Vergleich: Lamborghini Aventador Roadster und McLaren MP4-12C Spider Offenes Rennen

09.03.2013
Inhalt
  1. TROTZ LEICHTBAU: DER LAMBO IST SCHWER
  2. FLÜGELTÜREN MÜSSEN IN DIESER KLASSE SEIN
  3. DER ITALIENER SCHREIT, DER BRITE DONNERT
  4. Beim Cruisen stellt der Stier den Motor ab

Vergleich der Supersportler Lamborghini Aventador Roadster und McLaren MP4-12C Spider: Sie brauchen mal wieder etwas Wind um die Nase? Gut, dann vereinbaren Sie schon mal einen Termin beim Friseur

Eigentlich könnten sich die Jungs von Lamborghini bequem zurücklehnen und lecker Barolo mit Caprese genießen. Doch seitdem McLaren letzten Herbst eine Cabrio-Version des MP4-12C auf den Markt gebracht hat, wird die Luft in Sant’Agata Bolognese noch dünner. Auch im Land von Fish and Chips und süffigem Lager-Bier kann man Autos bauen - nicht nur für die Rennstrecke. Ein paar Monate nach den Briten bringen die Italiener jetzt ihre neue Interpretation des offenen Supersportlers auf den Markt, den Aventador LP 700-4 Roadster. Der optimale Zeitpunkt, um den Newcomer aus Woking mit dem Traditionalisten aus Norditalien zu vergleichen.

Die Roadster-Geschichte von Lamborghini reicht zurück bis 1968, als die offene Variante des Miura präsentiert, anschließend aber nie verkauft wurde. Das erste offene Serienauto war der keilförmige Diablo Roadster (1995), neun Jahre später folgte der Murciélago mit Stoffverdeck. Allerdings durfte der damals schnellste Straßensportwagen (320 km/h) mit geschlossenem Textil-Top nur Tempo 160 rollen. Auch der kleinere Gallardo wurde als Topless-Version aufgelegt und Spyder genannt. Zwei Jahre nach der Präsentation der Murciélago-Nachfolgers Aventador LP 700-4 stellen die Italiener nun die Roadster-Variante des jüngsten Stiers vor.

 

TROTZ LEICHTBAU: DER LAMBO IST SCHWER

Anders als noch beim Murciélago besteht das Verdeck nicht mehr aus Stoff, sondern - ebenso wie das Monocoque - aus mit Kohlefaser  verstärktem Kunststoff. Knapp sechs Kilogramm bringen beide Dachhälften jeweils auf die Waage. Doch während McLaren-Fahrern zum Öffnen und Schließen per Knopfdruck sogar Spielstraßentempo genießen dürfen, wird Lambo-Fahrern etwas Bewegung abverlangt. Die müssen nämlich rechts ranfahren, aussteigen und selbst Hand anlegen. Per Hebel werden die beiden Verdeckhälften entriegelt und herausgenommen, ehe sie mit etwas Übung auch problemlos im Vorderwagen verstaut werden können.

Das passt zwar zum puristischen Charakter des Aventador, der sich mit seiner CFK-Aluminium-Karosserie ganz dem Leichtbau verschrieben hat, doch der lässige Verdeck-Strip an der Ampel bleibt Lambo-Fahrern leider verwehrt. Dank dieser Dach- Konstruktion aber, so Lamborghini, legte der Roadster im Vergleich zum Coupé nur um 50 kg zu. Der Großteil dieser Pfunde geht dabei auf das Konto von Verstärkungen der Karosserie im Bereich des Mitteltunnels, des Hecks und der Schweller, um die Steifigkeit zu erhöhen. Bei einem Gesamtgewicht von nicht gerade sportlichen 1753 Kilo macht das aber auch keinen Unterschied mehr. McLarens Spider kontert mit lediglich 40 Extra-Kilos im Vergleich zum Coupé und einem Gesamtgewicht von nur 1451 Kilo - trotz dreiteiligen, elektrisch arbeitenden Hardtops (ebenfalls aus ultraleichter Kohlefaser), das kompakt zusammenklappt hinterm Cockpit verschwindet.

McLaren verfolgt mit dem MP4 eine andere Philosophie als Lamborghini mit dem Aventador. Der Brite ist deutlich kompakter gebaut, hat vier Zylinder weniger und spart sich die Antriebseinheit an der Vorderachse. Dafür sieht er aber nur halb so aufregend wie der Lamborghini aus, dessen Karosserie sich auf gerade einmal 1,14 Meter duckt. Die riesigen Kühlluftöffnungen, die spitz zulaufenden Linien und die scharfen Kanten wirken so aggressiv und angsteinflößend, als wollte er die gesamte Sportwagenkonkurrenz allein mit seinem Anblick in die Flucht schlagen. Der MP4 Spider hingegen wirkt im Vergleich geradezu harmlos mit seiner eher funktionalen als extrovertierten Formensprache.

 

FLÜGELTÜREN MÜSSEN IN DIESER KLASSE SEIN

Die Türen beider Oben-ohne-Sportler schwingen wie Flügel zugleich nach oben und vorn. Der Innenraum des Italieners ist mit hochwertigen Materialien ausgestattet und penibel verarbeitet. Die engen Ledersitze sehen mit ihren ausgeprägten Wangen nicht nur zupackend aus, sie sind es auch. Neben den vielen Knöpfen und Schaltern für Klimaanlage, Radio und Navigation sitzt auf der Mittelkonsole unter einer roten Abdeckung die Taste zum Starten des Zwölfzylinders - gut geschützt wie der Knopf zum Aktivieren einer Rakete.

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Deutlich aufgeräumter geht’s am Arbeitsplatz des McLaren-Fahrers zu, der in eng anliegenden, aber bequemen Sportsitzen Platz nimmt und per Tastendruck den Achtzylinder Bi-Turbo anlässt. In direkter Reichweite des Fahrers liegen nur wenige Knöpfe, was die Übersicht erleichtert. Allerdings ist zum Beispiel die Navi- und Radiobedienung über das Touchscreen nicht optimal gelöst. Doch was schert uns das Navigationssystem? Auf einem Rundkurs kann man sich schließlich nicht verfahren.

Auch der heiser fauchende 6,5-Liter-Vierventiler des Lambos erwacht nun zum Leben. Wir zupfen kurz am rechten Schaltpaddel des ISR-Getriebes, und die Flunder setzt sich geschmeidig in Bewegung. Doch damit ist es schnell vorbei, sobald man aus dem Strada- in den Sport- oder gar Corsa-Modus wechselt. Insbesondere der Corsa-Modus agiert mit einer Härte, als bekomme man von einem wild gewordenen Stier einen Tritt mit den Hinterhufen verpasst. Wir wählen Sport und schalten selbst über die feststehenden Paddels. Durch geschicktes Gaslupfen während der Schaltpausen lassen sich die Gangwechsel noch weiter glätten. Doch dem Lambo stehen Streicheleinheiten nicht gut, und bereits nach den ersten Kurven steht fest: Der Roadster hat trotz ein paar Plus-Pfunden nichts von seinem rasiermesserscharfen Handling eingebüßt. Beeindruckend ist im Vergleich nach wie vor der Punch des frei atmenden V12, der den Aventador innerhalb von drei Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 katapultieren soll und dessen Leistungszenit erst bei 8250 Touren erreicht ist.

 

DER ITALIENER SCHREIT, DER BRITE DONNERT

Dabei schreit das unter einem Strebenkreuz sitzende Aggregat so infernalisch, dass man sich fast schon erschreckt. Der permanente, hecklastig ausgelegte Lambo-Allradantrieb verteilt die Antriebskraft variabel zwischen Vorder- und Hinterachse. Bis zu 60 Prozent fließen bei Bedarf an die Vorderräder und verleihen dem Lamborghini eine Gutmütigkeit, die für Supersportler dieser Kategorie keine Selbstverständlichkeit ist. Dank der mitteilsamen Hydrauliklenkung kann man ihn zudem zentimetergenau dirigieren. Unter Last bleibt er absolut fahrstabil und beschleunigt aus Kurven katapultartig heraus, ohne dabei die Power in Rauch aufgehen zu lassen. Einzig in engen Biegungen kann der Italiener sein hohes Gewicht nicht kaschieren und schiebt im Grenzbereich sanft über die Vorderräder. Einhalt gebieten dieser enormen Energie Pizzateller-große Karbon-Keramik-Bremsscheiben, die vorn von sechs, hinten von vier Bremskolben in die Zange genommen werden und den Luftikus aus hohen Geschwindigkeiten gnadenlos hart und dabei spurstabil zusammenstauchen.

Zwar hat der McLaren weniger Leistung und Drehmoment als der Lambo, allerdings spielt er dank seines niedrigeren Gewichts auf dem Rundkurs nicht in der Lambo-Liga, sondern in seiner eigenen. Einmal warm gefahren, haften die Pirelli-Pneus so gut, dass sich der vermeintliche Nachteil nur einer angetriebenen Achse egalisiert - selbst mit abgeschaltetem ESC (ESP). Der McLaren ist eine Fahrmaschine, die gefühlt immer eine Wagenlänge vor dem Lambo fährt. Sein Klang bei niedertourigem Dahingleiten ist fast schon zurückhaltend, doch mit zunehmender Drehzahl rückt der V8 akustisch immer deutlicher in den Vordergrund. Und wenn die beiden Lader erst einmal mit vollem Druck Dampf machen, bringt der McLaren Tunnelwände scheinbar zum Vibrieren.

 

Beim Cruisen stellt der Stier den Motor ab

Den Einsatz am Limit meistern beide mit Bravour. Doch wie steht’s mit dem Flanieren? Taugen die beiden offenen Flachmänner auch zum Dahingleiten? Denn selbst wenn Aventador Roadster und MP4 Spider vor allem für hohe Längs- und Querdynamik entwickelt wurden, müssen sie den Großteil ihres Autolebens mit lässigem Cruisen auf Prachtstraßen verbringen. Und da wirkt es schon recht kurios, wenn der große Stier aus Sant’Agata beim Stopp an der Ampel automatisch den Motor abstellt. Und um den Spritverbrauch weiter zu senken, schaltet sich bei entspannter Fahrweise immer eine der beiden Zylinderbänke im Wechsel ab. Trotzdem schluckt der Lambo im Schnitt mindestens 16 Liter Super Plus auf 100 km.

Beim Fahrkomfort muss sich der Italiener hinter dem Briten anstellen, denn das extrem straffe Fahrwerk und die dünn gepolsterten Sitze verlangen den Insassen einiges ab - es sei denn, die Straße ist topfeben und man fährt Gullideckel-Slalom. Die adaptiven Dämpfer im McLaren bügeln auch leichtere Straßenschäden gekonnt aus - unterstützt von den recht bequemen Sitzen. Trotz unterschiedlicher Philosophien sind die zwei auf ihre Art fein komponierte Supersportler mit hohem Faszinationspotenzial. Der bullige Aventador LP 700-4 Roadster ist kompromisslos, extrovertiert und sündhaft teuer - im Gegensatz zum kompakten McLaren mit hohem Dynamik- und Komfortpotenzial.

Teil 3: Technische Daten

TECHNIK    

LAMBORGHINI
McLAREN
Motor V12-Zylinder, 4-Ventiler V8-Zylinder, 4-Ventiler, Bi-Turbo
Hubraum 6498 cm³ 3799 cm³
Leistung 515 kW / 700 PS bei 8250 /min 460 kW / 625 PS bei 7500 /min
Max. Drehm. 690 Nm bei 5500 /min 600 Nm bei 3000 – 7000 /min
Getriebe 7-Gang, automatisiert 7-Gang, Doppelkupplung
Antrieb Allrad, permanent Hinterrad
Fahrwerk rundum: Doppelquerlenker, Feder-/Dämpfereinheiten mit Druckstreben (Pushrod) und
Umlenkhebeln, Stabilisator; ESC (ESP)
rundum: Doppelquerlenker, Federn, adaptive Dämpfer, aktiver Wankausgleich; ESC (ESP)
Reifen v.: 255/35 ZR 19, h.: 335/30 ZR 20 v.: 235/35 ZR 19, h.: 305/30 ZR 20
L /B /H 4780 / 2030 / 1136 mm 4509 / 1909 / 1203 mm
Radstand 2700 mm 2670 mm
Leergewicht 1753 kg 1451 kg
Kofferraum 150 l 144 - 196 l
FAHRLEISTUNG /
VERBRAUCH
   
0-100 km/h¹ 3,0 s 3,1 s
Höchstgeschw.¹ 350 km/h 326 km/h
EU-Verbrauch¹ 16,0 l SP/100 km 11,7 l SP/100 km
CO2-Ausstoß¹ 370 g/km 279 g/km
KOSTEN    
Grundpreis 357.000 Euro 231.650 Euro
¹ Werksangaben

Alexander Lidl / Paul Englert

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