Bulli-Reportage: Mit dem VW T2 Westfalia unterwegs Auf Zeitreise

15.10.2014

Der Automobilclub Verkehr (ACV) hat einen Westfalia Bulli restauriert. Wir waren mit ihm unterwegs – zurück zu seinen Wurzeln

Er wird noch viele Roadtrips machen, der kleine Westfalia VW T2 Bulli von 1975, den der Automobilclub Verkehr (ACV) gerade verlost (siehe Galerie). Aber zu seiner ersten Ausfahrt nach der aufwändigen Restaurierung startet er mit uns.

Classic Cars führt den Reise-Klassiker noch mal zurück an seine Geburtsorte in Rheda-Wiedenbrück, wo bis heute Westfalia beheimatet ist, und nach Hannover zum VW-Bus-Werk, heute Heimat des T5-Busses.

Dazwischen liegen nur rund 140 Kilometer, wenn man die Autobahn nimmt. Doch das haben wir nicht vor, denn wir haben von ein paar Orten und Menschen längs der Strecke gehört, die wir besuchen wollen. Los geht es aber erstmal in Rheda-Wiedenbrück bei der Westfalia Mobil GmbH.

Der orange-weiße Camper fällt sofort auf. Ein Westfalia-Werker, der diese Busse noch zusammengebaut hat, steht neben mir am Empfang: „Damals galten die als luxuriös. Heute würde ich sagen: spartanisch“, so der Westfalia-Altmeister. Was er damit meint, wird schnell deutlich. Vertriebsleiter Götz Rutenkolkparkt mit dem neuen Westfalia Amundsen 540 neben dem ACV-Bulli, der im Vergleich winzig wirkt.

„Und das ist erst der mittlere Radstand“, merkt Rutenkolk an. Innen hat der Amundsen alles von der Nasszelle bis zum Flatscreen. Aber das ist erst die Einsteigerklasse bei Westfalia heute – zu Preisen ab knapp 41.000 Euro.


DIE LANDSTRASSE IM BLICK, DAS BOXER-BRUMMELN IM OHR


Wir schließen die Türen am Bulli und tuckern wieder mit dem 50-PS-Boxer davon. „Spartanisch“ ist dieser Camping-Bulli also heute. Mag sein, aber nach wenigen hundert Metern hat er uns wieder mit seinem Charme überzeugt.

Die klassischen Recaro-Sitze, die man diesem Bus spendiert hat, passen traumhaft, auf der Landstraße macht das Boxer-Brummeln besonders viel Laune – und die Leute winken so freundlich. Wir fahren nicht lange, als das Ortsschild Verl-Kaunitz vorbeirauscht.

Hier, in der Nähe von Gütersloh, wohnt ein ganz besonderer VW-Sammler. Hermann Walter ist in der Szene bekannt wie ein bunter Hund. Er hat aus praktisch jedem Baujahr desVW Käfers seit 1941 ein Exemplar. Und als würde das noch nicht reichen, stehen in weiteren Hallen auch noch VW Golf, Scirocco, Passat und Jetta Radlauf an Radlauf.

Aber nicht irgendwelche Autos: Ein originaler Oettinger-Golf I ist dabei. Oder ein Jetta Cabrio vom Umbauer Artz. Ein früher Automatik-Golf mit „E“-Stellung für „Economy“ am Wählhebel?

Hier ist einer. Noch nicht mal bei VW in der Sammlung gibt es sowas. Und auch ein Typ 5 findet sich bei dem westfälischen Sammler. Richtig gelesen: Typ 5, ein dem Typ 4 recht ähnlicher, aber etwas kompakterer VW, der über das Prototypen-Dasein nie hinauskam und in einem VW-Außenlager vor sich hin vegetierte – bis Hermann Walter das fast Unmögliche schaffte und den Wagen dort auslösen konnte.

Und auch Westfalia-Busse und einer der raren – weil damals sündteuren – Wohnwagen aus Rheda-Wiedenbrück stehen in den Hallen des Sammlers. Einmal mehr wird deutlich, warum Westfalia bis heute einen so guten Ruf genießt:

Den T1-Bussen mit wohnlicher Ausstattung hängt nicht das Flair der Improvisation an, das im Campingleben der 50er und 60er noch so bestimmend war. Insbesondere der blecherne Wohnwagen mit seinen Isolierwänden und dem „Keller“, einem doppelten Boden für Vorräte, ist so bis ins Detail durchdacht, dass man mit ihm auch heute noch sofort bis nach Rimini fahren will.

Unweigerlich landen wir bei der Frage, wie man an eine solche Sammlung mit derzeit 178 Fahrzeugen kommt. „Da ist eigentlich meine Frau dran schuld“, meint Hermann Walter. Denn sie brachte einen Ovali mit in die Ehe.

Für den brauchte man Teile, so kamen weitere Käfer hinzu. 1975 dann besuchte das Paar eines der ersten großen VW-Treffen in England – und war fortan mit dem VW-Virus infiziert. Immer mehr Autos kamen hinzu.

 

AUS DEN TIEFEN DER VW-HISTORIE HINAUF ZU KAISER WILHELM

Über Stunden tauchen wir ab in die Tiefen der VW-Geschichte, lassen uns Kurioses zeigen oder denken beim Anblick einer NSU Quickly wehmütig an die Moped-Zeiten zurück. Aber die Reise geht weiter.

Hermann Walter kommt noch mit bis zum Bus, wir starten. „Schön sieht er aus“, merkt er noch an, um dann unvermittelt ein Stethoskop aus der Tasche zu ziehen.

Er öffnet die Motorklappe und horcht. „Hab’ ich mir gedacht“, murmelt der VW-Experte. „Das Lichtmaschinenlager hat einen Schaden. Da solltet ihr demnächst ran.“ Manchmal sind Neuteile halt auch nicht das, was sie mal waren.

Aber noch ist alles gut. Die nächsten paar hundert Kilometer hält der Generator noch ohne weiteres durch. Nach einer schnellen Currywurst am Wegesrand mit locker-westfälischen Gesprächen über den Bus nähern wir uns Niedersachsen.

Das Wiehengebirge liegt vor uns und damit auch die Porta Westfalica, wo die Weser das Wiehen- vom Wesergebirge trennt. Seit der Kaiserzeit, genauer gesagt seit 1896, wacht Kaiser Wilhelm I. als Bronzestatue hoch im Gebirge über die Weser.

Da wollen wir hin. Und tatsächlich: Wir dürfen auf die Zufahrtsstraße und hupen dem ollen Wilhelm fröhlich zu. Der Himmel zieht sich zu jetzt am frühen Nachmittag.

Von hier oben sieht man gut, wie in einiger Entfernung Schauer niedergehen, und wie Sonne und Wolken um die Vorherrschaft an der Weser kämpfen. Vorläufig gewinnen die Wolken. Auf der B65 Richtung Bückeburg schalten wir die Scheibenwischer ein und bemühen die Heizung, die alsbald einen ersten warmen Hauch an die Scheibe liefert.

Heute würde sich kein Fahrzeughersteller mehr trauen, den Kunden eine solch schwache Heizung und eine so wenig wirksame Lüftung zu offerieren. Doch damals hat man das akzeptiert. Heute arrangiert man sich mit den Gegebenheiten – und zum Glück hat der Bus ja seine Dreiecksfensterchen an den Türen. Sind sie einen kleinen Spalt geöffnet, zieht die Luft gut durch und die Scheiben bleiben frei.

Wir setzen den Blinker, biegen mitten in die Innenstadt Bückeburgs ab. Gleich beim Schloss ragt ein moderner gläserner Quader in den Himmel. Das ist der neue Anbau des größten Hubschraubermuseums Europas.

Die nahe Kaserne mit den dort stationierten Heeresfliegern war 1971 der Ursprung des Museums, das seitdem stetig gewachsen ist. Fast meint man, die Mauern seien um die Hubschrauber herum gebaut worden. Dicht an dicht parken hier Armeehubschrauber aller Herren Länder, Agrarflieger und historische Modelle. Einige Exponate hängen kopfüber, andere sind zum Greifen nah.

Die Führungen sind abgestimmt aufs Publikum, mal ausführlich, mal kindgerecht erklärt und kürzer. Jeder an Technik Interessierte ist über kurz oder lang gefangen von der Faszination des Vertikalflugs.

Und man merkt schnell: Die Ingenieure, die sich diese Fluggeräte haben einfallen lassen, waren mindestens so verrückt wie die Pioniere des Automobilbaus (Informationen: www.hubschraubermuseum.de). Gegen Abend reißt der Himmel noch mal auf.

Zeit, den Tag ruhig am Strand des Steinhuder Meeresausklingen zu lassen. Von dort starten wir am nächsten Morgen zu einer längeren Überland-Etappe nach Hameln.

 

VERGESST DEN RATTENFÄNGER! HAMELN IST AUTOGESCHICHTE PUR

Dort, am historischen Hefehof, erwartet uns Reinhard Burkart, 1. Vorsitzender des Motor Veteranen Club Hameln e.V. und Obmann des Fördervereins der Fahrzeuggeschichte Hameln e.V. (www.hefehof.de).

Mit viel Mühe hat es der Verein geschafft, ein Museum auf die Beine zu stellen – voll mit Dokumenten und auch Exponaten zur Hamelner Fahrzeugbaugeschichte.

Die ist bewegter, als man annimmt, denn gleich mehrere Automarken haben in Hameln ihren Ursprung. Ob man es glaubt oder nicht: Der Alu-Kolben ist eine Hamelner Erfindung! Reinhard Burkart ist der Enkel des Karosseriebauers Jacob Burkart, dessen Fabriken einst größer als die von Karmann waren.

Das alles ist lange her, doch wenn Reinhard Burkart erzählt, lebt die Geschichte von NAW und Selve wieder auf.

Gewonnene Rennen und Zuverlässigkeitsfahrten, bei denen man selbst den großen Benz schlug, Fotos vom weltweit ersten Dreiachs-Geländewagen mit Allradantrieb von Selve aus Hameln, eine Selve Werks-Feuerwehr von 1921, ehemals im Besitz der ThyssenKrupp VDM GmbH – hier sind all diese Zeugnisse der Automobilgeschichte versammelt.

Nur den Rattenfänger haben wir nicht gesehen. Aber den kennt ja eh jeder. Die B217 führt uns von Hameln hinüber nach Hannover. Unser Bulli läuft klasse. Ein Ölcheck ergibt praktisch einen Nullverbrauch des Schmierstoffs. Und auch der Benzindurst hält sich in Grenzen.

Sven-Oliver Kühn von Volkswagen Nutzfahrzeuge hat uns in die historische Fahrzeugsammlung eingeladen. Kein offizielles Museum, eher eine gut organisierte und vorzeigbare Lagerhalle. „Unser Museum ist auf der Straße“, erläutert er die Philosophie und winkt uns herein, damit der ACV-Camper mal mitten unter Seinesgleichen ausruhen kann.

Hier in Hannover restauriert des Klassik-Team Busse und vermietet sie auch: Klassiker zum Anfassen (www.volkswagen-nutzfahrzeuge.de, Unterpunkt „Oldtimer“).

Leider müssen wir unseren Klassiker nach dieser Reise wieder in Köln beim ACV abgeben. Wir tun das nur ungern nach gut 450 Kilometern. Er wird noch viele Roadtrips machen, dieser VW Bulli von 1975 mit der herrlichen Westfalia-Campingausstattung.

Aber seine erste große Reise nach der Restaurierung hat er mit uns gemacht. Ein unvergessliches Erlebnis – wegen des Bullis und vor allen Dingen wegen der Menschen, die wir getroffen haben.

Thorsten Elbrigmann

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