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Alfa Romeo Tipo 33 Stradale

Die vergessene Bestie

Alfa Romeo hat bis heute keinen schnelleren Straßensportwagen gebaut. Für die Summe von 36000 Euro bot Alfa im Jahr 1968 den 260 km/h schnellen Stradale an

Eckdaten
PS-kW230 PS (169 kW)
AntriebHeckantrieb, 6 Gang manuell
0-100 km/hk.A.
Höchstgeschwindigkeit260 km/h
Preis1.300.000,00 €

Und wieder schallt der Warnruf durch die Halle: "Vorsichtig schieben – und nur am Windschutzscheibenrahmen oder an der Abrisskante am Heck." Übertönt wird das Ganze von der schweren, klassisch anmutenden Musik aus vier dröhnenden Autolautsprechern. "Das ist ein Stück aus dem Film 9 1/2 Wochen", klärt Fotograf Walter Bäumer auf, während er wie ein Derwisch um sein Fotoobjekt herumtanzt. "Das ist beste Inspiration."

Damit eines klar ist: Es geht hier nicht um eine blonde, sich langsam entkleidende Schönheit, sondern um eine längst vergessene Sportwagenikone aus hauchdünnem Aluminiumblech, den Alfa Romeo Tipo 33 Stradale. Die Architektur ist einmalig. Das gilt sowohl für den Alfa als auch für das Gebäude. Die rote Sünde steht frisch poliert auf moosigem Boden in einer riesigen Halle – eine nur scheinbare Respektlosigkeit. Der monströse Bau galt 1931 als Musterprojekt der Reichsbahn.

In dem Ringlokschuppen mit einem Durchmesser von über 140 Metern wurden damals fauchende Dampfloks gewartet, die Rauch-Abzugskanäle hängen noch heute in dem weiten Rund. Kaum zu glauben, dass in dieser Düsseldorfer Ruine das zweite Meilenwerk – ein Mekka für Oldtimer-Liebhaber, das erste steht in Berlin – eröffnet werden soll. Bauzeit: nur ein Jahr. Auch den Tipo 33 Stradale gibt es nur zweimal in Deutschland; zwei weitere sollen in Italien existieren, die übrigen sind verstreut. Überlieferungen nach entstanden in den Hallen von Autodelta, der Rennabteilung Alfa Romeos, 18 Exemplare unter der Leitung von Carlo Chiti.

Ganz ehrlich: Wer andächtig vor den unglaublichen Formen des Alfa steht, fragt sich, warum andere Menschen in Kunstausstellungen gehen, um etwas Schönes zu sehen. Die atemberaubende Konstruktion des ursprünglich als Rennwagen gedachten Tipo 33 verdanken wir den Alfa-Ingenieuren Orazio Satta Puliga und Giuseppe Busso. In ihrem Herzen ist selbst die Stradale-Version ein Rennwagen geblieben. Drei H-förmig angeordnete Rohre von 20 Zentimeter Durchmesser bilden nicht nur das Rahmen-Rückgrat des Tipo 33, sondern nehmen auch den Benzinvorrat auf.

Der Alfa verfügt nicht über einen separaten Tank. Hilfsrahmen aus Magnesium ergänzen diese Konstruktion und nehmen Aggregate und Achsen auf. Alles wirkt federleicht, fast zerbrechlich. Die winzigen Scharniere der Flügeltüren scheinen den Belastungen kaum gewachsen. Die geschwungenen Formen wirken dagegen so stimmig wie die von Sophia Loren: Der Hüftschwung der Karosserie sitzt genau an der richtigen Stelle, und die Höhe des Dachs unterläuft klar die Beinlänge eines Supermodels.

Die großzügige Verglasung des Cockpits beugt zwar klaustrophobischen Anfällen vor, doch dafür fühlt man sich bei Sonneneinstrahlung wie in einem Backofen. Dass der Fahrer Rücken an Rücken mit dem Achtzylinder sitzt, dürfte auch nicht gerade für Abkühlung sorgen. Im Gegenteil: Die Nackenhaare gehen augenblicklich in "Hab acht"-Stellung.

Der zentrale Drehzahlmesser reicht bis 10000 Umdrehungen, doch wie mag ein so hochdrehender Zwei-Liter-V8 wohl klingen? Fotograf Bäumer ist ein guter Freund des Besitzers und durfte den Tipo 33 früher schon einmal fahren. Er schildert mit glänzenden Augen: "Heiser bellend, metallisch hart, nicht so wie die großvolumigen US-V8-Triebwerke. Unter 4000 Touren versuchst du nur, den Motor irgendwie am Leben zu erhalten. Darüber dreht er blitzschnell hoch.

Das Getriebe ist in kaltem Zustand beinahe unschaltbar, verlangt immer wieder nach Zwischengas, auch beim Hochschalten. Wenn alle Öle warm sind, gibt es kein Halten mehr. Der Stradale geht bei Vollgas noch im dritten Gang quer." Den Motor hier in der Halle zu starten, bleibt uns versagt. Zum einen würde wohl schon das tiefgründige Rumoren im Leerlauf reichen, um das marode, 18000 Quadratmeter große Holzdach zum Einsturz zu bringen, zum anderen hat der sensible Achter gerade eine kostspielige Komplettrevision hinter sich.

Bäumer fügt hinzu: "Die Kupplung verträgt keinen Spaß, sondern beißt sofort zu. Erstaunlich präzise arbeitet die Lenkung, Kurven peilst du am besten über die Kotflügelwölbungen an." Es war die Faszination des Motorsounds, die diesem Exemplar eine fast 25-jährige Existenz bei einem Alfa-Händler in Rom sicherte. Der verwöhnte damit die Ohren seiner besten Kunden. Erst in der zweiten Hälfte der 90er gelangte der außerordentlich gut erhaltene Wagen mit viel Patina behaftet nach Deutschland.

Jedes Exemplar weist besondere Details auf. Hier sind es die beigefarbene Innenausstattung und die Andeutung einer Stoßstange – ein etwas optimistischer Ausdruck für die etwas breiter ausgelegte Zierleiste. Einen Markt für den Stradale gibt es nicht. Es stehen schlichtweg keine zum Verkauf. Das letzte Angebot für den vor uns stehenden Tipo 33 lag bei knapp 1,3 Millionen Euro – der Besitzer hat es abgelehnt.

Um den Mann braucht man also sich keine Sorgen zu machen. Der Stradale dürfte damit nicht nur der schnellste jemals gebaute Straßensportler von Alfa Romeo sein, sondern auch einer der wertvollsten. Heute kennt kaum einer den "Trentatre", den Tipo 33.

Ein Grund: Von 50 geplanten Autos wurden nur 18 gebaut. Trotzdem machte der kompromisslose Straßenrenner Karriere: Sein Motor diente als Vorlage für den V8 des Alfa Romeo Montreal, die Rennversion mit Zwölfzylinder-Boxer holte sich 1975 die Marken-Weltmeisterschaft. Zahlreiche Designer wie Giorgetto Giugiaro schufen auf Basis des 33 aufregende Studien. Doch keine erreichte den Gänsehautfaktor des Originals. Holger Eckhardt

Inhaltsübersicht

Autos im Test

Alfa Romeo Tipo 33 Stradale

PS/KW 230/169

0-100 km/h in k.A.

Heckantrieb, 6 Gang manuell

Spitze 260 km/h

Preis 1.300.000,00 €