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Tuning Passend gemacht

Brabus Bullit V12

Brabus C Bullit
Vier Zylinder sind normal in der C-Klasse. Sechs sind Luxus, acht schon schiere Völlerei. Hier reden wir über zwölf Zylinder, über zwei Turbos und über 730 PS
Eckdaten
PS-KW: 730 PS (537 kW)
Antrieb: Hinterrad, 5 Gang Automatik
0-100 km/h: 3.90 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit: 315 km/h
Preis: 414120 €

Das Runde muss ins Eckige, klar. Viele Millionen Fans interessiert zur Zeit der Fußball-EM nichts anderes. Auto-Enthusiasten buchstabieren diese Leidenschaft ein wenig anders: Das Große muss ins Kleine. Das Große, das ist der Motor. Das Kleine, man ahnt es, ist das Auto.

Diese Leidenschaft ist fast so alt wie das Auto selbst. Historische Höhepunkte erreicht sie nicht nur in Klassikern wie dem Alpina B6 3.5 oder dem Alpina B8 4.6, einem zierlichen 3er-BMW mit einem 333 PS starken V8, dem eine Wette zwischen Burkhard Bovensiepen und dem damaligen BMW-Entwicklungsvorstand Reitzle vorausgegangen sein soll. Auch Mercedes-Tuner Brabus hat Erfahrung in dieser Übung. So entstanden in Bottrop nicht nur C-Klassen mit mehr als sechs Liter Hubraum, sondern auch E-Klassen mit Zwölfzylinder.

Nun drehte der rührige Mercedes-Tuner diese Schraube noch eine Umdrehung weiter und implantierte seinen aktuell größten Motor, einen Zwölfzylinder-Biturbo mit 6,2 Liter Hubraum, in die C-Klasse. Wer dieses 730 PS starke Trumm in ausgebautem Zustand gesehen hat, wäre jede Wette eingegangen: unmöglich. Eines Besseren belehrt Skeptiker nur ein Blick unter die böse geschlitzte Aluminiumhaube der Bullit (angelehnt an das englische bullet für Gewehrkugel) genannten Brachial-C-Klasse: Dort thront der Koloss wie reingeschossen – nach dem Motto Passt und sitzt doch. Zum Wackeln ist keine Luft mehr.

Zwei Brabus-Mitarbeiter haben drei Monate alle geschickten Hände voll zu tun bei dieser Totaloperation, in deren Rahmen der Vorderwagen um sechs Zentimeter verbreitert wird und sich zu Motor, Getriebe und deren engsten Nebenaggregaten sehr viele auf Maß gefertigte Sonderteile gesellen.

Angepasst wird auch das Fahrwerk mit einstellbaren Federn und Dämpfern sowie die Bremsanlage. In den Vorderrädern sitzen zum Beispiel extraterrestrische Stopper mit 380 Millimeter großen Scheiben und je zwölf Kolben pro Bremssattel.

Das Bremspedalgefühl wirkt so beruhigend und verlässlich wie der feste Handschlag eines Bergführers vor dem Besteigen des K2. Du ahnst, der lässt dich nicht im Stich bei der folgenden Grenzerfahrung. Ist da, wenn es brenzlig wird. Und brenzlig kann es werden im Bullit. Im Fußumdrehen sozusagen.

Denn zu Anfang lullt er dich ein mit dunklem Grummeln und handzahmer Alltagstauglichkeit. Er setzt sich sanft in Bewegung, rollt bei leicht erhöhtem Standgas leise durch die Stadt und gibt sich als Kumpeltyp für alle Tage.
Bei stärker durchgedrücktem Gaspedal bricht der Bullit indes mit der überlieferten Vorstellung, dass zu Katapult-Beschleunigungserlebnissen eine akustische Untermalung gehört, die diesem mächtigen Rütteln an den Gesetzen der Physik angemessen ist.

Wo italienische Zwölfzylinder sich kreischend verausgaben wie Liebende in der Ekstase, wo amerikanische Achtzylinder brüllen und hämmern wie Schwerarbeiter – da rauscht dieser Biturbo-Bär nur ein wenig heftiger, schiebt gelassen einige hundert seiner maximal verfügbaren 1100 Newtonmeter nach und überlässt der Auspuffanlage die Orchestrierung des furiosen Kurzfilms Wie ich mir die Frisur an der Kopfstütze platt drückte, als ich in 24,5 Sekunden auf 300 beschleunigte. Maximal wären sogar 1320 Nm drin, die jedoch mit Rücksicht auf den Antriebsstrang gedrosselt wurden.

Von sanften Gangwechseln knapp unterhalb von 6000 Touren begleitete Parforce-Ritte wirken verstörend unwirklich. Dieses schwarze Ding zerrt mit Urgewalt an den Ketten der Massenträgheitsgesetze und macht keinen Radau, wirkt elegant und zivilisiert wie der größte Soziopath der jüngeren Filmgeschichte. Auch Dr. Hannibal Lector hob ja nicht die weiche Stimme, vergoss keinen Tropfen Schweiß und zuckte nicht einmal mit dem Augenlid, als er seine Wächter filettierte, um mit Agent Clarice Starling das Schweigen der Lämmer zu diskutieren, später dann.

Einzig ein flackerndes Lämpchen im Armaturenbrett, das bis auf die 400-km/h-Anzeige des Tachos und den flächendeckenden Einsatz von Alcantara und Leder sehr seriennah daherkommt, zeigt, dass hier das Auto und nicht der Motor an seine Grenzen kommt. Es berichtet vom harten, aber erfolgreichen Kampf der Antriebsschlupfregelung gegen die schiere Kraft des Motors, der böse über die nicht unterdimensionierten 285er der Hinterachse herfällt und ihnen die Lauffläche von der Karkasse zu reißen droht.

Die Fahrerassistenzsysteme haben also kein leichtes Leben. Denn Kraft zum Wegregeln gibt es immer. Da ist die Diskretion, mit der ESP, ASR & Co. ihren Dienst verrichten, eine tiefe Verbeugung wert und ein Dankgebet an ihre Erfinder. Ohne elektronische Assistenz jedenfalls wäre dieses Auto ein psychotisches Biest, das auf die Rennstrecke gehört. Denn Quersteher in Sichtweite von Tempo 200 sind selbst bei Trockenheit nicht gänzlich auszuschließen. Bei Nässe wohl wäre die mattschwarze Kugel, die Kurven erkennbar gern, aber nicht so lustvoll wie zum Beispiel ein BMW M3 umarmt, ein Fall für mehrere eingeschwungene Pirouetten mit anschließender Punktewertung im Straßengraben.

Ein Auto für gerade Straßen bis zum Horizont also. So wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wohin schon die ersten zwei Exemplare verkauft sind. Dort ist sicher die mächtige Optik mit Karbon-Teilen, weit aufgerissenen Kühlluftöffnungen für Motor, Turbos und Bremse oder der unerwartet verbindliche Federungskomfort eher Gesprächsthema als der Verbrauch. Der ist, in dieser Leistungsklasse üblich, nach oben offen, bewegt sich aber mit rund 13 Litern in bürgernahen Dimensionen, wenn man, quasi auf der Leerlaufdüse – mit 130, 140 über die Autobahn schlendert und nur gelegentlich kurz von der Leistung nippt.

Die reicht für 315 km/h Spitze, was ja nicht schlecht ist für einen kommoden Viersitzer mit großem Kofferraum. Auf Wunsch gibt es auch eine längere Achsübersetzung für 350 km/h Spitze. Abgeregelt, versteht sich. Muss ja mal Schluss sein, irgendwie.
Michael Harnischfeger

Autos im Test


Brabus Bullit V12
Brabus C Bullit
PS/KW 730/537
0-100 km/h in 3.90s,
Hinterrad, 5 Gang Automatik
Spitze 315 km/h
Preis 414120 €
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