TT-RS/M4/NSX/AMG GT R/Turbo S/488/SVR/570GT: Test Die besten Sportwagen 2017

von AUTO ZEITUNG 20.07.2017
Inhalt
  1. Test: Die besten Supersportler 2017
  2. Popometer und Erfahrungswerte
  3. Fahrspaß geht auch unkompliziert
  4. Show-Einlagen mit Charakter

Test: 14 Sport- und Supersportwagen treten zum Vergleich an: vom 400-PS-Kompaktsportler bis zum 740-PS-Exoten und einem ambitionierten Hybrid-Konzept. Es lebe der Sport!

Zwischen Castellane und La Palud schart sich das Rudel um den Anführer. Und sofort bricht wieder die Debatte los: Wer hat das Zeug zum "Sportwagen des Jahres 2017"? Es geht turbulent zu. Laut, bunt und launig. AUTO ZEITUNG-Chef Volker Koerdt will jedoch Ergebnisse: "Der 911 ist das kompletteste, beste Auto. Nach wie vor. Einwände?" Betretenes Schweigen. Langsam lassen Urbanke und Godde den Kollegen Rehmann aus dem Schwitzkasten, weil der wieder über den McLaren gelästert hat, Marcel Kühler hört auf, den Ferrari zu streicheln, und Jürgen Voigt, der die ganze Zeit den Honda NSX anschmachtet, schaut jetzt irritiert auf. Porsche? Hatten wir einen Porsche dabei?

 

Test: Die besten Supersportler 2017

Horst von Saurma assistiert dem Chef: "Der 911 Turbo S ist ausgereift und fehlerlos. Was die Entwicklungstiefe angeht, vermutlich das beste Auto der Welt." Zwölf Köpfe nicken zustimmend, aber ohne erkennbare Euphorie. Stille. Vogelzwitschern. Füße scharren im Kies. Dann kommt der Einwurf: "Letztes Jahr hatten wir bei Weitem nicht so viele überzeugende Autos dabei. Dieses Jahr geht es auf den ersten fünf Plätzen zu wie in der DTM: Alle mit Siegchance, alle der Wahnsinn. Und total aufregend. Das könnte für den perfekten Porsche eng werden." Nachdenkliche Stille. Köpfe werden zusammengesteckt. Dann tragen die alten, weisen Hasen auf ihrer Liste ganz oben auf Platz eins "Porsche 911 Turbo S" ein und unterstreichen das Rot. Der Rest angelt verstohlen nach Ferrari-, Lamborghini-, oder AMG-Zündschlüsseln. Denn der "Sportwagen des Jahres" ist eben vor allem eines: Herzenssache. Es zählen die Momente des Erkenntnisgewinns auf einer tagelangen, leidenschaftlich absolvierten Fahrt über eine der selektivsten Sportwagen-Teststrecken Europas: auf der Autobahn bis Monte Carlo, dann Rallyestrecken durch die Seealpen, quer durch die Hoch-Provence, das Ende irgendwo zwischen Grenoble und Lyon. Am Schluss bleibt dann dieser Moment im Ferrari 488 GTB kurz vor Sonnenuntergang: wild wirbelnde, schmale Straße, ein Turbo-V8, der knurrend voranpeitscht, so schnell und unmittelbar und reaktionsstark und vor allem flammheiß-brachial, dass man ergriffen und bis ins Mark verstört dahinfährt. Pure Begeisterung. Diese spielerische, seltsam in sich ruhende und gleichzeitig völlig enthemmte, explosive Leichtigkeit. Dieses Auto muss auf der Stelle an Platz eins gesetzt werden. Kann gar nicht anders! Mehr zum Thema: Audi R8 V10 gegen AMG GT R

 

Popometer und Erfahrungswerte

Aber dann ist da ja noch Kilometer 1237 im McLaren 570GT, in dem du ganz saugend integriert bist, das Auto um dich herum spürst wie einen atmenden Organismus – und das, wo der Mac doch sonst den technoiden Charme einer Jagdmaschine aus einem Science Fiction-Thriller verströmt, herzergreifend emotionslos. Klares, destilliertes Vollstrecken mit einer präzisen Lenkung, die so fein auflöst, dass man jederzeit die Asphalt-Korngröße bestimmen kann, einer Federung, die zum Hinknien gut anspricht und einem Motor, der den "sweet spot" aus Fahrbarkeit und schwerkraftverneinendem Antritt ideal verbindet. Sagenhafte, spektakuläre Aura! Schwieriger macht es einem der Lamborghini Aventador S, in dem niemand wirklich gut sitzt, der eine miserable Übersichtlichkeit hat und der allen tatsächlich zu operettenhaft dramatisch ist. Aber dann ist da eben diese halbe Stunde oben in den Bergen: Mit offenen Seitenscheiben über den Pass toben, hinter uns bricht sich das Echo des V12-Sounds, ein Formel-1-Renner aus der Hölle. Bizarre Beschleunigung und – der Aventador S hat ja jetzt Hinterradlenkung – tatsächlich so etwas wie Handling, Du kannst gar nicht anders als komplett durchzudrehen. Irgendwann brüllst du: "Verdammt, wir werden alle draufgehen!" – und Foto-Kollege Thomas Starck strahlt vom Beifahrersitz: "Ja, geil, oder?" Das ist der Lamborghini. Kein Auto für jeden Tag. Aber eine Urgewalt. Wenn Walküren Wikinger nach Walhalla holen, dann im Aventador S. Garantiert. Nur die 1000 Kilometer Heimweg willst du nicht im Lamborghini machen. Garantiert nicht. Ähnliches hätte man ja vom Mercedes-AMG GT R erwartet, der ultrabreit in Giftgrün mit Haifischmaul und Riesen-Heckspoiler die Kids am Straßenrand ins Handyfoto-Koma jagt. Showmaster, oder? Aber dann kommt das: warmes Nachmittagslicht flirrt durch das Macchia-Gestrüpp am Rand der Verdon-Schlucht, mieser Asphalt taumelt in unzähligen Kurven, Kehren, Windungen am Rand entlang, Mäuerchen, dann hundert Meter Tiefe. Eigentlich kein Terrain für überbreite Racing-Brutalos. Aber der GT R wird ganzklein. Er fließt. Er löst sich regelrecht auf. Wird zum Donner, zu reiner Energie. Diskutiert und sperrt sich nicht, sondern liefert. Die Lenkung positioniert das Monster mit faszinierender Präzision, der AMG ist so stabil, so auf den Punkt kontrollierbar, so verblüffend präsent, so wach, so alarmierend schnell. Kurve macht zu – saugendes Einlenk-Nachziehen mit druckvoll abstützendem Fahrwerk. Kurve macht auf – Rottweiler-bissige Traktion, entsichern, 585-PS-Biturbo-V8-Sprengung. Irgendwann merkst du, wie dir die Tränen über die Wangen laufen. Glück ist eben eine Kurve. Minuten später hockt dann ein bleicher Autor Riegsinger am Straßenrand, der vor ein paar Monaten einen BMW M3 im Vergleich mit einer Alfa Giulia QV zur seelenlosen Funktions-Maschine abgestempelt und nun einen Stint im M4 Competition hinter sich hat: "Dieser rockende, druckvolle, gierig am Gas hängende Turbo-Sechszylinder. Diese Lenkung. Diese Kurvengier. Dieses skalpellartige Reinschneiden. Das Ding hat ja einen Grenzbereich, den du in drei Leben nicht siehst! Und wenn, dann schiebt er sahnig ganz sanft minimal über die Vorderräder. Und wenn du dich zurück aufs Gas traust, zieht es dich mit aller Klarheit rein in den Radius ... Das ist Schönheit, das ist Vollendung, das ist Kompetenz ..." 13 Kollegen bieten verständnisvoll die Schulter zum Ausweinen, der BMW ist zusammen mit dem AMG die Überraschung des ganzen Felds.

 

Fahrspaß geht auch unkompliziert

Sowieso schlagen sich die Budget-Helden 2017 erfrischend stark. Der "wie ein mit Adrenalin gespritzter Dackel tobende" (Zitat Urbanke) Audi TT RS hat seine großen Stunden immer dann, wenn das Geläuf eng, wild und unanständig komplex wird. Hier fährt dem 400-PS-Turbo-Fünfzylinder auch kein 670-PS-Ferrari 488 GTB weg, der kleine Derwisch legt eine Eigenheit an den Tag, die der Engländer wohl als "Throwability" beschreiben würde: Reinwerfen in die Ecken, "passt schon" sagen, drauftreten und auf zögerliche Momente des vorausfahrenden Kollegen warten. Dass man dem TT so gern die Kante gibt, liegt nicht nur an seinem willigen Handling und traktionsstarken Allradantrieb, sondern könnte auch psychologische Gründe haben: Ein haarscharf volle Kanone an Grasnarbe oder Felswand entlanggezirkelter Aventador fühlt sich immer etwas nach 290.000-Euro-Kernschrott-Apokalypse an. Im TT glaubst du dagegen rotzfrech an Wunder: Irgendein Feldweg wird sich schon als Ehrenretter für den Abflug öffnen, und danach pustet Mutti die Schürfwunden und es gibt ein Eis am Stiel zum Trost. Sowieso, die Transzendenz-Momente: Unterhalb des Mont Ventoux schlängelt und buckelt sich die Straße kilometerweit in einem dauernd wechselnden Muster aus Radien von sanft bis harsch, aus Auf und Ab. Der Honda NSX dreht hemmungslos auf, verabschiedet sich in Handling-Ekstase, wird zum Wirbelsturm. Aggression durch Balance, Brutalität durch Feinheit, der NSX verzahnt sich, ist ganz in sich und gleichzeitig begeisternd extrovertiert. Biturbo-V6 und E-Motor vor dem Getriebe, zwei weitere E-Maschinen an der Vorderachse – und dieses Quartett bildet eine gänsehautverdächtige Symbiose: Wie die beiden E-Motoren an der Vorderachse in Kurven torque vectoring-Schweinereien abziehen oder beim Landstraßensurfen eine außerirdische Drehmomentwelle abstellen, das packt einen gewaltig. Kaum eine Diskussion geht zu Ende, ohne dass der NSX nicht bei irgendjemanden gerade titelverdächtig wäre.

 

Show-Einlagen mit Charakter

Und dann sind da ja noch die polarisierenden Autos, die garantiert nicht "Sportwagen des Jahres" sind, aber Könige der guten Unterhaltung: Mit dem Bentley Continental Supersports im feinen Leder-Ambiente den Dampfhammer-Blues singen, bevor man es gerade noch so mit glühenden Karbon-Keramik-Bremsen in die nächste Ecke schafft, das hat schon was. Allrad-Untersteuern auf vier schwarzen Strichen bis in den Hyperraum. Im Nissan GT-R auf absurde Traktion, brutale Querbeschleunigung, den abgebrühten Allradantrieb abfahren und dann den nervenzerfetzenden Blutrausch-Antritt da draußen in einer kalten Hölle am oberen Ende des Drehzahlmessers abfackeln. Drei Sekunden lang, als nervös-zitterndes Psycho-Wrack zwischen Manosque und Dauphin oder vielleicht doch besser Zuhause auf der Autobahn oder gleich der Rennstrecke? Irgendjemand meint, der Nissan wäre in seiner neuesten Ausbaustufe "etwas softer als früher", das würde ihn "langweiliger" machen – der Kollege muss dann bis zum Abend in das Turbodiesel-Dauertest-SUV, um den Kopf freizubekommen. Dann im Aston Martin DB11 das Gran Turismo-Führungsfahrzeug auf schnellen Verbindungsetappen geben: Mit exzellentem Navigationssystem die Richtung bestimmen, gute Übersicht nach hinten auf die im Windschatten turnenden Kollegen, denen es gleichzeitig dank 608-V12-PS kein bisschen langweilig wird und die hinterher wegen des scharfen DB11-Hecks deutlich pornografisiert sind. All das kann der Porsche 911 als funktional-geniale Allzweckwaffe aber genauso gut – und damit ist es für den schicken Engländer schon wieder Essig mit einem Platz weiter vorn. Er rückt die Fliege zurecht, beißt auf eine Olive und nimmt einen Schluck Martini. Mit so viel Stil verliert sonst keiner im Feld. Schon gar nicht der Jaguar. Karsten Rehmann kommentiert den effektheischenden Auspuffklappensound ungerührt: "Wie Robbie Williams – halb Broadway, halb Gosse", Horst von Saurma vermisst "Pfiffigkeit und Eleganz", Marcel Kühler findet den Jaguar "überzeichnet, spitz und künstlich". Nur Martin Urbanke als erklärter Anglophiler unternimmt einen Deutungsversuch: "Wenn die Lenkung nicht so leichtgängig wäre, könnte man den F-Type viel einfacher positionieren. So vermittelt er oft unterschwellig den Eindruck, bereits nahe der Haftgrenze unterwegs zu sein, was aber gar nicht der Fall ist. Schade." Über den Camaro kriegen sich zwei bestimmte Herren bis aufs Blut in die Wolle: Koerdt denkt beim Chevy an heftigen Achtzylinder-Rock ’n’ Roll, die flinkste Lenkung zwischen Charleston und Eureka sowie das unfassbare Preis-Leistungs-Verhältnis des Muscle Cars. Riegsinger hingegen sucht am Camaro vergeblich einen Knopf, an dem man die Traktion anschalten kann und einen Getriebemodus, der etwas anderes täte als einem die Linie zu verhageln. Nahezu einstimmig fällt nur das Votum zum Maserati GranTurismo S aus. Toller Motor, den man aber nur im Sportmodus aus dem Cruiser-Koma wecken kann, gute Fahrzeugbalance – und ansonsten vom Zahn der Zeit benagt. Als würde man die ganze Zeit einen Youngtimer mitführen. Karsten Rehmann findet für das Schlusslicht treffende Worte: "Mehr Fellini als Fangio, den fährt man immer mit einer Träne im Knopfloch." Mehr zum Thema: Sechs Supersportler im Vergleich

Von Johannes Riegsinger und Martin Urbanke

Die besten Sportwagen 2017
PlatzAutoFazit
14Maserati GranTurismoDer GT setzt keine Maßstäbe für Materialqualität,seine Instrumente sind nicht auf dem jüngsten Stand, sein Getriebe findet selten angemessen schnell den richtigen Gang.
13Chevrolet CamaroDie Automatik könnte etwas schneller schalten,und die Traktion bei Nässe mahnt zum vorsichtigen Umgang mit dem Gaspedal. Auf trockener Strecke kann man mit dem Camaro richtig Spaß haben und Könner gnadenlos driften.
12Aston Martin DB11Die nominell 608 PS haben einen zu zurückhalten den Auftritt, das bei scharfer Fahrweise zu defensive Fahrverhalten mit kleinen Traktionsschwächen und der breitbandige Charakter lassen den DB11 im Feuer der Leidenschaften sehr uninvolviert wirken.
11Jaguar F-Type SVRDas bildschöne Aluminium-Coupé mit dem bärenstarken Kompressor-V8 begeistert mit furiosen Fahrleistungen und einem spürbar heckbetonten Allradantrieb.
10Bentley Continental SupersportsEs ist eine Tragödie! Der Supersports ist der beste Continental, den es je gab. Aber: Er ist zu schwer. 710 PS bei 2215 kg sind zu viel. Wir freuen uns auf den – leichteren – Nachfolger.
09Nissan GT-RKaum ein anderer Supersportlerschiebt aus dem Stand so gnadenlos an, verteiltseine Kraft so souverän auf alle vier Räderund führt eine so intensive Kommunikationmit seinem Fahrer wie dieser Nissan.
08Lamborghini Aventador SWer sich für den Lambo entscheidet,will auffallen und liebt das Extreme: 740 PS, V12-Saugmotor, spaciges Cockpit samt 3D-Mäusekino und mäßig ergonomischer Gestaltung.
07Audi TT RSDas Handling des TT RS ist erste Klasse, und wer das Auto aus der Bahn werfen will, muss sich richtig anstrengen. Insbesondere bei Nässe krallt sich der quattro regelrecht in den Asphalt und heizt auch den starken, heckgetriebenen Boliden mächtig ein.
06BMW M4 CompetitionDer M4 ist einfach Freude am Fahren in Reinkultur. Trotz des reichlichen Einsatzes von soliden Großserienteilen mischt das pfeilschnelle Coupé die versammelte Sportwagenelite gehörig auf.
05Honda NSXEin Herz für Hightech, weil Technik hier nicht zum Selbstzweck wird. Ergebnis ist eine jederzeit infernalisch losstürmende Bodenrakete, die bei Bedarf auf der Langstrecke auch komfortabel unterwegs ist.
04Mercedes-AMG GT RIn Fahrt wird der AMG sagenhaft schnell, erschütternd präzise, auf den Punkt dosierbar und kontrollierbar. Die Lenkung des Mercedes ist ein Gedicht, der Biturbo-V8 marschiert,dass einem die Tränen waagrecht aus den Augen laufen.
03Ferrari 488 GTBDer 488 GTB verzaubert mit einem superben Handling, hervorragenden Bremsen und ultimativem, purem Fahrspaß.
02McLaren 570GTDer Racer zeigt eine beachtliche Fertigungsgüte sowie einen bestechend guten Sitz- und Fahrkomfort. Der Motor liefert Power satt, und arbeitet kongenial mit dem siebenstufigen Doppelkupplungsgetriebe zusammen.
01Porsche 911 Turbo SDer 911er klebt nur so am Asphalt, lässt sich dank der ultrapräzisen Lenkung punktgenau dirigieren, während das PDK-Getriebe irrwitzig schnell die Übersetzung wechselt. Der 580 PS starke Boxer im Heck reagiert auf jedes noch so behutsame Zucken im rechten Fuß und sorgt für enormen Vortrieb.

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