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Ein Auto, das keiner kennt: Der Flügeltürer Kodiak F1

Lost in Hollywood

Nicht zu glauben, aber wahr: Dies ist ein Flügeltürer aus Stuttgart, aber kein Mercedes. Der C111 lieferte nur die Inspiration zum famosen Kodiak F1

Die drei älteren Herren staunen nicht schlecht. Raritäten auf Rädern haben sie erwartet, doch nicht, dass gleich das erste Auto hinter dem Eingang zur „Classic Gala“ im Park des Barockschlosses Schwetzingen ihre Kennerschaft auf diese harte Probe stellt. Während zwei von ihnen weiterhin versuchen, den keilförmigen Sportwagen durch strenge Blicke zu identifizieren, gibt der Dritte unumwunden seine Unwissenheit preis: „Wo wurde der denn gebaut?“ „In Stuttgart.“ Am verdatterten Gesichtsausdruck ist klar abzulesen, dass er mit vielen Antworten gerechnet hat, aber nicht mit einer geographisch so naheliegenden.

Ein Auto, das keiner kennt: Der Flügeltürer Kodiak F1

Dabei weckt der rote Sportwagen bei genauer Betrachtung deutliche Assoziationen an einen landauf, landab bekannten Traumwagen aus schwäbischer Produktion: den Mercedes C111. Von der flachen Fronthaube über das gebogene Dach mit filigranen Seitenstreben bis zum verblüffend schlicht gestalteten Heckabschluss ohne die geringste Spur von einem Heckflügel folgt der Kodiak F1 stilistisch dem Vorbild des Mercedes-Versuchswagens mit Wankelmotor.

Doch dieser Sportwagen ruht auf einem Fahrwerk mit deutlich breiterer Spur und wesentlich längerem Radstand, und er wurde nicht in Sindelfingen oder Untertürkheim entworfen, sondern einige Kilometer südlich, in Ostfildern. Dort sitzt seit über 40 Jahren die Firma „Speed & Sport“, ein Spezialist für die Nachfertigung hochwertiger Cabrio-Verdecke. Der Kodiak F1 ist das Traumauto ihres Inhabers Mladen Mitrovic. Vor gut 25 Jahren ging er daran, diesen Traum in Eigenregie zu realisieren. Doch weiter als bis zur Nullserie kam er nicht. Dann ging sein Traum in Flammen auf.

Aber der Reihe nach: Mitrovic zeichnete die Form selbst, konstruierte Rahmen und Fahrwerk und suchte in den Großserienregalen deutscher Hersteller und Zulieferer nach den passenden Komponenten. Zeit spielte dabei keine Rolle. Mitrovic wollte Nägeln mit Köpfen machen und einen Topsportler bauen – koste es, was es wolle. Er erinnert sich: „Das handgemachte Gewindefahrwerk folgte dem Stand der Formel 1-Technik in den frühen 80ern. Vorder- und Hinterachse waren in jeder Richtung einstellbar.“

Eibach steuerte die Federn bei, der Spezialist Brembo die Scheibenbremsen nach eigenem Originalrezept für den Ferrari 288 GTO. Die Reifenspezifikation entsprach den Walzenformaten des Lamborghini Countach. Der wesentlich längere Radstand des Kodiak sollte jedoch einen ruhigeren Geradeauslauf und ein stabileres Kurvenverhalten gewährleisten.

Bei ZF kaufte Mitrovic die Lenkung und das Fünfgang-Getriebe ein. Den passenden Motor fand er schließlich beim amerikanischen Stock Car-Guru Larry Ofria. Dessen Firma „Valley Head Service“ in Northridge, Kalifornien, frisierte solange einen Chevrolet-V8, bis dessen Kraftausbruch der dramatischen Optik des Zweisitzers entsprach. Schmiedekolben mit höherer Verdichtung, Zylinderköpfe von Brodix und eine bärbeißige Rennkupplung mit minimaler Schwungmasse sorgen dafür, dass der Kodiak F1 giftig wie ein Vollblut-Stock Car aufs Gas anspricht.

Schon knapp über Leerlaufdrehzahl bringt der V8 ein Gebrüll zu Gehör, dass in Schwetzingen selbst offenkundige Anhänger des zimmerlauten Picknicks im Park nicht anders können, als neugierig herüberzuschielen. In Schwetzingen darf er nicht aus voller Kehle röhren, doch beim „Bratzeltag“ am Technikmuseum Speyer wäre der Kodiak in seinem Element.

Larry Ofria kümmerte sich auch um den schwierigsten Part überhaupt, die kalifornische Straßenzulassung. Beides geschah unter Verwendung des hier gezeigten Prototyps Nummer zwei. Die links vorne im Türrahmen angebrachte offizielle Plakette belegt es.

Ofria lagen über 30 Bestellungen vor. Mitrovic hatte erreicht, dass die Badische Waggonfabrik in Rastatt nach Abschluss des Auftrags für den Porsche 959 den Rohbau der Kodiak-Kleinserie in Angriff nehmen würde, als in der Karosseriebaufirma ein Feuer ausbrach, das alle Negativformen und Werkzeuge für den Kodiak F1 vernichtete. Mitrovic besaß nicht die Mittel für einen Neuanfang. Sein Traum vom eigenen Sportwagen löste sich nach nur sechs Prototypen in Rauch auf. Zehn Jahre lang klagte er gegen die Eigner der Waggonfabrik – ohne Erfolg.

Heute existieren offenbar nur noch zwei von ihnen, der Verbleib der anderen vier Wagen ist ungeklärt. Der Prototyp Nr. 1 parkt schon seit den 80er-Jahren in der Garage eines Schweizer Unternehmers. Das hier gezeigte Auto stand ebenfalls über viele Jahre still, bei sein Erstbesitzer, ein kalifornischer Sportwagen-Sammler, den Wagen zum Verkauf anbot. Diese Chance ließ sich Gerhard Ankenbrand nicht entgehen. Der Franke, selbst Autohändler und Restaurator, besitzt ein Faible für seltene Sportwagen-Fabrikate und blieb am Ball, bis der Verkäufer geschäftlich nach London reiste. Ankenbrand nahm nicht den Jet, sondern seinen alten Ford, und brachte den Deal „bei einem Teller Suppe“ in Heathrow unter Dach und Fach. Eine exklusive Bekanntschaft gab es gratis dazu: Mitrovic und Ankenbrand haben sich seitdem viel zu erzählen.

Karsten Rehmann