause einzulegen.

Etwas mehr Reichweite und eine dichtere Infrastruktur, damit man auf langen Strecken flexibler planen kann, dürften nicht nur in Norwegen dem Erfolg der neuen Antriebsenergie weiter Aufwind geben. Davon profitiert dann auch der e-NV200 Evalia – und könnte vielleicht Nissans künftige Nummer zwei in Norwegen werden.

Michael Godde

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