VW Scirocco TS von 1974: Fahrbericht & Kaufberatung Frühstarter

22.07.2014

Dieser Wüstenwind wirbelte vor 40 Jahren mächtig Staub auf. Nach Startproblemen wurde der VW Scirocco schnell zum Bestseller der wilden 70er. Fahrbericht & Kaufberatung

Als der Scirocco im März 1974 in Genf vorgestellt wurde, war der Golf noch nicht angelaufen. Diese Tatsache hatte Planung und Produktionsanlauf zum echten Krimi werden lassen. Aus Kostengründen sollten so viele Gleichteile wie möglich verwendet werden. Viele Teile für den Golf waren zu Produktionsbeginn aber noch nicht erprobt, abgesegnet und in ausreichender Menge verfügbar.

Der Start für den Scirocco verlief daher mehr als holprig. Dessen Bau war im September 1971 beschlossene Sache, als „ein Coupé im A-Bereich auf Basis EA337“ in Angriff genommen wurde. Hinter dem Kürzel Entwicklungsauftrag 337 verbarg sich nichts anderes als der Golf.

Die Kombination hatte schon in der Vergangenheit funktioniert. So wie der 19 Jahre gebaute Typ 14 (VW Karmann-Ghia) auf dem Käfer basierte, sollte auch das neue Coupé auf der Limousine aufbauen. Deshalb verständigte sich Karmann 1971 mit Volkswagen darauf, die Produktion des bis dahin noch namenlosen Coupés zu übernehmen, ohne dass VW Investitionsmittel aufzuwenden habe. Eine Win-Win-Situation für beide, denn die Kassen der Wolfsburger waren arg gebeutelt. Karmann sicherte sich den Anschlussauftrag. Ein halbes Jahr vor dem Golf sollte der Scirocco anlaufen.

Das mit dem Passat begonnene Baukastenprinzip zielte bei Scirocco und Golf auf eine maximale Einheitlichkeit unter der Haube mit minimalen Ähnlichkeiten beim Hut. Deshalb wurde Giorgetto  Giugiaro auch mit dem noch heute funktionalen und schnörkellosen Design des Coupés beauftragt. Die Vorgaben lauteten: Niedrige Gürtellinie, sportliche Keilform, kurze Fronthaube, kantiger Bug und stumpfes Heck.

 

VW SCIROCCO: PER TAXI WERDEN TEILE GEBRACHT

Mit dem Scirocco wollte Volkswagen das in den 70er-Jahren boomende Geschäft mit alltagstauglichen und bezahlbaren Coupés bedienen. Hierzu sollten täglich rund 70 Fahrzeuge von den Bändern laufen. Doch immer wieder klaffte eine gewaltige Lücke zwischen Planung und Wirklichkeit. Zehn Monate vor Serienanlauf war noch nicht abzusehen, welche Technik unter dem Blech zum Einsatz kommen sollte, da die benötigten Golf-Teile zu spät verabschiedet, kurzfristig verändert oder sogar komplett ausgetauscht wurden.

Dass sich die Controller in diesem Stadium gegen das Armaturenbrett von Giugiaro und für eine günstigere Baukastenlösung entschieden, erhöhte den Druck zusätzlich. Fünf Monate vor dem geplanten Serienanlauf wurde die Krise mit Beginn der Vorserie offensichtlicher.

Die im November 73 gestartete Nullserienfertigung endete vorzeitig nach nur neun von 45 geplanten Rohkarossen wegen fehlender Teile. Um den Produktionsanlauf am 1. Februar 1974 nicht zu gefährden, entschied der VW-Vorstand, den Start der US-Versionen zu verschieben und zu Beginn nur Linkslenker in L-Ausstattung mit 75 PS zu produzieren. Neben der anhaltenden Fertigungsprobleme heizte die Ölkrise die Situation zusätzlich an. Um das inzwischen Scirocco getaufte Coupé wettbewerbsfähig zu halten, änderte VW in letzter Sekunde die Motorisierungen. Weniger Leistung und die Betankung mit Normal- statt Superbenzin sollten das Projekt retten. 

Mit nur vier Tagen Verspätung begann am 4. Februar 1974 die Produktion. Die ersten Scirocco bestanden überwiegend aus Teilen, die noch nicht von VW freigegeben waren. So liefen deutlich weniger Fahrzeuge von den Bändern als geplant. Erst neun Monate nach Produktionsanlauf war das tägliche Soll dank Teiletransporten zu Karmann in Osnabrück per Lkw, Hubschrauber und sogar Taxi erfüllt.

Der von uns gefahrene sonnengelbe TS verließ Ende 1974 die Hallen des Karmann-Werkes. Nach Überwindung der Anlaufschwierigkeiten war der Ur-Scirocco in den Ausstattungsvarianten N, L, S, LS und als TS mit Doppelscheinwerfern und dem von da an für sportliche Volkswagen typischen Karomusterbezügen erhältlich. Die Leistungen der drehzahlfesten Reihenvierzylinder lagen zunächst zwischen 50 und auch heute noch spritzigen 85 PS im TS.


START-ZIEL-SIEGE IM NEUEN SEGMENT


Das reichte beim Topmodell für 175 km/h Spitze und eine Beschleunigung von ca. elf Sekunden von null auf 100 km/h. Damit hielt der Scirocco, was er optisch versprach, denn mit diesen Fahrleistungen war er einem Opel Manta S oder dem Ford Capri II 1600 GT überlegen. Und anders  als Opel oder Ford, die ihre Coupés mit einfachem Starrachs-Layout und Hinterradantrieb auslieferten, setzte VW auf modernere Fahrwerk-Features.

Der Frontantrieb, die vordere Einzelradaufhängung sowie die hintere Verbundlenkerachse machen das Coupé in jeder Lage souverän beherrschbar. Nicht zuletzt deshalb konnte der Scirocco  im  ersten Fahrbericht der AUTO ZEITUNG im März 74 punkten. Auch in anschließenden Tests fuhr der Scirocco mehrere Start-Ziel Siege ein.

Aufgrund der hohen Alltagstauglichkeit und Zuverlässigkeit wusste die Neuentwicklung von VW die sportlich ambitionierten Kunden zu überzeugen. So wurde der Scirocco zum prägenden Coupé der 70er- und 80er-Jahre.

VW SCIROCCO (Bj.: 1974-81): Technische Daten und Fakten
Antrieb
4-Zylinder; vorn quer eingeb.; 2-Ventiler; eine obenl. Nockenw., Zahnriemenantr.; Gemischb.: ein Fallstromregisterverg. Solex 32/35 TDID; Bohrung x Hub: 76,5 x 80 mm; Hubraum: 1471 cm3; Verdichtung: 9,7:1; Leistung: 63 kW/85 PS bei 5800/min; max. Drehm.: 121 Nm bei 3200/min; Viergang-Getr., wahlw. Dreistufen-Autom.; Mittelschaltung; Vorderradantr.
Aufbau und Fahrwerk
Selbsttr. Stahlblechkar. mit zwei Türen und Heckklappe; Radaufhängung vorn: McPherson-Federbeine, Dreiecklenker, Stabilisator; hinten: Verbundlenkerachse, Federn, v./h. Teleskopstoßd.; Zahnstangenl.; Bremsen: v./h. Scheiben/Trommeln; Reifen: 175/70 R 13; Stahlräder: 5 x 13
Eckdaten
L/B/H: 3874/1624/1309 mm; Radstand: 2400 mm; Spurweite v./h.: 1390/1350 mm; Leer-/Gesamtgewicht: 775/1150 kg; Tankinhalt: 45 l;
Bauzeit: 1974 bis 1975 (TS 1,5-Liter); Stückzahl (Scirocco I ges.): 504.153; Preis (1974): 16.610 Mark
Fahrleistungen1
Beschleun.: 0 auf 100 km/h in 11,0 s; Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h; Verbrauch: 9,2 l/100 km
1AZ Ausgabe 6/74


MARKTLAGE

Zustand 2:  6800 Euro
Zustand 3:  3700 Euro
Zustand 4:  1500 Euro
Wertentwicklung: leicht steigend
Definition der Zustandsnoten

Unser Fazit

Die Mischung aus Turiner Design, Wolfsburger Technik und Osnabrücker Fertigungserfahrung überzeugt auch heute noch. Von über 500.000 gebauten Scirocco I sind 40 Jahre nach Produktionsbeginn nur noch rund 1000 in Deutschland zugelassen. Für die prekäre Ersatzteilsituation ist die Verschrottung der Presswerkzeuge in den 90ern verantwortlich. So kommen immer weniger Fans in den Genuss, den 2+2-Sitzer bewegen zu können. Schade, dass der aktuelle Scirocco nicht mehr als den Namen mit dem Ur-Ahn gemeinsam hat. Wer würde sich nicht über farblich passende Karo-Bezüge freuen?

Ingo Eiberg

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