Technik: Adaptive Aerodynamik im neuen Porsche 911 Turbo 2013

Keine Luftnummer

Adaptive Aerodynamik: Porsche bringt mit dem neuen 911 Turbo den ersten Sportwagen mit aktivem Frontspoiler auf den Markt

Luft ist für die Fahrzeug-Aerodynamiker Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite erzeugt das unsichtbare Element den unschönen Luftwiderstand, der besonders bei hoher Geschwindigkeit den Verbrauch in die Höhe schnellen lässt und starke Motoren erfordert.

Porsche Turbo 2013: Ausfahrbare Spoiler an Front und Heck

Auf der anderen Seite kann die Luft aber auch gezielt dazu genutzt werden, Abtrieb zu erzeugen und somit das Fahrzeug geradezu auf der Straße kleben zu lassen.  Hier macht man sich denselben Effekt zunutze, der selbst Kolosse wie einen 570 Tonnen schweren Airbus A380 in die Lüfte bringt – nur eben umgekehrt.

Dabei sind die Voraussetzungen beim Porsche 911 alles andere als ideal. Die tropfenförmige Karosserieform ähnelt dem Profil eines Flugzeugflügels. Da die Luft auf der gewölbten Oberseite einen längeren Weg zurückzulegen hat und deshalb schneller strömt als unter dem glattflächigen Fahrzeugboden, entsteht auf der Oberseite Unterdruck, der das Fahrzeug nach oben zieht.

Gleichzeitig wirkt von unten eine Kraft nach oben, die durch den dort herrschenden Überdruck verursacht wird. Die Folge: Das Auto wird bei hohem Tempo zunehmend leichter, die Räder werden entlastet und das Handling unpräzsier.

Diesem Problem begegnen die Aerodynamiker bei der neuen Generation Porsche 911 Turbo 2013 mit einem bis dato noch nicht dagewesenen Aufwand für ein Serienfahrzeug. Hinten setzen die Zuffenhausener auf einen ausfahrbaren Spaltflügel, dessen aerodynamische Wirkfläche größer ist als bei einer konventionellen Ausführung.

Das kennen wir bereits vom Turbo aus dem Jahr 2000. Eine absolute Neuheit ist hingegen der variable Frontspoiler. Der besteht aus einem Elastomer, das den Neoprenanzügen von Tauchern ähnelt, für den Einsatz im Auto aber neu entwickelt wurde.

Aktiviert wird der dreiteilige Bugspoiler mithilfe eines aufblasbaren Luftkammernsystems. Während am Heck zwei Elektromotoren den Flügel ausfahren und kippen, fiel die Wahl an der Front auf ein pneumatisches System, da es ebenso wie der nachgebende Kunststoff unempfindlicher gegenüber Beschädigungen ist.

Im eingefahrenen Zustand liegt der Vorteil im großen Böschungswinkel, der steilen Auffahrten den Schrecken nimmt. In der Speedstellung, die ab 120 km/h aktiv ist, liegt das Augenmerk auf einem möglichst geringen Luftwiderstand. Dafür werden die beiden äußeren Elemente des Bugspoilers „aufgeblasen“, zugleich fährt der Heckspoiler 25 mm weit aus.

Für die Rennstrecke ist die auf maximalen Abtrieb und gesteigerte Handlingeigenschaften ausgerichtete Performance- Stellung gedacht. Nun ist der Fronstpoiler vollständig ausgefahren, der Heckspoiler ragt um 75 mm nach oben und ist im Winkel von sieben Grad angestellt. Bei 300 km/h drücken 88 kg auf die Hinterachse, insgesamt erzeugt das Spoilerwerk 132 kg Abtrieb.

Was bringt’s? Neben der erhöhten Fahrsicherheit und den besseren Handlingeigenschaften laut Porsche eine um zwei Sekunden schnellere Rundenzeit auf der Nürburgring Nordschleife.

Alexander Lidl