Mercedes S-Klasse W140: Gebrauchtwagen Kaufberatung zur S-Klasse W140

Für Fans gilt die Mercedes S-Klasse W140 als Werner Niefers Vermächtnis. Der Daimler-Benz-Chef legte Wert darauf, dass diese S-Klasse dem Stern Ehre machte. Unsere Kaufberatung sagt, worauf beim gebrauchten W140 zu achten ist!

Die Mercedes S-Klasse W140 der 90er-Jahre: Ein Auto, das alle Dimensionen sprengt? Aus heutiger Sicht nicht. Die kantige S-Klasse ist breitentechnisch in einer Liga mit einem heutigen 3er BMW und damit im oberen Kompaktsegment angelangt. Doch damals, 1991, galt der Auftritt der Mercedes S-Klasse W140 als zu großspurig – vor allem in Deutschland. Die Medien und Umweltschützer schlugen mit Wonne auf das Dickschiff ein. Spötter verglichen die Dimensionen der Sänfte mit den körperlichen Ausmaßen  des  damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl – ein fast schon despektierlicher Vergleich für den Schwaben-Stern: Ein Pfälzer als Sinnbild einer S-Klasse. Sakrileg! Die Nähe von Staatsmann und Staatskarosse hat allerdings auf einer anderen Ebene durchaus Sinn: Es war die nach dem Kanzler benannte "Ära Kohl" die der Mercedes S-Klasse W140 zu schaffen machte. Die blühenden Landschaften im Osten ließen auf sich warten, der Gürtel musste enger geschnallt werden im wiedervereinten Deutschland. Und ausgerechnet jetzt kam der Mercedes S-Klasse W140 auf den Markt. Das war alles andere als zeitgemäß.Dazu gesellten sich Schwächen, die man nicht wegdiskutieren konnte: zu geringe Zuladung bei höherwertiger Ausstattung (nur knapp 300 Kilo), Kinderkrank-heiten gerade bei der Elektronik (ASR-Defekte), Verarbeitungs- und Entwicklungsmängel (klappernde Außenspiegel) sowie der hohe Verbrauch.

 

Mercedes S-Klasse W140 als Gebrauchtwagen

All diese Details überdeckten die Errungenschaften des wahrscheinlich letzten "Ingenieurs-Wagens", der bei Mercedes entwickelt worden ist. Als einer seiner Väter gilt Werner Niefer, der 1943 bei Daimler-Benz anfing und sich vom Werkzeugmacher-Lehrling bis zum Vorstandsmitglied (ab 1976) und zum Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG (1989 bis 1993) hochgearbeitet hatte. Niefer legte großen Wert auf die technische Seite des Mercedes S-Klasse W140, während Designer Bruno Sacco versuchte, dem W140 das typische  Mercedes-Gesicht jener Zeit zu verleihen. Schon in den frühen 80er-Jahren begann die Entwicklung des Nachfolgers des W126. Man nahm sich etwa zehn Jahre Zeit für die neue S-Klasse und hatte den Anspruch, ein perfektes und höchst komfortables Auto aufs Band zu legen. Entwicklungschef Dr.Wolfgang Peter und seine Mannschaft machten sich über viele Details Gedanken: Verkehrsentwicklung, die zunehmende Größe der Menschen, Sicherheit, Abgasreinigung und Luftwiderstand. Es entstanden gleich mehrere Clay-Modelle (Clay ist eine Modelliermasse) in 1:5 und 1:1, um eine Form zu finden, die dem Fahrtwind trotz der Größe des Fahrzeugs wenig Widerstand bot. Das gelang beispielhaft: Der Mercedes S-Klasse W140 hat einen bis heute sehr guten cW-Wert von nur 0,30.

Gebrauchte S-Klasse W140 mit Macken

Ein wichtiges Thema war überdies der Komfort des Mercedes S-Klasse W140. Man wollte, das Menschen von 1,60 bis 1,90 Meter bequem auf allen Plätzen sitzen konnten. Da immer mehr Verkehr auf den Straßen zu erwarten war, sollte der Innenraum ein Wohlfühlraum werden, der mit Größe, Behaglichkeit und (elektronisch bedienbaren) Annehmlichkeiten aller Art ausgestattet sein wurde. Und so gab es wirklich einen elektrisch verstellbaren Innenspiegel – wenn man das wollte –, elektrisch justierbare Sitze, einen elektronisch geregelten Tempomaten und alles, was man sich wünschen konnte. Und was das Portemonnaie hergab, denn die Aufpreisliste des Mercedes S-Klasse W140 liest sich nicht sehr Budget-freundlich. Klimaautomatik: 5814 Mark; Niveauregulierung der Hinterachse mit adaptivem Dämpfungssystem: 4674 Mark; elektrisch verstellbare Vordersitze mit Memory-Funktion: 4263,60 Mark; Sitzheizung vorn: 991,80 Mark. Rechnete man solche "Goodies" auf einen Grundpreis von zum Beispiel 116.166 Mark für einen 500 SE, hatte man schnell finanzielle Dimensionen erreicht, mit denen man eine Eigentumswohnung in einer bundesdeutschen Großstadt in guter Lage finanzieren konnte. Heute bekommt man einen Mercedes S-Klasse W140 zum Schleuderpreis. Der freundliche Wimpelhändler um die Ecke hat da manch günstiges "Schnäppchen" auf dem Schotterplatz stehen.

Gebrauchte S-Klasse W140 schon ab 2000 Euro

Doch es ist sehr große Vorsicht geboten! So listet das Portal mobile.de beispielsweise um die 300 Mercedes S-Klasse W140 auf – los geht es schon unter 2000 Euro. Doch wenn man die Bilder betrachtet und die Texte liest, dann wird schnell deutlich, dass man zu einem solchen Preis nur Seelenverkäufer bekommt. Mitunter weisen die Verkäufer schon darauf hin, dass diese oder jene Warnlampe leuchtet, dass die Niveauregulierung ausgefallen oder dass der Lack unterrostet ist. Schon ist man mittendrin im Thema Schwachpunkte. Man muss sich viel Zeit nehmen für die Fahrzeugbesichtigung, und ohne ausgiebige Probefahrt geht nichts beim Mercedes S-Klasse W140! Wir gehen mal davon aus, dass man eine 90er-Jahre Mercedes S-Klasse W140 als Gebrauchsklassiker anschafft und nicht zum Wegschließen für schlechte Zeiten. Da sind andere Sternenschiffe wahrscheinlich sehr viel besser geeignet. Wer es sich hinter diesen Sacco-Brettern bequem ma-chen will, der hat lange Fahrten im Sinn und plant nicht, seinen Mercedes S-Klasse W140 ins Museum zu stellen. Autos von privat mit wenigen Vorbesitzern und nachvollziehbarer Historie sind absolut vorzuziehen. Hat ein W140 längere Zeit in der Garage vor sich hin gedümpelt, sind Standschäden programmiert. Ein Kauf ohne das Auslesen des Fehlerspeichers darf man als Risiko ansehen. Der Mercedes S-Klasse W140 hat bereits eine CAN-BUS-Steuerung. Die gute alte Prüflampe kann man also getrost zur Seite legen. Wenn der W140 mit gutem allgemeinen Pflegezustandpunkten konnte, sollt man ihn auf die Hebebühne stellen. Falls der Motor dicht ist, nirgends Rost hervorlugt und auch die Fahrwerkskomponenten okay sind (ausgeschlagene Achsbuchsen? Spröde Gummis? Übermäßiger Rost an den Achsen und Trägern?), kann man sich in den Innenraum zurückziehen und an den Knöpfchen spielen. Und dann bitte an allen! Die Klimaanlage des Mercedes S-Klasse W140 sollte in jedem Fall funktionieren. Denn Defekte an ihr werden sehr schnell sehr teuer.

300 SE W140 mit klarer Empfehlung

Auf der Probefahrt sollte man alle Kontrollanzeigen im Blick behalten. Sobald ein Mercedes S-Klasse W140 ASR (Anti-Schlupf-Regulierung) an Bord hat oder die adaptiven Dämpfer hinten, können teure Ausfälle auftreten. Außerdem ist auf Fahrwerkspoltern zu achten. Ausgelutschte Buchsen können im Extremfall dazu führen, dass sich eines der Vorderräder des Mercedes S-Klasse W140 verabschiedet: Es klappt dann einfach weg. Wegen des nicht geringen Verbrauchs findet man mitunter auf Gas umgerüstete Mercedes S-Klasse W140. Solche Autogasanlagen sparen zwar Brennstoff, doch schon aus Originalitätsgründen sollte man vom Kauf absehen. Hinzu kommt, dass man nie weiß, wie qualitativ hoch-wertig Anlage und Einbau sind. Für den, der einen W140 fahren will, ohne Armut zu riskieren, gibt es am Ende eine klare Kaufempfehlung: Mercedes 300 SE. Er hat zwar den kleinsten der Motoren, die damals 1991 beim Marktstart vorgestellt wurden, doch mit dem Sechszy-linder ist der W140 keinesfalls untermotorisiert. Wenn der Sechszylinder Probleme bereitet, fallen die Kosten geringer aus als bei seinen V8- und V12-Brüdern. Zudem ist der 300 SE tendenziell einfacher ausgestattet, was die Elektronik-probleme etwas verringert. Eine große Wertsteigerung dieses Modells ist nicht zu erwarten. Auch der V12 dürfte noch eine Weile brauchen, bevor die Preise anziehen. Und bis der Mercedes S-Klasse W140 wirklich mal ein Oldie für Liebhaber wird, ist der 300 SE einfach eine günstige Alternative, einen großen Mercedes zu fahren. Und der verwöhnt – wenn kein Wartungsstau vorhanden ist und man bei der Anschaffung genau hingeschaut hat – mit Alltagstauglichkeit und viel Komfort. 

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Mercedes S-Klasse W140: Daten und Fakten
Antrieb
R6-Zylinder (Typ M104 E32); vorn längs eingebaut; 4-Ventiler; zwei obenliegende Nockenwellen, Kettenantrieb; Gemischbildung: elektronische Einspritzung (LH-Jetronic); Bohrung x Hub: 89,9 x 84,0 mm; Hubraum: 3199 cm3 ; Verdichtung: 10,0:1; Leistung: 170 kW/231 PS bei 5800/min; maximales Drehm.: 310 Nm bei 4100/min; Fünfgang-Getriebe (opt.: Vierstufen-Automatik); Mittelschaltung; Hinterradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttragende Ganzstahlkarosserie mit vier Türen; Radaufhängung vorn: einzeln an Doppelquerlenkern, Stabilisator; hinten: Raumlenkerachse (auf Wunsch mit Niveauregulierung); v./h. Gasdruckstoßdämpfer, Schraubenfedern; Kugelumlauflenkung mit Servo; Bremsen v./h.: innenbel. Scheiben, Servo, ABS; Reifen: 225/60 R 16; Räder: 7,5 x 16
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 8,6 s; Höchstgeschwindigkeit: 225 km/h; Verbrauch: 12,2 l/100 km
Eckdaten
L/B/H: 5113/1886/1492 mm; Radstand: 3040 mm; Spurweite v./h.: 1603/1576 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 1890/2410 kg; Tank: 100 l; Bauzeit (W140 gesamt): 1991 bis 1998 (1. Serie: 1991 bis 1994); Stückzahl (W140 Limousine): 406.717; Preis (1991): 87.894 Mark
¹ Werksangaben
Marktlage
Modell Zustand 2 Zustand 3 Zustand 4
300 SE 7900 Euro 3900 Euro 1900 Euro
400 SE 8900 Euro 4400 Euro 2300 Euro
500 SE 9300 Euro 4500 Euro 2400 Euro
600 SE 10.800 Euro 4900 Euro 2400 Euro
Wertentwicklung: stagnierend

Unser Fazit

Jetzt ist aber mal Schluss mit der Schelte! Wen interessiert heute noch die Zuladung an einem Youngtimer? Wen die Größe? Wer sich für dieses Hobby entscheidet, der weiß, worauf er sich einlässt – und ist kein 08/15-Autofahrer mit Vollkaskodenken. Der W140 ist eine Burg, ein Stück Schwermetall auf Rädern und gerade wegen der Häme, die er zeitlebens einstecken musste, ein "Jetzt erst recht"-Auto. Die Hauptfeind des W140 ist der Wartungsstau. Wer sich für den Elektronik-Frachter erwärmt, darf keine Angst davor haben, einen Fehlerspeicher auszulesen. Einsteigen, Leute! Mehr Benz war nie!

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