VW Golf 1.6 TDI - Weniger und doch genug?

VW Golf 1.6 TDI

Mit nur 1,6 Litern ist der neue Basis-Diesel des Golf fast ein Hubraumzwerg. Seine 105 PS klingen aber nicht wirklich nach Verzicht. Wie es in der Praxis aussieht, klärt der Test

Eckdaten
PS-kW105 PS (77 kW)
AntriebVorderrad, 5 Gang manuell
0-100 km/h11.20 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit189 km/h
Preis21.565,00 €
Wie schnell die Zeit doch vergeht. 1982 war es, als VW den ersten Golf Turbodiesel vorstellte, dessen 1,6 Liter großer Diesel mit 70 PS für Aufsehen sorgte. Dass es mit der Laufkultur nicht weit her war, wurde ohne Murren hingenommen. Andere Selbstzünder waren ja nicht besser, und der nicht per Turbo gedämpfte Golf-Saugdiesel mit 50, später 54 PS, war noch ungehobelter. Mit dem Turboloch des GTD, der mit schwarzen Streifen auf GTI machte, versöhnte das erstaunliche Temperament des leichten Golf I bei Praxisverbräuchen um sechs Liter.

Verhaltene Kraft

Nun gibt es wieder einen Golf 1.6 Turbodiesel, doch außer der Hubraum- Kennzahl ist alles anders – fast alles viel mehr. 105 statt 70 PS, Common-Rail- statt Verteilereinspritzung sind die offensichtlichsten Unterschiede, während die Trinksitten sich gar nicht so großartig unterscheiden. Denn mit 5,8 Liter Testverbrauch liegt der aktuelle Golf auf einem Level mit dem Urahn, der Mode machte.

Der Kaltstart zeigt, was sich in den vielen Jahren getan hat. Kein markerschütterndes Nageln mehr, sondern gut gedämpftes, weiches Grummeln. Und während früher ein nicht gerade dezentes Rußwölkchen aus dem Auspuff stieg, bleibt die Luft heute dank Piezo-Injektoren, 1600 bar Einspritzdruck und Partikelfilter ungetrübt.

Beim Losfahren dann der erste Verdacht: Turboloch, ha! Denn bei zu wenig Gas und nachlässig dosierter Kupplung stirbt der kleine Motor ohne Vorwarnung schlicht ab. Doch nach mehreren Anfahrmanövern wird bald klar, dass Turboloch nicht ganz der treffende Ausdruck ist. Es fehlt dem kleinen Motor unterhalb jener 1500 Umdrehungen, wo die Drehmomentkurve auf den Maximalwert von 250 Newtonmetern hochbuckelt, schlicht an Durchsetzungskraft gegen die von der Physik diktierte natürliche Neigung des immerhin 1320 Kilogramm schweren Golf, auf dem Fleck zu verharren.

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Also lieber mit etwas mehr Gas anfahren, und schon hat der Hintermann an der Ampel keinen Grund mehr zum genervten Hupen. Und keinen Gedanken verschwenden an den brachialen Antritt des 1.9 TDI selig, der mit ebenfalls 105 PS und 250 stämmigen Pumpe-Düse-Newtonmetern in einer anderen Liga spielte. Auch der 2.0 TDI mit 110 PS, der nur 225 Euro mehr kostet als der 1.6 TDI, hat bei niedrigen Drehzahlen mehr zu bieten.

Was spricht also für den kleinen Diesel? Einmal der steuerlich vorteilhaft kleine Hubraum, zweitens die Emissionen. Mit 119 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer liegt der 1.6 TDI unter der Grenze von 120 Gramm, von wo an jedes weitere Gramm CO2 mit zwei Euro Jahressteuer belegt wird. Der 2.0 TDI mit 110 PS ist mit 128 Gramm ein wenig schlechter, doch preisgleich gibt es ja noch einen weiteren 2.0 TDI, der dank rollwiderstandsoptimierter Reifen, längerer Gänge, abgesenkter Karosserie und Unterbodenverkleidung ebenfalls nur 119 g CO2 emittiert.

Der dürfte die bessere Wahl sein, wenn man sich nicht auf einige Sonderausstattungen versteift, die für diesen CO2-optimierten Zweiliter nicht erhältlich sind: Dazu zählen das Adaptive Fahrwerk, 17-Zoll-Räder, ein Vollwert-Reserverad und das 300 Watt starke Soundsystem RDC Dynaudio Excite – mit nur einem dieser Extras wäre der 2.0 schon zu schwer, um noch unter der 120-Gramm- Grenze zu bleiben.

Diese Einschränkungen hat der Käufer des 1.6 TDI nicht. Und er hat auch sonst keine, wenn er sich an den sanften Wind unterhalb und das gedämpfte Temperament bei niedrigen und mittleren Drehzahlen als Folge der langen Übersetzung des Fünfganggetriebes akzeptiert hat.

Kultivierter Motorlauf
Sechs enger gestufte Gänge wären eindeutig angenehmer, doch die gute Laufkultur des kleinen, erst bei 5500 Umdrehungen abregelnden Diesels macht Laune. Und mit – nach langem Anlauf erreichten – 189 km/h Spitze ist man ja nicht schlecht bedient. Ansonsten Golf-Fahren wie gewohnt: gut gefedert und kommod sitzend leise von A nach B kommen, sicheres und agiles Fahrverhalten inklusive.

Am Bedienkomfort gibt es – das bei der Routenberechnung sehr langsame Navigationssystem einmal ausgeklammert – ebensowenig zu meckern wie an der beeindruckend guten Verarbeitung. Mal abwarten, wie sich der identisch motorisierte Golf 1.6 TDI BlueMotion Technology schlägt, der von jetzt an für 425 Euro Aufpreis bestellt werden kann. Er stößt bei 4,1 statt 4,5 Liter Normverbrauch nur 107 statt 119 Gramm CO2 pro Kilometer aus.

Fazit

Der 1.6 TDI ist kein Golf, der auf Anhieb begeistert. Dazu entwickelt sein Motor, der im leichteren Polo mit Temperament gefällt, schlicht zu wenig von dem Druck, der Turbodiesel so liebenswert macht. Wer allerdings mit der verhaltenen Leistungsentfaltung des kleinen Diesels leben kann, findet im 1.6 TDI sicher ein Auto, an dem er lange Freude hat. Denn der niedrige Verbrauch macht Laune bei jedem Tanken, und die Steuerbescheide fallen dank kleinem Hubraum harmlos aus.

Der 1.6er bietet trotz wenig Hubraum also für viele sicher genug. Etwas anspruchsvollere Kunden greifen aber wohl eher zum 2.0 TDI mit 110 PS, der auf der Motorseite mehr Spaß macht und sich dieses Vergnügen nur unwesentlich teurer bezahlen lässt. Nur: Mit dem ab sofort bestellbaren 1.6 TDI BlueMotion Technology hat VW vier Diesel-Golf in einer Leistungsklasse. Ob der Kunde das versteht?

Michael Harnischfeger

Inhaltsübersicht

Autos im Test

VW Golf 1.6 TDI

VW Golf 1.6 TDI

PS/KW 105/77

0-100 km/h in 11.20s

Vorderrad, 5 Gang manuell

Spitze 189 km/h

Preis 21.565,00 €