VW Golf I Cabrio (1979-1993): Kaufberatung Kantiger Henkel-Golf

24.10.2013

Rost und Tuning sind die Hauptfeinde des VW Golf I Cabrio – aber kein Grund, dem kultigen Henkel-Auto einen Korb zu geben. Kaufberatung

Sascha Hehn hüpft schwungvoll und mit perfekter Föhnwelle im Tennis-Outfit aus einem weißen Golf I Cabriolet. Millionen Teenager der 80er-Jahre  kämpfen  bis  heute  mit  diesem Kindheitstrauma aus der Schwarzwaldklinik. Es gibt Bilder, die brennen sich eben tief ins empfindsame Kinderhirn. Der Schönling von einst hat den Fahrerplatz des ersten Golf Cabrios aber inzwischen verlassen und schippert demnächst im ZDF als Traumschiff-Kapitän über die Weltmeere. Und so wie an ihm die Zeit nicht ganz spurlos vorübergegangen ist, zwickt auch den Millionenseller aus Wolfsburg hier und da ein Zipperlein.

Erste Prototypen schickte Volkswagen schon 1976 auf Dienstreise. Die Produktion startete aber erst in der zweiten Jahreshälfte 1979 bei Karmann in Osnabrück. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man dort noch den VW Käfer 1303 als Cabriolet gebaut. Der Golf sollte nun dem offenen Ur-Volkswagen nachfolgen – und die Fans stritten erbittert. Vor allem der charakteristische Überrollbügel, der auch der Karosseriesteifigkeit diente, erhitzte die Gemüter. Wie ein Henkel ragte er heraus. Karmann konnte 1978/79 gar nicht so viele Käfer Cabrios bauen, wie die Fans haben wollten. Als die ersten Erlkönigfotos des ungetarnten VW Golf Cabrio im August 1978 die Runde machten, war das Urteil vernichtend: „Etwas verkümmert wirkt das Heckkläppchen. Recht ansehnlich präsentiert sich das Auto bei heruntergeklapptem Verdeck. In geschlossenem Zustand erinnert es allerdings noch allzu stark an den VW-Kübelwagen der 30er-Jahre.“ Das war starker Tobak in der AUTO ZEITUNG 18/1978. Und auch der erste Fahrbericht aus dem März 1979 nennt das Golf Cabrio noch „rollenden Kohlenkasten“. Bei den ganz frühen Fotos fällt das im geöffneten Zustand noch etwas höhere Verdeck auf. Später in der Serie schafften es die Karmann-Techniker, das sehr gut gefütterte und traumhaft dichte Dach noch ein wenig sparsamer zu falten, sodass die Verdeckwulst auf dem Kofferraum noch zehn Zentimeter flacher wurde – wie bei dem Exemplar auf diesen Seiten zu sehen.

 

ALLTAGSTAUGLICH, SICHER UND MIT STARKEN MOTOREN

Die Design-Schelte der Redakteure von damals ist lange verstummt. Und der einst durchaus verächtlich ausgesprochene Spitzname „Erdbeerkörbchen“ ist längst ein Markenzeichen geworden für günstigen und offenen Fahrspaß von Volkswagen. Die Wolfsburger gaben ihrem neuen Cabrio anfänglich einen 1,5-Liter-Motor mit 70 PS und einen 1,6-Liter-Motor mit 110 PS mit. Später stieg die Leistung auf 75 und 112 PS (ein Zuwachs wie im GTI bei gleichzeitig erweitertem Hubraum auf 1,8 Liter). Hinzu kamen noch ein 90-PS-Motor und eine Version mit 98 PS und Digifant-Einspritzung. Dieser Motor befeuert die späten Modelle des Golf Cabrio, dessen Bauzeit sich von 1979 bis 1993 erstreckte – und so überlebte das Cabrio den geschlossenen Bruder um ein gutes Jahrzehnt!

Eine Vielzahl von Sondermodellen (die wichtigsten sind sicherlich „Etienne Aigner“, „Genesis“ und „Classic Line“) und eine ständige Modellpflege hielten den offenen Golf im Gespräch und machten ihn trotz der bei Außerdienststellung 1993 durchaus angejahrten Karosserie zu einem gern genommen Cabrio, sei es als Zweitwagen für die Gattin in betuchteren Haushalten oder auch als Erstwagen eines Autofans. Denn mit einem Golf Cabrio konnte man auch den Winter über fahren. Alltagstauglichkeit war Trumpf beim Wolfsburger. Das Blech machte das allerdings nicht immer klaglos mit. Zwar gilt die Rostvorsorge insgesamt beim Cabriolet als besser im Ver-gleich zu den 70er-Jahre Golf I mit blecher-nem Dach, doch die Schwachstellen sind im Prinzip immer noch dieselben: Vorderes und hinteres Abschlussblech, Schraubkanten der vorderen Kotflügel, Stoßdämpferdome vorn, A-Säulen-Enden, Schweller, Türunterkanten und der Bereich um den Tankeinfüllstutzen. Beim Cabrio noch wichtig: Der genaue Blick auf das Verdeck. Der Bezug reißt gern nach vielen Jahren des ewigen Auf und Zu in Verbindung mit UV-Einstrahlung und Kälte. Ein Neubezug ist möglich, jedoch kostet Ersatz leicht weit über 2000 Euro. Und die Investition einer solchen Summe sollte man sich zweimal überlegen, denn noch gibt es etliche gute Golf I Cabrio auf dem Markt. Da lohnt sich sicherlich die Fahrt zu einem anderen Anbieter.

Ein großer Vorteil des Golf I Cabrio ist, dass alle relevanten Karosserieteile über den gesamten Bauzeitraum hin praktisch gleich geblieben sind. Die auffälligsten Änderungen im Laufe der Modellpflege kamen 1983: Neues Armaturenbrett-Design, neues Vierspeichen-Lenkrad, und ein 55-Liter-Tank. Ab 1987 kamen dann noch breitere Kunststoffstoßstangen, Doppelscheinwerfer und üppige Radlaufverkleidungen hinzu. Wenn man nicht gerade die exakten Polsterstoffe für ein Sondermodell sucht, ist ein Golf I Cabrio ein immer noch preisgünstiges Vergnügen. Die Anschaffungskosten sind erträglich, die Ersatzteilsituation ist – gerade bei der Technik – fast paradiesisch im Vergleich mit anderen Klassikern. Die Großserienfertigung und die Gleichteilepolitik bei Volkswagen zahlt sich heute für die Fans aus. Mit den Jahren erfolgten wichtige Neuerungen am Cabrio. So wurde das zuvor optionale Fünfgang-Getriebe zur Serienausstattung. Zudem wurde ab 1992 ein Fahrer-Airbag angeboten. Mit dem 98-PS-Motor (zunächst 95 PS) konnte man auch einen Katalysator an Bord holen. Im letzten Produktionsjahr gab es das Cabriolet nur noch mit 98 PS. 1993 endete die Produktion nach 14 Jahren und rund 390.000 Einheiten.

VW GOLF I CABRIOLET: Daten und Fakten
Antrieb
R4-Zylinder; vorn quer eingebaut; 2-Ventiler; obenliegende Nockenwelle, Zahnriemenantrieb; Gemischbildung: ein Fallstromvergaser Solex 34-PICT-5; Bohrung x Hub: 79,5 x 73,4 mm; Hubraum: 1457 cm3 ; Verdichtung: 8,2:1; Leistung: 51 kW/70 PS bei 5600/min; max. Drehmoment: 110 Nm bei 2500/min; Viergang-Getriebe; Mittelschaltung; Vorderradantrieb
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Ganzstahlkar. mit zwei Türen, mit Profilträgern verstärkt, Überollbügel, fünfsitziges Cabriolet; Radaufhängung vorn: McPherson-Federbeine; hinten: Verbundlenkerachse, Schraubenfedern, Stoßdämpfer; v./h.: Stabilisatoren (nur im Modell GLI); Zahnstangenlenkung; Bremsen: v./h. Scheiben/Trommeln; Reifen: 155 SR 13; Räder: 5 x 13
Fahrleistungen¹
Beschleunigung: 0 auf 100 km/h in 13,0 s; Höchstgeschw.: 160 km/h; Verbrauch: 11,0 l/100 km
Eckdaten
L/B/H: 3815/1610/1410 mm; Radstand: 2400 mm; Spurweite v./h.: 1390/1358 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 920/1270 kg; Tankinhalt: 40 l; Bauzeit: 1979 bis 1993; Stückzahl:ca. 390.000; Preis (1980, GLS): 17.390 Mark
¹ Werksangaben
Marktlage
Modell Zustand 2 Zustand 3 Zustand 4
70/75 PS 7300 Euro 3600 Euro 1100 Euro
90 PS 5100 Euro 2200 Euro 800 Euro
110/112 PS 7900 Euro 3900 Euro 1300 Euro
98 PS 6100 Euro 2900 Euro 1000 Euro
Wertentwicklung: steigend

Unser Fazit

Entweder man mag den kantigen Henkel-Golf oder man mag ihn nicht. Dem Wolfsburger aus Osnabrück kann’s egal sein: Er hat seine Fan-Gemeinde. Und die schätzt die Zuverlässigkeit, die Reparaturfreundlichkeit, die gute Versorgung mit Ersatzteilen, die günstige Marktlage – und sie mag vor allem die hohe Fertigungsqualität des offenen Ur-Golf. Ja, das Golf I Cabrio ist ein Klassiker und ein werdender Oldtimer. Wer günstig offen fahren will, der liegt hier richtig. Doch die Preise werden wieder steigen: Insofern sollte man jetzt zuschlagen, denn noch ist das Angebot an guten Fahrzeugen groß.

Thorsten Elbrigmann

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