Kombi-Klassiker: Frühe VW Variant-Modelle Typ 3, Typ 4 und Passat Arbeitstiere mit Stil

27.12.2012

Es gab einst Millionen von ihnen: Typ 3, Typ 4 und der erste Passat waren die Lastesel der Nation. Heute sind die Kombis selten und heiß begehrte Oldtimer

Variant – das Wort, das heute als Synonym für Kombis von VW gilt, war bis 1961 gänzlich unbekannt. Erst mit dem Erscheinen des VW 1500, werksintern Typ 3 genannt, hielten Steilheck und große Klappe Einzug in die Werkshallen des Weltkonzerns am Mittellandkanal, in denen bislang nur der Käfer (Typ 1) und auch der Bulli (Typ 2) vom Band rollten.

Die Kundschaft erkannte schnell den praktischen Nutzen und orderte während der Bauzeit des VW Typ 3 zwischen 1961 und 1973 rund die Hälfte der insgesamt über zwei Millionen Exemplare als Variant. Anfangs gab es den VW 1500 nur mit 45 PS. 1964 folgte der 1500 S mit 54 PS und wenig später der VW 1600 mit mehr Hubraum bei gleicher PS-Zahl. 1969 bekam der Millionen-Seller ein großes Facelift: Längere Haube vorn, größere Leuchten und Kastenstoßstangen sollten ihn fit machen für die 70er-Jahre. Doch da war die große Zeit des ersten Volkswagens in der Mittelklasse eigentlich schon vorbei.

Die Fachpresse mochte den VW 1500/1600 nicht besonders: Radstand wie der Käfer, nicht viel größer, wenig aufregendes Blechkleid, Heckmotor-Prinzip mit allen Nachteilen wie schlechte Beladbarkeit, geteilte Kofferräume (vorn und hinten), die zwar gemeinsam ein stattliches Ladevolumen ermöglichten, aber dennoch nicht wirklich groß waren. Dazu kam das Übersteuern in Kurven und so weiter, und so weiter.

 

VW 411Typ 4: Das Beste vom Heckmotor-Prinzip

Aber die Qualität stimmte! Und das schätzten die Volkswagen-Kunden. Deshalb war es gar nicht so weit hergeholt, am Prinzip des luftgekühlten Boxermotors im Heck festzuhalten. Zwar wurden die Mahnrufe lauter, doch dann stellte Volkswagen 1968 den VW 411 vor, den Typ 4. Pininfarina war maßgeblich am Styling beteiligt. In einem neuen Entwicklungszentrum hatten Top-Ingenieure den Heckmotor mit einem modernen Fahrwerk gepaart und so einen großen Wagen geschaffen, der für Volkswagen die Krone der bisherigen Entwicklungsarbeit darstellte, der aber wegen seines Aussehens und der im Vergleich zur Konkurrenz nicht herausragenden Gesamtleistungen trotzdem viel gescholten wurde.

Wenn man heute in den Typ 4 einsteigt, erlebt man ein luxuriöses Auto, das auf einen automobilen Aufsteiger aus dem Käfer oder dem Typ 3 wie vom anderen Stern gewirkt haben muss. Fahrverhalten und Beladungsmöglichkeiten hatten sich stark verbessert, doch der so lieb gewonnene Boxer-Sound im Heck war zum Glück noch da. Also warum nicht einen Typ 4 kaufen?

Volkswagen konnte mit dieser Entwicklung durchaus einige treue Kunden bei der Stange halten, doch die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen zurück. Nicht mal die Einspritzanlage, die auch den gefahrenen roten VW 411 LE Variant befeuert, änderte etwas daran. Sie sorgte zwar für ein gutes Heißstartverhalten, was den Modellen mit Vergaser abging, und verschaffte dem Typ 4 bessere Abgaswerte, was im Exportmarkt USA immer wichtiger wurde, doch es half nichts: Die neue Zeit verlangte neue Autos.

Volkswagen riss das Ruder herum und nahm Abschied von den Prinzipien Ferdinand Porsches und Heinrich Nordhoffs. Audi, einst als siechende Marke übernommen, glänzte mit neuen Modellen. Aus einem dieser Vorbilder schnitzten die Wolfsburger mit Hilfe Giugiaros den neuen Heilsbringer in der Mittelklasse: 1973 debütierte der VW Passat. Wasserkühlung und Frontantrieb, sehr klare, nüchterne Linien, ein luftiger Aufbau mit niedriger Gürtellinie und großen Fensterflächen: Die Welt rieb sich die Augen. War das dieselbe Marke, die bis gestern noch im Typ 4 mit-, aber nie davonfuhr im Vergleich zur Konkurrenz?

Der von NSU geerbte K70 hatte sich als Sackgasse erwiesen, doch auf Basis des Audi 80, den die Ingolstädter als klassisches Stufenheck-Auto auf die Räder gestellt hatten, ließ sich weiterarbeiten. Die innovative Schrägheck-Limousine, die es zuerst noch mit kleinem Deckel hinten gab, bald jedoch mit großer Heckklappe, erwies sich als praktisch und wurde von den Käufern sehr gut angenommen.

Der neue Passat Variant folgte 1974 und wartete mit so manchem Superlativ auf: Höchste Zuladung aller bisherigen VW Kombis, größter Kofferraum im Vergleich. Der VW 411 und 412 rollten zwar in der Limousinenform mit vier Türen an, nicht aber als Variant. Der Passat jedoch bot diese Option auch in Verbindung mit dem Kombiheck.

Zudem sah er nicht nur modern aus und passte perfekt in die aus VW Polo, Golf und Scirocco bestehende Modellfamilie, sondern er bewies auch in vielen Entwicklungsdetails, dass er einer völlig neuen Autogeneration angehörte. Nur wenige Mitbewerber hatten zum Beispiel in dieser Zeit schon den negativen Lenkrollradius. Er wirkt spurstabilisierend und spielt vor allem beim Bremsen seine Vorteile aus. Das Fahrzeug neigt bei unterschiedlich starker Bremswirkung rechts und links sehr viel weniger zum Schiefziehen und bricht nicht unvermittelt aus. Das war ein großer Vorteil und ein wichtiger Schritt hin zu mehr aktiver Fahrsicherheit. Außerdem reagierte der Passat viel weniger empfindlich auf Seitenwind als Typ 3 und 4 und bot zudem einen ausgezeichneten Federungskomfort.

Wer heute die drei Kombis nebeneinander sieht und nacheinander fährt, der merkt den Entwicklungsschritt vom Typ 3 zum Typ 4 und den Entwicklungssprung zum Passat. Der wassergekühlte Reihenmotor des kantigen Wolfsburgers ist spritziger als die Boxeraggregate seiner barocken Vorgänger. Obwohl der Vierzylinder über der Vorderachse ruht, ist die Zahnstangenlenkung leichtgängig und noch besser als die im Typ 4. Der Typ 3 mit seiner weitgehend vom Käfer übernommenen Vorderachse ist da ohnehin im Hintertreffen.

Doch es gibt auch Kritik am ersten Passat, welche die Tester damals äußerten und die man mit Blick auf den 74er Variant nachvollziehen kann: Wegen des Leichtbau-Gedankens gerieten einige Details vor allem im Innenraum qualitativ nicht sehr überzeugend. Die Türverkleidungen erinnern an Pappe, und die Türen fallen zwar sicher, aber mit blechernem Klang ins Schloss. Der luxuriöse VW Typ 4 punktet hier. Zudem hat er wie auch der Typ 3 noch Sitze, die wie im guten alten Kutschenbau Federn und Rosshaar als Basis haben und nicht Schaumstoff wie im Passat. Der hat zwar auch einen guten Sitzkomfort, doch wieder muss man sagen: An das Sofa-Gefühl eines Typ 4 kommt er nicht heran.

 

MIT VIER TÜREN BIETET DER VW PASSAT Variant VORTEILE

Wer hinten sitzt in den drei Variant-Modellen, der erkennt auch dort schnell Unterschiede. Obwohl der Typ 3 recht hoch aussieht, bietet er die geringste Kopffreiheit. Und er ist relativ schmal verglichen mit einem Typ 4, der in zweiter Reihe dem Passat mindestens ebenbürtig ist. Letzterer hat jedoch den Vorteil der vier Türen, die einen bequemen Einstieg ermöglichen. Typ 3 und 4 – insbesondere mit ihren nachgerüsteten Gurtrollen – sind weit entfernt von allem, was wir heute als Easy Entry kennen.

Unter allen praktischen Aspekten betrachtet ist also der VW Passat Variant der Sieger. Und beim Restaurieren kennt er gegenüber seinen vermeintlich solideren Vorgängern keine Nachteile. Natürlich haben die in den 60er-Jahren konzipierten Autos das dickere Blech, doch auch das rostet gern. Der Typ 3 mit seinem Plattformrahmen hat wegen der umlaufenden Schraubkante viele Rostprobleme. Typ 4 und Passat besitzen moderne selbsttragende Karosserien mit den üblichen Schwachpunkten. Alle hier vorgestellten VW haben geschraubte Kotflügel vorn und zeigen sich ziemlich wartungs- und reparaturfreundlich.

Dem Typ 3 mit seinen runden Formen und seinem Oldie-Appeal gebührt ein Ehrenpreis als sympathischer Opa des Trios. Dem Typ 4 gereicht sein Luxus zur Ehre. Er wirkt bullig und mit seinen 80 PS kraftvoll. Der Passat schließlich punktet mit seinem 70er-Jahre-Design. Von diesen drei Variant ist er der bedrohteste, denn als echter Oldtimer ist er noch längst nicht von allen anerkannt.

Fazit
Motor vorn, viel Platz hinten: Mit dieser simplen Gleichung sticht der Passat seine Väter Typ 3 und Typ 4 aus. Der rundliche VW 1600 ist schmal und hoch, seine Ladekapazität begrenzt. Der VW 411 LE ist ein echter Fortschritt gewesen! Die Federbein-Vorderachse ermöglicht einen erstaunlich großen Kofferraum. Aber erst der Passat erweist sich als moderner Variant mit Leichtbau-Karosserie, die endgültig mit den barocken Formen aufräumt. Feind aller frühen Kombis von VW war neben dem Rost auch die gnadenlose Beanspruchung bei viel zu wenig Pflege. Deshalb kann sich glücklich schätzen, wer einen dieser Variant in gutem Zustand besitzt. Bewundernde Blicke auf Oldtimer-Treffen sind ihm sicher.
Text: Thorsten Elbrigmann / Fotos: Klaus Huber-Abendroth

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