Wirtschaft: Der Volkswagen-Konzern im Fakten-Check Auf dem Prüfstand

28.06.2015

Wirtschaft: Wie gut ist der VW-Konzern nach dem Machtkampf und dem Rücktritt von Ferdinand Piëch wirklich aufgestellt? Wo muss Martin Winterkorn anpacken? Alle VW-Marken im Check

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat einige turbulente Wochen hinter sich. Doch mit dem Ausgang des internen Machtkampfs kann er ganz zufrieden sein: Konzernpatriarch Ferdinand Piëch hat das Feld verlassen und ist als Vorsitzender des Aufsichtsrats zurückgetreten. Zudem konnte sich Winterkorn den VW-Aktionären auf der Hauptversammlung als wichtiger Stabilitätsanker präsentieren: „Mit 100 Prozent Fokus auf unsere Fahrzeuge und Technologien, auf Effizienz und Ertragskraft.“

 

Wirtschaft: Der Volkswagen-Konzern im Fakten-Check

Doch in den letzten Wochen wurde im Zuge der Personaldiskussion viel über den Volkswagen-Konzern geschrieben und noch mehr spekuliert. Wie gut geht es Deutschlands größtem Autobauer wirklich? Wie stark sind seine mittlerweile zwölf Fahrzeugmarken aufgestellt, wo liegen die Problemfelder?

Auf den ersten Blick steht der Konzern extrem gut da: Die Verkäufe haben sich seit Winterkorns Amtsantritt von 6,2 Millionen im Jahr 2007 auf 10,1 Millionen im Vorjahr erhöht. Weltweit kommt inzwischen jeder achte Neuwagen von einer der Konzernmarken. Der Kurs der VW-Aktie verfünffachte sich seit 2007 fast, während sich der DAX nicht einmal verdoppelte. Zudem hat VW in den letzten acht Jahren weltweit 140.000 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 55.000 in Deutschland.

Auch im ersten Quartal 2015 läuft es gut für die Wolfsburger: Zwar stiegen die Auslieferungen mit 1,8 Prozent nur leicht auf 2,49 Millionen. Doch Toyota, der Konkurrent um die Krone des größten Autobauers der Welt, musste in den ersten drei Monaten sogar einen Rückgang um 2,4 Prozent hinnehmen. Mit 2,52 Millionen Auslieferungen haben die Japaner die Nase nur noch ganz knapp vorn.

Mit über drei Milliarden Euro Gewinn konnte Winterkorn zudem den besten Jahresauftakt der Unternehmensgeschichte feiern. Die Umsatzrendite verbesserte sich im ersten Quartal leicht von 6,0 auf 6,3 Prozent. Das soll jedoch erst der Anfang sein: Bis 2018 will Konzernchef Winterkorn dauerhaft mehr als acht Prozent erreichen. Auch die Aktionäre haben Grund zum Feiern: Ihre Dividende für 2014 stieg um 20 Prozent im Vergleich zu der des Vorjahrs.

VW-China ist der „Top-Stürmer“ der Kernmarke Der Erfolg des VW-Konzerns liegt in erster Linie an China: 36 Prozent aller Auslieferungen gehen ins Reich der Mitte. Das bedeutet eine starke Abhängigkeit von dem Boomland, dessen Wirtschaftswachstum langsam abkühlt. Dennoch will Winterkorn die Produktionskapazitäten vor Ort bis 2019 auf über fünf Millionen Einheiten pro Jahr ausbauen.

Im Konzernergebnis sind die Erfolge der chinesischen Gemeinschaftsunternehmen mit SAIC und FAW allerdings nicht zu finden, da VW an ihnen nur zu 50 bzw. 40 Prozent beteiligt ist. So konnte VW-China im ersten Quartal einen anteiligen Gewinn von 1,6 Milliarden Euro erzielen – dreimal so viel wie die Marke VW im gleichen Zeitraum. „Das ist wie ein Fußballergebnis, bei dem die Tore eines Top-Stürmers nicht mitgezählt werden“, so Winterkorn.

Auch die wirtschaftlichen Vorteile der Baukastenstrategie kommen erst allmählich zum Tragen: In diesem Jahr werden 2,7 Millionen Fahrzeuge auf dem Modularen Querbaukasten (MQB) produziert, 2018 sollen es sieben Millionen sein. Hier hinkt vor allem die Kernmarke VW hinterher: Erst 20 Prozent ihres Absatzvolumens nutzen die MQB-Plattform. Bei Skoda sind es fast 40 Prozent.

Große Bauchschmerzen bereitet Winterkorn auch der US-Markt: Während dort alle anderen deutschen Hersteller Erfolge verzeichnen, schrumpft der VW-Absatz. So lag VW im ersten Quartal 2015 weit hinter der Allradmarke Subaru. Dabei hatte man extra ein neues Werk in Chattanooga errichtet und einen speziellen US-Passat entwickelt. Doch das Modellprogramm in den USA ist noch zu schmal, passende SUV fehlen, und die Modellzyklen sind im Vergleich zu denen der US-Konkurrenz viel zu lang.

 

VW Gol: In Brasilien nicht mehr auf Platz 1

Winterkorn verspricht Abhilfe: „Wir werden unsere Modelle in deutlich kürzeren Abständen überarbeiten.“ Ab Ende 2016 soll ein neues Mittelklasse-SUV für die USA in Chattanooga gebaut werden. 2017 folgt dann der nächste Tiguan mit verlängertem Radstand, der in Mexiko vom Band läuft. Auch der VW Golf wird dort für den US-Markt produziert.

Noch problematischer als der US-Markt ist für Volkswagen jedoch die Schwäche in Brasilien: Am Zuckerhut war der VW Gol 19 Jahre lang das meistverkaufte Auto und VW neben Fiat die dominierende Marke. Doch der Gol wurde 2014 vom Fiat Palio an der Spitze der Neuzulassungen abgelöst. Auch Toyota und vor allem Hyundai drängen mit vor Ort entwickelten und produzierten Modellen auf den brasilianischen Markt. Das Ergebnis: 16,9 Prozent Verkaufsrückgänge im ersten Quartal.

In den übrigen Schwellen- und Entwicklungsländern rächt sich zudem die 2011 gescheiterte Zusammenarbeit mit Suzuki. Mit Hilfe der Japaner hätte VW in relativ kurzer Zeit ein Billigauto entwickeln können. Doch Osamu Suzuki wollte nicht, dass seine Firma eine von vielen VW-Konzernmarken wird. So haben die Wolfsburger bis heute kein Billigauto für die Schwellen- und Entwicklungsmärkte. Aktuell arbeitet VW nun mit den chinesischen Partnern an dem Projekt. „Auch dieses Budget Car muss eine angemessene Rendite abwerfen,“ fordert Winterkorn.

Ohne Billigauto kann der Konzern auch in Indien nicht Fuß fassen: Der Marktanteil von VW lag 2014 auf dem Subkontinent nur bei mageren 1,7 Prozent. Selbst Skoda-Modelle wie der Rapid sind für Indien zu hoch positioniert. Dagegen leidet VW in Russland wie alle ausländischen Konzerne unter den politischen und wirtschaftlichen Spannungen in Folge der Ukraine-Krise. Im Gegensatz zu General Motors will VW aber auf dem einstigen Wachstumsmarkt vertreten bleiben.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen rechnet Winterkorn für 2015 mit einem moderaten Wachstum der Auslieferungen und einer Umsatzsteigerung um bis zu vier Prozent. Die Rendite des Konzerns soll zwischen 5,5 und 6,5 Prozent liegen. Damit wird er die Aktionäre langfristig jedoch nicht zufriedenstellen können. Um den Konzern effizienter und beweglicher zu gestalten, plant Winterkorn daher eine Umstrukturierung.

Wie bei den Lkw-Herstellern MAN und Scania könnten einzelne Marken zu übergeordneten Holdings zusammengefasst werden. Damit ließen sich Einspar- und Entwicklungspotenziale heben. Doch die Marken des VW-Konzerns haben ein starkes Selbstbewusstsein, agieren relativ unabhängig. Sie unter ein gemeinsames Dach zu zwingen, wird Winterkorn viel abverlangen. So turbulent wie in den letzten Wochen sollte es dabei jedoch nicht mehr zugehen.

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