VW e-Golf, BMW i3 und Nissan Leaf im Elektroauto-Vergleich Kampf der Konzepte

12.06.2014
Inhalt
  1. KAROSSERIE
  2. FAHRKOMFORT
  3. MOTOR/GETRIEBE
  4. FAHRDYNAMIK
  5. FAZIT
  6. Technische Daten & Gesamtbewertung als PDF zum nachlesen

Beim Elektroauto i3 setzt BMW auf futuristische Optik und technischen Aufwand – der Nissan Leaf und besonders der neue VW e-Golf wirken dagegen konventionell. Der richtige Weg?

Es ist vor allem die Ruhe, die das elektrische Fahren so einmalig macht. Im und rund um das Auto herrscht nahezu Stille. So flaniert man wie bei einem Spaziergang lautlos durch die Straßen, während der Lärm und die Hektik der Großstadt in die Ferne rücken. Eine schöne neue Welt, an die man sich schnell gewöhnt. Viel Beachtung für so viel Fortschritt bekommt man dabei nur im neuen BMW i3. Wo auch immer der Bayer auftritt – die Aufmerksamkeit aller ist ihm sicher.

Kein Wunder, schließlich hat BMW einen gewaltigen Entwicklungsaufwand betreiben müssen, um das erste Auto mit kohlefaserverstärkter Fahrgastzelle, Aluminiumfahrgestell und Kunststoffkarosserie in Serie zu produzieren. Dazu gibt es Innenraummaterialien aus Naturfasern und auch sonst viele recycelte Werkstoffe. Der Nissan Leaf und der nagelneue VW e-Golf spielen da eher die Rolle der Normalos.

Antriebstechnisch sind sie aber nicht minder aufwändig konstruiert. VW hat es geschafft, die Vorteile eines Elektroautos mit der perfekten und uneingeschränkten Ergonomie eines Golf zu paaren. Und Nissan feiert mit dem günstigen Leaf das weltweit meistverkaufte Elektroauto. Welches Konzept insgesamt den besten Eindruck hinterlässt, zeigt dieser Vergleichstest.

 

KAROSSERIE

Uneingeschränktes Platzangebot im VW Golf, Kompromisse beim i3

Unterschiedlicher als bei BMW und VW könnte der Ansatz für ein kompaktes Elektroauto nicht sein. So sehr der i3 mit seinem außergewöhnlichen Design überall Aufsehen erregt, so unauffällig und unerkannt fährt man mit dem ebenfalls voll elektrischen e-Golf durch die Innenstadt.

Dabei ist die Normalität seine eigentliche Stärke, denn der Wolfsburger bleibt ein vollständiger Golf. Fünf Sitze oder bis zu 1231 Liter Gepäck – da kann selbst der fast 20 Zentimeter längere Nissan Leaf nur schwer kontern (370 bis 720 Liter). Eng geht es in dem Japaner freilich nicht zu, auch wenn großgewachsene Insassen auf den hinteren Sitzen schon mal mit dem Hinterkopf an das Dach stoßen oder sich am ausladenden Mitteltunnel stören könnten.

Da wirkt der i3 mit der weit nach vorn reichenden Frontscheibe und den großen Glasflächen luftiger. Nur die hinteren Passagiere müssen hier mit einem etwas mühsamen Zustieg durch die hinten angeschlagenen Türen und weniger Platz für Knie und Kopf leben. Und der flache Kofferraum nimmt es gerade mit 260 Liter Gepäck auf. Dafür hat es BMW geschafft, die ausgereifte Bedienbarkeit des iDrive-Systems samt Touchfunktion auch im i3 zu realisieren.

Doch Achtung: Das Navigationssystem ist nun nicht mehr wie zur Markteinführung serienmäßig. Dafür müssen jetzt mindestens 990 Euro extra bezahlt werden. Die Sicherheitsausstattung samt serienmäßiger Reifendruckverlustanzeige, Notrufassistenten und optionalem Abstandsregler bleibt weiterhin auf vorbildlichem Niveau. Hintere Seitenairbags (360 Euro), einen Fernlichtassistenten (148 Euro) und einen Spurhalteassistenten (510 Euro) gibt es dagegen nur bei VW.

VW e-Golf
BMW i3 Nissan Leaf 
115 PS 170 PS 109 PS
0-100 km/h in 10,3 s 0-100 km/h in 7,2 s 0-100 km/h in 10,7 s
Vorderradantrieb Hinterradantrieb Vorderradantrieb
Spitze 140 km/h Spitze 150 km/h Spitze 144 km/h
Grundpreis: 34.900 Euro Grundpreis: 34.950 Euro Grundpreis: 29.690 Euro

 

FAHRKOMFORT

Golf und Leaf sehr komfortabel, BMW i3 betont sportlich straff

Auch wenn die Leichtbausitze im i3 zunächst einen recht bequemen Eindruck hinterlassen, auf langer Strecke können sie beim Sitzkomfort nicht mit den dick gepolsterten Exemplaren der Konkurrenten mithalten. Dafür sind die Einstellbereiche – wie auch im e-Golf – sehr großzügig bemessen. Im Gegensatz dazu wird die Längseinstellung der Sitze im Leaf zu früh limitiert. Die weichen, plüschigen Bezüge gefallen jedoch, ebenso wie die perfekte Konturierung der Sitze im Golf.

Der Wolfsburger überzeugt obendrein mit unschlagbar ausgereifter Ergonomie und den leisesten Innengeräuschen. Zwar geht es in allen Autos elektrotypisch still zu – so isoliert wie im Golf rollt man aber in keinem anderen der Probanden durchs Land. Der i3 interpretiert das Thema Elektromobilität auch akustisch bewusst sportlich und untermalt die Fahrt mit leisem Surren.

Beim Federungskomfort haben die BMW-Ingenieure ebenfalls eine recht straffe Abstimmung gewählt, die aber keinesfalls unruhig wirkt. Querfugen meistert der i3 gut, und auch das Anfedern auf Gullideckeln gelingt noch schonend. Gegen die sanfte Auslegung von Leaf und Golf wirkt er auf schlechten Straßen aber etwas poltrig.

Wesentlichen Anteil daran haben die großen, aber schmalen Spezialreifen auf 19-Zoll-Felgen, die je nach Beladung mit bis zu drei bar Luftdruck befüllt werden müssen. Bei den Konkurrenten sind 16-Zoll-Räder mit deutlich mehr Gummi Standard. Allerdings rollen auch die auf dem Nissan-Testwagen montierten 17-Zoll-Räder geschmeidig ab.

 

MOTOR/GETRIEBE

Power satt im BMW, sanfte und souveräne Leistung in Leaf und Golf

Über Schwachbrüstigkeit können sich Fahrer von Elektrofahrzeugen nicht gerade beschweren. Vor allem der Antritt aus dem Stand ist dank des prompt anliegenden Drehmoments von teils über 250 Newtonmetern mehr als imposant. In gerade vier Sekunden sind 60 km/h erreicht – das schafft selbst ein Golf GTI nicht schneller.

Am kräftigsten zeigt sich der Antritt des BMW. Bis Landstraßentempo nimmt der 125 kW (170 PS) starke Hecktriebler, der seinen E-Motor übrigens zwischen den Hinterrädern versteckt, seinen schwächeren Mitstreitern drei Sekunden ab. Im Alltagsverkehr muss das Bremspedal kaum bemüht werden. Das Auto verzögert wegen des „One-Pedal-Feelings“ auch bis zum Stand, wenn man nur vom Gas geht.

Der Golf, der seine 85 Kilowatt (115 PS) starke E-Maschine unter der Motorhaube verbirgt, setzt dagegen auf die komfortablere Segeltaktik. Erst wenn der Fahrer das Bremspedal betätigt oder den Wählhebel auf „B“ stellt, wird elektrische Energie zurück in den Akku geleitet und das Auto verzögert. Schwächster im Test ist der Leaf mit 80 kW (109 PS), dessen Fahrleistungen denen des gleich schweren Golf aber kaum nachstehen. Bis Tempo 100 vergehen so aus dem Stand keine elf Sekunden.

Bei der Höchstgeschwindigkeit hat der BMW i3 mit 150 km/h die Nase vorn. Allerdings ist keines der E-Autos wirklich für die Autobahn gemacht. Beängstigend schnell schrumpft bei schneller Konstantfahrt die Restreichweite im Bordcomputer in den niedrigen zweistelligen Bereich, wenn die Rekuperationsphasen fehlen. Dennoch zeigen die konsequente Auslegung und die schmalen Reifen des i3 Wirkung. Mit durchschnittlich 14 Kilowattstunden auf 100 Kilometern fährt man mit ihm am sparsamsten. Die Rivalen benötigen im Schnitt eine Kilowattstunde mehr. Die kostet an der Ladestation etwa 24 Cent.

 

FAHRDYNAMIK

Die schmalen Räder täuschen – der i3 ist der BMW unter den E-Wagen

Auch wenn die hoch aufbauende Karosserie (1,58 Meter) und die nur 155 Millimeter schmalen Reifen etwas staksig wirken – in Sachen Fahrdynamik ist der i3 ein echter BMW.

Der kräftige Antrieb, die direkte Lenkung und die sehr gut dosierbaren sowie bissigen Bremsen zaubern aktiven Fahrern schnell ein Lächeln aufs Gesicht. Ebenfalls vorbildlich: der winzige Wendekreis und die gute Traktion. Und so wieselt kein anderer so schnell wie der Bayer durch die Slalomgasse. Erstaunlich zügig umrundet man auch mit dem Leaf den Handlingparcours – vorausgesetzt, man kann das leicht eindrehende Heck bei komplett abgeschaltetem ESP gekonnt in Richtungsänderungen umsetzen.

Die Lenkung ist für eine sportliche Fahrweise allerdings zu gefühllos und indirekt. Im Golf lässt sich die Elektronik nicht abschalten. Weil die Bremseingriffe des ESP früher und vehementer als bei anderen Golf-Modellen einsetzen, bleibt dem Wolfsburger eine bessere Rundenzeit ver-wehrt. Bei den Bremsmessungen (100 auf null km/h) kann er sich dann aber wieder in Szene setzen. Nur der i3 verzögert mit knapp 36 (kalt) und 35 Metern (warm) noch besser.


UMWELT/KOSTEN

Der Nissan Leaf ist mit Abstand der Günstigste im Testfeld

Natürlich sind knapp 35.000 Euro für einen Kompaktwagen kein Pappenstiel. Doch für den einzigartigen Auftritt, das innovative Gesamtkonzept und die hochmoderne Technik geht der Basispreis für den BMW i3 als wirklich fair durch. Für individuelle Ausstattung und Sicherheitsfeatures darf wie gewohnt in der üppig bestückten Ausstattungsliste angekreuzt werden. Die Wärmepumpe (effizientere Klimatisierung) kostet 660 Euro, die Möglichkeit fürs Schnell-Laden mit Wechsel- oder Gleichstrom schlägt mit 1590 Euro zu Buche.

Und für 4500 Euro extra gibt es den Range Extender (Zweizylinder-Benziner, 0,65 Liter), der im Alltag für einen größeren Einsatzradius sorgt. VW hat keinen Reichweitenverlängerer im Programm. Dafür ist der e-Golf von Haus aus auf Comfortline-Niveau ausgestattet. Ein Navigationssystem gehört ebenso zur Serienausstattung wie Alu-Felgen, Klimaautomatik und Sprachbedienung. Und obendrein spendiert Volkswagen e-Golf-Käufern 30 Tage im Jahr einen Leihwagen mit konventionellem Antrieb.

Der Urlaubsreise im Passat Variant steht also nichts im Weg. Dagegen darf man sich beim Durchblättern der Aufpreisliste über 71 Euro für eine USB-Buchse oder 20 Euro für ei-nen Aschenbecher wundern. Übersichtlicher zeigt sich das Angebot von Nissan.

Es gibt den Leaf nicht nur in drei logischen Ausstattungsvarianten (Visia, Acenta, Tekna), sondern auf Wunsch auch mit einer Leihbatterie. So sinkt der Einstiegspreis des Japaners auf 23.790 Euro
– zuzüglich einer Batteriemiete von mindestens 79 Euro im Monat. Wer das Auto komplett kaufen will, fährt mit 29.690 Euro immer noch am günstigsten im Vergleich. Alu-Räder, Navi, Tempomat und Multimediasystem mit Rückfahrkamera gibt es allerdings erst ab der Acenta-Line für 32.690 Euro.

 

FAZIT

Sicher bietet der neue VW e-Golf nicht den spektakulären Auftritt eines BMW i3. Doch die zurückhaltende Ehrlichkeit des Elektro-VW passt perfekt zum lautlosen Auftritt. Der Wolfsburger ist nicht nur leiser und komfortabler als seine Konkurrenten, sondern bietet in gewohnter Golf-Karosserie auch die beste Raumausnutzung. Weil er wegen der großzügigen Garantien und der guten Ausstattung obendrein das Kostenkapitel gewinnt, setzt er sich klar gegen die Test-Rivalen durch.

Der i3 ist sicher schicker, moderner und innovativer – als Allrounder hat er gegen den Klassenprimus aber keine Chance. Fahrdynamisch schlägt er jedoch ein neues Kapitel in der e-Mobilität auf – Platz zwei für den Bayern. Günstigster im Test ist der bewährte und komfortable Nissan Leaf. Sein Charakter ist ausgewogen – wirkliche Akzente kann er gegen die deutsche Konkurrenz aber nicht setzen.

 

Technische Daten & Gesamtbewertung als PDF zum nachlesen

Markus Schönfeld

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